Strand (Insel)

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Alt-Nordstrand auf der Karte von Johannes Blaeu, 1662. Die alten Umrisse (Situation um 1620) sind noch eingezeichnet, ein Großteil der Insel aber schon als unter Wasser liegend gekennzeichnet.
Die heutigen Überreste der ehemaligen Insel Strand mit der Lage von Rungholt

Strand (auch Alt-Nordstrand) war eine Insel im nordfriesischen Wattenmeer, die in ihrer kartographisch bekannten Gestalt bei Sturmfluten im 14. Jahrhundert entstand und in der Burchardiflut 1634 auseinandergerissen wurde.

Inhaltsverzeichnis

Entstehung der Insel [Bearbeiten]

Vor der Flutkatastrophe in der Mitte des 14. Jahrhunderts war Strand Teil der zum Herzogtum Schleswig gehörigen friesischen Uthlanden. Das Waldemar-Erdbuch von 1231 nennt fünf Harden, die Beltringharde, die Edomsharde, die Pellwormharde und die Wiriksharde sowie die südöstlich liegende Lundenbergharde. Gemeinsam mit Föhr, das damals bei Ebbe noch zu Fuß erreichbar war, gehörten sie zu einer Propstei des Bistums Schleswig.

Bei mehreren schweren Sturmfluten im 14. Jahrhundert – als besonders schrecklich galt die Zweite Marcellusflut oder Grote Mandränke von 1362 – wurde das Land weitgehend überflutet, der Heverstrom grub sich vom Süden her tief ins Land. Besonders schwer traf es die Edomsharde, in der zahlreiche Kirchspiele, darunter Rungholt, zerstört wurden. Sämtliche bewaldete Gebiete gingen verloren. Die zuvor nur schmalen und flachen Wattströme zwischen den einzelnen Landstücken wurden tief ausgespült. Aus den Resten des Landes entstand die Insel Alt-Nordstrand. Sie war von einer große Anzahl Halligen umgeben, im Süden nahe von Rungholt Südfall, Nübel und Nieland, nördlich der Insel entstand eine ganze Kette der unbefestigten kleinen Eilande. Die Lundenbergharde wurde zerschnitten und der größere Teil in den folgenden Jahren durch Eindeichungen mit dem Festland verbunden. Nur der Hauptort Morsum und zwei kleinere Dörfer blieben bei Nordstrand.

In den folgenden Jahrhunderten gelang die Wiedergewinnung einzelner überfluteter Landstriche und mehrere Kirchspiele konnten wieder aufgebaut werden. 1551 wurde die bei der Allerheiligenflut 1436 abgerissene Pellwormharde wieder mit dem Rest von Strand verbunden. Doch alle Versuche, Strand wieder mit dem Festland zu verbinden, scheiterten. Stattdessen verbreiterte der Heverstrom den Sund, weshalb immer wieder ganze Dörfer samt Kirchen landeinwärts versetzt werden mussten. Die Halligen blieben ganz unbedeicht, viele gingen in späteren Sturmfluten wieder unter. Steuerlisten des Bistums belegen zum Teil große Landverluste im 15. und 16. Jahrhundert.

Politische Ereignisse [Bearbeiten]

1423 schlossen drei Strander Harden Pellworm-, Beltring- und Wiriksharde gemeinsam mit den Föhrer Harden, Sylt, der Wieding- und der Bökingharde die Siebenhardenbeliebung.

1528 wurde auf Nordstrand, vermittelt durch einige Strander, die in Wittenberg studiert hatten, die Reformation eingeführt. Der erste evangelische Prediger war 1525 Jürgen Boie an der Alten Kirche von Pellworm. Es wurden mehrere Schulen gegründet, so dass die Strander recht gebildet waren. Um 1600 gab es nur wenige Analphabeten und 14 der etwa 25 Prediger der Insel waren im Land geboren. Sie galten aber als stur, streitsüchtig und nur auf das Wohl der eigenen Familie bedacht.[1]

Bei der Landteilung 1544 fiel Nordstrand an Herzog Johann von Schleswig-Holstein-Hadersleben. Herzog Hans hielt sich häufig auf der Insel auf, kümmerte sich persönlich um die Verbesserung des Küstenschutzes und gab 1555 der Insel eine eigene Kirchenordnung und 1557 das Spadelandsrecht. Das Nordstrander Landrecht von 1572 übernahm größtenteils die Normen der Siebenhardenbeliebung, schaffte aber darüber hinaus die Pflicht zur Blutrache ab. Es blieb bis 1900 bestehen. Nach Herzog Hans' Tod fiel Nordstrand 1581 an seinen Bruder Adolf und damit an Schleswig-Holstein-Gottorf.

1593 wurden die Harden der Landschaft Nordstrand neu eingeteilt, wobei die Reste der stark geschrumpften Lundenberg- und Wiriksharde den drei verbliebenen Harden einverleibt wurden.

Während des Dreißigjährigen Krieges setzten sich die Strander gegen ihren Herzog Friedrich III. und die Zwangseinquartierung kaiserlicher Truppen zur Wehr. Sie argumentierten mit ihren hohen Kosten für den Küstenschutz, die eine zusätzliche Belastung durch fremde Soldaten nicht zulasse. Obwohl Strand zu Schleswig-Holstein-Gottorf gehörte, huldigten die Strander 1629 bei Gaikebüll dem dänischen König Christian IV. Mit dessen Unterstützung schlugen sie zuerst sowohl ein kaiserliches und dann ein herzogliches Heer zurück, wurden jedoch schließlich vom Herzog besiegt. Die Instandhaltung der Deiche litt unter diesen Kämpfen.

Das Leben um 1600 [Bearbeiten]

Die Insel war um 1600 durch Seedeiche ringsum gesichert und in mehrere Köge geteilt. Matthias Boetius, Pastor der Strander Gemeinde Eversbüll, nannte 1623 die Insel Strand im Gegensatz zu Südstrand, den landfest gemachten Resten der Lundenbergharde, Nor(d)strandia. In seinem kleinen Buch De Cataclysmo Norstandico beschrieb er sie als flach, morastig und baumlos. Als Brennmaterial wurde daher Heidekraut und Torf verwendet.[2] Holz als Baumaterial musste von weither eingeführt werden. Letzteres bedeutete große Schwierigkeiten bei der Beschaffung der für die damals üblichen Stackdeiche notwendigen Holzmengen. Schon damals lag das Land nämlich bis auf den wenige erst kurz zuvor eingedeichte Köge wie der Amsinckkoog und das Moor im Norden der Insel tiefer als der Meeresspiegel bei Flut. Wenn es bei Sturmfluten zu Deichbrüchen kam, hatten diese daher oft zur Folge, dass das Land bis zur endgültigen Reparatur der Deiche bis hin zum nächsten Mitteldeich zweimal täglich überschwemmt wurde. Die Folge waren tiefe Ausschwemmungen und mehrjährige Ernteausfälle.

Trotzdem galt Strand als fruchtbar und wohlhabend. Boetius' Zeitgenosse, der Odenbüller Pastor Johannes Petersen (oder Peträus) schwärmte von den reichen Erträgen der gedüngten Moorböden und des fruchtbaren Klei. Außer dem Getreideanbau waren Ochsenmast und Milchwirtschaft wichtige Wirtschaftszweige.[3] Daneben wurde Salz aus Salztoft gewonnen, was zwar den Wohlstand der Einwohner mehrte, jedoch das Land innerhalb der Deiche weiter absinken ließ. Die Erträge wurden von mehreren kleinen Häfen aus exportiert.

Die Katastrophe [Bearbeiten]

Im 16. und 17. Jahrhundert wurde Strand zusätzlich zur Pest, die von 1598 bis 1603 und wieder 1630 wütete, von mehreren schweren Sturmfluten getroffen, die schließlich zu seinem Untergang führten. Als besonders schlimm schildert Boetius die Allerheiligenflut 1532, bei der es zu elf Deichbrüchen kam und 1500 Menschen ertranken, und die große Schadensflut von 1615, die drei Kirchen zerstörte und fast das gesamte Gebiet zwischen den heutigen Inseln Pellworm und Nordstrand überspülte. Erst drei Jahre später gelang es, die Deichbrüche wieder zu schließen, obwohl der Herzog großzügige Darlehen vergeben hatte und mit Johann Clausen Rollwagen seinen fähigsten Mann zum Deichgrafen ernannt hatte. Die Kirchen von Ilgrof und Stintebüll wurde neu aufgebaut, das dazwischenliegende Kirchspiel Brunock aber aufgegeben. Die Rückzahlung des herzoglichen Kredits bedeutete eine zusätzliche Belastung der Einwohner.

In der Burchardiflut vom 9. bis 11. Oktober 1634 brach die damals 220 km² große Insel auseinander. Das Wasser drang von Süden her in die Rungholter Bucht, durchbrach auch den Moordeich und verschaffte sich damit einen Weg quer durch die Insel. Auch alle anderen Köge wurden überschwemmt. Rund 6400 Bewohner, mehr als zwei Drittel der Einwohner, ertranken, dazu eine unbekannte Anzahl auswärtiger Deich- und Erntearbeiter. 1339 Häuser, 28 Windmühlen und 6 Glockentürme wurden weggetrieben, über 50000 Stück Vieh kamen um, die ganze Ernte ging verloren. Zwischen Ost- und Westteil des ehemaligen Alt-Nordstrands bildete sich der Norderhever. Da das eingedrungene Wasser wegen der tiefen Lage des Landes nicht ablaufen konnte, vielmehr durch die täglichen Tide die Deichbrüche stetig vergrößert wurden, verwandelte sich das überschwemmte Kulturland schnell in Watt. Deshalb waren auf Strand die Landverluste größer als bei den ebenfalls überfluteten Festlandgebieten.

Der Großteil der überfluteten Gebiete konnte nicht wiedergewonnen werden. Nur auf Pellworm gelang es den Überlebenden, die Deiche mit Hilfe holländischer Deichbauer wieder zu befestigen und bis 1637 vier Köge zurückzugewinnen. Sie mussten dafür allerdings viel Land an die Holländer verkaufen. Der Rest des Landes blieb über 20 Jahre lang dem Meer ausgesetzt. 18 Kirchspiele mussten aufgegeben werden. Einwohner, die zunächst auf ihren Warften ausgeharrt und vergeblich die Wiedereindeichung versucht hatten, wurden zur Abwanderung gezwungen, denn obwohl Herzog Friedrich III. zwar 1635 die Landflucht verbot, stellte er keine Unterstützung zur Verfügung. Auch an mehreren zunächst stehengebliebenen Kirchen wurde bis 1640 der Gottesdienst eingestellt. Die durch die tägliche Umspülung bald baufälligen Gebäude wurden abgebrochen, gerettetes Inventar an andere Kirchen verkauft. So gelangte die von "Hertoch Hans" und Jürgen Boie 1562 gestiftete Glocke von Buphever nach Osterhever, die Evensbüller Kanzel kam nach Ockholm, der Altar von Rörbek nach Bordelum. Bereits 1642 schufen Johannes Heimreich, der Vater des Chronisten Anton Heimreich, und der Landschreiber Novogk eine neue Verwaltungsordnung, nach der als einzige Verwaltungseinheit die Pellwormharde blieb. Die Edomsharde war bis auf Odenbüll, heute Nordstrand, untergegangen. Von der Beltringharde war kein Kirchspiel übriggeblieben. Auch die meisten Halligen, die nach der Flut noch aus dem Wasser ragten, wurden in den folgenden Jahrzehnten wieder abgetragen. Nur der erst wenige Jahre zuvor gewonnene Hamburger Koog blieb als Hamburger Hallig bestehen.

Während sich einige Überlebende auf dem Moor, der heutigen Hallig Nordstrandischmoor, und den Halligen Gröde, Langeneß und Hooge ansiedelten, wo nun auch Kirchen gebaut wurden, verließen viele das Land, dessen Wiedergewinnung sie aus eigenen Kräften nicht leisten konnten, und wanderten nach Holland oder in die Uckermark aus. Laut dem Bericht des Gaikebüller Prediger Matthias Lobedantz blieben nur 400, höchsten 1000 Menschen übrig.[4] Spätestens der Oktroy von Herzog Friedrich III., der Deicharbeiter aus Brabant anwarb, um aus den Überresten der Edomsharde neue oktroyierte Köge zu gewinnen, verdrängte die friesische Bevölkerung von Nordstrand. Der Dialekt der Insel, das Strander Friesisch, in dem einige der frühesten erhaltenen schriftlichen Zeugnisse der nordfriesischen Sprache verfasst sind, starb aus.

Literatur [Bearbeiten]

  • Matthias Boetius: De Cataclysmo Norstandico; 1623
  • Boy Hinrichs / Albert Panten / Guntram Riecken: Flutkatastrophe 1634. Natur Geschichte Dichtung; Karl Wachholtz Verlag, Neumünster 1991 (2. Aufl.) ISBN 3-529-06185-9
  • Hans Nicolai Andreas Jensen: Versuch einer kirchlichen Statistik des Herzogthums Schleswig: Enthaltend die Propsteien Tondern, Husum mit Bredstedt, und Eiderstedt; Flensburg 1841; S. 643-667

Weblinks [Bearbeiten]

Einzelnachweise [Bearbeiten]

  1. Johannes Peträus († 1602), zit. nach Albert Panten: Das Leben in Nordfriesland um 1600 am Beispiel von Nordstand; in: Hinrichs / Panten / Riecken: Flutkatastrophe 1634; S. 65-80; S. 70
  2. Boetius: De Cataclysmo Norstandico; S. 15
  3. Panten: Das Leben in Nordfriesland um 1600 am Beispiel von Nordstand; S 67-69
  4. nach Boy Hinrichs: Die Landverderbliche Sündenflut. Erlebnis und Darstellung deiner Katastrophe; in: Hinrichs / Panten / Riecken: Flutkatastrophe 1634; S. 81-105; S. 85

54.5333333333338.7833333333333Koordinaten: 54° 32′ 0″ N, 8° 47′ 0″ O