Stephansort

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Stephansort war eine im August 1888 gegründete, bedeutende Handelsstation der von privaten Investoren getragenen Neuguinea-Kompagnie. Der nach dem Staatssekretär des Reichspostamts Heinrich von Stephan benannte Ort[1] wurde im deutschen Schutzgebiet Kaiser Wilhelms-Land auf Neuguinea errichtet und befand sich in der Astrolabe Bay. Das zentral gelegene Stephansort war von 1891 bis 1892 Hauptverwaltungssitz des Kaiserlichen Regierungskommissars und blieb über diese Zeit hinaus Wohnort des Generaldirektors der Kompanie.[2] Ab 1899 wurde die Siedlung mit dem gesamten bisherigen Schutzgebiet Teil des deutschen Kolonialbesitzes im Bismarck-Archipel. Bis zum Ende der Kolonie blieb Stephansort eine der Hauptstationen des Landes. Heute existiert dieser Ort nicht mehr.

Lage und Klima[Bearbeiten]

Das in der Astrolabe-Ebene gelegene Stephansort zeichnete sich für die europäischen Kolonisatoren insbesondere durch den hervorragend zu kultivierenden Boden aus, der unter einem Urwald mit bis zu 50 Meter hohen Bäumen lag. Durchbrochen wurde dieser Hochwald durch Lichtungen mit mannshohen Gräsern und durch Flussläufe, in deren Geröllflächen unter anderem wildes Zuckerrohr wuchs. Auf den sumpfigen Flächen wuchsen Rattan- und Sagopalmen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts dauerte der Nordwestmonsun von November bis April, doch verging kaum eine Woche, in der es nicht regnete, sodass eine jährliche Niederschlagsmenge von 2500 bis 3000 mm gemessen wurde. 1896 galt als ungewöhnlich regenarmes Jahr in Stephansort; damals dauerte dort die Trockenperiode 21 Tage. Als mittlere Jahrestemperatur wurden 26 bis 27 Grad gemessen.[3]

Geschichte[Bearbeiten]

Nach einer großen Malaria-Epidemie, bei der auch der Generaldirektor der Kompagnie den Tod fand, wurde 1891 der bisherige Hauptort Finschhafen vorübergehend aufgegeben. Wegen des für Europäer angeblich günstigeren Klimas und der vielfältigen Anbaumöglichkeiten wechselte der kaiserliche Regierungskommissar Friedrich Rose 1891 mit seinem Stab nach Stephansort, das unweit des Dorfes Karegulan lag. Vom 19. bis 20. Februar 1892 lag der Kleine Kreuzer SMS Sperber auf seiner Rundreise durch die deutschen Südsee-Schutzgebiete im Hafen der Station. Wie im Deutschen Kolonialblatt berichtet wurde, waren damals die Gesundheitszustände in der Astrolabe Bay zufriedenstellend.[4] Der nach einer Überholung von Auckland im Mai desselben Jahres nach Stephansort abgehende Kleine Kreuzer SMS Bussard nahm nach seiner Ankunft den Regierungskommissar Rose mit Teilen der Polizeitruppe auf, um auf eine Strafexpedition gegen Papuaner zu gehen.[5] Diese hatten im Sommer 1891 in Hatzfeldhafen drei deutsche Missionare und eingeborene Arbeiter erschlagen.

Bereits am 17. September 1892 fand die Landesverwaltung mit dem kaiserlichen Regierungskommissar im etwa 23 Kilometer nördlich gelegenen und erst 1891 gegründeten Friedrich-Wilhelms-Hafen[6] – erneut für kurze Zeit[7] (heute Madang) – ihren Sitz, während der Generaldirektor der Neuguinea-Kompagnie in Stephansort einen großes Verwaltungesgebäude bezog. Einige Jahre lang wurde Stephansort von der Astrolabe-Kompanie übernommen; diese Gesellschaft verband sich 1896 mit der Neuguinea-Kompagnie.

Zwischen 1895 und 1896 nahmen mehrere deutsche Kriegsschiffe, darunter die Bussard und die Sperber, an Vermessungen in den Schutzgebieten teil. Dabei erkrankten neben etlichen Matrosen besonders viele Landvermesser – insgesamt 295 Mann. Als Herkunftsorte der Krankheit konnten unter anderem Stephansort und Friedrich-Wilhelms-Hafen ausgemacht werden, die nun auch als recht ungesunde Plätze bezeichnet wurden.[8] Allerdings bestand unter den zeitgenössischen Besuchern von Stephansort der Eindruck eines relativ gesunden und angenehmen Klimas auch weiterhin.[9]

Aufsehen erregte die desaströse Expedition des Reiseschriftstellers Otto Ehrenfried Ehlers im Jahr 1895. Als den Teilnehmern die Lebensmittel ausgingen, entbrannte ein Streit über das weitere Vorgehen. Dabei erschossen auf den Salomon-Inseln angeheuerte einheimische Polizeisoldaten den Schriftsteller, einen deutschen Polizeimeister und andere einheimische Polizeisoldaten aus Neu-Mecklenburg. 1897 konnten die beiden Rädelsführer verhaftet und in Stephansort eingesperrt werden. Doch den beiden gelang am 13. Juli die Flucht. Bei dem Raubmord an einem chinesischen Händler erbeuteten sie Gewehre. Bei der Verfolgung wurde der damalige Landeshauptmann der Neuguinea-Kompagnie, Curt von Hagen, durch die Flüchtenden erschossen. Wenige Tage später töteten Einheimische die beiden Mörder und stellten ihre Köpfe zur Abschreckung in Stephansort auf.[10][11]

Um 1900 verfügte Stephansort über Wirtschaftsanlagen, Verwaltungsgebäude, Beamten-Wohnhäuser,[12] ein auf Anregung von Curt von Hagen gegründetes großes Klubhaus, einen chinesisch geführten Kaufladen, Wohnhäuser, Arbeiterunterkünfte,[6] Stallungen für Pferde, Zugochsen und Kühe,[13] eine Apotheke sowie ein an einem See gelegenes Krankenhaus für Europäer.[12] Daneben gab es ab 1892 auch ein Krankenhaus für Eingeborene.[14]

Plantagen[Bearbeiten]

Die Ochsenbahn in Stephansort um 1902.

Ab 1896 wurde die wirtschaftliche Bedeutung von Friedrich-Wilhelms-Hafen zu Gunsten von Stephansort einige Jahre lang stark eingeschränkt.[6] Stephansort, wo um 1900 etwa 20 Deutsche lebten, verfügte bis 1894 über eines der wichtigsten Tabakfelder im Schutzgebiet, das anfangs hohe Ernteerträge aufwies. 1892 wurden 36.200 der 95.000 Kilogramm im Land erzeugten Tabakmenge von Stephansort geliefert.[15] Aufgrund der klimatischen Bedingungen brach die Ernte dieser Pflanze in Kaiser Wilhelms-Land jedoch zwischen 1894 bis 1898 von jetzt nur noch 77.000 auf 30.000 Kilogramm ein. Zeitgleich erfolgte die Umstellung der Anpflanzungen in Stephansort auf Kokospalmen zur Herstellung von Kopra.[16] Außerdem wurde Viehzucht betrieben, Kaffee angebaut und Baumwolle von sehr guter Qualität gepflückt.

Schmalspurbahn[Bearbeiten]

Die Pflanzungen lagen zwischen Stephansort und dem nahen Bogadjim. Dort befand sich eine 1887 gegründete Missionsstation der Rheinischen Missionsgesellschaft. Neben recht gut ausgebauten Landstraßen war Stephansort mit Bogadjim und Erimahafen durch eine 0,6 Meter breiten Schmalspur-Feldbahn verbunden. In Erimahafen gab es am Ende des 19. Jahrhunderts neben Stapelplätzen unter anderem eine Dampfmaschine zum Betrieb der geernteten Baumwollgins.[9] Dort waren auch die ersten Schienen zu den dortigen Pflanzungen gelegt worden. 1894 war bereits die Weiterführung nach Stephansort geplant[17] und kurze Zeit später ausgeführt worden. 1896 wurde auch das 1886 gegründete und rund 15 Kilometer entfernte Konstantinhafen an das Bahnnetz angebunden. Ein kleiner Strang wiederum verband Friedrich-Wilhelms-Hafen mit Jomba.[18] In Stephansort standen die Schuppen und Wagenhallen für die Bahn,[13] welche neben den Produkten der Region auch einfache, seitlich offene Personenwaggons zog. Zweigstrecken der von Stephansort ausgehenden Schmalspurbahn führten rund fünf Kilometer nach Südosten an das Ufer des Flusses Minjim und nach Südwesten zu den Ausläufern des Oertzen-Gebirges.[6] Als Zugtiere für diese Bahn dienten Ochsen.

Krankenwesen[Bearbeiten]

Robert Koch forschte 1899/1900 zwei Monate lang in Stephansort.

Die für den Aufbau des Gesundheitswesens in Ostafrika und Neuguinea bekannt gewordene Rotkreuz-Krankenschwester Auguste Hertzer arbeitete von Juni 1891 bis 1892 unter dem gleichfalls 1891 eingesetzten leitenden Arzt, Reinhard Hagge, in Stephansort. Hertzer wurde anschließend nach Friedrich-Wilhelms-Hafen an das noch in Bau befindliche neue Krankenhaus auf der Beliao-Insel versetzt. 1896 kehrte sie nochmals kurzfristig nach Stephansort zurück. Der dort Ende 1893 eingetroffene Richter Maximilian Krieger notierte, dass 351 melanesische Arbeiter an den Pocken verstorben waren.[19] Die Krankheit war kurz zuvor mit dem Reichspostdampfer Lübeck von Java aus durch chinesische Kulis nach Neuguinea eingeschleppt worden, hatte sich zunächst in Stephansort ausgebreitet und griff dann auf andere Stationen über. Mit gezielten Impfungen und Quarantänemaßnahmen konnte die Krankheit eingedämmt werden.[20] Eine darauffolgende Influenza dezimierte die überlebenden Arbeiter zwischen Oktober and Dezember 1894 erneut.[19] Trotz verschiedener Maßnahmen, der Malaria in Stephansort Herr zu werden, brach sie immer wieder aus. Binnen zwölf Monate bis zum September 1899 starben von insgesamt 790 Arbeitern 201. Die meisten waren chinesische Tagelöhner.[21] Zur Erforschung der Krankheit richtete sich der Mediziner und Mikrobiologe Robert Koch am 29. Dezember 1899 gemeinsam mit anderen Medizinern für einen zweimonatigen Aufenthalt im Krankenhaus der Station ein. Es stellte sich heraus, dass von den insgesamt 734 in Stephansort lebenden Menschen 157 mit Malariaparasiten infiziert waren.[22] Koch erbrachte den Nachweis, mit einer gezielten Chininprophylaxe die Krankheit eindämmen zu können.[23]

Literatur[Bearbeiten]

  • Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 405 f. ([1])
  • Meyers Konversationslexikon, 1897

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Maximilian Krieger: Über die Handelsunternehmungen unserer Südsee-Kolonien. In: A. Seidel (Hrsg.): Beiträge zur Kolonialpolitik und Kolonialwirtschaft. Wilhelm Süsserott, Berlin 1899–1900. S. 37–38.
  2. Wilhelm Sievers, Willy Kükenthal: Australien, Ozeanien und Polarländer (Allgemeine Länderkunde), Bibliographisches Institut, Leipzig/Wien 1902. S. 284.
  3. Karl Lauterbach: Die geographischen Ergebnisse der Kaiser Wilhelms-Land-Expedition. In: Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. W. H. Kühl, Berlin 1898. S. 144–145.
  4. Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes (Hrsg.): Deutsches Kolonialblatt. Amtsblatt des Reichskolonialamt, Band 3. Verlag von Ernst Siegfried Mittler & Sohn, Berlin 1892. S. 331.
  5. Hans H. Hildebrand, Albert Röhr, Hans-Otto Steinmetz: Die deutschen Kriegsschiffe. Biographien. Ein Spiegel der Marinegeschichte von 1815 bis zur Gegenwart. Band 1. Mundus Verlag, Essen 1993. S. 179.
  6. a b c d Maximilian Krieger (Hrsg.): Neu-Guinea. (Reihe: Bibliothek der Länderkunde.) Alfred Schall, Berlin 1899. S. 238.
  7. Karl Lauterbach: Die geographischen Ergebnisse der Kaiser Wilhelms-Land-Expedition. In: Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. W. H. Kühl, Berlin 1898. S. 143.
  8. Centralblatt für Bakteriologie, Parasitenkunde und Infektionskrankheiten. Band 25. Gustav Fischer Verlag, Jena 1899. S. 673.
  9. a b Karl Lauterbach: Die geographischen Ergebnisse der Kaiser Wilhelms-Land-Expedition. In: Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. W. H. Kühl, Berlin 1898. S. 148.
  10. Thomas Morlang: Askari und Fitafita. „Farbige“ Söldner in den deutschen Kolonien. Ch. Links Verlag, Berlin 2008. ISBN 3861534762. S. 99.
  11. Simon Haberberger: Kolonialismus und Kannibalismus. Fälle aus Deutsch-Neuguinea und Britisch-Neuguinea 1884-1914. Otto Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2007. ISBN 3447055782. S. 93.
  12. a b Rudolf Fitzner: Deutsches Kolonial-Handbuch, Band 2. Verlag H. Paetel, Berlin 1901. S. 63.
  13. a b Maximilian Krieger (Hrsg.): Neu-Guinea. (Reihe: Bibliothek der Länderkunde.) Alfred Schall, Berlin 1899. S. 237.
  14. Margrit Davies: Public health and colonialism. Otto Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2002. ISBN 3447046007. S. 107.
  15. Wilhelm Sievers: Australien und Ozeanien. Eine allgemeine Landeskunde. Bibliographisches Institut, Leipzig/Wien 1895. S. 432.
  16. Wilhelm Sievers, Willy Kükenthal: Australien, Ozeanien und Polarländer (Allgemeine Länderkunde), Bibliographisches Institut, Leipzig/Wien 1902. S. 280.
  17. Gustav Meinecke (Hrsg.): Koloniales Jahrbuch 1895. Carl Heumanns Verlag, Berlin 1896. S. 127.
  18. Maximilian Krieger: Über die Handelsunternehmungen unserer Südsee-Kolonien. In: A. Seidel (Hrsg.): Beiträge zur Kolonialpolitik und Kolonialwirtschaft. Wilhelm Süsserott, Berlin 1899–1900. S. 40.
  19. a b Margrit Davies: Public health and colonialism. Otto Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2002. ISBN 3447046007. S. 95.
  20. Gustav Meinecke (Hrsg.): Koloniales Jahrbuch 1895. Carl Heumanns Verlag, Berlin 1896. S. 124 und 252.
  21. Margrit Davies: Public health and colonialism. Otto Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2002. ISBN 3447046007. S. 96.
  22. Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes (Hrsg.): Deutsches Kolonialblatt. Amtsblatt des Reichskolonialamt, Band 11. Verlag von Ernst Siegfried Mittler & Sohn, Berlin 1900. S. 946.
  23. Hugo Kronecker: Hygienische Topographie In: A. Pfeiffer (Hrsg.): 21. Jahresbericht über die Fortschritte und Leistungen auf dem Gebiete der Hygiene. Jahrgang 1903. Verlag Friedrich Vieweg und Sohn, Braunschweig, 1905. S. 68.

-5.444525145.744371Koordinaten: 5° 26′ 40″ S, 145° 44′ 40″ O