Steinkiste

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Estnisches Feld von Steinkisten in runden Steinsetzungen
Kung Rings grav ist eine Steinkiste bei Delsjön in Schweden

Die Steinkiste (engl. cist; dän. sten-, grav- oder hellekisten; schwed. hällkista; kornisch cistvaen oder kistvaen) ist ein lithisches Depot für Skelette oder menschliche Knochen, das sich in Teilen Eurasiens und im Orient sowie in Süd- und Ostasien zu verschiedenen Zeiten findet. In europäischen Gebieten mit megalithischer Architektur finden sich Steinkisten oft parallel zu anderen Anlagenarten, aber auch vor und nach deren Errichtung.

In der Schweiz gehört die ab 4300 v. Chr. auftretende Steinkiste vom Typ Chamblandes zu den ältesten Anlagen ihrer Art. Die Monumente sind Ausdruck der Kultur und Ideologie neolithischer Gesellschaften. Entstehung und Funktion gelten als Kennzeichen der sozialen Entwicklung.[1]

Typologie[Bearbeiten]

Eine Steinkiste hat im Prinzip keinen Zugang (allerdings gibt es welche mit Seelenloch). Obwohl es oberirdisch angelegte Steinkisten gibt, die mitunter in einem inzwischen abgetragenen Hügel lagen (Juelsberg), waren die meisten in die Erde eingetieft (Filholm, Folehaven in Dänemark). Die nordjütländischen Grabkisten mit Randsteinen, Zugang, Schwellensteinen und geräumiger Kammer, deren Deckstein mitunter sogar von Steinpfosten getragen wird, erinnern an Tempelbauten. Die Frage, ob bestimmte kleine Kisten megalithischer oder submegalithischer Natur sind, ist wie beim Urdolmen[2] umstritten. Hans-Jürgen Beier bezeichnet vom Material her kistenartige Bauten mit seitlichen Zugang als "Ganggrabkisten".

Abgrenzung zwischen Steinkisten, Grabkisten und Urdolmen[Bearbeiten]

In der Nekropole von Brüssow-Wollschow, in der Uckermark, kamen 14 Urdolmen (fünf erhalten) und 28 Steinkisten vor. In vielen Fällen ist eine klare Trennung unmöglich.[3] Die Unterschiede bestehen im Grad der Einsenkung und im Material der Wandsteine. Bei den Urdolmen bestehen sie aus Geschieben, bei den Steinkisten aus Platten. Ob dies für die neolithischen Menschen von Relevanz war, bleibt fraglich.

Der Grundplan der nordischen Grabkisten ist, wie bei vielen Dolmen viereckig oder birnenförmig. In Verlängerung der Kammer setzt ein kurzer, nach Süden weisender Gang mit einem Schwellenstein an.

Von dem schwedischen Archäologen Oscar Montelius (1843-1921) wurde die Steinzeit in eine „Dolmen-, Ganggrab- und Steinkistenzeit“ eingeteilt. Die Steinkistenzeit entspricht dabei dem Endneolithikum (Becherkulturen). Diese Einteilung hat in groben Zügen auch heute noch Bestand.

Steinkisten im Umfeld der Trichterbecherkulturen[Bearbeiten]

Steinkiste in Lindern (Oldenburg)

Im Norden Mitteleuropas und in Skandinavien erscheint die Steinkiste mit der jüngeren Phase der Trichterbecherkulturen (TBK) etwa ab 3500 v. Chr. Am Ende der Steinzeit gibt es in diesem Gebiet und darüber hinaus folgende unterscheidbare Kisten im hercynischen Raum auch unter eigenen Bezeichnungen wie Galeriegrab:

Endneolithikum[Bearbeiten]

Bargloyer Steinkiste

Endneolithische Steinkisten finden sich auch unter Erd- und Steinhügeln. Als Beispiel dafür ist die Bargloyer Steinkiste mit ihrem von Schälchen übersäten Deckstein zu nennen. Die Steinkiste in der Feldmark Rade, die Steinkiste von Fehrenbruch und die Steinkiste von Deinste sind wahrscheinlich Anlagen der Einzelgrabkultur. In Sachsen-Anhalt sind die erst unlängst entdeckten Kisten von Langeneichstädt (Bernburger Kultur) und die ungeöffnete vorgefundene Steinkiste von Esperstedt (Schnurkeramiker) zu nennen. Besonders zahlreich sind große (bis zu 14 m lange) und kleine Kisten dieser Zeit in Schweden (Södra Härene in Västergötland, Fjällsökla/Frändefors in Dalsland). Sie liegen sowohl im Boden als auch unter zumeist flachen Erd- und Steinhügeln von eckiger, ovaler oder runder Form.

Bronzezeit[Bearbeiten]

In Schweden werden die Steinhügel, unter denen sich die nunmehr ausschließlich kleinen Steinkisten finden, Röse genannt. Eine eindrucksvolle Konstruktion ist Kauparve (siehe Weblink) auf Gotland. Hier geben die Kisten am Ende ihre rechteckige Form auf und werden knapp unter der Erdoberfläche als Schiffe gestaltet. Eine Variante der Steinkiste, ist die Grabkiste die in Schweden aus plattigen bearbeiteten Tafeln errichtet wurde und bildsteinartigen Verzierungen trägt, die bis in christliche Zeit (1.200 n. Chr.) in Gebrauch ist. In Norwegen wurde im Drakjihaugen bei Steinkjer eine dreieckige Steinkiste mit Leichenbrand gefunden. Auf Orkney wurde eine solche im Fresh Knove entdeckt. Weitere schottische Steinkisten finden sich in Beauly, Dunan Aula und Holm (Inverness).

Eine andere seltene Form, die oft in Verbindung mit Steinkisten anzutreffen ist, sind die im englischen Boulder tomb oder Burials genannten Felsblockgräber. Einige Felsblöcke tragen auch Cup-and-Ring-Markierungen oder Schälchen beziehungsweise Schalengruben. Letztlich wird in den nun wieder sehr kleinen Steinkisten auch Leichenbrand deponiert (Smerup auf Thyholm, Dänemark).

Die bekannteste Steinkiste Deutschlands ist die Steinkiste von Anderlingen im Landkreis Rotenburg (Wümme), auf deren südlichem Abschlussstein drei menschliche Figuren in der Manier skandinavischer Felsritzungen zu sehen sind, die in Deutschland einzigartig sind. Die Kammer aus Granitplatten war nordwestlich-südöstlich ausgerichtet und hat die lichten Maße von 2,0 Meter mal 0,7 Meter. Von der einstigen Körperbestattung haben sich nur wenige Knochenreste erhalten. Nach den Beigaben zu urteilen, war hier in der älteren Bronzezeit ein Mann bestattet worden. Die Steinkiste von Anderlingen wurde versetzt und im Maschpark von Hannover neu aufgebaut.

In Norwegen, wo die meisten Kisten im Østfold liegen (Haldenvassdraget, Spydeberg), sind nur etwa ein Dutzend Steinkisten bekannt.

Sonstige[Bearbeiten]

Mehrere in den Fels gehauene und ursprünglich von einer Steinplatte bedeckte Steinkistengräber finden sich in der Nekropole von Marshan bei Tanger (Marokko). Sie wurden in römischer Zeit neu genutzt; Funde von römischen Grabbeigaben sind im 'Musée de la Kasbah' ausgestellt.

Die sieben Steinkisten und die steinzeitliche Siedlung von Kaseküla (auch Kasekla) liegen in Läänemaa in Estland ca. 0,5 km südwestlich vom Zentrum des Dorfes. Sie wurden 1971 entdeckt und im Jahr 1973 wurde die nördlichste, in einem Steinkreis gelegene Steinkiste ausgegraben.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans-Jürgen Beier: Die megalithischen, submegalithischen und pseudomegalithischen Bauten sowie die Menhire zwischen Ostsee und Thüringer Wald. Beier & Beran, Wilkau-Hasslau 1991 (Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas. 1), (Zugleich: Halle-Wittenberg, Univ., Habil.-Schr., 1991: Die megalithischen, submegalithischen und pseudomegalithischen Bauten sowie die Menhire in den fünf neuen ostdeutschen Bundesländern (ehemals DDR).).
  • Kjell Eriksson: Stenkistan

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Steinkisten – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. J. Müller In: Varia neolithica VI 2009 S. 15
  2. Literaturliste H. J. Beier
  3. Ewald Schuldt: Die Nekropole von Wollschow Kreis Pasewalk und das Problem der neolithischen Steinkisten in Mecklenburg. In: Jahrbuch der Bodendenkmalpflege in Mecklenburg. 1974 (1975) S. 77-144