Das Gespensterschloss (Oper)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Straszny Dwór)
Wechseln zu: Navigation, Suche
Werkdaten
Titel: Das Gespensterschloss
Originaltitel: Straszny Dwór
Originalsprache: polnisch
Musik: Stanisław Moniuszko
Libretto: Jan Chęciński
Uraufführung: 28. September 1865
Ort der Uraufführung: Teatr Wielki (Warschau)
Spieldauer: ≈ 2,5 Stunden
Ort und Zeit der Handlung: Kalinowa, Polen-Litauen, 19. Jh.
Personen
  • Miecznik, Marschall (Bariton)
  • Hanna, dessen Tochter (Sopran)
  • Jadwiga, dessen Tochter (Mezzosopran)
  • Cześnikowa, Frau des Mundschenks (Alt)
  • Stefan, ihr Neffe, Husar (Tenor)
  • Zbigniew, ihr Neffe, Husar (Bass)
  • Maciej, Diener der Neffen (Bariton)
  • Skołuba, Beschließer des Marschalls (Bass)
  • Pan Damazy, ein Rivale (Tenor)
  • Marta (Mezzosopran)
  • Grześ (Bariton)
  • Stara niewiasta/Alte Frau (Mezzosopran)
  • Chłopiec (Sprechrolle)
  • Chor (Junggesellen, Bauernmädchen)

Das Gespensterschloss (polnisch: Straszny Dwór, englisch: The Haunted Manor) ist eine Oper in vier Akten, die 1865 im Teatr Wielki in Warschau uraufgeführt wurde. Das Libretto stammt von Jan Chęciński, die Musik komponierte Stanisław Moniuszko.

Musikgeschichtliche Bedeutung[Bearbeiten]

Die Oper erhielt nach ihrer Uraufführung am Teatr Wielki (Warschau) nur zwei weitere Aufführungen, bevor die Zensur des Russischen Zaren sie verbot: Den Drei Teilungsmächten (Russland, Preußen und Österreich) erschien dieses Werk mit polnisch-patriotischen Untertönen zu gefährlich und für ihre Russifizierungs- bzw. Germanisierungspolitik kontraproduktiv, gerade weil der tragische Januaraufstand der Polen erst 2,5 Jahre zurücklag. Die Oper wurde bis 1914 nicht mehr gespielt.[1]

Sie gilt heute als größte polnische Oper des 19. Jahrhunderts, zugleich als Moniuszkos bestes Werk und ist besonders populär im heutigen Polen.[2][3]

Sie ist außerhalb Polens dennoch kaum bekannt.[4]

Im Jahr 1970 übersetzte Dr. George Conrad das Opernlibretto ins Englische und brachte Straszny Dwór nun in dieser englischen Version unter dem Titel The Haunted Manor zur Aufführung, zusammen mit Opernsängern und der Gesangslehrerin Mollie Petrie. Die Weltpremiere der englischen Version übernahm die University of Bristol Operatic Society im Jahr 1970, welche Aufregung in der sog. Polish expatriate community in England erregte wegen des polnisch nationalistischen Opernstoffes zu einer Zeit, als Polen (nun als Mitglied des Warschauer Pakts) erneut unter sowjetischer Herrschaft stand wie einst, als die Oper erstmals erklang. Es reisten ungewöhnlich viele Polen (der Polonia) nach Bristol, um Beifall zu zollen, was letztlich eine Amateur-Produktion von Universitätsstudenten war. Diese englische Version wurde in England seitdem viele dutzend Male aufgeführt.

Im April 2009 wurde eine neue englische Version geschrieben vom Gründer der Pocket Opera Company, Donald Pippin, unterstützt von der National Endowment of the Arts, und präsentiert von der Pocket Opera in San Francisco.

Charakter[Bearbeiten]

Das Bühnenwerk ist eine polnische Nationaloper, die musikalisch wie inhaltlich das ausdrückt, was die Polen im 19.Jahrhundert durchweg fühlten. Die niederdrückende Realität, dass die eigene Nation von der Landkarte Europas verschwunden war (siehe Teilungen Polens) und der Begriff "Polen" eher ein Idealbegriff, statt eine politische Tatsache war, diese Realität führte dazu, dass nationale Identität nur in künstlerischen Ideen Ausdruck fand. Die Musik Moniuszkos befriedigte die Bedürfnisse des polnischen Publikums. In ihr sahen sie sich wider, mit dem wie sie fühlten und dachten. Deshalb war die polnische Nationaloper bei diesem Publikum mehr als in jedem anderen Land nicht nur Spiegel der politischen Ereignisse, sie ersetzte sie sogar.

Die Oper gewährt einen Einblick in das idyllische Leben eines Herrenhauses genauso wie die idealistische Beschäftigung mit den patriotischen Pflichten des Soldaten, den militärischen Tugenden von Mut, Tapferkeit, der Bereitwilligkeit, die Arme hoch zu krempeln gegen jeden Feind der Nation und der Wichtigkeit der Familienehre. Sie präsentiert in ihren Eröffnungsszenen den offensichtlichen Konflikt zwischen solchen patriotischen Bestrebungen auf der einen Seite, und dem Traum nach einem ruhigen Familienleben, einer Liebe und Heirat eines jeden auf der anderen Seite.

Handlung[Bearbeiten]

Das Herrenhaus der Murzynowski-Familie in Kalinowa, welches Basis des Gespensterschloss-Stoffs ist
Straszny Dwór (S. Moniuszko) aufgeführt im Teatr Wielki, Warschau (22. September 1966)
  • 1. Akt

Im Ritterlager nahe dem Herrenhaus Marschall Mieczniks
Die Brüder Stefan & Zbigniew legen vor ihren Waffengefährten das Gelübde ab, Junggesellen zu bleiben, damit sie nicht durch Gedanken an Frau und Kinder abgelenkt werden, wenn das Vaterland zu den Fahnen ruft (Chor und Duett). Sie verabschieden sich und gehen heim.

Auf dem Gutshof von Stefan & Zbigniew

Bauernmädchen erwarten sie zu Hause. Beide Ritter, Stefan & Zbigniew, erscheinen mit ihrem Diener Maciej und begrüßen das väterliche Haus (Terzett). Tante Cześnikowa fährt mit einer Kalesche vor und eröffnet ihren beiden Neffen Stefan & Zbigniew ihre Heiratspläne, findet bei denen aber kein Gehör (Terzett). Die erzählen ihr von ihrem abgelegten Gelübde und ihrem Plan, die Schuldforderungen einzutreiben. Tante Cześnikowa erschrickt, als sie hört, dass die beiden damit ausgerechnet beim Marschall von Kalinowa beginnen wollen: Dessen Schloss ist nämlich bekannt als „Gespensterschloss“; als Schloss, das mit einem Fluch und Gespenstern belastet ist. Ihre Neffen Stefan und Zbigniew lassen sich davon nicht beeindrucken und brechen auf nach Kalinowa (Finale).

  • 2. Akt

Silvesterabend im Herrenhaus Marschall Mieczniks

Hanna und Jadwiga, die Töchter des Marschalls, und andere Mädchen vertreiben sich am offenen Kamin mit Singen ihre Langeweile, während sie an ihren Webstühlen weiterarbeiten. Hanna fordert Jadwiga auf, fürs neue Jahr das Wahrsagen vorzubereiten (Frauenchor und Dumka).

Zu den Klängen eines Menuetts tritt der Jurist Damazy hinzu. Er trägt keine altpolnische Tracht, sondern zeigt französische Lebensart. Auf der Suche nach einer wohlhabenden Frau hält er Hand an um eine der beiden Schwestern (Duett). Doch die Kerze zur Deutung der Zukunft Hannas und Jadwigas verformte sich zu Helm und Visier. Beide Mädchen und ihr Vater, der Marschall, freuen sich über diese Prophezeiung, Damazy weniger (Quartett). Der Marschall beschreibt Damazy seine Wunschvorstellung eines Schwiegersohns und zeichnet damit gleichzeitig das ideale Bild eines polnischen Bürgers und Patrioten: Mut, Aufrichtigkeit und eine edle Haltung, Gottesfurcht und die Bereitschaft, jederzeit für das Vaterland sein Leben zu opfern (Polonaise-Arie).

Ausgerechnet jetzt fährt Tante Cześnikowa, die Truchsessin, am Schloss vor und berichtet dem Marschall vom Gelübde ihrer beiden Neffen, dass Stefan & Zbigniew also sehr gut passen würden für seine Töchter, sie nur etwas abergläubig und ängstlich seien, nur bei der Erwähnung des Gespensterschlosses schon zurückschreckten.
Der alte Beschließer Skołuba betritt das Zimmer, später überraschend auch die beiden Neffen Tante Cześnikowas. Der Marschall lädt alle ein zum Gastmahl, seine beiden Töchter glauben nun aber nicht mehr, dass Stefan & Zbigniew Junggesellen bleiben wollen (da sie das Schloss betreten haben). Damazy baut darauf, seine Rivalen mit den Gespenstern des Schlosses in Schach halten zu können, und flüstert Skołuba etwas ins Ohr, was der mit heftigem Beifall quittiert (Finale).

  • 3. Akt

Silvester-/Neujahrsnacht im Schlossturm des Herrenhauses

Der alte Beschließer Skołuba hat Stefan, Zbigniew und Maciej ein Nachtlager im Schlossturm eingerichtet, erzählt nun von seltsamen Erscheinungen, die hier auf Fremde warten. Maciej bekommt es mit der Angst zu tun (Arie). Hanna und Jadwiga haben sich beide im selben Raum hinter den Gemälden ihrer Großmütter versteckt. Sie beobachten, wie Maciej in jedem Gegenstand ein Gespenst sieht und wie Stefan & Zbigniew ihn zu beruhigen versuchen. Zbigniew geht mit Maciej in die Kammer nebenan. Stefan nebenan allein beginnt in der mondhellen Nacht zu träumen: Die Gespenster, die hier angeblich ihr Unwesen treiben, deutet er als die Augen der schönen Hanna. Er erinnert sich seines Gelübdes.

Die Uhr schlägt 0.00 Uhr und es ertönt überraschend die Polonaise von Michael Kleophas Oginski Pożegnanie Ojczyzny (Abschied vom Vaterland) als Glockenspiel der Standuhr. Das Lied hatte sein Vater immer angestimmt, als er seine Kinder daran gewöhnte, mit dem Säbel umzugehen. Seit dem Tod der Mutter wurde das Lied aber nicht mehr gesungen (Arie mit Glockenspiel).
Doch auch Zbigniew nebenan in der Kammer findet keinen Schlaf. So begegnen sich beide Brüder nach Mitternacht und gestehen sich ein, dass sie verliebt sind: Stefan in Hanna und Zbigniew in Jadwiga. Die Mädels schließen sich in ihrem Versteck der Junggesellen Träumereien an und verlassen heimlich den Raum (Duett und Quartett).

Was alle nicht wissen ist, dass auch Damazy sich im selben Zimmer hinter der Standuhr versteckt hat und beschloss, den beiden Junggesellen einen Streich zu spielen. Doch er rechnet nicht mit Maciej, der ihn auffliegen lässt. Damazy muss die ganze Situation erklären, da er von ihm nicht verprügelt werden will. Damazy berichtet, dass dieses Schloss einst aufgrund einer „Belohnung für schandbare Dienste“ errichtet werden konnte, also mit Geld für Verrat am polnischen Vaterlande. Stefan & Zbigniew sind bestürzt, fürchten, der Fluch könne sich nun auf sie übertragen und beschließen abzureisen (Finale).

  • 4. Akt

Faschingszug auf Schlitten und mit Musik

Hanna sieht keinen Widerspruch zwischen dem Ehestand und der Pflicht gegenüber dem Vaterland und ist jetzt, nachdem sie vom Junggesellengelübde von Stefan und Zbigniew hörte, total unglücklich (Arie). Hocherfreut kommt Damazy dazu und berichtet Hanna die Abreise Stefans und Zbigniews aus Furcht vor den Gespenstern. Hanna ist tief enttäuscht.

Der Marschall, zornig über die Streiche der vergangenen Nacht, sucht nach den Tätern. Damazy hält es deshalb für klüger, wieder schnell zu verschwinden und erst wiederzukommen, wenn die Rivalen weg sind, damit er dann selbst seine Hochzeit vorbereiten kann. Der Marschall trifft auf die abreisenden Brüder Stefan und Zbigniew und befragt sie nach dem Grund ihrer plötzlichen Abreise. Sie schweigen, zugleich meldet Maciej, dass die Kutsche zur Abfahrt bereit sei. Der Marschall wird zornig, beginnt ihnen Vorhaltungen zu machen wegen ihrer offensichtlichen Feigheit. Da verrät Maciej die Erklärungen Damazys. Der Marschall, über die Verunglimpfung seines Schlosses empört, befiehlt Damazy holen zu lassen, erhält aber von Skołuba nur die Meldung über dessen Abreise.

Von fern hört man das Läuten von Glöckchen, dann sieht man einen Schlitten mit dem verkleideten Damazy vorfahren. Nach einem Krakowiak und einer Mazurka erkennt ihn der Marschall und fordert eine Erklärung, warum Damazy sein Schloss als „Gespensterschloss“ verleumde. Der gibt den wahren Grund zu. Als der Marschall ihm mitteilt, die beiden Männer hätten doch ohnehin keine Heiratsabsichten, beginnt Damazy selbst seine Werbung; Stefan aber warnt ihn, um die Hand Hannas anzuhalten, ebenso Zbigniew, als er sich um Jadwiga bewirbt. Stefan & Zbigniew wird jetzt klar, wie unsinnig ihr Junggesellengelübde war.

Der Marschall will seine Zustimmung zur Vermählung geben, fordert aber alle zuvor auf, die wahre Geschichte des Gespensterschlosses anzuhören. Er erzählt: Vor 100 Jahren hatte sein Großvater neun Töchter. Jedes dieser Mädchen hat einen Ehemann gefunden, aber wenn hier rauschende Hochzeiten gefeiert wurden, alterten hoffnungslos alle heiratsfähigen Jungfrauen im Umkreis, weshalb die Mütter und Tanten aus der Umgebung, die sich vergeblich bemüht hatten, das Schloss Gespensterschloss nannten. Als Stefan & Zbigniew ihre Mädchen in die Arme schließen, kommt Tante Cześnikowa. An ihr rächen sich jetzt Hanna und Jadwiga, indem sie die Melodie des Junggesellengelübdes anstimmen (Finale).

Musik[Bearbeiten]

Die Oper wird gepriesen für einfallsreiche Harmonien, die exzellente Konstruktion von Gruppenszenen, einer zarten aber farbenreichen Instrumentation, einem melodischen Ideenreichtum großer Raffinesse, für den individuellen opernhaften Dramastil des Komponisten, der Integration von polnischen Liedern und Tänzen (Mazurkas, Polonaisen, Warschauer (Varsovienne), Polkas, Dumka und Krakowiaks), und schließlich die betörende polnische Atmosphäre.[5][6]

Film[Bearbeiten]

Eine Film-Adaption gab es unter der Regie von Leonard Buczkowski im Jahr 1936.[7]

Diskografie[Bearbeiten]

  • Straszny Dwór, CD mit Paprocki, Kossowski, Kawecka, Woźniczko, Kostrzewska, Kurowiak, Peter, Mariański, Łukaszek, Chor & Orchester der Poznań Opera, Dirigent: Walerian Bierdajew. Early 1950s
  • Straszny Dwór, CD mit Hiolski, Ładysz, Paprocki, Słonicka, Nikodem. Chor & Orchester der Opera Narodowa, Dirigent: Witold Rowicki. Polskie Nagrania Muza, 1992. PNCD093
  • Straszny Dwór, 4 CDs mit Betley-Sieradzka, Baniewicz, Nikodem, Ochman, Hiolski, Mroz, Saciuk CD, Orchestra & Choir of the PRiTV, Kraków, Dirigent: Jan Krentz. Polskie Nagrania Muza, 1. Januar 2003. SX 0253
  • The Haunted Manor - Straszny Dwór, 2 CDs mit Kruszweski (Marschall), Hossa (Hanna), Lubańska (Jadwiga), Szmyt (Damazy), Stachura (Stefan), Nowacki (Zbigniew), Toczyska (Cześnikowa), Macias (Maciej). Chor und Orchester der Opera Narodowa, Dirigent: Jacek Kaspszyk. Aufnahme im Teatr Wielki 25.-30. Juni 2001, (C) 2003 EMI Records Ltd.

Literatur[Bearbeiten]

  • The Viking Opera Guide: bearb. von Amanda Holden, Nicholas Kenyon und Stephen Walsh, Viking Press (1993) ISBN 0-670-81292-7
  • The libretto/score of the English version by Dr. George Conrad

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Article at Fortune City website. Victorian.fortunecity.com. Abgerufen am 14. September 2010.
  2. Polish Culture website. Polishculture.co.uk. Abgerufen am 14. September 2010.
  3. Teatrwielki website (Version vom 27. September 2007 im Internet Archive)
  4. Bernard Holland: Article in ''New York Times''. In: New York Times. 23. April 1986. Abgerufen am 14. September 2010.
  5. Fortune City website. Victorian.fortunecity.com. Abgerufen am 14. September 2010.
  6. Teatrwielki.pl website (Version vom 27. September 2007 im Internet Archive)
  7. Film's entry at IMDB. Imdb.com. Abgerufen am 14. September 2010.