Stampflehm

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Aït-Ben-Haddou (Marokko) – Kasbah aus Stampflehm
Sanaa (Jemen) – Lehmarchitektur
Höchstes Stampflehmgebäude Deutschlands in Weilburg (vor 1836)

Der Stampflehmbau (oder „Pisé“ von frz. piser, span. pisar = stampfen) ist eine massive Lehmbau-Art und unterscheidet sich somit grundsätzlich vom Bauen mit luftgetrockneten Lehmziegeln.

Geschichte[Bearbeiten]

Das Bauen mit Stampflehm ist seit der Vorzeit belegt. Bereits vor der Römerzeit wurde die Technik in den Berberregionen Nordafrikas, auf der Arabischen Halbinsel sowie im Vorderen Orient angewandt, wo sie – wenn auch immer seltener werdend – auch heute noch in ländlichen Gebieten gebräuchlich ist. Auch in weiten Teilen Europas wurde bis ins Mittelalter hinein mit Stampflehm gebaut; in der Neuzeit geriet das Bauen mit Lehm jedoch allmählich überall in Europa in Vergessenheit – gebrannte Ziegelsteine ersetzten die älteren Lehmmauern. Erst Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Technik in Form des „Lehmpisé-Baus“ wieder aufgenommen.

Verarbeitung[Bearbeiten]

Stampflehmmauer

Je nach Region werden ca. 10-40 cm hohe Schichten (nicht höher, da sonst keine gute Verdichtung mehr möglich ist) erdfeuchten Lehms mit einer Rohdichte von 1700 bis 2200 kg/m³ zwischen eine druckfeste Schalung geschüttet und mit Stampfgeräten verdichtet. Gegenüber traditionellen Techniken reduziert maschinelles Stampfen den Zeit- und Arbeitsaufwand. Nach Fertigstellung kann sofort ausgeschalt werden, da es keine Abbind-Wartezeit gibt. Das Betreten eines gerade ausgeschalten Satzes sollte aber zunächst vermieden werden. Im Falle einer nicht freistehenden Stampflehmwand darf das Verhältnis von Höhe/Tiefe (h/t) den Wert 12 nicht übersteigen.

Vor- und Nachteile[Bearbeiten]

Das in der Natur häufig vorkommende Gemisch aus Lehm, Sand und Schotter eignet sich für den Stampflehmbau am besten. Dieser Baustoff lässt sich also umweltschonend, weil ohne hohen zusätzlichen Einsatz von Primärenergie herstellen. Im Gegensatz zu anderen Baustoffen wie zementgebundenem Beton, gebrannten oder gedampften Kunststeinen oder Stahl hinterlässt ein Lehmziegelbau keine Rückstände.

Zudem ist Lehm hygroskopisch, also (Luft-)Feuchtigkeit aufnehmend und abgebend, und wirkt somit wie offenporiges Holz und andere (weitgehend) naturbelassene Baustoffe gesundheitsförderlich regulierend auf das Raumklima. Darüber hinaus emittiert Lehm keine allergenen oder anderweitig gesundheitsschädlichen synthetischen Stoffe.

Bei einem Abriss oder Umbau des Gebäudes lässt sich dieser Baustoff auf einfachste Weise entsorgen: Entweder umweltfreundlich und risikolos beliebigen Ortes endlagern, oder wieder mit Wasser bis zur Formbarkeit anreichern und erneut verwenden.

Auch die Wärmedämmwerte von Lehm sind vorzeigbar und können, wie in früheren Jahrhunderten bereits üblich, durch Beimengung von Stroh oder Holzwolle/-häckseln noch deutlich gesteigert werden. Eine solide Stampflehmwand erreicht den F90-Standard, kann aber bei einer Brandbekämpfung durch den Hochdruckwasserstrahl der Feuerwehrschläuche zerstört werden.

Hingegen ist Lehm in der Beständigkeit gegen freie Wässer, Härte, Druck-, Zug-, Biegedruck-/Biegezugfestigkeit und Elastizität Bauteilen aus Stahl und/oder zementgebundenem Beton stark unterlegen, was Bauentwürfen mit filigranen aber dennoch tragenden oder auskragenden oder hoch aufsteigenden Bauteilen sehr enge Grenzen setzt. Wo diese Eigenschaften weit weniger bzw. nicht gefordert sind, ist Lehm ein im Hinblick auf die Statik hinreichender, preisgünstiger Baustoff.

Farben[Bearbeiten]

Stampflehm gibt es in verschiedenen Tönungen, somit sollten bei Bauteilen mit stampflehmsichtigen Oberflächen wie im Sichtbetonbau rechtzeitig Musterflächen angelegt werden. Stampflehm hat keine verbindliche Farbigkeit, auch bei den Farbvarianten können, gegeben durch die natürlichen Lehme, Tone und Zuschläge, mehr oder weniger starke Abweichungen der Färbung auftreten. Gewünschte Färbungen können mit Erdpigmenten erreicht werden.

Literatur[Bearbeiten]

  • Salomon Sachs: Anleitung zur Erdbau-Kunst (Pisé-Bau). Verlag der Buchhandlung Friederich Amelang, Berlin 1825 (Digitalisat)
  • Richard Niemeyer: Der Lehmbau und seine praktische Anwendung. Unveränderter Nachdruck der Originalausgabe aus dem Jahre 1946. Ökobuch Verlag, Staufen bei Freiburg 1982, ISBN 3-922964-10-9.
  • Martin Rauch: Rammed Earth = Lehm und Architektur. Birkhäuser, Basel u. a. 2001, ISBN 3-7643-6461-0.
  • Günter zur Nieden, Christof Ziegert: Neue Lehm-Häuser international. Projektbeispiele, Konstruktionen, Details. Bauwerk, Berlin 2002, ISBN 3-934369-11-1.
  • Silke Krüger: Stampflehm. Renaissance einer alten Technik. Manudom-Verlag, Aachen 2004, ISBN 3-9807245-1-4.
  • Peter Walker, Rowland Keable, Joe Martin, Vasilios Maniatidis: Rammed Earth. Design and construction guidelines. BRE Bookshop, Watford 2005, ISBN 1-86081-734-3, (Pub. no. EP 62).
  • Ulrich Röhlen, Franz Volhard: Lehmbau Regeln. Begriffe - Baustoffe - Bauteile. 3. überarbeitete Auflage. Verlag Vieweg + Teubner, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-8348-0189-0, (Praxis).
  • Ulrich Röhlen, Christof Ziegert: Lehmbau-Praxis. Planung und Ausführung. Bauwerk, Berlin 2010, ISBN 978-3-89932-125-8

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Stampflehm – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien