Stiftskirche (Baden-Baden)

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Stiftskirche von Norden, 2009
Stiftskirche von Norden, 1867

Die Stiftskirche in Baden-Baden ist die Grablege der Markgrafen von Baden.

Geschichte[Bearbeiten]

Epitaph Ludwig Wilhelms von Baden

Die im romanischen Stil erbaute Basilika liegt direkt am Florentinerberg in der Altstadt von Baden-Baden. In ihr fanden 14 Markgrafen der Markgrafschaft Baden ihre letzte Ruhestätte. Die Kirche wurde das erste Mal im 15. Jahrhundert in den damals üblichen spätgotischen Stil umgestaltet. Ihren heutigen Turm erhielt sie im 18. Jahrhundert. Gleichzeitig wurde der Innenraum barockisiert. Das heutige Aussehen schließlich, hat die Kirche einer im Jahr 1867 vorgenommenen Regotisierung zu verdanken.

Die Kirche ist den heiligen Aposteln Peter und Paul geweiht, welche über dem Eingangsportal wachen. Das Kircheninnere birgt neben den bereits erwähnten Grablegen der Markgrafen, die sich im Chor befinden, noch ein bekanntes spätgotisches Sakramentshaus und ein Kruzifix von Nikolaus Gerhaert von Leyden aus dem Jahre 1467.

Eine besondere Stellung unter den Gräbern der Markgrafen nimmt das aufwendig gestaltete Epitaph des Markgrafen Ludwig Wilhelm von Baden ein. Die Figur Ludwig Wilhelms ist umgeben von Figuren, die Weisheit, Tapferkeit und Gerechtigkeit symbolisieren.

Regotisierung 1867[Bearbeiten]

Im Zuge der Regotisierung im Jahr 1867 erhielt die Kirche ein neues Dach mit zusätzlichen Oberfenstern im Mittelschiff. Gleichzeitig war eine erste Heizung eingebaut worden, welche mit heißem Thermalwasser betrieben wurde, eine wohl einmalige Kirchenheizung. Diese Anlage blieb bis in die 1950er Jahre in Betrieb. Des Weiteren wurde der Innenraum teilweise ausgemalt, die Orgel umgebaut und ein neues Geläute angeschafft.

Renovierung 1952/53[Bearbeiten]

Bei einer weiteren Sanierung in den Jahren 1952/53, die hauptsächlich dem Schutz vor der andauernden Bedrohung durch die teils unter der Kirche entspringenden Thermalquellen diente, wurden die Fenster im Mittelschiff wieder zugemauert. Die Dächer der Seitenschiffe wurden wieder auf ihre ursprüngliche Höhe gesetzt. Die heute vorhandenen Buntglasfenster entwarf Willy Oeser 1953.

Innenrenovierung 1967[Bearbeiten]

Chorraum und Volksaltar seit 1967

Der heutige Zustand des Innenraumes geht wesentlich auf eine purifizierende Renovierung in den Jahren 1966 bis 67 zurück. Im Zuge diverser Maßnahmen gegen erneut eindringendes, mineralreiches Thermalwasser wurde eine Sperre aus Hochofenzement, sowie darüber ein neuer Waschbetonfußboden eingebaut. Nur der Boden des Chorraums blieb wegen der Grabplatten im ursprünglichen Zustand erhalten. Die Bänke wurden unter Verwendung der alten barocken Seitenteile völlig neu erstellt. Unter dem Triumphbogen erstellte man einen neuen Volksaltar, wobei teilweise der Tisch des ehemaligen neugotischen Hochaltars benutzt wurde. Der bis zu diesem Zeitpunkt erhaltene Hochaltar wurde wie alle anderen noch vorhandenen Seitenaltäre und Kanzeln restlos entfernt. Relikte eines ehemaligen neugotischen Seitenaltars lagern noch in der Turmkammer. Der Innenraum wurde mit einer heute eher trist anmutenden grauen Farbe gestrichen.

In den späten 1990er Jahren begann an Haupt- und Seitenschiffen eine Sanierung und Wärmedämmung von Dachgebälk, Fenstern und Außenfassade. Diese Maßnahmen wurden ab 2006 im Bereich des Chorraums fortgesetzt und abgeschlossen.

Nach wie vor ist aufgrund des früheren Kollegiatstifts der Staat für den Bereich des Chorraums baupflichtig.

Ausstattung[Bearbeiten]

Grabmäler[Bearbeiten]

Grabmäler des Fürstenhauses[Bearbeiten]

Die Grabmäler des Fürstenhauses befinden sich alle im Chor. Die Reihung erfolgt mit Blickrichtung zum ehemaligen Hochaltar von links nach rechts.

Eine Gedenktafel von Friedrich Weinbrenner für die Angehörigen des Fürstenhauses, deren Gebeine unter den namenlosen Grabplatten ruhen befindet über dem kleinen Torbogen zur Marienkapelle. Dort befindet sich auch der Hinweis, dass die Gebeine von Markgraf Bernhard I. unter den Stufen des Hochaltars liegen.

Grabmäler für "Beamte am Hof" im Turmbereich[Bearbeiten]

  • Johann Anton Wandel, Cantor am Collegiatstift
  • Hans Madriba, Hofbaumeister († 1524)
  • Salome Gressin, "Guttäterin" des Gotteshauses († 1741)
  • Karl Heinrich Orselaer, Beamter am Markgräflichen Hof († 1646)

Grabmal in der Marienkapelle[Bearbeiten]

  • Bernhard, erster Propst des Kollegiatstiftes († 5. Juni 1475)

Grabmal gegenüber dem Madonnenbild „Unserer lieben Frau von Petsch“[Bearbeiten]

  • Franz Wolfgang Hornus, Stifter des Madonnenbildes

Kunstwerke[Bearbeiten]

Detailansicht des Sakramentshauses
Madonna

Steinkreuz des Nikolaus Gerhaert von Leyden[Bearbeiten]

Im Scheitelpunkt des Chores steht seit 1967 anstelle des Hochaltares das monumentale Steinkreuz des Nikolaus Gerhaerd von Leyden aus dem Jahre 1467. Im Steinsockel ist das Wappen Ulrich des Scherers, Baders und Chirurgen eingemeißelt – vermutlich der Auftraggeber des Kreuzes. Bis 1967 stand es auf dem ehemaligen Friedhof der heute altkatholischen Spitalkirche. Das Kreuz ist inklusive des Sockels 6,47m hoch und aus einem einzigen Kalkstein gefertigt.

Sakramentshaus[Bearbeiten]

Das äußerst kunstvoll gearbeitete spätgotische Sakramentshäuschen am linken Pfeiler des Chorborgens ist vermutlich um das Jahr 1490 in der Regierungszeit von Markgraf Christoph entstanden. Ein nicht eingestürztes Gewölbeteil hat es beim großen Stadtbrand 1689 wie durch ein Wunder vor der Zerstörung bewahrt. Es erreicht bei fünf Stockwerken an der Spitze der Kreuzblume eine Höhe von 12,85 m und ist mit reichem Ast und Wurzelwerk umgeben. Die Ähnlichkeit mit einer riesigen Monstranz ist unverkennbar. Um den Tabernakel herum sind Gestalten aus dem Alten und Neuen Testament gruppiert.

St. Christophorus[Bearbeiten]

Die Darstellung des St. Christophorus, einer Figur aus Sandstein mit einer Höhe von 1,42 Meter, ist vermutlich um 1490 entstanden. Sie wurde an einem Turmpfeiler am südwestlichen Seiteneingang der Kirche angebracht.

Madonna[Bearbeiten]

Die ebenfalls aus Sandstein gehauene Madonna mit einer Größe von 1,05 Metern befindet sich in der Marienkapelle vor dem linken Seitenschiff der Kirche. Sie wurde um 1500 erschaffen und 1987 restauriert; bei dieser Restaurierung wurde ihr Zepter ergänzt.

Orgeln[Bearbeiten]

Die Geschichte der Orgeln reicht zurück in das 16. Jahrhundert. Bereits im Jahr 1558 wird von einer Orgelreparatur berichtet. Dieses Werk fiel dem großen Stadtbrand im Jahr 1689 zum Opfer.

Johann Andreas Silbermann-Orgeln, 1753[Bearbeiten]

Im Jahre 1753 erbaute der Straßburger Orgelbauer Johann Andreas Silbermann (1712–83) zwei neue Orgeln für die Stiftskirche. Er erstelle zum einen eine kleine Orgel für den Chor. Dieses Werk hatte vier Register (C-c3: Bourdon 8′, Prestant 4′, Doublette 2′, Fourniture III 1′). Im Zuge der Auflösung des Stifts wurde diese Orgel abgegeben. Sie ist 1944 in den Kriegswirren untergegangen.

1753 erbaute Johann Andreas Silbermann (1712–83) zudem eine neue Hauptorgel mit zwei Manualen und selbstständigem Pedal. Die vorgesehenen Zungenregister werden jedoch aus Kostengründen nicht eingebaut. Am 10. November 1753 ist die Orgel fertig intoniert. Der Einbau der Zungen Cromorne 8′, Trompettenbass 8′ und Trompette disk. 8′ in die Hauptorgel erfolgte 1797 durch den Baden-Badener Orgelbauer Georg Hladky. Die freie Schleife der Vox humana 8′ wurde jedoch mit einer Viola da Gamba 8′ besetzt.

Im Lauf des 19. Jahrhunderts wurde das Instrument mehrfach durch die Durlacher Orgelbauwerkstatt Louis Voit umgebaut. Voit entfernte das Rückpositiv, disponierte die Orgel nach und nach um, und stellte einen freistehenden Spieltisch auf. 1904 war man mit dem mechanischen Werk nicht mehr zufrieden und verkaufte es an die St. Cyriakus Kirche Karlsruhe-Bulach. Dort befinden sich noch heute das Silbermanngehäuse und 49 Pfeifen des Bourdon 8′ von 1753. Das Werk wurde bei der Aufstellung von Voit pneumatisiert. Es ist in diesem Zustand noch erhalten.

Mitte der 1980er plante man, die in Karlsruhe-Bulach noch vorhandenen Reste der einstigen Silbermannorgel zurückzukaufen. Fehlende Teile sollten in einem mit den beiden Basler Silbermannorgeln der Prediger- bzw. Leonhardskirche vergleichbaren Projekt rekonstruiert werden. Durch unglückliche Umstände geriet dieses Unternehmen, wie auch ein vom Denkmalamt vorgeschlagener Neubau eines „deutsch-romantischen“ Klangkonzeptes mit Weiterverwendung aller erhaltenen Voitregister, nicht zur Ausführung.

20. Jahrhundert[Bearbeiten]

Die Silbermann-Orgel wurde 1905 durch einen Neubau der Orgelbaufirma Heinrich Voit & Söhne (Dulach) ersetzt. Die neue pneumatische Hauptorgel hatte 43 Register auf drei Manualen und Pedal und wurde aus Platzgründen an der Turmwand aufgehängt. Das Instrument besaß zwei Schwellwerke sowie u. a. die Register Labialoboe 8′ und Labialschalmei 8′. Diese Labialzungen hatte Voit in dieser Zeit auch in der Orgel der St. Bonifatius Kirche Karlsruhe (1908) gebaut. 1928 wurde das Werk von Voit noch mit acht „Barockregistern“ erweitert. Die Disposition erstellte der Heidelberger Musikdirektor Prof. Philipp Wolfrum.

Nach dem Krieg wurde das Instrument 1953–1954 nach Vorschlägen von Walter Supper (Esslingen) und des Organisten der Stiftskirche Prof. Otto Schäfer umgebaut. Es wurde auf 56 Register auf vier Manualen und Pedal erweitert. Als viertes Manual wurde auf einer Empore über einem Seiteneingang ein Fernwerk aufgestellt. Das Gehäuse von 1905 wurde nach Vorschlägen von Walter Supper umgestaltet und der Spieltisch wie schon bei der Voitorgel unter die Hauptorgel gestellt. Die Trakturen wurden elektrifiziert. Im Rahmen dieses Umbaus wurden etwa 60 % der Voit’schen Pfeifen eingeschmolzen. Die Arbeiten führte die Karlsruhe-Durlacher Firma Carl Hess Orgelbau für 39.810 DM aus. Für die Anzahl der neugebauten Taschenladen und Register ein sehr niedriger Preis, was sich kurze Zeit später auch bei der Fa. Hess schmerzlich bemerkbar machte.

Aktuelle Situation[Bearbeiten]

Heutige Orgel der Stiftskirche

Gegen Ende der 1970er Jahre wurde die Voit/Hess-Orgel zunehmend störanfällig. Eine aufwändige Generalsanierung der desolaten Hauptorgel wurde verworfen, nur das Fernwerk wurde um 1979 einer grundlegenden Überholung unterzogen. 1987 erhielt der Orgelbauer Johannes Rohlf (Neubulach) den Auftrag, unter Verwendung einiger guter Voitpfeifen eine neue Orgel zu erbauen. Die Rohlf-Orgel hat 31 Register auf drei Manualen und Pedal und verfügt über zwei Kanaltremulanten sowie das Effektregister Nachtigall. Das zeitlose Gehäuse orientiert sich an Silbermanns Dimensionen. Die Orgel wurde am 23. Dezember 1990 eingeweiht. Die Trakturen sind mechanisch. Im Frühjahr 2006 wurde die Hauptorgel gereinigt und „klanglich gemildert“.

I Rückpositiv C–g3
1. Rohrflöte 8′
2. Principal 4′
3. Koppelflöte 4′
4. Nasard 22/3
5. Octave 2′
6. Terz 13/5
7. Quinte 11/3
8. Mixtur III 1′
9. Cromorne 8′
Tremulant
II Hauptwerk C–g3
10. Bourdon 16′ V
11. Principal 8′
12. Gemshorn 8′ V
13. Octave 4′
14. Holzflöte 4′
15. Quinte 22/3
16. Octave 2′
17. Mixtur IV 11/3
18. Cornett V (ab c1) 8′
19. Trompete 8′
III Echo C–g3
20. Bourdon 8′ V
21. Dulciana 8′ V
22. Traversflöte 4′
23. Flageolett 2′
24. Sesquialter II 22/3
25. Basson-Hautbois 8′
Tremulant
Nachtigall
Pedalwerk C–f1
26. Subbass 16′ V
27. Octave 8′ V
28. Octave 4′ H
29. Mixtur IV 4′ H
30. Bombarde (Holz) 16′
31. Trompete 8′
  • Koppeln: I/II, III/II, I/P, II/P, III/P
  • Anmerkungen
V = Übernahme aus Voit (1905)
H = Übernahme von Hess (1954)

Im Jahr 1998 wurde für Gottesdienste und Orchestermessen an hohen Feiertagen im Chorraum eine elektronische Orgel mit 30 Registern aufgestellt.

Die Fernorgel („Evangelienorgel“), erbaut von der Fa. Carl Hess 1954

Das Fernwerk, das vom vierten Manual der Hess-Orgel aus anspielbar war, ist bis heute erhalten. Es hat 10 Register auf einem Manualwerk und Pedal. Nach knapp 20 Jahren Stillstand wurde das Fernwerk im März 2009 reaktiviert. Die elektrische Traktur ist überarbeitet und um eine zusätzliche Midi-Schnittstelle ergänzt. Alternativ kann das Fernwerk auch mittels optoelektronischer Kontakte vom dritten Manual der Rohlf-Orgel gespielt werden.

Fernwerk C–g3
1. Metallflöte 8′
2. Quintadena 8′
3. Praestant 4′
4. Koppelflöte 4′
5. Oktave 2′
6. Terzian II 13/5
7. Quintzimbel II 2/3
Fernwerkpedal C–f1
8. Gedecktbass 16′
9. Hohlflötenbass 8′
10. Dolcan 4′

Glocken[Bearbeiten]

1948 wurden neun Glocken von Albert Junker, Brilon in Briloner Sonderbronze gegossen. Die Disposition stammt von Musikdirektor Otto Schäfer (1876–1967), die Glockeninschriften aus der Feder von Reinhold Schneider. Die Glocken wurden am 17. Oktober 1948 geweiht, das Erstgeläute fand am 23. Oktober 1948 statt. Das aus abgewrackten U-Booten der Kriegsmarine stammende, von den Baden-Badener Stadtwerken beschaffte Elektrolytkupfer kostete 240.000 RM, der Guss inklusive Transport 30.000 DM. Der vorhandene Walzstahlglockenstuhl des Geläuts von 1935 wurde wiederverwendet. Im Jahr 2007 wurde das bisher nicht läutbare Messglöckchen im Dachreiter mit einer Läutemaschine versehen. Diese kleine Glocke wurde 1791 von Froschauer & Gachot in Rastatt gegossen.

Nr. Name Gewicht (kg) Durchmesser (mm) Nominal
1 Christus König 4250 2010 gis0 −3
2 Ave Maria 2502 1690 h0 +1
3 St. Josef 1796 1550 cis1 −3
4 St. Petrus 1317 1360 dis1 ±0
5 St. Paulus 1116 1275 e1 +1
6 St. Bernhard 788 1130 fis1 ±0
7 St. Elisabeth 579 1000 gis1 +2
8 St. Anna 393 900 ais1 +5
9 Schutzengel 331 850 h1 +4
10 Messglöckchen  ? 310 d3

Literatur[Bearbeiten]

  •  Stiftskirche Baden-Baden. 3. Auflage. Schnell & Steiner, Regensburg 2002, ISBN 3-7954-4254-0.
  •  Stiftskirchengemeinde Baden-Baden (Hrsg.): Die Orgel der katholischen Stiftskirche Unserer lieben Frau Baden-Baden, Festschrift zur Einweihung der neuen Rohlf-Orgel, 4. Adventssonntag, 23. Dezember 1990. Baden-Baden 1990.
  •  Stiftskirchengemeinde Baden-Baden (Hrsg.): 50 Jahre Geläute der Stiftskirche Liebfrauen in Baden-Baden 1948–1998. Baden-Baden 1998, OCLC 315224792.
  •  Stiftskirchengemeinde Baden-Baden (Hrsg.): 1000 Jahre Kirche in Baden-Baden 987–1987. Baden-Baden 1987.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Stiftskirche Baden-Baden – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

48.762958.24119Koordinaten: 48° 45′ 47″ N, 8° 14′ 28″ O