Steinmännchen

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Steinmandl im Wilder-Kaiser-Gebiet in den österr. Alpen
Steinmandl auf der Westlichen Ödkarspitze, Karwendel

Steinmännchen, Steinmann, Steinmandl oder Steinmanderl sind aufeinandergestapelte Steine in Form kleiner Hügel oder Türmchen als Wegzeichen. Sie sind eine archaische Art der Wegmarkierung, die bis heute weltweit benutzt wird. Diese Markierung soll insbesondere in unwegsamem und unübersichtlichem Gelände – wie Gebirge, Hochgebirge, Steppe und Wüsten – die Orientierung erleichtern. Steinmännchen sind oder waren in allen besiedelten Gebieten der Erde verbreitet. In verschiedenen Kulturen sind mit ihnen weitere, oft religiöse Gebräuche verbunden. Diese Markierungen sind von manchmal ähnlich aussehenden Hügelgräbern und Cairns zu unterscheiden; in manchen Sprachen (z.B. Englisch oder Französisch) werden Steinmänner allerdings ebenfalls als cairn bezeichnet.

In Bayern und Tirol werden diese Wegzeichen mundartlich auch Stoamandl genannt.

Steinmänner in den Alpen und als Vermessungszeichen[Bearbeiten]

Steinmann am Lauteraargletscher in den östlichen Berner Alpen, Schweiz, mit buddhistischen Gebetsfahnen
Steinmandl auf der Westlichen Törlspitze (2457 m), Wetterstein
Steinmann an einem Wanderweg im Pfälzerwald
Steinmann bei Fuglafjørður, Färöer
Eine Sammlung von Steinmännchen auf Korsika
Steinmännchen am Lysefjord, Norwegen
Inukshuk auf der Flagge des kanadischen Nunavut-Territoriums

Obwohl heute in den Alpen durch die alpinen Vereine viele Steige mit Farbmarkierungen und Schildern bezeichnet sind, gibt es noch zahlreiche Steige, Wege und Übergänge, die lediglich mit wenigen Steinmännern markiert sind (z. B. im Karwendel).

Große Steinmänner werden oft auch als Gipfelzeichen anstelle eines Gipfelkreuzes errichtet. Bisweilen sind sie mit Zement verfestigt und tragen eine Gedenktafel für Gefallene oder Verunglückte. An manchen Stellen in den Alpen findet man regelrechte Steinmännerversammlungen, die nicht der Orientierung dienen, sondern eher Land Art bilden (z. B. am Schafreuter im Karwendel, am Beiljoch in den Stubaier Alpen, dem Auenjoch im Sarntal und den Luibisböden, einer aufgegebenen Alm im mittleren Pitztal). An letzteren Orten wurden auch sogenannte Steinfrauen errichtet, die sich von den Männern durch eingebaute Steinplatten unterscheiden, die Arme darstellen sollen.

Auch manche auf Gipfeln gelegene Vermessungspunkte werden mit Steinmännern signalisiert, wenn eine Zielgenauigkeit von etwa 10 cm ausreicht und die Stelle schwer erreichbar ist. Sie müssen mindestens ein, besser zwei Meter hoch sein, um weit genug und auch bei schlechtem Kontrast sichtbar zu sein. Eine solche Steinpyramide aus Bruchsteinen möglichst symmetrisch zu bauen, erfordert mehrere Stunden Arbeit.

In den Gebirgen Vorderasiens und Südamerikas sind auch zahlreiche Punkte im Grundlagennetz erster Ordnung mit Steinzeichen markiert, um den Aufwand beim Bau von Vermessungspfeilern zu sparen. Für die vermessungstechnischen Bedürfnisse in Entwicklungsländern reicht die erzielbare Genauigkeit im Regelfall aus.

Typische Steinmännchen[Bearbeiten]

Meist besteht ein Steinmann aus annähernd kegelförmig aufgeschichteten größeren Steinen mit mindestens drei Lagen, da dies als Zufallsergebnis von Naturkräften unwahrscheinlich wäre. Zylinderförmige Bauten gibt es auch, sie sind aber weniger stabil.

Normalerweise ist ein Steinmann zwischen 0,50 und 1,5 Meter hoch, an markanten Stellen auch mehr. Heute helfen Steinmänner vor allem Freizeitwanderern, den richtigen Weg zu finden. In früheren Zeiten, als es in diesen Gegenden noch kaum Straßen und nur Fuhrwerke gab, kennzeichneten sie Pfade von Dorf zu Dorf oder Passwege über Gebirgskämme. Vor allem bei Nebel und dichter Bewölkung, wenn das umliegende Gelände verhüllt und für die Orientierung untauglich wurde, oder bei Schneelage waren sie oft lebenswichtig – zumal manche Pfade die einzigen sicheren Übergänge waren, die man keinesfalls verfehlen durfte. Generationen von Einheimischen haben die Steinmänner instand gehalten.

Steinmännchen in verschiedenen Kulturen[Bearbeiten]

Bereits im Antiken Griechenland erhielten als Wegmarkierung angelegte Steinmännchen eine zusätzliche kulturelle Bedeutung. Aus ihnen entwickelten sich die Hermen, an Wegkreuzungen angelegte Kultbilder des Weggottes Hermes, dessen Name mit dem altgriechischen Begriff für einen Steinhaufen hermaion in Verbindung steht.[1]

Skandinavien[Bearbeiten]

Einer norwegischen Überlieferung zufolge sollte der Wanderer auf jeden Steinmann einen Stein legen, um unbehelligt von Trollen zu bleiben. Auch heute sind Wanderer angehalten, zumindest bei teilweise abgetragenen oder beschädigten Steinmännern (nicht nur jene auf den Gipfeln der Berge) mit einem oder mehreren Steinen zur Erhaltung der Wegzeichen beizutragen.

In Schweden dienen Steinmännchen unter der Bezeichnung Reichsrösen (riksrösen) auch als Grenzmarkierung.

In Island ist die Bedeutung umstritten. Einige halten sie tatsächlich für Talismane, zum Schutz vor Trollen (wohl besser zum Schutz vor Unwettern), andere behaupten, sie dienen zur Orientierung bei Nebel, der in Island sehr häufig herrscht. Ursprünglich standen diese Steintürme tatsächlich in Sichtweite auseinander, sind aber meistens über die Jahrhunderte verfallen. Exakte Forschungen dauern an.

Inuitkulturen[Bearbeiten]

Bei den Inuit in der Arktis haben Inuksuk (Steinmännchen in Inuktitut, der Sprachfamilie kanadischer Inuit genannt) vielfältige Markierungsfunktionen und verweisen auf bedeutende Orte. Ein Inuksuk mit zwei getrennten Beinen an einem Ufer zeigt einen befahrbaren Kanal an, ein Inuksuk an einem See verweist auf gute Fischgründe an der markierten Stelle und so weit im See, wie das Steinmännchen vom Ufer entfernt ist.

Bemerkenswert ist die Verwendung von Inuksuk als „Helfer“ bei der Jagd auf Rentiere. Die Inuit bauten Reihen von Steinmännchen mit „Haaren“ aus Rentierflechten; von wenigen Menschen aufgescheucht, wurden die Tiere dadurch direkt auf die Rotte der Jäger zugetrieben, so dass auch kleine Jagdgemeinschaften im weitgehend offenen Gelände schnelle Huftiere erlegen konnten.

Ein Inuksuk war auch das Logo der Olympischen Winterspiele 2010 in Vancouver, Kanada.

Nordamerika[Bearbeiten]

In verschiedenen Indianerkulturen im Südwesten der Vereinigten Staaten und angrenzenden Gebieten wurden neben Steinhaufen verschiedener Größe zur Wegmarkierung auch große Steingebilde an Orten angelegt, die der Verehrung und dem Gebet dienten.[2] Bei den Navajo entwickelte sich die Tradition, dass jeder Wanderer an einem solchen Steinhaufen einige Blätter auf den Haufen legt und mit einem neuen Stein beschwert.[3]

Südamerika[Bearbeiten]

Steinhaufen sind in ganz Südamerika verbreitet und dort unter dem Namen Apacheta[4] bekannt. Sie markieren Wege und dienen als Kultstätten. Ursprünglich waren es Altare zu Ehren der Gottheit Pachamama.

Vorderer Orient[Bearbeiten]

Der Dominikanermönch Felix Fabri beobachtete 1483 auf seiner Pilgerfahrt ins Heilige Land und zum Berg Sinai:

„Der Steinhaufen auf dem Gipfel war aber ein Wegzeiger, denn überall in der Wüste sind auf Bergspitzen Steinhaufen aufgeschichtet, mit denen man anzeigt, durch welche Täler man gehen muss; und wenn es diese Zeichen nicht gäbe, könnte niemand durch die Wüste ziehen, weil die meisten größeren Täler nicht durchgängig sind, sondern sich an den Enden schließen, und so wäre man, nachdem man dem Talverlauf folgend drei oder vier Tage lang gewandert ist, schließlich zur Umkehr gezwungen. So ist es auch bei einem klippenreichen Meer; an ihm stellt man auf Anhöhen Steinhaufen als Seezeichen auf; und wenn es diese nicht gäbe, würden viele Schiffe, die ihren Kurs auf die Klippen nehmen, auf Sandbänke laufen oder in Strudel geraten. So würden auch hier viele Menschen umkommen, wenn diese Zeichen nicht auf den Bergen stünden.“

Felix Fabri (aus dem Lateinischen übersetzt von Herbert Wiegandt)

Tibet[Bearbeiten]

In Tibet, sowohl in der alten Religion Bön als auch im buddhistisch geprägten Volksglauben, haben Steinmännchen neben der Funktion als Wegmarkierung eine religiöse Bedeutung erhalten. Zu unterscheiden ist dabei zwischen den Lhathos und den Lhadses:

  • Lhathos (lha tho, lha bezeichnet so genannte Götter, hier als eine Klasse von Lokalgottheiten zu verstehen) sind regelmäßige Steinsetzungen, die immer oben spitz zulaufen. Sie werden oft mit Gebetsfahnen, Wollbändern, Tierhörnern oder ganzen Schädeln von Steinböcken geschmückt. Mit weißer Kalkfarbe gestrichen, bitten die Gläubigen gute Geister, im Steinmännchen ihren Wohnsitz zu nehmen. Rote Lhathos sollen zornige Geister anziehen, die böse Einflüsse abschrecken können.
  • Ein Lhadse ist zumeist unregelmäßig geformt, traditionell mit einem Reisigbüschel auf der Spitze und ebenfalls mit Gebetsfahnen geschmückt. Er dient als Wohnsitz des lokalen Schutzgeistes einer Familie, eines Klosters oder einer Ortschaft.

Sowohl Lhathos wie Lhadses sind oft mit einzelnen oder Sammlungen von Mani-Steinen verbunden.

Daneben gibt es in derselben Region noch die Obo genannten Steinsetzungen, die der lamaistischen Tradition Tibets und der Mongolei entstammen.

Westliche Kulturen[Bearbeiten]

In westlichen Kulturen werden Steinmännchen an markanten Orten ohne religiösen Hintergrund errichtet. Sie dienen Wanderern als Ausdruck ihrer Verbundenheit mit dem Ort, der Identifikation mit Traditionen und als symbolische Inbesitznahme der Umwelt. In stark durch Tourismus und Erholung genutzten Gebieten können große Ansammlungen von Steinmännchen errichtet werden. Soweit dies an Orten geschieht, in denen keine dicken Stein- und Schotterlagen vorherrschen, können sich daraus Konflikte mit dem Naturschutz ergeben, weil Steine aus ihrer natürlichen Lage entfernt werden, wo sie zur Bodenbefestigung dienten. In Wildnisgebieten ist jede Änderung der natürlichen Landschaft unerwünscht.[5]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Richard Andree: Ethnographische Parallelen und Vergleiche. Maier, Stuttgart 1878.
  •  Hans Haid: Mythos und Kult in den Alpen. Edition Tau, Bad Sauerbrunn 1990, ISBN 3-900977-08-9.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Steinmännchen – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Otto Holzapfel: Lexikon der abendländischen Mythologie, Eintrag Hermes, Freiburg i. Br. 1993, ISBN 3-451-22487-9, Seite 195
  2. Steven C. Jett: Cairn Trail Shrines among the Navajo, Apache, and Puebloans, and in the Far North. In: David T. Kirkpatrick and Mehila S. Duran (Hrsg.): Collected Papers in Honor of Gordon Page, The Archaeological Society of New Mexico, Papers 20, 1994
  3. Stephen C. Jett: Physical Characteristics of Navajo Trails, Canyon de Chelly Area, Arizona. In: Material Culture, Vol. 26, No. 1 (Spring 1994), Seiten 37-48, 45
  4. Apacheta
  5. Charles Jacobi: An Experiment Using Signs to Reduce Visitor-Built Cairns in Acadia National Park (PDF; 99 kB). National Parks Service, 2003