Stadtarchiv Stralsund

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Verwaltungsgebäude des Stadtarchivs (2006)
Badenstraße 13, Hauptstelle des Stadtarchivs bis 2001, heute Stadtbibliothek
Johanniskloster, Außenstelle seit 1964, vom Fährwall aus
Gründungsurkunde von 1234

Das Stadtarchiv Stralsund ist eine wissenschaftliche Einrichtung der Hansestadt Stralsund, das über einen umfangreichen Bestand an Akten, Urkunden, Fotos, Karten, Rissen und Büchern verfügt. Das Stadtarchiv befindet sich im ehemaligen Kloster der Franziskaner, dem Johanniskloster in der Schillstraße.

Bestand[Bearbeiten]

Das Archiv verwahrt im Auftrag der Stadtverwaltung alles archivwürdige Schriftgut. Erst Ende des 18. Jahrhunderts allerdings wurden die Bestände des Archivs geordnet. Zuvor waren die Urkunden, Bücher u. a. Archivgut nur eingelagert, aber nicht erfasst worden. Der Syndikus Gregor Langemak war der erste, der mit der Ordnung der vorhandenen Unterlagen 1714 begann. 1919 wurde Dr. Fritz Adler zum Archivar ernannt. Seit 1952 ist das Archiv hauptamtlich mit wissenschaftlichen Mitarbeitern besetzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Räumlichkeiten in der Badenstraße bezogen, um zum einen die Archivmaterialien unterzubringen, die während des Krieges ausgelagert worden waren, und zum anderen den Mitarbeitern Platz für ihre Sichtungen und wissenschaftlichen Arbeiten zu schaffen. Ab 1964 wurden unter der Leitung von Prof. Dr. Herbert Ewe, der später Ehrenbürger der Stadt werden sollte, die Räumlichkeiten des ehemaligen Klosters ausgebaut.

Das Archiv gehört zu den größten seiner Art in Deutschland. Vor allem umfangreiche Unterlagen aus dem Mittelalter machen es für die Erforschung der Geschichte der Hanse interessant.

Die sieben Stadtbücher der Stadt Stralsund sind seit 1270 lückenlos vorhanden, Bürgerbücher seit dem Jahr 1319. Zu den wichtigsten Beständen zählen aber zweifellos die Gründungsurkunde Stralsunds vom 31. Oktober 1234, die beiden Urkunden zum Frieden von Stralsund vom 24. Mai 1370, die älteste Stadtchronik aus dem 15. Jahrhundert sowie der Vertrag mit Schweden aus dem Jahr 1628, der die fast zweihundertjährige Zugehörigkeit Stralsunds zum Königreich begründete.

Im Jahr 2004 wurde im Archiv die älteste papierne Urkunde Dänemarks entdeckt. Weitere Kostbarkeiten sind u. a. die von einem unbekannten Künstler zwischen 1611 und 1615 gefertigte Stralsunder Bilderhandschrift mit den Darstellungen sämtlicher vorpommerscher Städte, 9.000 Urkunden, über 100.000 Bücher (die ältesten aus dem 13. Jahrhundert), Holzschnitte aus dem 15. Jahrhundert, Siegel, der Codex Stralesundensis (eine Handschrift aus dem 15. Jahrhundert) sowie die Sammlung des Grafen Axel von Löwen.

Bibliothek[Bearbeiten]

Exlibris der Bibliothek aus dem 19. Jahrhundert

Die Archivbibliothek hat einen ungewöhnlich großen Gesamtbestand von etwa 100.000 Bänden, von denen die historischen Bestände, darunter 80 Inkunabeln, ca. 75 % ausmachen.[1] Sie umfasst die frühere Ratsbücherei, die ihrerseits im 16. Jahrhundert als Folge der Reformation aus einer von den Bürgermeistern Franz Wessel (1487-1570) und Nikolaus Gentzkow (1502-1576) veranstalteten Büchersammlung hervorgegangen und bis ins frühe 20. Jahrhundert kontinuierlich erweitert worden war, sowie eine Reihe wertvoller Privatbibliotheken, die vor allem im 19. Jahrhundert angekauft wurden, und zahlreiche historische Schulprogramme. 1937 erfolgte eine Teilung der Bibliothek, womit die Verantwortung für den Altbestand dem Stadtarchiv übertragen wurde, während die Stadtbibliothek Stralsund für die neue Literatur zuständig war. 1946 kam die Bibliothek des Gymnasiums Stralsund ebenfalls in die Obhut des Stadtarchivs. Von den Sondersammlungen besonders hervorhebenswert ist auch die Bibliothek des schwedischen Generalgouverneurs Axel Graf von Löwen, die 1761 als Teil seiner Sammlungen der Stadt Stralsund übergeben wurde.

Schimmelbefall und Kulturgutverkauf[Bearbeiten]

Danksagung von Gregor Langemak aus dem Jahr 1780 von einem der 2012 im Internet angebotenen Bände

Das Archiv wurde am 17. Oktober 2012 für die Öffentlichkeit geschlossen; als Grund wurde Schimmelbefall angegeben.[2] Der Schimmelbefall war bekanntgeworden, nachdem die Stadt im Juni 2012 eine Veräußerung eines Teilbestandes der ehemaligen Gymnasialbibliothek an einen Antiquar vorgenommen hatte. Der Käufer hatte die Stadt über den schlechten Zustand der Bände unterrichtet.[3]

Der Umfang der Veräußerung blieb zunächst unklar, der Käufer unbekannt. Der Archivar und Historiker Klaus Graf machte den Verkauf öffentlich und kritisierte ihn scharf.[4] Am 30. Oktober 2012 bestätigte der Pressesprecher der Stadt, dass ein Antiquar die bisher im Stadtarchiv Stralsund befindliche Gymnasialbibliothek angekauft hatte. Ein Gremium der Bürgerschaft habe im nichtöffentlichen Teil einer Sitzung dem Verkauf zugestimmt. Nach der öffentlichen Tagesordnung geschah dies in der Sitzung des Hauptausschusses der Bürgerschaft am 5. Juni 2012.[5] Der bedeutende Altbestand der Gymnasialbibliothek des Gymnasiums Stralsund gehörte seit 1945 zum im Stadtarchiv verwahrten Archivgut und enthielt archivalisch wertvolle Pomeranica, die insbesondere das geistige Leben in Stralsund und Vorpommern seit der Reformation spiegelten. Der Veräußerung der 5926 Bände löste in der Fachwelt, so etwa bei Harald Müller und Eric W. Steinhauer,[6] starkes Befremden aus.[7]

Am 12. November bat Oberbürgermeister Dr. Badrow den Käufer, zwecks Überprüfung des Verkaufs bis auf Weiteres von der Fortsetzung der Verkäufe Abstand zu nehmen. Dies sicherte der Käufer unmittelbar zu. Am 14. November 2012 meldete die Ostsee-Zeitung, dass der Antiquar den Verkauf gestoppt habe.[8]

Bis Mitte November hatten über 2000 Menschen eine Online-Petition Rettet die Stralsunder Archivbibliothek[9] unterzeichnet.

Am 20. November 2012 wurde das Gutachten der Historiker Nigel F. Palmer und Jürgen Wolf zum Verkauf der Gymnasialbibliothek veröffentlicht.[10] Im Ergebnis dieses Gutachtens war die Hansestadt Stralsund um eine Rückabwicklung des Verkaufs und eine Wiederherstellung der zerschlagenen Sammlung bemüht. Die Leiterin des Stadtarchivs, Regina Nehmzow, wurde nach dem öffentlichen Bekanntwerden des Schimmelbefalls bzw. des Verkaufs beurlaubt.[11] Nachdem ein früherer, ungenehmigter Verkauf von 1.000 Büchern ans Licht kam, erstattete die Hansestadt Stralsund am 4. Dezember 2012 Anzeige gegen Nehmzow[12] und kündigte den Arbeitsvertrag fristlos.[13]

Von den 2012 verkauften 5926 Bänden konnten 5278 Bände vom Antiquar zurückgekauft werden. Weitere 63 Bände wurden der Stadt zurückgesandt oder über dem freien Markt erworben. Es fehlen mit Stand vom Februar 2014 weiter 585 Bände, von denen mindestens drei von einem New Yorker Antiquar angeboten wurden.[14] Dabei überstieg allein der für eine dreibändige Ausgabe mit Werken von Johannes Kepler geforderte Preis von umgerechnet 181.000 Euro den von der Stadt für alle Bände erzielten Erlös fast um das Doppelte. Zwischenzeitlich bot der Antiquar der Hansestadt Stralsund die Ausgabe zu dem Preis an, wofür er sie erworben hatte.

Archivleiter/innen[Bearbeiten]

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

In der Reihe „Veröffentlichungen aus dem Stadtarchiv“ werden Erkenntnisse der Wissenschaftler publiziert.

Literatur[Bearbeiten]

  • Arnold Brandenburg: Nachricht von der Entstehung und Einrichtung der Rathsbibliothek zu Stralsund, In: Ernst Heinrich Zober: Alphabetisches Verzeichniß der in der Rathsbibliothek zu Stralsund befindlichen Bücher, Löffler, Stralsund 1829, S. 3–39 (Digitalisat).
  • Arnold Brandenburg: Das Rathhäusliche Archiv der Stadt Stralsund. In: Zeitschrift für Archivkunde, Diplomatik und Geschichte. hrsg. von L. F. Hoefer, H. A. Erhard u. Fr. L. B. von Medem, 1. Bd., Hamburg 1834, S. 76–100 (Digitalisat.)
  • Hermann Hoogeweg: Die Entstehung des Stralsunder Stadtarchivs, In: Baltische Studien., NF 30 (1928), H. 1, S. 85–103.
  • Herbert Ewe: Peter Pooth und seine Bedeutung für das Archiv. Ein Beitrag zur Geschichte des Stadtarchivs Stralsund. In: Greifswald-Stralsunder Jahrbuch. Bd. 5.1965, 8, S. 119–127.
  • Herbert Ewe: Die Außenstelle des Stadtarchives Stralsund. In: Archivmitteilungen. Bd. 18.1968, 1, S. 37–41.
  • Herbert Ewe: Das Bauwerk des ehemaligen Franziskanerklosters St. Johannis zu Stralsund und der Beginn seiner Restaurierung, In: Greifswald-Stralsunder Jahrbuch, Bd. 8.1968/69, 8, S. 121–138.
  • Herbert Ewe: Schätze einer Ostseestadt. 7 Jahrhunderte im Stralsunder Archiv. (=Veröffentlichungen des Stadtarchivs Stralsund. Bd. 6), Herrmann Böhlaus Nachf., Weimar 1974.
  • Herbert Ewe, Renate Schaarschuh: Stadtarchiv Stralsund 1949–1979, In: Archivmitteilungen, Bd. 29.1979, 3, S. 93–97.
  • Herbert Ewe: Kostbarkeiten in Klostermauern. Zur Geschichte, Restaurierung und Nutzung des Franziskanerklosters Sankt Johannis zu Stralsund, Hinstorff, Rostock 1990.
  • Hans-Joachim Hacker: Zum Urkundenbestand des Stadtarchivs Stralsund. In: Communitas et dominium. Festschrift zum 75. Geburtstag von Johannes Schildhauer, hrsg. von Horst Wernicke u. a., Großbarkau 1994, S. 94–101.
  • Hans-Joachim Hacker: Das Stadtarchiv der Hansestadt Stralsund 1990–1995. In: Informationen zur modernen Stadtgeschichte. 1995, 2, S. 30–31.
  • Hans-Joachim Hacker: Das Stralsunder Stadtarchiv. Schätze der bedeutendsten pommerschen Hansestadt. In: Pommern. Bd. 39.2001, 4, S. 27–31.
  • Hans-Joachim Hacker: Die neue "Hauptstelle" des Stadtarchivs - Am Johanniskloster 35. In: Zehn Jahre Stadterneuerung Hansestadt Stralsund., 2003, S. 80–81.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Stadtarchiv Stralsund – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Nach Archivbibliothek Stralsund im Handbuch der historischen Buchbestände
  2. „Vorläufige Sperrung des Stadtarchivs im Johanniskloster Stralsund für die Öffentlichkeit“, Pressemitteilung der Stadt Stralsund auf www.stralsund.de, 17. Oktober 2012
  3. Meldung der Ostsee-Zeitung vom 17. Oktober 2012, nur für Abonnenten der Ostsee-Zeitung online verfügbar
  4. Unglaublich: Historische Gymnasialbibliothek im Stadtarchiv Stralsund an Antiquar verkauft auf Inetbib, 30. Oktober 2012, abgerufen am 22. November 2012.
  5. Sitzungseinladung mit Tagesordnung, abgerufen am 31. Oktober 2012
  6. Beide zitiert bei Archivalia, abgerufen am 31. Oktober 2012
  7. Archivalia, abgerufen am 30. Oktober 2012
  8. Causa Stralsund: Teilerfolg: Antiquar stoppt Verkauf, abgerufen am 15. November 2012
  9. Rettet die Stralsunder Archivbibliothek, abgerufen am 15. November 2012, zu diesem Zeitpunkt 2.361 Unterzeichnungen auf openPetition.
  10. Gutachten zum kulturhistorischen Wert der Stralsunder "Gymnasialbibliothek“ liegt vor (11/20/2012), abgerufen am 20. November 2012, PDF
  11. Ostsee-Zeitung Stralsund, 22. November 2012.
  12. Bücherverkauf: Anzeige gegen Archiv-Leiterin. In: NDR.de vom 4. Dezember 2012.
  13. Stadtarchivarin nach Bücherskandal fristlos entlassen. In: Ostseezeitung vom 6. Dezember 2012.
  14. Bücher aus Stralsund in USA aufgetaucht, Meldung im Magazin Art vom 25. Februar 2014, abgerufen am 25. Februar 2014.