Strategische Ölreserve

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Als strategische Ölreserve bezeichnet man eine strategische Bevorratung von Erdöl, Benzin, Heizöl und Erdöl-Zwischenprodukten. Die Reserve dient dazu, einen potenziellen, kurzfristigen Erdöl-Versorgungsengpass eines Landes zu überbrücken. In vielen Ländern ist die Erdölbevorratung wegen ihrer volkswirtschaftlichen Bedeutung gesetzlich geregelt.

Hintergrund[Bearbeiten]

Seit der Entdeckung großer Ölvorkommen im Süden der Vereinigten Staaten wurde Kohle als vorrangige Energieträger abgelöst. Kaum einer der für die menschliche Gesellschaft elementaren Lebensbereiche in den Industrienationen, insbesondere Landwirtschaft und Transport kommt heute ohne Erdölprodukte aus. Da ein großer Teil der Lagerstätten in der unruhigen Region des Nahen Osten konzentriert ist, muss das Öl über weite Wege mit Öltankern und Pipelines zu den Verbrauchern transportiert werden. 1973 stieg der Ölpreis auf Grund einer politisch motivierten Minderung der Erdölförderung durch die OPEC rapide an. Weil es bis dahin keine strategischen Ölreserven gab, konnte dem nicht entgegengewirkt werden. Daraufhin wurde die Internationale Energieagentur IEA von 16 Industrienationen gegründet, welche die Energiepolitik koordinieren und eine sichere Energieversorgung sicherstellen sollte.[1]

Zuletzt hat die IEA wegen des Libyenkrieges und der ausfallenden Ölproduktion des Landes Ölreserven freigegeben.[2][3]

Reserven ausgewählter Länder[Bearbeiten]

Deutschland[Bearbeiten]

2005 umfassten die Vorräte 25,2 Millionen Tonnen [4]. 13,4 Mio. t entfallen auf Rohöl und 11,8 Mio. t auf Erdölprodukte. Mit diesem Volumen soll der deutsche Erdölbedarf im Notfall für mindestens 90 Tage aufrechterhalten werden. Die Vorratsstätten für Rohöl befinden sich überwiegend in 1.000 bis 1.500 m Tiefe in sogenannten Kavernen in Niedersachsen. Diese wurden in geologischen Salzformationen speziell für diesen Zweck angelegt. Ein großer Teil der Ölreserven befindet sich in der Kavernenanlage Etzel der Firma IVG. Die Reserven an Erdöl-Zwischenprodukten werden oberirdisch in bundesweit verteilten Tankbehältern vorgehalten. Der Wert der Reserven erreicht bei einem Ölpreis von 70 US-Dollar pro Barrel etwa elf Milliarden Euro.

Unabhängig von der strategischen Reserve bestand früher eine so genannte Bundesrohölreserve aus 7,32 Mio. t, die von 1974 bis 1981 aufgebaut wurde und in künstlich angelegten Speicherkavernen in der Nähe von Wilhelmshaven, Bremen, Hamburg und weiteren Orten gelagert wurde. 1997 wurde von der damaligen Bundesregierung der Verkauf dieser Reserve angeordnet. Heute sind an verschiedenen Standorten in der Bundesrepublik verschiedene Mineralölprodukte, wie Benzin, Dieselkraftstoff, Heizöl, Kerosin und Schweröl gelagert, die, weil schon raffiniert, kurzfristig einsetzbar sind.

Obwohl sich die Bevorratungspflicht des Erdölbevorratungsverbandes (EBV) auf 90 Tage beläuft, ist der Gesamtvorrat an Rohöl und Ölprodukten in Deutschland wesentlich höher. Hohe Mengen werden freiwillig von den Verbrauchern, besonders im Heizölbereich gelagert. Weiterhin besitzen Raffinerien operative Bestände zur Sicherstellung ihres Produktionsbetriebes.

Gesetzliche Grundlage für die Erdölbevorratung und den Erdölbevorratungsverband (EBV) ist das „Gesetz über die Bevorratung mit Erdöl und Erdölerzeugnissen (Erdölbevorratungsgesetz – ErdölBevG)” vom 16. Januar 2012 (BGBl. I S. 74). Die Ölreserve wird vom EBV organisiert und überwacht. Im EBV sind alle deutschen Unternehmen Pflichtmitglieder, die Öl einführen oder verarbeiten, insbesondere die großen Mineralölkonzerne. Der EBV ist eine Körperschaft öffentlichen Rechts, die 1978 von den in Deutschland tätigen Mineralölkonzernen gemeinsam mit den mittelständischen Mineralölimporteuren und unter Mitwirkung der Bundesregierung gegründet wurde, nachdem die Bundesregierung bereits 1966 die Konzerne dazu verpflichtet hatte, auf eigene Kosten eine strategische Erdöl-Notreserve zu schaffen, mit der die Ölversorgung der Bundesrepublik Deutschland in Kriegs- und Krisenzeiten vorübergehend gesichert werden kann. Der EBV hat seinen Verwaltungssitz in Hamburg. Die Kosten, die durch die Bevorratung entstehen, werden in Höhe von ca. 0,5 Cent pro Liter auf den Preis von Benzin, Diesel und Heizöl umgelegt. Der EBV darf die Reserven nur auf Weisung des Bundeswirtschaftsministers und nur zum aktuellen Marktpreis veräußern. Ein Mitspracherecht haben die IEA und die EU. 1991 wurde ein Teil der deutschen Ölreserven während des Golfkrieges verkauft, als das Fass 30,55 Dollar kostete.

Nach der Katastrophe durch den Hurrikan Katrina und des daraufhin stark gestiegenen Ölpreises wurden im Jahre 2005 ca. 450.000 m³ freigegeben. Wegen des Ausfalls Libyens als Erdölexportnation 2011 wurden von der Bundesregierung ebenfalls Reserven freigegeben. Deutschland beteiligte sich an der Freigabe von Ölreserven durch die Internationale Energieagentur mit ca. 4,3 Mio. Barrel.

Österreich[Bearbeiten]

Die Ölreserve Österreichs betrug für das Jahr 2011 2,918 Mio. t Öl und Ölprodukte, die die Versorgung des Landes für 90 Tage abdecken sollen. Die Vorratsmenge wird jährlich an den durchschnittlichen 90Tage-Verbrauch des Vorjahres angepasst. Verantwortlich ist die Erdöl-Lagergesellschaft. Die gesetzliche Grundlage ist das "Bundesgesetz über die Haltung von Mindestvorräten an Erdöl und Erdölprodukten" (Erdölbevorratungsgesetz 2012 - EBG 2012). Davor war das „Bundesgesetz vom 21. Oktober 1982, BGBl. Nr. 546, über die Haltung von Notstandsreserven an Erdöl und Erdölprodukten und über Meldepflichten zur Sicherung der Energieversorgung (Erdöl-Bevorratungs- und Meldegesetz 1982)” gültig.

Schweiz[Bearbeiten]

Die Schweiz lagert Öl in Form von Benzin, Diesel, Flugbenzin und Heizöl. Diese Reserven decken den Bedarf für viereinhalb Monate. Der Bestand wurde in den 1940er-Jahren angelegt und seitdem erstmals 2005 wegen der Folgen des Hurrikan Katrina angerührt.

Japan[Bearbeiten]

Japan begann 1978 mit dem Anlegen seiner strategischen Ölreserve.[5] Diese besteht aus einer staatlichen Reserve mit einem Ziel von 50 Mrd. Litern (43 Mio. Tonnen) unter Beaufsichtigung der unabhängigen Verwaltungskörperschaft (独立行政法人, dokuritsu gyōsei hōjin) Sekiyu Tennen Gasu, Kinzoku Kōbutsu Shigen Kikō (石油天然ガス・金属鉱物資源機構, engl. Japan Oil, Gas and Metals National Corporation, kurz: JOGMEC). Hinzu kommt eine Verpflichtung der privaten Ölwirtschaft, Ölvorräte für mindestens 70 Tage anzulegen, welches etwa 40 Mrd. Litern (34 Mio. Tonnen) entspricht. Mit dieser Gesamtreserve von 90 Mrd. Litern (78 Mio. Tonnen) könnte Japan 168 Tage ohne Erdölimporte auskommen.[6] Tatsächlich befanden sich statt der anvisierten 50 Mrd. Litern im Dezember 2006 lediglich 34,28 Mrd. Liter in den 10 staatlichen Öllagerstätten (国家石油備蓄基地, kokka sekiyu bichiku kichi), die wiederum eine Kapazität von 40 Mrd. Litern fassen.[7] Diese Öllagerstätten sind als Aktiengesellschaften (kabushiki-gaisha) organisiert an denen sowohl die betroffenen privatwirtschaftlichen Ölunternehmen beteiligt sind, als auch der Staat in Form der JOGMEC oder der Präfekturen.

Strategische Ölreserve (Japan)
Tomakomai-tōbu
Tomakomai-tōbu
Mutsu-Ogawara
Mutsu-Ogawara
Akita
Akita
Kuji
Kuji
Fukui
Fukui
Kikuma
Kikuma
Shirashima
Shirashima
Kamigotō
Kamigotō
Kushikino
Kushikino
Shibushi
Shibushi
Japans Ölreservestätten[8]
Name
(~国家石油備蓄基地)
Ort Ölmenge
[Mio. l]
Kapazität
[Mio. l]
Akita (秋田) Oga 3.376 4.500
Fukui (福井) Fukui, Sakai 2.837 3.400
Kamigotō (上五島) Shinkamigotō 3.425 4.400
Kuji (久慈) Kuji 1.667 1.750
Kikuma (菊間) Imabari 1.419 1.500
Kushikino (串木野) Ichiki-Kushikino 1.684 1.750
Mutsu-Ogawara (むつ小川原) Rokkasho 4.597 5.700
Shirashima (白島) Kitakyūshū 5.104 5.600
Shibushi (志布志) Higashikushira, Kimotsuki 4.383 5.000
Tomakomai-tōbu (苫小牧東部) Tomakomai, Atsuma 5.430 6.400

Daneben besitzt Japan auch strategische Reserven von Erdgas und seltenen Metallen, die gleichfalls von JOGMEC und privatwirtschaftlicher Verpflichtungen angelegt werden.

Vereinigte Staaten[Bearbeiten]

Die Strategische Ölreserve der USA (Strategic Petroleum Reserve) beträgt ca. 100 Mio. Tonnen [9]. Sie lagert in ehemaligen Salzstöcken in Texas und Louisiana und wird in Krisensituationen angezapft. Die Depots wurden aufgrund der Erfahrungen der weltweiten Ölkrise 1973 angelegt. Das Öl wird in mehr als 1.000 Metern Tiefe in unterirdischen Salzstöcken gelagert, die zu diesem Zweck mit Wasser ausgespült wurden. Die vier Lagerstätten liegen am Golf von Mexiko. Die einzelnen ölgefüllten Kavernen haben Ausmaße von 600 m Tiefe und 60 m Durchmesser und fassen 0,7 bis 4 Mio. Tonnen.

Da die Lagerstätte von unten durch die Erdwärme geheizt wird, entsteht eine Zirkulation der Flüssigkeit (Konvektion). So bleibt die Zusammensetzung des Öls konstant, weil keine Bestandteile sedimentieren können. Das heißt, dass das Öl über Jahrzehnte hinweg ohne Qualitätseinbußen gelagert werden kann.

Die USA können ihren gesamten Erdölbedarf für 35 Tage mit der strategischen Ölreserve decken. Das Land braucht täglich rund 3 Mio. Tonnen Öl. Mit Rationierungsmaßnahmen würde sie bis zu 60 Tage reichen. Allerdings sind die USA der weltweit drittgrößte Produzent von Erdöl. Aus diesem Grund würde die Reserve unter Einbeziehung der heimischen Ölförderung länger reichen.

Nach den Terroranschlägen 2001 ließ US-Präsident George W. Bush die Ölreserven bis zur vollen Lagerkapazität auffüllen.

Im August 2005 wurde auf die Ölreserve zurückgegriffen, nachdem der Hurrikan Katrina die Ölförderung im Golf von Mexiko zeitweilig zum Erliegen gebracht hatte und infolgedessen der Ölpreis auf über 70 US-Dollar pro Barrel gestiegen war.

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Erneuerbare Energien und Klimaschutz. Hintergründe - Techniken - Anlagenplanung - Wirtschaftlichkeit von Volker Quaschning, Hanser Fachbuch, 2013, S.40
  2. „OPEC - Streit um strategische Ölreserven“ Handelsblatt 27. Juni 2011.
  3. „IEA makes 60 million barrels of oil available to market to offset Libyan disruption“ Presseerklärung der IAE vom 23. Juni 2011
  4. verivox Strategische Ölreserven der Bundesrepublik Deutschland in Verivox 2. September 2005
  5. Overview of Petroleum and LPG Stockpiling : Petroleum and Liquefied Petroleum Gas. Japan Oil, Gas and Metals National Corporation, abgerufen am 14. November 2010 (englisch).
  6. Petroleum Stockpiling Program : Petroleum and Liquefied Petroleum Gas. Japan Oil, Gas and Metals National Corporation, abgerufen am 14. November 2010 (englisch).
  7. National Petroleum Stockpiling Bases : Petroleum and Liquefied Petroleum Gas. Japan Oil, Gas and Metals National Corporation, abgerufen am 14. November 2010 (englisch).
  8. 国内事務所 - 石油備蓄基地事務所. Japan Oil, Gas and Metals National Corporation, abgerufen am 15. November 2010 (japanisch).
  9. www.fe.doe.gov US-Energieministerium: U.S. Strategic Petroleum Reserve englisch, Stand: 19. Mai 2009

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Ölreserve – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen