Sträflingskolonie Australien

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Karte der ersten Sträflingskolonie Australiens in der Port Jackson, dem späteren Sydney, aus dem Jahre 1789, gezeichnet von einem Sträfling. In dieser Karte sind auch sieben Schiffe der First Fleet eingezeichnet

Der Begriff Sträflingskolonie Australien ist für die Bezeichnung des frühen Australien üblich. In der ehemaligen Kolonie Australien gab es mehrere Sträflingskolonien zuerst in Sydney und dem daraus später entstehenden New South Wales, eine „Zweigstelle“ von Sydney auf Norfolk Island, ferner in Tasmanien, damals „Van Diemen’s Land“ und gegen Ende der Sträflingverschiffung für kurze Zeit in Western Australia. Der Vorgang der Verschiffung und Verbringung, der auf Englisch „Transportation“ genannt wird, wurde von 1788, dem Beginn der europäischen Besiedelung des Kontinents, bis ins Jahr 1854 praktiziert und gesetzlich am 26. Juni 1857 beendet.[1] Insgesamt wurden in dieser Zeitepoche 134.000 verurteilte Sträflinge aus England nach Australien gebracht.

Vorgeschichte[Bearbeiten]

Strafrecht[Bearbeiten]

Im englischen Strafrecht wurde bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts die Todesstrafe für Hochverrat, Mord, Totschlag, Körperverletzung, Raub, Notzucht und Diebstahl verhängt, darunter fielen auch Urkundenfälschung und Falschmünzerei. Die Verschickung in Strafkolonien wurde als Ersatz für die Todesstrafe betrachtet. Sie blieb als Ersatz für die Todesstrafe bis zum 26. Juni 1857 in Gesetzeskraft.[1]

Ein Gesetz aus dem Jahre 1718 erlaubte die Deportation bei Vergehen mit einer Strafe von sieben Jahren, also auch für den kleinen Diebstahl. Dies bedeutete, dass nahezu alle Straftaten mit gleichem Strafmaß belegt werden konnten.[2]

1784 wurde König Georg III. durch eine Parlamentsakte ermächtigt, geeignete Verschickungsorte zu bestimmen. Er und der Staatsrat beschlossen am 6. Dezember 1786, an der Ostküste Australiens einen Gefängnisort zu errichten.[3] Captain Arthur Phillip wurde zum ersten Führer des Transports ernannt und zugleich zum ersten Gouverneur von New South Wales.

Soziale Verhältnisse[Bearbeiten]

Nicht erst mit dem Verlust der amerikanischen Kolonien im Unabhängigkeitskrieg von 1783 war die soziale Lage der englischen Bevölkerung schlecht, sondern infolge der Mechanisierung der Arbeit in Manufakturen mit niedrigen Löhnen, Kinderarbeit und langen Arbeitszeiten ohne Erholungsmöglichkeiten setzte eine Verelendung ein.

Mit dem Verlust der amerikanischen Kolonien verschärfte sich die soziale Lage weiter, und die Kriminalitätsrate stieg weiter an. Zuvor waren Verbrecher in die amerikanischen Kolonien zur Strafarbeit verbannt worden. Die Kapazitäten der Gefängnisse und die alternative Unterbringung in Gefängnisschiffen waren erschöpft, um die zahlreichen Gefangenen aufzunehmen. Es bedurfte neuer Alternativen zur Unterbringung. Diese Faktoren führten zu der Entscheidung der britischen Regierung im Jahre 1787, in Neu-Holland, so die damalige Bezeichnung Australiens, eine Sträflingskolonie zu errichten.

Politische Verhältnisse[Bearbeiten]

Als weiterer möglicher Grund zur Errichtung der australischen Kolonie gilt, dass England nach dem Verlust der nordamerikanischen Kolonien in eine politisch defensive Position gegenüber Frankreich geraten war und durch die Einrichtung einer befestigten Sträflingskolonie seine militärische Präsenz im pazifischen Raum verstärken wollte.[4]

Erste Gefangenentransporte[Bearbeiten]

Am 9. Mai traf Captain Arthur Phillip, der erste Gouverneur von New South Wales, in Portsmouth ein, und am 13. Mai 1787 legte die aus elf Schiffen bestehende Flotte der First Fleet an der Mother Bank in der Nähe der Isle of Wight ab. Es waren zwei Kriegsschiffe, drei Schiffe mit Lebensmitteln, Gerätschaften und Vorräten und sechs Schiffe für den Transport der Sträflinge. Die Kriegsschiffe, die Sirius und die Supply, standen unter dem Kommando von Captain John Hunter. Die Sirius war das Flaggschiff des Gouverneurs Phillip. Die Anzahl der Soldaten einschließlich der Offiziere betrug 212 (davon durften 28 Offiziere ihre Ehefrauen und Kinder mitnehmen), und die Anzahl der Sträflinge betrug 778; 13 Kinder der Sträflinge wurden auf die Schiffe verteilt.[5]

Als die Flotte bei Santa Cruz am 2. Juni vor Teneriffa ankerte, waren neun Seesoldaten und 72 Sträflinge krank und 21 Sträflinge tot, darunter drei Kinder der Sträflinge.[6] Auf diesen Schiffen wurde auf den Ausbruch gefährlicher Krankheiten geachtet, und deshalb starben auf dieser Fahrt nur insgesamt 45 Personen, 36 Männer, vier Frauen und fünf Kinder.[7]

Am 18. Januar 1788 erreichte die HMS Supply als erstes der insgesamt elf Schiffe der First Fleet die australische Botany Bay. Da sich Botany Bay als ungeeignet für eine Siedlung erwies, wurde schließlich Port Jackson dafür ausgewählt und erhielt den Namen Sydney.

Am 7. Februar 1788 wurde an der Küste die erste gesetzliche Regierung installiert, in dessen feierlichen Rahmen 14 Sträflinge heirateten. Allerdings wurden gegen Februar sechs Sträflinge wegen Diebstahls vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt. Der Rädelsführer wurde sofort hingerichtet, einer wurde begnadigt, und vier wurden auf einer Insel bei trocken Brot und Wasser ausgesetzt.[8]

Der zweite Gefangenentransport, die Second Fleet, wurde von einer Transportfirma durchgeführt, die früher Sklaventransporte nach Amerika ausführte, und je Sträfling war ein fester Preis ausgehandelt worden, der fällig war, unabhängig davon, ob die Person lebend oder tot ankam. Die Flotte verließ am 19. Januar 1790 England mit 1.006 Sträflingen, davon 928 Männer und 78 Frauen, und sie kam im Juni in Sydney an. Die Todesrate war die höchste beim Transport nach Australien, denn von den Sträflingen starben 267 auf den Schiffen, davon 256 Männer und 11 Frauen. Damit erreichte ca. jeder Vierte dieser Fahrt Sydney nicht.[9]

Der dritte Schiffstransport, die Third Fleet, fand im Jahre 1791 mit elf Schiffen und 2.000 Passagieren statt, auf denen 194 männliche und vier weibliche Sträflinge starben.[10]

Strafkolonien Australiens[Bearbeiten]

Sydney und New South Wales[Bearbeiten]

In den folgenden Jahren fanden weitere Sträflingstransporte nach Sydney statt, und die Siedlung breitete sich aus. Bedeutsam für die weitere Entwicklung von Sydney war, dass 1793 die ersten freien Siedler ankamen, wobei die Anzahl in der ersten Zeit gering blieb. Sie erhielten freie Überfahrt, kostenlose Überlassung von Land, der Gerätschaft und Lebensmittel in der ersten Zeit sowie Überlassung der Sträflinge ohne Verpflichtung, für deren Unterhalt zu sorgen, denn ansonsten „hätte sich vermutlich überhaupt niemand bereit gefunden, dieses Land als freier Ansiedler zu betreten.[11]

Ende 1789 ging in Sydney die Butter aus, und die Essensvorräte wurden durch Mäuse und Ratten dezimiert. Ende 1789 wurden die Rationen auf zwei Drittel herabgesetzt und Anfang 1790 noch weiter gekürzt. Im Frühjahr wurde die Sirius mit Leuten nach Norfolk Isle geschickt, um Sydney zu entlasten. Das Schiff zerschellte auf Norfolk Isle. In der Not nahmen die Diebereien und Plündereien der Sträflinge überhand, und der Gouverneur setzte das Kriegsrecht ein, das zu Hinrichtungen und harten Bestrafungen führte. Erst im Juni 1790 entspannte sich die Lage, als ein Schiff, die Justinian, mit Lebensmitteln eintraf.[12]

Als am 21. September 1790 das Kriegsschiff Gorgon in Sydney landete, brachte es das Begnadigungsrecht mit, das der Gouverneur nur gewähren durfte, wenn sich der Sträfling verpflichtete, sich in der Kolonie anzusiedeln. Ansonsten wurden sie erst nach Ablauf ihrer Strafen freigelassen, kehrten häufig nicht mehr nach England zurück und siedelten sich in Sydney und später in anderen Teilen von Australien an. Im Oktober 1790 war Sydney auf 4.000 Menschen angewachsen, einschließlich der Soldaten und Beamten.[13]

Lebensgroße Bronze-Plastiken zur Erinnerung an Sträflinge als Straßenbauer ab 1815 durch die Blue Mountains: zwei Sträflinge, engl. Soldat, zwei Aborigines (einer verdeckt). Ort: Katoomba, unweit Echo-Point

Arthur Phillip fuhr wegen seines schlechten Gesundheitszustands im November 1794 nach England zurück, ihm folgten Major Franz Grose und anschließend Captain William Paterson. Die Offiziere des New South Wales Corps, das sog. Rum Corps, besetzten freiwerdende zivile Stellen und eigneten sich Land an und nahmen Einfluss auf den Handelsverkehr und damit auch auf den Vertrieb von Branntwein. Verbrechen, Trink- und Spielsucht entwickelten sich dadurch. Als am 7. September 1795 John Hunter, der Nachfolger von Phillip, eintraf, war die Bevölkerungszahl in New South Wales auf etwa 4.000 Personen angestiegen. Es gelang Hunter nicht, den Einfluss der Offiziere zurückzudrängen, und er demissionierte im Jahre 1800. Ihm folgte Captain Philip Gidley King, der auf Weisung von Phillip auf der Norfolk Isle war. In seine Amtszeit fiel die Gründung einer neuen Strafkolonie in Tasmanien. Er legte 1806 sein Amt nieder, und danach kam William Bligh, der durch die Meuterei auf der Bounty bekannt war. Bligh ging sofort gegen die Offiziere und deren Machenschaften an, worauf diese nach einem Eklat vor Gericht sein Haus besetzten und ihn gefangennahmen. Oberst Paterson hielt Bligh eine Weile gefangen, und dieser kehrte nach England zurück. England setzte daraufhin Lachlan Macquarie ein, der am 28. Dezember 1809 die Stelle des Gouverneurs antrat und zwölf Jahre regierte. In seiner Zeit wuchs die Bevölkerung von New South Wales auf 24.000 Personen an, die Sträflinge wurden im öffentlichen Straßenbau eingesetzt, und er unterstützte entlassene Sträflinge, wo er nur konnte. Das Land nahm einen Aufschwung und 1822 setzte die freie Einwanderung ein, die sich nach und nach verstärkte. Die Kolonie konnte sich erst weiter ins Inland ausbreiten, als die Durchquerung der Blue Mountains im Jahre 1813 durch die Europäer Blaxland, Wentworth und Lawson gelang, und zwei Jahre später wurde die erste Straße gebaut, etwa 40 Jahre später eine Eisenbahnstrecke.

Zunächst waren es etwa 800 freie Einwanderer in der Mitte der 1830er Jahre und 1841 12.000. Boden war werthaltig, Land wurde verkauft, Sträflinge wurden gegen Lohn und Verpflegung an die Siedler abgegeben. Da es Beschwerden über die Sicherheitslage von Australien gab und sich eine Antitransportationsliga gebildet hatte, wurde eine Untersuchung eingeleitet, und auf Basis dieses Ergebnisses wurde die Deportation am 22. Mai 1840 eingestellt[14] Am 25. Juni 1851 wurde New South Wales aufgrund von Protesten der Bevölkerung aus der Liste der Strafkolonien gestrichen.

Norfolk Island[Bearbeiten]

Am 14. Februar 1788 wurden ein Offizier, sechs Seesoldaten, ein Seekadett, ein Wundarzt und zwei weitere Personen unter Führung von Phillip Gidley King, dem zweiten Offizier der Sirius, nach Norfolk Island auf der Sirius gesandt, um eine weitere Kolonie zu gründen, denen im Oktober ein weiterer Offizier, acht Seesoldaten und 30 Sträflinge, 20 Männer und zehn Frauen, folgten. Die Kolonie wuchs bis zum 24. März 1790 auf 498 Personen aus Sydney an, darunter 291 Sträflinge, 191 Männer und 100 Frauen. Diese Besiedlung der Insel war die Folge des in Sydney entstandenen Mangels an Essen, das nur noch bis Juni reichen würde, weil keine Versorgungsschiffe ankamen.[15] Täglich wurden Diebstähle verübt, deren Täter nur selten ausfindig gemacht werden konnten. Nur strenge Bestrafung und überraschende Durchsuchungen der Hütten, schreckten etwas ab. Die Arbeitsmoral der Sträflinge war schlecht, weil nicht genügend Aufsichtspersonal für die Sträflinge vorhanden war.[16]

Mit dem Zusammenbruch der Holz- und Flachsverarbeitung wurde die Sträflingskolonie 1813 aufgegeben, alle Gebäude abgerissen und die Insel sich selbst überlassen. 12 Jahre später wurde die Norfolkinsel zum Gefängnis für Schwerstkriminelle, und die Gefangenen mussten unter extremsten Bedingungen arbeiten; die Todesrate war hoch. Als die Berichte über die Verhältnisse an die Öffentlichkeit in England drangen und die freie Bevölkerung der Norfolk Isle protestierte, wurde die Strafanstalt im Mai 1855 geschlossen.

Tasmanien[Bearbeiten]

Die erste Besiedlung Tasmaniens erfolgte ausgehend von Sydney unter der Leitung von Lieutenant John Bowen. Er traf im September 1803 ein und gründete an einem Seitenarm des Derwent River die erste Siedlung, Risdon Cove. In seiner Begleitung befanden sich 94 Strafgefangene und Soldaten. Im Februar 1804 kamen nochmals über 200 Gefangene und Militärs direkt von England. Sie errichteten am gegenüberliegenden Ufer des Derwent die Siedlung Sullivan’s Cove, das spätere Hobart und einen weiteren Ort.

Tasmanien war 1825 zur selbständigen Kolonie ernannt worden und es wurden jährlich 4.000 Sträflinge auf die Insel verbracht. Die Ansiedelungen und die Gefängnisanstalten waren überfüllt. Die Sträflinge waren in der Überzahl auf der Insel und trieben sich in Tasmanien herum, plünderten, brandschatzten und begingen am hellen Tage Verbrechen. Sicherheit und Ordnung waren außer Kraft gesetzt. England wollte mit dem Transport von Tasmanien nach New South Wales beginnen. Als ein Schiff mit Sträflingen in Sydney einlief, versuchte die Bevölkerung die Ausladung zu verhindern, aber Siedler im Landesinnern nahmen diese auf, und aufgrund der Proteste wurden am 25. Juni 1851 in New South Wales die Transaktionen beendet und New South Wales aus der Liste der Strafkolonien gestrichen. Die Verschickung von Sträflingen nach Tasmanien wurde 1854 gänzlich beendet.[17]

Westaustralien[Bearbeiten]

In Westaustralien gab es seit 1829 eine europäische Siedlung am Schwanenfluss mit etwa 5.000 Personen, die wegen Arbeitskräftemangels Sträflinge anforderte, und der erste Transport erfolgte 1850. Aber auch hier wurde der Transport nach Protesten der Bevölkerung kurz darauf beendet.

Gesamtzahl der Sträflinge[Bearbeiten]

Von 1787 bis 1838 waren insgesamt 79.000 Sträflinge nach Australien verschickt worden, 43.506 Männer und 6.791 Frauen nach New South Wales, 24.785 Männer und 2.974 Frauen nach Tasmanien.[18]

Das letzte Sträflingsschiff war die Hougoumont, ein 875-Tonnen-Schiff, das England am 12. Oktober 1867 verließ und Fremantle am 9. Januar 1868 mit 108 Passagieren und 279 Sträflingen erreichte. Auf der Reise war ein Sträfling verstorben.[19]

Die Sträflingsdeportation von Großbritannien nach Australien wurde am 26. Juni 1857, als England das "Transportation Law" aufhob, rechtlich beendet. Insgesamt waren mehr als 134.000 Gefangene dorthin verbracht worden.[20]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Gefangene in Australien – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Phillip: Strafkolonie. S. 24.
  2. Phillip: Strafkolonie. S. 28
  3. Phillip: Strafkolonie. S. 33
  4. Albrecht Hagemann: Kleine Geschichte Australiens. C. H. Beck Verlag, München 2004, ISBN 3-406-51101-5. In Teilen auf Google Books
  5. Phillip: Strafkolonie. S. 37 f.
  6. Phillip: Strafkolonie. S. 44
  7. Phillip: Strafkolonie. S. 101
  8. Phillip: Strafkolonie. S. 63 u. 73
  9. http://www.historyaustralia.org.au/ifhaa/ships/2ndfleet.htm Informationen auf www.historyaustralia.org.au
  10. Liste der Sträflinge
  11. Phillip: Strafkolonie. S. 176
  12. Phillip: Strafkolonie. S. 161 f.
  13. Phillip: Strafkolonie. S. 167
  14. Phillip: Strafkolonie. S. 174 ff.
  15. Phillip: Strafkolonie. S. 147
  16. Phillip: Strafkolonie. S. 82 ff.
  17. Phillip: Strafkolonie. S. 189
  18. Phillip: Strafkolonie. S. 188
  19. Convicts to Australia. Abgerufen am 2. Juli 2010
  20. Phillip: Strafkolonie. S. 190