Strachotín

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Strachotín
Wappen von Strachotín
Strachotín (Tschechien)
Paris plan pointer b jms.svg
Basisdaten
Staat: Tschechien
Region: Jihomoravský kraj
Bezirk: Břeclav
Fläche: 1419 ha
Geographische Lage: 48° 54′ N, 16° 40′ O48.90305555555616.6675170Koordinaten: 48° 54′ 11″ N, 16° 40′ 3″ O
Höhe: 170 m n.m.
Einwohner: 805 (1. Jan. 2014) [1]
Postleitzahl: 690 02 - 692 01
Kfz-Kennzeichen: B
Verkehr
Straße: Hustopeče - Mikulov
Struktur
Status: Gemeinde
Ortsteile: 1
Verwaltung
Bürgermeister: Pavel Matýšek (Stand: 2008)
Adresse: Osvobození 87
693 01 Strachotín
Gemeindenummer: 584916
Website: www.strachotin.cz
Kirche St. Ulrich, Cyrill und Method

Strachotín (deutsch Tracht) ist eine Gemeinde im Okres Břeclav im Jihomoravský kraj, Tschechien und liegt 6 km nördlich von Mikulov. Der Ort ist als ein Halbkreisangerdorf angelegt.

Geographie[Bearbeiten]

Der Ort liegt direkt am Stausee bei der Talsperre Neumühl III. Die Nachbarorte sind im Süden Unterwisternitz, im Westen Pausram, im Osten Schakwitz und im Norden Poppitz.

Geschichte[Bearbeiten]

1051 war eine Erste Ansiedlung, sie wurde 1174 und 1178 urkundlich als befestigte Anlage erwähnt und 1334 als Markt genannt im Haus Liechtenstein. Die bairisch-österreichische ui-Mundart (Dialekte) mit ihren speziellen Kennwörtern, wie Bui, Huit (Bub, Hut), weist auf eine Besiedlung durch bairische Stämme hin, die nach 1050, aber vor allem im 12./13. Jahrhundert erfolgte.[2] im Urbar des Jahres 1414 wird Tracht als bedeutendster Markt in der Liechtensteinischen Herrschaft erwähnt. Im Jahre 1536 wird die Pfarre aufgelöst und kommt bis 1785 zu Unterwisternitz Ein Besitzerwechsel war 1575 an Adam von Dietrichstein. Ab 1582 gab es zwei Jahrmärkte mit Pferdemarkt und einen Wochenmarkt, welcher von Rudolf II. gewährt wurde. Ebenso erhielt Tracht eine Bergrechtsordnung und eine eigene Gerichtsbarkeit. Während der Reformation entstand eine Brüdergemeinde der Täufer. Diese wurden jedoch im Jahre 1622 aus Mähren ausgewiesen. Die meisten Täufer zogen nach Siebenbürgen weiter.[3] Im Dreißigjährigen Krieg wird der Ort im Jahre 1619 nach einem Gefecht auf der Peterwiese geplündert und niedergebrannt. Matriken gab es seit 1657, die jedoch in den Kriegswirren 1945 verbrannt sind. 1663 unter Rudolf von Teuffenbach wurde er von den Türken gepeinigt und 1680 von der Pest betroffen. 1727 wütete ein Brand, wobei fast der ganze Ort mit Kirche und Turm abbrannte. Ab 1729 wurde die eigene Gerichtsbarkeit des Orts aufgehoben, wobei der Pranger des Ortes bis 1833 daran erinnerte. Grundbücher werden seit 1785 geführt.

Während der Napoleonischen Kriege wird der Ort in den Jahren 1805 und 1809 von französischen Truppen heimgesucht. 1818 brannten 105 Häuser, 1827 und 1898 waren es je 40 Häuser. Die im Deutsch-Österreichischen Krieg von preußischen Soldaten eingeschleppte Cholera forderte im Jahre 1866 68 Menschenleben im Ort. Im Jahre 1887 wurden die Marktrechte von Tracht erneut bestätigt. Zum Großteil lebte die Bevölkerung von der Landwirtschaft. Aufgrund des günstigen Klimas konnten neben verschiedenen Getreidearten auch Zuckerrüben, Luzerne, Kartoffeln, Gurken, Bohnen, Zwetschgen, Weichseln, Kirschen, Nüsse, Pfirsiche, Marillen, Äpfel und Birnen in großen Mengen angebaut werden. Auch wurde der in Südmähren seit Jahrhunderten gepflegte Weinbau im Ort betrieben. Durch die Reblausplage um 1864 wurden der Weinstockbestand fast vollständig vernichtet. Bis 1945 erholte sich der Bestand jedoch langsam.[4] Ebenso bestanden in Tracht neben einem florierenden Kleingewerbe eine Raiffeisenkassa und eine Milchgenossenschaft. Die großen Wald- und Seeflächen innerhalb des Gemeindegebietes ermöglichten den Einwohnern eine reiche Jagd und Fischfang. Die Gründung einer Freiwilligen Feuer- und Wasserwehr erfolgte im Jahre 1895.

Nach dem Ersten Weltkrieg zerfiel der Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn. Durch den Vertrag von Saint-Germain[5] wurde Tracht zum Bestandteil der neuen Tschechoslowakei. Die Bewohner von Tracht waren 1910 fast ausschließlich Deutschsüdmährer. In der Zwischenkriegszeit kam es durch neue Siedler und die Neubesetzung von Beamtenposten zu einem vermehrten Zuzug von Personen tschechischer Identität.[6] Der große Teil des herrschaftlichen Landgutes, welches während der Landreform aufgeteilt werden sollte, wird an einen Tschechen verkauft. Das Hochwasser 1926 verursacht bedeutenden Schaden. Die Elektrifizierung des Ortes erfolgte im Jahre 1929. Nach dem Münchner Abkommen rückten am 8. Oktober 1938 deutsche Truppen im Ort ein. Zwischen 1938 und 1945 gehörte er zum Reichsgau Niederdonau.

Im Zweiten Weltkrieg hatte der Ort 49 Opfer zu beklagen. Am 16. April 1945 wurde der Ort von der Roten Armee besetzt, dabei kamen drei Einwohner zu Tode. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kam die Gemeinde wieder zur Tschechoslowakei zurück. Um den einsetzenden Exzessen und Drangsalierungen durch militante Tschechen zu entgehen, flüchteten ungefähr 50 bis 60 Deutschsüdmährer über die nahe Grenze nach Österreich. 788 Ortsbewohner wurden ins Auspitzer-Lager verbracht. Die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges nahmen am 2. August 1945 im Potsdamer Protokoll, Artikel XIII, zu den wilden und kollektiv verlaufenden Vertreibungen der deutschen Bevölkerung konkret nicht Stellung. Explizit forderten sie jedoch einen „geordneten und humanen Transfer" der "deutschen Bevölkerungsteile", die „in der Tschechoslowakei zurückgeblieben sind“. [7] Die Zwangsaussiedlung der Deutschsüdmährer aus Tracht erfolge 1946 nach Westdeutschland. 18 Personen verblieben im Ort. Alles private und öffentliche Vermögen der deutschen Ortsbewohner wurde durch das Beneš-Dekret 108 konfisziert. Die katholische Kirche in der kommunistischen Ära enteignet. Eine Restitution ist seitens der Tschechischen Republik nicht erfolgt.

Von den Vertriebenen verblieben ungefähr 20 % in Österreich, die restlichen 80 % wurden nach Deutschland weiter transferiert.[8] Je vier Familien wanderten in die USA, zwei nach Kanada und je eine nach Schweden und Australien aus.[9] Die Ortschaft wurde weitgehend neu besiedelt.

Wappen und Siegel[Bearbeiten]

Ein Ortssiegel ist aus dem Jahre 1583 überliefert. Es zeigt ein Renaissanceschild, darinnen ein Aststück mit einer aufrecht stehenden Eichel, die vorne von einem Winzermesser, hinten von ein Pflugmesser beseitet ist. Dieser Siegel muß nach dem Dreißigjährigen Krieg in Vergessenheit geraten sein, denn die Siegel des 18. und 19 Jh. zeigen andere und wechselnde Bilder: Während ein Barocksiegel zwei gekreuzte Eichenzweige mit abwärtshängenden Eicheln und darüber ein Pflugeisen zeigt, siegelte der Markt im Maria-Theresianischen Kataster von 1749 mit einem Siegel, das innerhalb der Umschrift "TRACHT IN SIGILLUM" das Bild der Muttergottes enthält. Wenig später hat sich die Marktgemeinde wieder ein neues Siegel zugelegt: Die Umschrift zwar blieb unverändert, das Siegelfeld aber zeigt über einer Pflugschar ein senkrecht stehendes Pflugmesser, hinter dem sich zwei Zweige mit Eicheln kreuzen. Erst nach der Erneuerung der Marktrechte 1887 kam man wieder auf das älteste nachweisbare Siegelbild zurück.[10]

Einwohnerentwicklung[Bearbeiten]

Volkszählung Häuser Einwohner insgesamt Volkszugehörigkeit der Einwohner
Jahr Deutsche Tschechen andere
1793 108 608      
1836 132 780      
1869 171 875      
1880 183 974 950 19 5
1890 195 1127 1096 25 6
1900 202 1049 974 64 11
1910 205 1010 988 22 0
1921 209 1004 898 84 22
1930 224 923 829 76 18
1939   828      
1945   806      
Quelle: 1793, 1836, 1850 aus: Frodl, Blaschka: Südmähren von A-Z. 2006
Sonstige: Historický místopis Moravy a Slezska v letech 1848–1960, sv. 9. 1984

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten]

  • Pfarrkirche hl. Ulrich, 1582 auf Resten aus dem 13. Jh., 1789 erweitert, Turm 1753, erhöht 1791; Hochaltar von Franz Anton Maulpertsch.
  • Hl. Johannes von Nepomuk, 1735, Hl. Florian 1833, Muttergottes 1889, Friedhofkreuz 1886. *Kriegerdenkmal (1925)
  • Rathaus (1927)
  • Kindergarten (1933)
  • Schule (1584), Neubau 1804, Umbau 1861, ab 1862 zweiklassig, 1886 dreiklassig. 1922-1938 Tschechische Minderheitsschule im Gemeindehaus.
  • Jahrmärkte, (seit 1887) Am Mittwoch 1) vor Josef (19.3.), 2) vor Johannes d. Täufer (24.6.), 3) vor Bartholomäus (24.8.), 4) vor Elisabeth (25.11.).

Söhne und Töchter der Gemeinde[Bearbeiten]

  • Wolfgang Eduard Pauker (* 14. Dezember 1867; † 9. Jänner 1950 in Klosterneuburg), Priester, Kunsthistoriker und Schriftsteller.
  • Anton Rieß (* 19. August 1883; † 10. Mai 1944 in Altlichtenwarth), Heimatforscher

Weiterführende Literatur[Bearbeiten]

  • Johann Zabel: Kirchlicher Handweiser für Südmähren. 1941, Generalvikariat Nikolsburg, Tracht S. 20.
  • Ilse Tielsch-Felzmann: Südmährische Sagen. 1969, München, Verlag Heimatwerk
  • Wenzel Max: Thayaland, Volkslieder und Tänze aus Südmähren. 1984, Geislingen/Steige
  • Hermann Raschhofer, Otto Kimminich: Die Sudetenfrage, ihre völkerrechtliche Entwicklung vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart'.' Olzog München, 1988.
  • Felix Ermacora: Die sudetendeutschen Fragen. Rechtsgutachten. Langen Müller Verlag, 1992, ISBN 3-7844-2412-0.
  • Peter Glotz: Die Vertreibung, Ullstein, Hamburg 2003, ISBN 3-550-07574-X.

Quellen[Bearbeiten]

  • Franz Josef Schwoy: Topographie vom Markgrafthum Mähren. 1793, Tracht S. 423.
  • Gregor Wolny: Die Wiedertäufer in Mähren, Wien 1850
  • Anton Rieß: Der Markt Tracht in Vergangenheit und Gegenwart. 1930
  • Georg Dehio, Karl Ginhart: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler in der Ostmark. 1941, Tracht S. 460.
  • Johann Zabel: Kirchlicher Handweiser für Südmähren. 1941, Generalvikariat Nikolsburg, Tracht S. 20.
  • Willibald Schenk: Kurze Geschichte des Marktes Tracht. 1952
  •  Alfred Schickel, Gerald Frodl: Geschichte Südmährens. Band 3. Die Geschichte der deutschen Südmährer von 1945 bis zur Gegenwart. Südmährischer Landschaftsrat, Geislingen an der Steige 2001, ISBN 3-927498-27-0, S. 212, 415, 421-422 (Tracht).
  • Felix Bornemann: Kunst und Kunsthandwerk in Südmähren. 1990, Tracht S. 36.
  • Bruno Kaukal: Die Wappen und Siegel der südmährischen Gemeinden. 1992 Tracht S. 225.
  • Gerald Frodl, Walfried Blaschka: Kreis Nikolsburg von A–Z. 2006, Tracht S. 185.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Strachotín – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Beleg[Bearbeiten]

  1. Český statistický úřad – Die Einwohnerzahlen der tschechischen Gemeinden vom 1. Januar 2014 (PDF; 504 KiB)
  2. Leopold Kleindienst: Die Siedlungsformen, bäuerliche Bau- und Sachkultur Südmährens, 1989, S. 9.
  3. Längin: Die Hutterer. 1986, S. 237.
  4. Hans Zuckriegl: Ich träum' von einem Weinstock. Kapitel 7, S. 263.
  5. Felix Ermacora: Der unbewältigte Friede: St. Germain und die Folgen; 1919 -1989. Amalthea Verlag, Wien/ München 1989, ISBN 3-85002-279-X.
  6. Johann Wolfgang Brügel: Tschechen und Deutsche 1918 – 1938. München 1967
  7. Charles L. Mee: Die Potsdamer Konferenz 1945. Die Teilung der Beute. Wilhelm Heyne Verlag, München 1979. ISBN 3-453-48060-0.
  8. Cornelia Znoy: Die Vertreibung der Sudetendeutschen nach Österreich 1945/46. Diplomarbeit zur Erlangung des Magistergrades der Philosophie, Geisteswissenschaftliche Fakultät der Universität Wien, 1995
  9. Alfred Schickel, Gerald Frodl: Geschichte Südmährens. Band III. Maurer, Geislingen/Steige 2001, ISBN 3-927498-27-0, Tracht S. 212.
  10. Bruno Kaukal: Die Wappen und Siegel der südmährischen Gemeinden. 1992, Tracht S. 225.