Strahlungstransport

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Unter Strahlungstransport versteht man die Beschreibung der Ausbreitung von Strahlung (i.A. Licht als Beispiel Elektromagnetische Strahlung) durch ein Medium. Strahlungstransport spielt vor allem in Bereichen der Astrophysik eine wesentliche Rolle. So basiert die Theorie der Sternatmosphären, die Bildung der Sternspektren oder die Bildung interstellarer Linienspektren auf Strahlungstransport. Weiterhin wird Strahlungstransport auch zum Verständnis von Spektroskopie in vielen weiteren physikalischen (z. B. für Analysen in der Plasmaphysik) und technischen (z. B. bei verschiedenen nichtthermischen Lichtquellen) Bereichen benötigt. Eine große Rolle spielt der Strahlungstransport auch für den Treibhauseffekt der Erdatmosphäre.

Der Prozess[Bearbeiten]

Wenn sich elektromagnetische Strahlung in einem Medium ausbreitet (ganz gleich ob in der Photonen-Betrachtung oder Feldbetrachtung), wird sie von dem Medium (insbesondere von dessen Atomen und Ionen) absorbiert, gestreut oder kann das Medium verlassen. Diese Prozesse bzw. die Beschreibung dieser Prozesse nennt man Strahlungstransport. Bei diesem Prozess wird die Strahlung verschiedener Wellenlänge je nach den Eigenschaften des Mediums (insbesondere dessen Atomen und Ionen) verschieden beeinflusst. Ziel einer Strahlungstransportrechnung ist es, das austretende Licht (entweder als ganzes Spektrum oder einzelne Spektrallinien) bzw. das Strahlungsfeld im Inneren des Mediums zu berechnen; entweder um ein Spektrum vorherzusagen, oder um Rückschlüsse auf die Zusammensetzung des Mediums zu gewinnen.

Strahlungstransport-Rechnungen im eigentlichen Sinne berücksichtigen die Wirkung der Strahlung auf das Medium nur eingeschränkt. So wird z. B. die Energiedeposition im Medium (das heißt dessen Erwärmung) durch Absorption im Strahlungstransport explizit genau so wenig behandelt wie die Kühlung bei vorherrschender Emission aus dem Medium. Nutzt man nicht andere physikalische Gesetze, um diese Effekte mit einzubeschließen, geht man davon aus, dass andere Prozesse (z. B. Konvektion oder Wärmeleitung) die Temperaturstruktur im Medium trotzdem konstant halten. Eine physikalisch vollständigere Simulation beinhaltet daher neben Energieerhaltung und anderen physikalischen Gesetzen den Strahlungstransport als einen Teil des umfassenderen Modells.

Die Strahlungstransportgleichung[Bearbeiten]

Das Fundament des Strahlungstransports bildet die Strahlungstransportgleichung. Sie verknüpft die Strahlungsdichte L mit dem Absorptionskoeffizienten \kappa, dem Streukoeffizienten \sigma und der Emissionsleistung j des zu passierenden Materials. Dabei hängen die Absorptions– und Streukoeffizienten, sowie die Emissionsleistung u. a. von der Dichte und der Temperatur des Materials ab. In der Astrophysik, wie in den folgenden Gleichungen, wird jedoch die Strahlungsdichte L normalerweise mit spezifische Intensität I bezeichnet.

In einer einfachen eindimensionalen, zeitunabhängigen Form lautet sie :

 \frac{{\rm d}I}{{\rm d}z} = -(\kappa + \sigma) I + j

In einer sehr allgemeinen Form lautet sie entlang der Richtung \vec{n}

 \left[\frac{1}{c}\frac{\partial}{\partial t} + (\vec{n}\cdot\nabla)\right]I = -(\kappa + \sigma) I + j
Eigenschaften 

Da die Emissionsleistung des Materials teilweise von Streuung hervorgerufen wird, und da die Streuung ihrerseits ein Integral über die zu berechnende spezifische Intensität ist, ist die Strahlungstransportgleichung eine Integro-Differentialgleichung.

Herleitung 

Üblich ist es, die Strahlungstransportgleichung entweder zu postulieren oder aus einem Boltzmann-Transport Formalismus für Photonen herzuleiten[1]. Letztendlich muss aber dann postuliert werden, dass Photonen Transport durch die Boltzmann-Gleichung beschrieben werden kann. Alternativ kann man die zeitunabhängige Strahlungstransportgleichung aus den Maxwell-Gleichungen herleiten, wenn man die mikrophysikalischen Eigenschaften von beliebig geformten und beliebig orientierten, sowie unabhängig streuenden Teilchen ausnutzt [2].

Lösung der Strahlungstransportgleichung[Bearbeiten]

Analytisch lässt sich zwar eine sog. formale Lösung der Strahlungstransportgleichung angeben. Diese ist aber nur für Spezialfälle in eine echte, brauchbare Lösung ausformulierbar.

Die numerische Lösung der Strahlungstransportgleichung ist i.A. sehr aufwendig. Das modernste und stabilste Verfahren ist die sog. „Accelerated Lambda Iteration“. Mathematisch entspricht dies einem Gauß-Seidel-Verfahren. Für dreidimensionale Systeme und einfache Absorptionseigenschaften lässt sich das Strahlungstransportproblem auch mit Monte-Carlo-Simulationen lösen. Ein speziell in den Ingenieurwissenschaften bewährtes Verfahren für dreidimensionale Systeme mit beliebigen Eigenschaften ist die ursprünglich zur Lösung der Boltzmann-Gleichung entwickelte Diskrete Ordinaten-Methode[3].

Grenzfälle[Bearbeiten]

  • Für monochromatisches Licht und im Vergleich zu dessen Intensität vernachlässigbarer Wärmestrahlung geht die Lösung der eindimensionalen Strahlungstransportgleichung in das Lambert-Beersches Gesetz über.
  • Im Inneren von Sternen gilt die so genannte Diffusionsnäherung für den Strahlungstransport. Mit ihrer Hilfe lässt sich dann die zur Leuchtkraft integrierte Strahlungsdichte als  L(r) = - \frac{4\pi a c r^2}{3\kappa} \frac{dT^4}{dr} ausdrücken.
  • Für dreidimensionale Anordnungen stellen auch bestimmte Raytracing-Algorithmen (siehe Volumengrafik oder Volumenstreuung) eine angenäherte Lösung des Strahlungstransportproblems dar.

Probleme des Strahlungstransports heute[Bearbeiten]

3D-Strahlungstransport 
Dreidimensionale, numerische Simulationen sind sehr speicher- und rechenintensiv; insbesondere, wenn detaillierte Spektren berechnet werden sollen.
Neutrino-Strahlungstransport 
Der Durchgang von Neutrinos durch ein Medium kann analog zum Durchgang von Photonen ebenfalls als Strahlungstransportproblem behandelt werden. Neutrino-Strahlungstransport spielt bei Supernova-Explosionen eine zentrale Rolle.
Strahlungshydrodynamik 
In Fällen, in denen die Energie der Strahlung vergleichbar, oder größer als die interne Energie des Mediums ist, wird die Hydrodynamik entscheidend durch die Strahlung beeinflusst. Numerische Simulationen solcher Situationen müssen daher auch den Strahlungstransport angemessen berücksichtigen.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Dimitri Mihalas, Barbara Weibel Mihalas: Foundations of Radiation Hydrodynamics. Dover Publications, 2000 ISBN 0486409252
  • Subrahmanyan Chandrasekhar: Radiative Transfer. Dover Publications, 1960 ISBN 0486605906
  • Dimitri Mihalas: Stellar Atmospheres. W H Freeman & Co. 1978 ISBN 0716703599 (Standardwerk, nicht mehr im Druck)
  • Albrecht Unsöld: Physik der Sternatmosphären mit besonderer Berücksichtigung der Sonne. Springer-Verlag, 1955 (Standardwerk, nicht mehr im Druck)
  • Rob Rutten: Radiative Transfer in Stellar Atmospheres. Online verfügbares Lehrbuch (PDF)
  • H. Scheffler, H. Elsässer: Physik der Sterne und der Sonne. Wissenschaftsverlag, 1990 ISBN 3-411-14172-7

Detailliteratur und Quellen[Bearbeiten]

  1. Joachim Oxenius: Kinetic Theory of Particles and Photons. Springer-Verlag, 1986 ISBN 038715809X
  2. Mishchenko, Applied Optics, 41, 2002, p. 7114-34
  3. B. G. Carlson, K. D. Lathrop: "Transport Theory: The Method of Discrete Ordinates", Computing Methods in Reactor Physics, Argonne National Laboratory, 1968