Stammfunktion
Eine Stammfunktion oder ein unbestimmtes Integral (außerhalb fachwissenschaftlicher Publikationen gelegentlich auch Aufleitung) ist eine mathematische Funktion, die man in der Differentialrechnung, einem Teilgebiet der Analysis, untersucht.
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[Bearbeiten] Definition
Unter einer Stammfunktion einer reellen Funktion
versteht man eine differenzierbare Funktion
, deren Ableitungsfunktion
mit
übereinstimmt. Ist also
auf einem Intervall
definiert, so muss
auf
definiert und differenzierbar sein, und es muss für beliebige Werte
aus
gelten:
[Bearbeiten] Existenz und Eindeutigkeit
Jede auf einem Intervall stetige Funktion
besitzt eine Stammfunktion. Nach dem Hauptsatz der Differential- und Integralrechnung ist
nämlich integrierbar und die Integralfunktion
ist eine Stammfunktion von
.
Ist
auf
integrierbar, aber nicht überall stetig, dann existiert zwar die Integralfunktion, sie braucht jedoch an den Stellen, an denen
nicht stetig ist, nicht differenzierbar zu sein, ist also im Allgemeinen keine Stammfunktion.
Besitzt eine Funktion
eine Stammfunktion, so besitzt sie sogar unendlich viele. Ist nämlich
eine Stammfunktion von
, so ist für jede beliebige reelle Zahl
auch die durch
definierte Funktion
eine Stammfunktion von
. Ist der Definitionsbereich von
ein Intervall, so erhält man auf diese Art alle Stammfunktionen: Sind
und
zwei Stammfunktionen von
, so ist
konstant. Ist der Definitionsbereich von
kein Intervall, so ist die Differenz zweier Stammfunktionen von
nicht notwendigerweise konstant, aber lokal konstant, das heißt, konstant auf jeder zusammenhängenden Teilmenge des Definitionsbereichs.
[Bearbeiten] Unbestimmtes Integral
Der Begriff des unbestimmten Integrals wird in der Fachliteratur nicht einheitlich verwendet. Zum einen wird das unbestimmte Integral
von
als Synonym für eine Stammfunktion verstanden.[1] Das Problem dieser Definition ist, dass der Ausdruck
widersinnig ist. Denn in diesem Fall ist das unbestimmte Integral keine Abbildung, weil nicht klar ist auf welche der unendlich vielen Stammfunktionen die Funktion
abgebildet werden soll. Da die Konstante, um die sich alle Stammfunktionen unterscheiden, oftmals aber keine Rolle spielt, ist diese Definition des unbestimmten Integrals nur wenig problematisch.
Eine andere Möglichkeit, das unbestimmte Integral zu verstehen, ist es den Ausdruck
als die Gesamtheit aller Stammfunktionen zu definieren.[2] Diese Definition hat den Vorteil, dass das unbestimmte Integral analog zum bestimmten Integral eine lineare, wenn auch mehrwertige Abbildung ist.
Eine etwas weniger geläufige Methode das unbestimmte Integral zu definieren, ist es, es als Parameterintegral
aufzufassen.[3] Aufgrund des Hauptsatzes der Differential- und Integralrechnung ist ergibt dieser Ausdruck für jede stetige Funktion
eine Stammfunktion von
. Erweitert man diese Definition noch auf Lebesgue-Integrale über beliebigen Maßräumen, so ist das unbestimmte Integral im Allgemeinen keine Stammfunktion mehr.[4]
[Bearbeiten] Beispiele
- Eine Stammfunktion der Polynomfunktion
ist
. Die Konstante
wurde dabei frei gewählt, in diesem Fall konnte diese Stammfunktion durch Umkehrung elementarer Ableitungsregeln gewonnen werden. - Betrachtet man die Funktion

dann gilt
. Jedoch ist
keine Stammfunktion von
, denn
ist für
nicht differenzierbar.
[Bearbeiten] Anwendung
Ist
eine auf dem kompakten, also endlichen und abgeschlossenen Intervall
stetige (oder allgemeiner Riemann-integrierbare[5]) Funktion, so lässt sich mit Hilfe einer beliebigen Stammfunktion
von
das bestimmte Integral von
über
berechnen:
Stammfunktionen werden daher für verschiedene Berechnungen benötigt, z. B.:
- für das Bestimmen der Größe einer Fläche, die von Funktionsgraphen begrenzt wird
- Volumenberechnung für Rotationskörper
[Bearbeiten] Abgeschlossenheit/Integrationsregeln
Für das Differenzieren gibt es einfache Regeln. Dagegen ist die Situation beim unbestimmten Integrieren ganz anders, da die Operation des unbestimmten Integrierens zu einer Erweiterung vorgegebener Funktionensklassen führt, z. B. ist das Integrieren innerhalb der Klasse der rationalen Funktionen nicht abgeschlossen und führt auf die Funktionen
und
. Auch die Klasse der so genannten elementaren Funktionen ist nicht abgeschlossen. So hat Joseph Liouville bewiesen, dass die einfache Funktion
keine elementare Stammfunktion besitzt. Auch die einfache Funktion
besitzt keine elementare Stammfunktion. Dagegen ist
. Die Technik des Integrierens basiert auf folgenden Integrationsregeln:
- Additivität,
- der Tabelle der so genannten Grundintegrale (Übersicht über die wichtigsten Funktionen und deren Stammfunktionen),
- Methode der partiellen Integration,
- Substitutionsregel,
- speziellen Verfahren sowie
- Ausnutzung raffinierter Zerlegungen und Umformungen (z. B.: Polynomdivision, Partialbruchzerlegung, Funktionalgleichungen).
Da es keine allgemeine Regel zur Bestimmung von Stammfunktionen gibt, werden Stammfunktionen in sogenannten Integraltafeln tabelliert. Computeralgebrasysteme (CAS) sind heute in der Lage, fast alle bisher tabellierten Integrale zu berechnen.
[Bearbeiten] Stammfunktionen für komplexwertige Funktionen
Der Begriff der Stammfunktion lässt sich auch für komplexe Funktionen formulieren. Weil die Ableitung einer holomorphen Funktion wieder holomorph ist, können nur holomorphe Funktionen Stammfunktionen besitzen. Holomorphie ist lokal bereits hinreichend: Ist
ein Gebiet,
eine holomorphe Funktion und
, dann gibt es eine Umgebung
von
in
und eine Stammfunktion
von
, d.h.
für alle
.
Die Frage der Existenz von Stammfunktionen auf ganz
hängt mit topologischen Eigenschaften von
zusammen. Für eine holomorphe Funktion
sind folgende Aussagen äquivalent:
- Die Funktion
hat eine Stammfunktion
auf ganz
, das heißt,
ist holomorph und
ist die komplexe Ableitung von
. - Wegintegrale über
hängen nur von den Endpunkten des Weges ab. - Wegintegrale über geschlossene Wege (Anfangspunkt = Endpunkt) liefern als Ergebnis immer 0.
Für ein Gebiet
sind äquivalent:
- Jede holomorphe Funktion
hat eine Stammfunktion
. - Jeder stetige, geschlossene Weg
ist nullhomotop. - Jeder stetige, geschlossene Weg
ist nullhomolog.
ist einfach zusammenhängend.
[Bearbeiten] Siehe auch
[Bearbeiten] Weblinks
- The Integrator – Berechnung von Stammfunktionen online
- Applet zur Integralfunktion – interaktives Arbeitsblatt mit Lösungen zur Visualisierung des Begriffs der Integralfunktion
[Bearbeiten] Einzelnachweise
- ↑ Harro Heuser: Lehrbuch der Analysis. Teil 1. 8. Auflage, B. G. Teubner, Stuttgart 1990. ISBN 3-519-12231-6, Kap. 76.
- ↑ *Konrad Königsberger: Analysis 2. Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg, 2000, ISBN 3-540-43580-8, S. 201
- ↑ Otto Forster: Analysis Band 1: Differential- und Integralrechnung einer Veränderlichen. Vieweg-Verlag, 7. Aufl. 2006, ISBN 3-528-67224-2, S. 201.
- ↑ I. P. Natnson: Theorie der Funktionen einer reellen Veränderlichen. Verlag Harry Deutscher Thun, 1981 Frankfurt am Main, ISBN 387-144-217-8, S. 408.
- ↑ Fritz Reinhardt, Heinrich Soeder: dtv-Atlas zur Mathematik. Band 2, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1977, ISBN 3-423-03008-9, S. 333.



ist
. Die Konstante
wurde dabei frei gewählt, in diesem Fall konnte diese Stammfunktion durch Umkehrung elementarer Ableitungsregeln gewonnen werden.
. Jedoch ist
keine Stammfunktion von
, denn
nicht differenzierbar.
ist