Stalingradmadonna

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Die Stalingradmadonna ist ein in der Schlacht um Stalingrad (August 1942 bis Februar 1943) entstandenes Bild.

Stalingradmadonna, Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, Berlin

Beschreibung[Bearbeiten]

Das Bild zeigt eine sitzende Frauengestalt, die ähnlich einer Schutzmantelmadonna unter ihrem Mantel ein Kind birgt, dieses liebevoll ansieht und ihm Schutz und Geborgenheit gibt. Die Darstellung trägt die Umschrift „1942 Weihnachten im Kessel – Festung Stalingrad – Licht, Leben, Liebe“. Gezeichnet wurde das 105 × 80 Zentimeter große Bild mit Holzkohle auf die Rückseite einer russischen Landkarte.[1]

„Das Bild ist so: Kind und Mutterkopf zueinandergeneigt, von einem großen Tuch umschlossen, Geborgenheit und Umschließung von Mutter und Kind. Mir kamen die johanneischen Worte: Licht, Leben, Liebe. Was soll ich dazu noch sagen? Wenn man unsere Lage bedenkt, in der Dunkelheit, Tod und Hass umgehen - und unsere Sehnsucht nach Licht, Leben, Liebe, die so unendlich groß ist in jedem von uns!“

Kurt Reuber in einem Brief an seine Frau: Martin Kruse (siehe Literatur), in Evangelische Zeitung, 23. Dezember 2012, S. 6

Geschichte[Bearbeiten]

Das Weihnachten 1942 von dem evangelischen Pastor, Oberarzt im Lazarett und Künstler Dr. Kurt Reuber gezeichnete Bild entstand in einem Unterstand im Kessel von Stalingrad.[2]

Reuber schreibt in seinem Adventsbrief 1943 an seine Frau:

„Schau in dem Kind das Erstgeborene einer neuen Menschheit an, das unter Schmerzen geboren, alle Dunkelheit und Traurigkeit überstrahlt. Es sei uns ein Sinnbild sieghaften zukunftsfrohen Lebens, das wir nach aller Todeserfahrung um so heißer und echter lieben wollen, ein Leben, das nur lebenswert ist, wenn es lichtstrahlend rein und liebeswarm ist.“

„Das Bild zieht die Menschen in seinen Bann, Christen und auch Nichtchristen. ... Die Ruhe und Geborgenheit, die von diesem Bild ausgeht, steht in Spannung zu den verzweifelten Umständen seiner Entstehung im Kessel von Stalingrad 1942. [Kurt Reuber hat dieses Werk] seinen Leidensgenossen in einer Heiligabendandacht "vorgestellt", als eine anschaubare Predigt des Evangeliums. Der Bericht eines Augenzeugen gibt zu verstehen, dass der enge Bunker durch dieses Bild zu einer Kapelle geworden sei.“

Martin Kruse: Kurt Reuber - ein früh Vollendeter, Evangelische Zeitung vom 23. Dezember 2012

Reuber starb 1944 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft; das Bild gelangte mit einem der letzten Flugzeuge, einer Ju 52 Transportmaschine, durch einen schwer verwundeten Offizier in die Hände der Familie im Pfarrhaus Wichmannshausen, Kreis Eschwege in Deutschland.[3] Die Familie übergab es am 26. August 1983 auf Anregung von Karl Carstens (Bundespräsident 1979 bis 1984) der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin. Dort hängt es als eine Anregung für Gedenken und Gebet und als eine Erinnerung an die Gefallenen und Mahnung zum Frieden.

Zweitfassung: Gefangenen-Madonna[Bearbeiten]

Um die Weihnachtszeit 1943, also etwa ein Jahr später, malte Kurt Reuber in einem Kriegsgefangenenlager in Jelabuga, 1.000 Kilometer nordöstlich von Stalingrad, ein ähnliches Bild für die Gefangenenzeitung.[4] Erneut entstand ein Bild von Mutter und Kind, die „Gefangenen-Madonna“. Auch diesmal gelang es, das Bild Wochen später an Kurt Reubers Frau zu übergeben, zusammen mit der Nachricht, dass Reuber nach schwerer Krankheit am 20. Januar 1944 im Lager gestorben sei.

Reproduktionen[Bearbeiten]

In zahlreichen Kirchen in Deutschland, Österreich, England, Russland sind Reproduktionen dieses Bildes in den verschiedensten künstlerischen Techniken als Mahnung gegen den Krieg ausgestellt.

Deutschland[Bearbeiten]

Kopie der Stalingradmadonna in Meersburg, Am Rosenhag.
Reproduktion der Stalingradmadonna als Holzskulptur in der als Friedenkapelle geweihten Marienkapelle in Niedergailbach

England[Bearbeiten]

Österreich[Bearbeiten]

Stalingradmadonna in Baden, St. Stephan

Russland[Bearbeiten]

  • Museum Stalingrad, heute Wolgograd
  • Wolgograd, Kathedrale von Wolgograd, Originalkopie, 1995 als Geschenk der Kaiser-Wilhelm-Gedächtsniskirche erhalten

Sonstige Verwendung[Bearbeiten]

  • Das Bild wird zudem im Wappen des Lazarettregiments 21 in Rennerod des Sanitätsdienstes der Bundeswehr verwendet. Die Bundeswehr vertreibt ferner eine Druckversion mit den senkrechten Textzeilen (links) "Weihnachten im Kessel"; (rechts) "Licht Leben Liebe" und der oben angeordneten Jahreszahl 1942.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Martin Kruse (Hrsg.): Die Stalingrad-Madonna. Das Werk Kurt Reubers als Dokument der Versöhnung. 1. vollständig überarbeitet Auflage. Lutherisches Verlagshaus, Hannover 2012. ISBN 978-3-7859-1076-4
  • Die Weihnachtsmadonna von Pronsfeld, seit 1957 ist sie auch in Pronsfeld "beheimatet" (online-Fassung)
  • Ein letztes "O du fröhliche ...", Kurt Reubers "Stalingrad-Madonna" wurde zu einem Symbol der Versöhnung: 1942 tröstete sie die Soldaten, Evangelische Zeitung, 23. Dezember 2012, S. 6

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Original und Gedenktafel in der Berliner Gedächtniskirche
  2. Gedenktafel in der Berliner Gedächtniskirche
  3. Infotafel in der „Kapelle zum Frieden“ in Meersburg mit Kopie der Stalingradmadonna
  4. Die Madonna von Stalingrad - Vom Krieg gezeichnet, auf spiegel-online mit einer Reproduktion der "Gefangenenmadonna" von 1943
  5. Jörg Raab: Die Toten verpflichten die Lebenden - ein besonderes Jubiläum. In: Stimme & Weg, 4/2010, S. 29
  6. Onlineprojekt Gefallenendenkmale: Kopie der Stalingradmadonna in Meersburg, aufgerufen am 20. Dezember 2012
  7. Stalingradkapelle in Oberroth, Landkreis Dachau