Strategie der Spannung

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Dieser Artikel behandelt die Strategie der Spannung als politischen Begriff. Zu den historischen Vorgängen in Italien, siehe Strategie der Spannung (Italien)
Beim Bombenanschlag auf den Hauptbahnhof von Bologna 1980 starben 85 Menschen. Italienische Geheimdienstmitarbeiter und die Geheimorganisation Propaganda Due behinderten die Ermittlungen durch das Legen falscher Spuren.

Die Strategie der Spannung (nachrichtendienstlicher bzw. politischer Begriff, vom ital. strategia della tensione) ist ein Oberbegriff für einen Komplex aus verdeckten Maßnahmen zur Destabilisierung oder Verunsicherung von Bevölkerungsteilen, einer Region oder eines Staates, ausgeführt oder gefördert durch staatliche Organe.

Die Werkzeuge sind illegale, meist gewaltsame Mittel wie Terroranschläge, Morde, Entführungen, paramilitärische Operationen, ferner psychologische Kriegführung und wirtschaftliche Zwangsmaßnahmen, außerdem das Schüren von Unruhen und die zielgerichtete Eskalation von ursprünglich gewaltlosen Konflikten durch Agents Provocateurs. Diese werden typischerweise unter falscher Flagge und in Kombination mit der Verbreitung von Falschinformationen angewendet, um die Urheberschaft einem unbeteiligten Dritten anzulasten. Im Fall von auf diese Weise durch Staatsorgane inszenierten oder geförderten Terroranschlägen wird auch von Staatsterrorismus gesprochen.

Charakteristischerweise wird die Strategie der Spannung unter strengster Geheimhaltung von Organen des betroffenen Staates selbst oder von mit diesen verbundenen Tarnorganisationen verfolgt. Daher sind Theorien zu solchen Verschwörungen grundsätzlich schwer beweisbar, dennoch gibt es eine Anzahl von bewiesenen Fällen in der jüngeren Geschichte.

Herkunft des Begriffs[Bearbeiten]

Der Begriff Strategie der Spannung wurde 1990 im Zusammenhang mit der gerichtlichen Aufklärung von zahlreichen terroristischen Verbrechen in Italien zwischen Dezember 1969 und Dezember 1984 bekannt. Seine Herkunft ist nicht genau bekannt. Bereits 1977, lange bevor die Zusammenhänge aufgedeckt wurden, schrieb Hansjakob Stehle, der Italien-Korrespondent der Zeit:[1]

„Eine Serie von Gewalttaten weckt in Italien erneut den Verdacht, dahinter stecke eine politische ‚Strategie der Spannung‘, (…). Freilich sieht man nicht recht, wer – außer politischen Außenseitern – an einer ‚Strategie der Spannung‘ Interesse haben könnte.“

Ziele[Bearbeiten]

Das hervorstechende Merkmal einer Strategie der Spannung ist die Schaffung eines Klimas der Verunsicherung und Angst in der Zivilbevölkerung. Die Wahrnehmung der Schuld an absichtlich inszenierten oder indirekt geförderten Verbrechen wird durch geheimdienstliche oder konspirative Methoden wie Desinformation, Streuung entsprechender Gerüchte und Fälschung von Beweisen auf eine bestimmte politische, ethnische oder religiöse Gruppe gelenkt. Deren Diskreditierung bzw. politische und moralische Schwächung stellt üblicherweise eines der Hauptziele der Strategie dar. Ein weiteres Ziel ist die Induzierung des Wunsches nach einer „starken Hand“ bzw. die Stärkung der Toleranz für repressive Maßnahmen des Staates (Einschränkung von Bürgerrechten, verstärkte Überwachung, „Anti-Terror-Maßnahmen“) in der Bevölkerung bis hin zur Ausrufung des Ausnahmezustands, um die vermeintlich gefährdete innere Sicherheit wiederherzustellen.

Ein wesentliches Element der Strategie ist die Kriminalisierung der absichtlich als Täter beschuldigten gegnerischen Gruppe. Ihre Mitglieder können dann mit legalen Mitteln verfolgt und in den Untergrund gezwungen werden. Auf diese Weise lassen sich beliebige Gruppen oder Personen schnell und effizient von der Teilnahme am politischen Leben ausgrenzen. Von der gezielt in Angst versetzten und desinformierten Öffentlichkeit wird dies als vermeintliche Steigerung der inneren Sicherheit begrüßt und in der Regel bedingungslos unterstützt.

In diesem Zusammenhang erklärte der italienische Terrorist und Neofaschist Vincenzo Vinciguerra zu den Hintergründen der Strategie der Spannung in Italien in den 1970er und 1980er Jahren:

„Man musste Zivilisten angreifen, Männer, Frauen, Kinder, unschuldige Menschen, unbekannte Menschen, die weit weg vom politischen Spiel waren. Der Grund dafür war einfach. Die Anschläge sollten das italienische Volk dazu bringen, den Staat um größere Sicherheit zu bitten. […] Diese politische Logik liegt all den Massakern und Terroranschlägen zu Grunde, welche ohne richterliches Urteil bleiben, weil der Staat sich ja nicht selber verurteilen kann.“[2]

An anderer Stelle erklärte er:

„Der Weg des Terrors wurde von getarnt agierenden Personen verfolgt, die zum Sicherheitsapparat gehörten, oder die durch Weisung oder Zusammenarbeit mit dem Staatsapparat verbunden waren. Jede einzelne der Gewalttaten nach 1969 passte genau in ein einheitliches, organisiertes Schema […] Die Avanguardia Nazionale wurde ebenso wie der Ordine Nuovo [Anm.: zwei rechtsextreme Organisationen] für einen Kampf mobilisiert, der Teil einer antikommunistischen Strategie war. Diese entstammte nicht etwa staatsfernen Institutionen, sondern dem Staatsapparat selbst, genauer gesagt dem Bereich der Verbindungen des Staates zur NATO.“[3]

Akteure[Bearbeiten]

Die Akteure sind typischerweise Geheimdienste oder ihnen nahestehende Kreise, die wegen der impliziten Verstöße gegen nationales bzw. internationales Recht in der Regel ohne oder nur mit inoffizieller Genehmigung ihrer Regierung handeln (Staatsterrorismus). Ausführende Organe sind häufig paramilitärische Gruppen, Kriminelle oder Extremisten, die über die wahren Hintergründe und Motive ihrer Auftraggeber entweder getäuscht oder im Unklaren gehalten werden, manchmal jedoch diese auch unterstützen und billigen. Je nach Motivation ihres Handelns können die Akteure aus dem von der Strategie betroffenen Staat selbst oder aus einem anderen Staat stammen, der bestimmte Ziele in dem betroffenen Staat verfolgt. Meist werden diese nach ihren Taten von den Geheimdiensten gedeckt, zum Beispiel außer Landes gebracht.[2] Finanziert werden diese illegalen Operationen von den Geheimdiensten. Die Gelder stammen dabei meist nicht aus dem offiziellen Etat, sondern aus so genannten schwarzen Quellen, wie beispielsweise Drogenhandel, Waffenhandel etc.

Motivation[Bearbeiten]

Die Motivation der Akteure ergibt sich meist aus einer Bedrohung durch gesellschaftliche, politische oder wirtschaftliche Umwälzungen, die zum Machtverlust führen könnten bzw. aus fiktiven oder geringen Bedrohungen, die von Teilen der Elite eines Landes als real und relevant wahrgenommen werden (etwa Demokratisierung, Kommunismus, Kapitalismus, ethnische Spannungen, religiöser Fundamentalismus, Terrorismus). Häufig steht auch die Ablenkung von akuten oder strukturellen Problemen eines Staatswesens oder einer Regierung am Anfang einer Strategie der Spannung (zum Beispiel korrupte Eliten, abgewirtschaftete oder erschöpfte politische Klasse oder Regierung, Endphase einer Diktatur). Sie kann auch zur Vorbereitung bzw. Rechtfertigung der radikalen Bekämpfung innenpolitischer Gegner mittels der Methoden eines so genannten Schmutzigen Kriegs dienen.

Notwendigkeit der absoluten Geheimhaltung[Bearbeiten]

Ein wesentliches Merkmal einer Strategie der Spannung ist die unbedingte Verhinderung der Untersuchung und Veröffentlichung der wahren Hintergründe der Verbrechen, da dies wegen der Duldung oder Inszenierung von Kapitalverbrechen drastische strafrechtliche Konsequenzen für die beteiligten Personen hätte. Außerdem würde das Vertrauen der zuvor gezielt desinformierten Bevölkerung in die Institutionen und Organe ihres Staates bzw. in die Institution des Staates selbst empfindlich geschwächt (siehe Staatsräson). Daher ist das konspirative Vorgehen elementares Merkmal einer Strategie der Spannung, wodurch die spätere Aufklärung der Vorgänge (parlamentarisch oder gerichtlich) durch das Fehlen von Dokumenten sowie den Willen und die Fähigkeit der Beteiligten zur Verschleierung in den meisten Fällen äußerst lückenhaft gerät. Die durch gerichtliche bzw. parlamentarische Untersuchungen bekannt gewordenen Fälle wurden meist nach einem grundlegenden Wechsel der politischen Verhältnisse aufgedeckt oder ließen sich durch ihren außerordentlichen Umfang nicht auf Dauer komplett geheim halten.

Beispiele für Anwendung einer Strategie der Spannung[Bearbeiten]

Italien[Bearbeiten]

Zahlreiche Terroranschläge der 1970er und 1980er Jahre wurden von rechtsgerichteten geheimdienstnahen Kräften begangen und von offizieller Seite der extremen Linken zugerechnet. Das damit angestrebte und auch teilweise erreichte Ziel war die Diskreditierung der gesamten politischen Linken, speziell der Kommunistischen Partei Italiens.

Der Historiker Daniele Ganser meinte dazu:

„Washington, London und der italienische militärische Geheimdienst befürchteten, dass der Einzug der Kommunisten in die Regierung die Nato von innen heraus schwächen könnte. Um dies zu verhindern, wurde das Volk manipuliert: Rechtsextreme Terroristen führten Anschläge aus, diese wurden durch gefälschte Spuren dem politischen Gegner angelastet, worauf das Volk selber nach mehr Polizei, weniger Freiheitsrechten und mehr Überwachung durch die Nachrichtendienste verlangte. Hinter den Kulissen schützten die Nachrichtendienste über Jahre die Täter und flogen sie bei Bedarf auch ins Spanien Francos aus.“[2]

Südafrika[Bearbeiten]

Südafrikanischen (weißen) Sicherheitsdiensten nahestehende Kräfte verübten in den 1980er und 1990er Jahren Terroranschläge und Morde an Zivilisten, die der schwarzen Widerstandsbewegung African National Congress (ANC) in die Schuhe geschoben wurden, um deren Einfluss zu schmälern. Der ANC dementierte, dass er für die Anschläge verantwortlich sei. Er führte an, dass für die Taten eine dritte Kraft (Third Force) verantwortlich sei, was nach dem Ende der Apartheid auch bestätigt wurde.[4] Da zur Zeit der Anschläge eine Beteiligung von regierungsnahen, weißen Kräften an den Terroranschlägen unvorstellbar war, litt das Ansehen des ANC unter der weißen Bevölkerung genau wie von den Urhebern beabsichtigt. Zudem wurden, unter anderem durch Waffenlieferungen, gewaltsame Konflikte unter schwarzen Bevölkerungsgruppen geschürt, die mehrere tausend Opfer forderten. Maßgeblich beteiligt war daran die geheime Spezialeinheit C1 der Polizei (bekannt geworden nach ihrem Sitz als Vlakplaas) unter dem Oberst Eugene de Kock. Er wurde nach dem Ende der Apartheid wegen mehrfachen Mordes und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 212 Jahren Gefängnis verurteilt, die auftraggebenden Politiker blieben weitgehend unbehelligt.

Chile[Bearbeiten]

Hauptartikel: CIA-Aktivitäten in Chile

Vor und während der Regierungszeit des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende führte die CIA mehrere verdeckte Operationen zusammen mit Teilen des chilenischen Geheimdienstes durch. Ziel war zuerst die Verhinderung der Wahl von Allende und, als dies misslungen war, der Sturz der gewählten Regierung. Unter anderem wurden landesweite Streiks in wichtigen Industriezweigen organisiert (Transport) und die resultierende Schwächung der Wirtschaft Allende zugeschrieben. Nach dem wiederum von den USA geförderten Putsch in Chile gegen Allende 1973 begann die systematische Verfolgung, Folterung und Ermordung von Sozialisten und Gewerkschaftern unter dem Deckmantel der Bekämpfung von „Subversiven“ und „Terroristen“.

Algerien[Bearbeiten]

Hauptartikel: Algerischer Bürgerkrieg

Während des algerischen Bürgerkriegs der 1990er Jahre wurden zahlreiche Massaker an der Zivilbevölkerung unter Umständen begangen, die eine Beteiligung von staatlichen Stellen wahrscheinlich erscheinen ließen.[5] Mittlerweile wurde dieser schon früh geäußerte und begründete Verdacht[6] durch die Aussagen von Zeugen und ehemaligen Angehörigen algerischer Sicherheitskräfte bestätigt.[7] Als erster beschrieb der ehemalige Fallschirmjäger und Mitglied einer „Antiterroreinheit“ Habib Souaidia, dass das Militär an Massakern gegen die Zivilbevölkerung beteiligt war, die dann islamistischen Gruppen in die Schuhe geschoben wurden. Außerdem berichtete er, dass die Sicherheitskräfte äußerst grausame Formen von Folter angewendet hätten und dass er persönlich Zeuge von Hunderten von Morden an inhaftierten Zivilisten gewesen sei.[8][9]

Israel/Ägypten[Bearbeiten]

Hauptartikel: Lavon-Affäre

1954 startete der israelische Militärgeheimdienst Aman die Operation Susannah, die zur so genannten Lavon-Affäre führte und erhebliche innen- und außenpolitische Verwicklungen auslöste. Eigens zu diesem Zweck rekrutierte israelische Agenten führten im August 1954 Bombenanschläge gegen amerikanische Kulturinstitute und Firmen in Ägypten aus.[10][11][12] Die Schuld sollte vor allem der Muslimbruderschaft und ägyptischen Kommunisten zugeschoben werden.[13] Ziel war, die USA glauben zu machen, dass der ägyptische Staat instabil und gegenüber islamistischen und politischen Extremisten machtlos wäre. Damit wollte man die guten Beziehungen zwischen den USA und dem ägyptischen Staatschef Gamal Abdel Nasser stören, die einige Militärs, darunter Mosche Dajan, als strategische Bedrohung für Israels Position ansahen.[10][11] Zudem sollte der sich abzeichnende, als negativ für Israel eingeschätzte Rückzug der britischen Truppen aus der Sueskanal-Zone verhindert werden. Im August 1954 wurden Brandanschläge auf amerikanische Bibliotheken in Kairo und Alexandria sowie auf ein Postamt ausgeführt. Ägyptischen Sicherheitskräften gelang es jedoch nach einigen Anschlägen, den Agentenring aufzudecken, als einer der Agenten ein amerikanisches Kino in Brand setzen wollte. Zehn Mitglieder wurden 1955 in Ägypten verurteilt, zwei von ihnen zum Tode. Zwei andere begingen im Gefängnis Suizid. Die Operation war ohne Wissen des israelischen Verteidigungsministers Pinchas Lavon ausgeführt worden, der dafür bekannt war, um einen friedlichen Ausgleich mit den Arabern bemüht zu sein. Sie wurde ihm jedoch von seinen Gegnern in Regierung und Militär mittels gefälschter Beweise und Falschaussagen angehängt, worauf er zurücktreten musste. Er wurde 1961 rehabilitiert. Die Affäre schadete Israels Ansehen in westlichen Regierungskreisen beträchtlich und warf zahlreiche Fragen zu den Praktiken der israelischen Geheimdienste gegenüber befreundeten Ländern auf.[12][11]

Geplant, aber nicht ausgeführt[Bearbeiten]

Operation Northwoods: Inszenierter Terror zur Rechtfertigung einer US-Invasion auf Kuba
Hauptartikel: Operation Northwoods

1962 entwickelte der Generalstab des US-Militärs unter dem Namen Operation Northwoods einen Geheimplan, der die Inszenierung von Terroranschlägen in den USA und auf amerikanische Zivilflugzeuge vorsah. Für die Anschläge sollte Kuba verantwortlich gemacht werden und so die Unterstützung der amerikanischen Öffentlichkeit für eine Invasion der Karibikinsel geschaffen werden. Einer der Unterzeichner war der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs und spätere NATO-Befehlshaber in Europa, Lyman L. Lemnitzer. Der Plan wurde nicht ausgeführt, da Präsident John F. Kennedy seine Zustimmung verweigerte. Er kam 1998 durch eine Anfrage im Rahmen des Freedom of Information Act an die Öffentlichkeit.

Mit Verweis auf die Terroranschläge am 11. September 2001 wird die Existenz des Plans häufig als Beweis dafür angeführt, dass der Gedanke an eine Inszenierung von Terroranschlägen gegen das eigene Land durch US-Regierungsstellen keinesfalls absurd sei.

Beispiele für Vermutungen über die Anwendung einer Strategie der Spannung[Bearbeiten]

Westdeutschland[Bearbeiten]

Hauptartikel: Peter Urbach

Peter Urbach, ein V-Mann des Berliner Verfassungsschutzes, lieferte Ende der 1960er Jahre Molotowcocktails, Bomben und Waffen an Personen aus der Berliner APO, die später zu den Gründungsmitgliedern der Rote Armee Fraktion (RAF) gehörten. In diesem Zusammenhang wurde spekuliert, ob die Behörden das Abgleiten von Teilen der Studentenbewegung in den Terrorismus bewusst förderten, um damit die Bewegung als Ganzes zu diskreditieren. So hat der Ex-Terrorist Michael „Bommi“ Baumann mit Bezug auf die erwiesene Bomben- und Waffenverteilung durch Urbach an die Berliner Szene (und mit Verweis auf Gladio[14]) die These aufgestellt, dass er und andere linke Untergrundkämpfer von der Bewegung 2. Juni und der RAF, obwohl damals vermeintlich selbständig und unabhängig agierend, unwissentlich nur „Marionetten ganz anderer Interessen“ in einer „übergeordneten Strategie [der Spannung]“ gewesen seien. Diese habe unter anderem darin bestanden, die aufkommende 68er-Bewegung durch Förderung ihrer gewaltbereiten Elemente und der folgenden Kriminalisierung als gesellschaftlich verändernde, relevante Kraft zu diskreditieren – denn mit „Irren, die wahllos Bomben schmeißen“ hätte dann folgerichtig niemand mehr etwas zu tun haben wollen. Nach Baumanns Aussage gäbe es mehrere deutsche Ex-Terroristen, die zu ähnlichen Schlussfolgerungen wie er gekommen seien. Da entsprechende Vorgänge für den gleichen Zeitraum in Italien ausführlich dokumentiert seien (siehe Strategie der Spannung in Italien), könne man solche Überlegungen nicht einfach als Verschwörungstheorie abtun.[15][16]

Der Politologe Wolfgang Kraushaar und der Historiker Gerd Koenen haben Baumanns These einer „Fremdsteuerung“ explizit widersprochen, stellten jedoch beide fest, dass es über Urbach einen bis heute ungeklärten Einfluss des Staates in der Frühphase terroristischer Gruppen gab, der aufgeklärt werden müsse.[17][18]

Die erste illegale Waffe des RAF-Mitgründers Horst Mahler, eine Browning-Pistole, stammte von einem Mitarbeiter des West-Berliner Verfassungsschutzes

1975 fanden in den Städten Hamburg (13. September 1975), Nürnberg (6. Oktober 1975), Köln (12. November 1975) und Bremen (Dezember 1975) Bombenanschläge auf die Hauptbahnhöfe statt, deren Urheberschaft nie geklärt wurde. Die RAF und die Revolutionären Zellen distanzierten sich ausdrücklich in offenen Briefen von den Anschlägen und benannten staatliche Stellen als die eigentlich Verantwortlichen. Ohne den Begriff zu nennen, beschrieb der RAF-Autor Grundelemente einer Strategie der Spannung: (…) die nachrichtendienstlich gesteuerte terroristische Provokation durch Terror gegen das Volk [ist] darauf aus, durch die Erzeugung von Angst und Diffusion im Volk Identifikation mit dem Staat zu erzwingen.[19] Entgegen der damals üblichen energischen Verfolgung vermeintlich linksextremer Straftäter wurde zumindest in den Fällen Hamburg und Bremen nur mit geringem Eifer ermittelt. Es kam nicht zur Benennung Verdächtiger, und die Fälle gerieten bald in Vergessenheit.[20]

Siehe auch: Celler Loch

Belgien[Bearbeiten]

Die Bande von Nijvel verübte zwischen 1982 und 1985 gewalttätige Angriffe in der belgischen Provinz Brabant, die 28 Todesopfer und über 20 Verletzte forderten. Die Gruppe führte bewaffnete Überfälle auf Restaurants, Einzelhändler, Supermärkte und ein Waffendepot mit beinahe militärischer Präzision aus. Die bis heute unbekannten Täter erschossen dabei jeweils wahllos und kaltblütig mehrere unbeteiligte Menschen. Dies führte in der Öffentlichkeit zu dem Verdacht, dass die Vorfälle ein Versuch sein könnten, das Land gezielt zu destabilisieren.

Russland[Bearbeiten]

Die Sprengstoffanschläge auf Wohnhäuser in Russland 1999 umfassten eine Serie von Bombenanschlägen, bei denen über 300 Menschen ums Leben kamen. Die Terroranschläge erstreckten sich über einen Zeitraum von zwei Monaten und versetzten ganz Moskau und Russland in Angst und Schrecken. Die offizielle Untersuchung der Behörden nannte tschetschenische Terroristen als Täter, die Anschläge gelten als Anlass für den Zweiten Tschetschenienkrieg. Das russische Parlament hat zwei Anträge auf eine parlamentarische Untersuchungskommission zur Untersuchung von Vorgängen abgewiesen, die auf eine Verwicklung des russischen Geheimdiensts FSB hinwiesen.[21][22] Eine unabhängige Untersuchungskommission (vier Abgeordnete) unter Vorsitz des Dumaabgeordneten Sergej Kowaljow zur Untersuchung der Explosionen erwies sich als ineffektiv, weil die Regierung es ablehnte, auf entsprechende Anfragen Auskünfte zu erteilen.[23][24] Zwei führende Mitglieder dieses Untersuchungsausschusses, die Dumaabgeordneten Sergei Juschenkow und Juri Schekotschikin, starben später bei Mordanschlägen. Sie hatten die These vertreten, dass der FSB in die Anschläge verwickelt war.[25][26] Der Anwalt der unabhängigen Untersuchungskommission, Michail Trepaschkin, wurde im Oktober 2003 verhaftet und kam erst im November 2007 wieder frei. Einer der bekanntesten Verfechter der FSB-These war der 2006 vergiftete Ex-FSB-Agent Alexander Litwinenko.

Vereinigte Staaten[Bearbeiten]

Eine Reihe von Kritikern der Politik des ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush haben behauptet, dass der auf Grund der Terroranschläge am 11. September 2001 begonnene „Krieg gegen den Terror“ Elemente aufweise, die denen einer Strategie der Spannung zumindest ähneln. Derartige Thesen werden in den Medien im Allgemeinen dem Bereich der Verschwörungstheorien zugeordnet. Prominente Vertreter solcher Auffassungen sind unter anderem Aaron Russo, Jean Ziegler, Peter Dale Scott, Michel Chossudovsky, Mathias Bröckers, Gerhard Wisnewski und Alex Jones sowie Teile des so genannten 9/11 Truth Movement, siehe dazu auch Verschwörungstheorien zum 11. September 2001.

In den USA selbst glaubte im Jahr 2006 mehr als ein Drittel der Bevölkerung, dass Mitglieder der Regierung „sehr wahrscheinlich“ oder „einigermaßen wahrscheinlich“ an den Terroranschlägen am 11. September beteiligt waren oder davon wussten und nichts zu deren Verhinderung unternahmen, um eine Intervention der USA im Nahen Osten zu ermöglichen.[27] Mark Fenster, Autor des Buchs Conspiracy Theories: Secrecy and Power in American Culture, erklärt die steigende Verbreitung solcher Meinungen mit dem gestiegenen Unmut über und die Zweifel an der Ehrlichkeit von George W. Bush, nachdem im Irak keine Massenvernichtungswaffen gefunden wurden und die Terroranschläge weltweit zugenommen hatten. Weil die Regierung den Irakkrieg mit dem 11. September begründet habe, sei auch der Rückblick darauf skeptischer geworden.[27] Die Vertreter solcher Auffassungen sehen sich auch dadurch bestätigt, dass mittlerweile eine größere Anzahl bewusst falscher Aussagen der Regierung vor dem Krieg bestätigt ist. So ergab eine Studie des Centers for Public Integrity, dass die Regierung Bush im Vorfeld des Irakkriegs 935 bewusste Falschaussagen veröffentlicht habe, was die Autoren der Studie als „Desinformations-Kampagne“ bewerteten.[28]

Nach einer Umfrage der Zeit im Juli 2003 hielten es 31 % der unter 30-jährigen befragten Deutschen für möglich, dass die US-Regierung die Anschläge selbst in Auftrag gegeben habe.[29] Fast 90 % der bei einer repräsentativen Umfrage von TNS Emnid im Dezember 2010 befragten Deutschen glaubten, die US-Regierung verschweige die „ganze Wahrheit“ über die Anschläge.[30]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Gerhard Feldbauer: Agenten, Terror, Staatskomplott. Der Mord an Aldo Moro, Rote Brigaden und CIA. Papy Rossa, Köln 2000, ISBN 3-89438-207-4.
  •  Daniele Ganser: Fear as a Weapon. The Effects of Psychological Warfare on Domestic and International Politics. In: World Affairs. 9, Nr. 4, 2005, ISSN 0971-8052, S. 28–44.
  •  Daniele Ganser: Nato’s Secret Armies: Operation Gladio and Terrorism in Western Europe. Frank Cass, London 2005, ISBN 0-7146-8500-3.
  •  Regine Igel: Terrorjahre. Die dunkle Seite der CIA in Italien. Herbig, München 2006, ISBN 3-7766-2465-5.
  •  Luciano Lanza: Bomben und Geheimnisse. Geschichte des Massakers von der Piazza Fontana. Edition Nautilus, Hamburg 1999, ISBN 3-89401-332-X.
  •  Alexander Litwinenko, Juri Felschtinski: Blowing Up Russia. Gibson Square, London 2007, ISBN 978-1-903933-95-4.
  •  Habib Souaïdia: Schmutziger Krieg in Algerien. Bericht eines Ex-Offiziers der Spezialkräfte der Armee (1992–2000). Chronos-Verlag, Zürich 2001, ISBN 3-0340-0537-7.
  •  Corrado Stajano: Der Staatsfeind. Leben und Tod des Anarchisten Franco Serantini. Wagenbach Verlag, Berlin 1976, ISBN 3-8031-2026-8.
  •  Youcef Bedjaoui, Abbas Aroua und Meziane Ait-Larbi (Hrsg.): An Inquiry into the Algerian Massacres. Verlag Hoggar, Genf 1999, ISBN 2-940130-08-6.
  •  J. Patrice McSherry: Predatory States: Operation Condor and Covert War in Latin America. Rowman & Littlefield Publishers, Lanham MD 2005, ISBN 0-7425-3687-4.

Weblinks[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hansjakob Stehle: „Strategie der Spannung“ für Italien? In: Die Zeit, Nr. 8/1977
  2. a b c  Daniele Ganser: Nato-Geheimarmeen und ihr Terror. In: Der Bund. Bern 20. Dezember 2004, S. 2 ff. (PDF, abgerufen am 20. Juli 2008).
  3. Secret agents, freemasons, fascists… and a top-level campaign of political "destabilisation". The Guardian, 5. Dezember 1990
  4. Wahrheits- und Versöhnungskommission: APPENDIX: THE ‘THIRD FORCE’. Abgerufen am 27. Juli 2008 (PDF; 70 kB, engl., die wichtigsten Punkte sind in den Paragraphen 3 bis 5 und 12 bis 15 zusammengefasst).
  5. Ali Al-Nasani: Das alltägliche Massaker. In: Die Zeit, Nr. 40/2002
  6. Eine Untersuchung der Massaker in Algerien. In: Algeria-Watch. Abgerufen am 27. Juli 2008.
  7. Algerien: Die Mordmaschine. In: Algeria-Watch. Januar 2004, abgerufen am 27. Juli 2008 (PDF; 890 kB).
  8. Der schmutzige Krieg. In: 3sat.online. 16. Mai 2001, abgerufen am 27. Juli 2008.
  9.  Habib Souaïdia: Schmutziger Krieg in Algerien. Bericht eines Ex-Offiziers der Spezialkräfte der Armee (1992–2000). Chronos-Verlag, Zürich 2001, ISBN 3-0340-0537-7.
  10. a b  Israel / Lavon-Affäre: Die Panne. In: Der Spiegel. Nr. 4, 1961 (online).
  11. a b c  Der dritte Mann. In: Der Spiegel. Nr. 15, 1972 (online).
  12. a b Josef Müller-Marein: Ben Gurion grollt den Politikern. In: Die Zeit, Nr. 13/1961
  13. Shabtai Teveth: Ben-Gurion’s spy: the story of the political scandal that shaped modern Israel. Columbia University Press, 1996, ISBN 978-0-231-10464-7, S .81. Zitat: "To undermine Western confidence in the existing [Egyptian] regime by generating public insecurity and actions to bring about arrests, demonstrations, and acts of revenge, while totally concealing the Israeli factor. The team was accordingly urged to avoid detection, so that suspicion would fall on the Muslim Brotherhood, the Communists, 'unspecified malcontents’ or 'local nationalists'."
  14. Bommi Baumann: Über die Versorgung der Szene mit Drogen durch Peter Urbach und Parallelen zur Geheimdienstorganisation Gladio. Interview mit Marc Burth von 2010, Teil 2
  15. Bommi Baumann: Interview mit Marc Burth von 2010, Teil 6
  16. Bommi Baumann: Vollständige sechsteilige Interview-Reihe von Marc Burth von 2010.
  17. Gerd Koenen: Rainer, wenn du wüsstest! Der Anschlag auf die Jüdische Gemeinde am 9. November 1969 ist nun aufgeklärt – fast. Was war die Rolle des Staates? In: Berliner Zeitung, 6. Juli 2005.
  18. Marcus Klöckner: Die RAF und die Geheimdienste. Interview mit Wolfgang Kraushaar. Telepolis, 10. November 2010.
  19.  RAF (Hrsg.): Erklärung der RAF zum Bombenanschlag im Hamburger Hauptbahnhof. In: Ausgewählte Dokumente der Zeitgeschichte. 1. Auflage. GNN Verlagsgesellschaft Politische Berichte, Köln Oktober 1987 (nadir, abgerufen am 27. Juli 2008).
  20. Hans-Christian Ströbele: Zur Geschichte der RAF. In: stroebele-online.de. Abgerufen am 27. Juli 2008.
  21. Yevgenia Borisova: Duma Rejects Move to Probe Ryazan Apartment Bomb. In: Terror-99. 21. März 2000, abgerufen am 27. Juli 2008 (engl.).
  22. Duma Vote Kills Query On Ryazan. In: Terror-99. 4. April 2000, abgerufen am 27. Juli 2008 (engl.).
  23. Douglas Birch: Putin critic loses post, platform for inquiry. In: Terror-99. 11. Dezember 2003, abgerufen am 27. Juli 2008 (engl.).
  24. Russian court rejects action over controversial "antiterrorist exercise". In: Terror-99. 3. April 2003, abgerufen am 27. Juli 2008 (engl.).
  25. Chronology of events. In: NUPI - Centre for Russian Studies. 17. April 2003, archiviert vom Original am 30. September 2007, abgerufen am 27. Juli 2008 (engl.).
  26. Oksana Yablokova: Worries Linger as Shchekochikhin’s Laid to Rest. In: Terror-99. 7. Juli 2003, abgerufen am 27. Juli 2008 (engl.).
  27. a b Thomas Hargrove, Guido H. Stempel III: Anti-government anger spurs 9/11 conspiracy belief. In: Scripps Howard News Service. 2. August 2006, abgerufen am 27. Juli 2008 (engl.).
  28. Charles Lewis, Mark Reading-Smith: The War Card. In: The Center for Public Integrity. 23. Januar 2008, abgerufen am 29. Juli 2008 (engl.).
  29. Jochen Bitter: Blackbox Weißes Haus. In: Die Zeit vom 23. Juli 2003
  30. ddp/Welt der Wunder, 23. Dezember 2010: Medien: Exklusiv-Umfrage des Wissensmagazins Welt der Wunder: Wem glauben die Deutschen noch?