Stockkampf

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Stockkampf ist eine Bezeichnung für verschiedene Kampfsportarten und Kampfkunststile, bei denen ein kurzer oder langer Stock oder Stab als Waffe eingesetzt wird. Vermutlich reichen die Wurzeln der Kampfkunst mit Stock und Stab bis in die Anfänge der Menschheitsgeschichte zurück. Es gibt dafür aber kaum handfeste Belege, zum einen weil Holz schnell verrottet und zum anderen weil keine schriftlichen Belege über die Verwendung von Stäben vor dem Hochmittelalter bekannt sind. Erst die Experimentalarchäologie konnte erste Erkenntnisse liefern. Neuere Untersuchungen legen nahe, dass im nördlichen Großbritannien die Kelten in der Spätbronzezeit (1300 bis 800 vor Christus) ihre Speere nicht nur zum Werfen und Stechen benutzten, sondern auch als Hiebwaffen[1]. Im Lauf der Zeit entwickelten Kulturen aller Erdteile den Stockkampf zu einer Kampfkunst, in der es um mehr als plumpes Hauen und Stechen geht.

Stock und Stab als Vorübungswaffe[Bearbeiten]

Man nimmt an, dass der Stock oder Stab als Vorübungswaffe eingesetzt wurde und die Fechtschüler erst mit den Blankwaffen kämpften, nachdem sie die Grundzüge des Fechtens erlernt hatten. So konnte die Verletzungsgefahr minimiert und der Fechtschüler trotzdem auf seine Blößen hingewiesen werden. Allerdings finden sich In Europa im Vergleich zu den Blankwaffen nur wenige Dokumente für die alten Fecht- und Kampfkünste mit dem Stab. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass Vorübungswaffen, wie die Stange, der Stock oder der Stab, als nicht weiter erwähnenswert galten, weil es normal war, sich anfangs mit einer Holzwaffe an die Fechtkunst zu wagen. Für die Vermutung, dass man für solche Banalitäten kein Papier verschwenden wollte, spricht der hohe finanzielle Aufwand, den ein Buch erforderte. Die Kosten waren bis zur Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert exorbitant, vergleichbar etwa mit der heutigen Produktion eines Kinofilms.

Hochmittelalter und Neuzeit[Bearbeiten]

Ab dem 16. Jahrhundert finden sich Nachweise in den deutschsprachigen Fechtbüchern von Joachim Meyer[2] und Paulus Hector Mair[3]. Beide Autoren beschreiben den Stab als Vorübungswaffe, die genutzt wird, um den Körper locker werden zu lassen und an den Umgang mit der Waffe zu gewöhnen. In England schrieb Alfred Hutton, Captain der King‘s Dragoon Guard in seinem Buch Cold Steel[4] 1889: „Die Heranführung des Stabes wird in der ital. und franz. Armee vollzogen. Einerseits mit der Absicht, die Männer mit diesem bewundernswerten, hochinteressanten Gymnastiktraining geschmeidig und locker werden zu lassen, andererseits sie mit der Kenntnis in der Handhabung der Musketen und Schwertbajonette vertraut zu machen.“ Der Stab diente also nicht nur zur Verteidigung, sondern wurde als Vorübungswaffe eingesetzt. Hutton war ein bedeutender Fechtmeister seiner Zeit. Er entwickelte ein Fechtsystem mit einem 150 cm langen Stab, der wie ein Schwert beidhändig gehandhabt wird.

Stockkampfkunst Europa[Bearbeiten]

In manchen Ländern wird die Kampfkunst mit dem Stab noch heute gepflegt. Stäbe werden eingesetzt beim Kung Fu in China, dem japanischen Karate, beim Donga in Afrika, in verschiedenen vietnamesischen Kampfkünsten sowie auf den Philippinen beim Eskrima, Kali und Arnis. Auch die Europäer kultivierten das Fechten mit Stäben: in Deutschland waren es der Spieß (um 1600) und die Halbe Stange (16. Jahrhundert), in Irland Bataireacht (Synonym: Uisce Beatha Bata Rince, Kurzform Bata, hauptsächlich von 1750 bis 1880), der Quaterstaff in England (erste Belege im 15. Jahrhundert), in Italien Il Batone, in Portugal Jogo do Pau (seit dem frühen Mittelalter) und in Frankreich La Canne (seit dem 19. Jahrhundert). Viele dieser Kampfsysteme werden bis heute betrieben oder sind wiederentdeckt worden.

Moderne Weiterentwicklungen[Bearbeiten]

Es gibt auch moderne Weiterentwicklungen in der Stockkampfkunst, wie das Stabfechten. Diese Kampfkunst mischt weltweite Stockkampfelemente mit dem historischen Säbelfechtsystem Europas. Im Gegensatz zu allen anderen Fechtarten wird beim Stabfechten auf Schutzkleidung bewusst verzichtet. Dadurch werden Aufmerksamkeit und Wahrnehmung der Fechter geschult. Gefochten wird mit einem 115 cm langen Stab aus Rattan, der ein- und beidhändig geführt wird.

Heute praktizierte Stockkampfkünste[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Antiquity Publications, 2011, Volume 85, Nummer 328, Seiten 599 - 612 Kate Anderson, Department of Archaeology, University of Edinburgh: Slashing and thrusting with Late Bronze Age spears: analysis and experiment “The bronze spearhead at the end of a long shaft is traditionally seen as a thrusting or throwing weapon, as seen in the movies. By examining the damage on a group of Late Bronze Age spearheads from Britain, and replicating their use in combat, the author shows that the spear was an even more versatile weapon — for throwing, thrusting and slashing (with a short shaft). The research puts a spotlight on the formidable skills developed in a Bronze Age life-time.” Siehe auch DER SPIEGEL 24/2011, Seite 108 Hauen oder stechen „Als Waffen taugen Speere nicht nur zum Werfen und Stechen, hat Kate Anderson von der University of Edinburgh bei der Untersuchung von 89 spätbronzezeitlichen Speeren aus dem Norden Großbritanniens herausgefunden. Nur jede fünfte der Stichwaffen war an der Spitze beschädigt, und selbst diese Schadstellen schienen oft eher von Korrosion als vom Kampf her zu rühren. Dagegen fand Anderson an 31 Prozent der Speere Schäden an den Rändern - ähnlich solchen, wie sie von Hiebwaffen wie Schwertern bekannt sind. Haben die spätbronzezeitlichen Bewohner der britischen Inseln sich also im Speerfechten duelliert? Um ihre These zu prüfen, testete die Experimentalarchäologin Repliken der Waffen. Im Zweikampf setzte sie die Speere Hieben im 45- und 90-Grad-Winkel aus, stach, zog und warf sie gegen andere Klingen und Schilde aus Metall oder Leder. Auch ein totes Schwein musste als Ersatz für den Körper eines Gegners herhalten. An ihm testete Anderson Hiebe gegen die Beine, den Leib, den Hals und die Schulter. Ergebnis: Im Gegensatz zum Stich richtete ein Hieb mit dem Speer wesentlich größeren Schaden an. Zudem ähnelten die Kampfspuren an den benutzten Repliken genau denjenigen der spätbronzezeitlichen Originale.“
  2. Joachim Meyer, im Jahr 1600: „Gründtliche Beschreibung der freyen Ritterlichen und Adelichen Kunst des Fechtens in allerley gebreuchlichen Wezen mit schönen und nützlichen figuren gezieret und fürgestellet“
  3. Paulus Hector Mair, 1550, „De Arte athletica I“
  4. Alfred Hutton, 1889, “Cold Steel: a practical treatise on the sabre, based on the old English backsword play of the Eighteenth century, combined with the method of the modern Italian school.”