Streichquartett e-Moll (Verdi)

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Das Streichquartett e-Moll ist ein Kammermusikwerk des italienischen Komponisten Giuseppe Verdi. Es entstand 1873, zwei Jahre nach der Uraufführung der Oper Aida, noch vor der Komposition der Messa da Requiem. Die Uraufführung fand am 1. April 1873 als Privataufführung in der Empfangshalle des Albergo della crocelle in Neapel statt.[1][2]

Entstehung[Bearbeiten]

Verdis einziges Streichquartett entstand während der Proben zur neapolitanischen Erstaufführung der Aida am Teatro San Carlo, wohin Verdi mit seiner Frau Giuseppina gereist war. Nachdem sich die Proben wegen einer Indisposition der Sängerin Teresa Stolz, die die Aida singen sollte, verzögert hatten, fand Verdi Zeit, das Streichquartett zu komponieren. Die Uraufführung erfolgte zwei Tage nach der Aida-Premiere im privaten Kreis. Verdi hatte das Werk zunächst nicht zu Veröffentlichung vorgesehen, gab es aber nach einer weiteren erfolgreichen Aufführung am 1. Juni 1876 im Pariser Hôtel de Bade an seinen Verleger Ricordi. Noch im selben Jahr erschien das Werk bei Ricordi, Schott (Mainz) und Escudier in Paris im Druck.[1]

Satzbezeichnungen[Bearbeiten]

  1. Allegro
  2. Andantino con eleganza
  3. Prestissimo (von der musikalischen Form her ein Scherzo)
  4. Scherzo. Fuga. Allegro assai mosso.

Die Spieldauer beträgt etwa 24 Minuten.

Analyse[Bearbeiten]

Trotz der Anklänge an Aida, die sich vor allem im 1. Satz finden, orientiert sich Verdi in seinem Streichquartett hauptsächlich an den Wiener Klassikern, wobei Wolfgang Stähr wegen der Fuge im Schlusssatz eine formale Adaption von Joseph Haydns Streichquartett C-Dur op. 20 Nr. 2 vermutet.[3] Julian Budden dagegen sieht beim Kopfsatz Parallelen zu Mozarts g-Moll-Streichquintett.[4]

Der 1. Satz entspricht der Sonatensatzform. Zunächst trägt die Zweite Geige das Hauptthema auf der tiefsten Saite vor, in Takt 1 dolce, in Takt 2 sotto voce (mit halber Stimme). Das Seitenthema wird in Takt 11 vom Cello angestimmt. In der Durchführung, die auch Elemente der Kontrapunktik aufnimmt, wird ein lyrisches drittes Thema eingeführt.[5] Nach Otto Emil Schumann bleibt in der Durchführung „die knappe Bildhaftigkeit erhalten“.[6]

Der 2. Satz, das Andantino ist dreigliedrig. Es herrscht eine „leichte a-moll-Wehmut“ vor, die jedoch durch die „Bewegungskraft des Mittelteils“ in Ges-Dur aufgehoben wird.[6]

Der 3. Satz entspricht einem Scherzo. Das Tempo ist zunächst prestissimo (sehr schnell), wie ein Danse infernale (höllischer Tanz), während das Trio eher gesanglich ist und wie in einer Serenade zunächst vom Cello angestimmt, dann von der Ersten Geige aufgenommen und vom Pizzicato der anderen Streicher begleitet wird.[7]

Im Schlusssatz, den Verdi mit Scherzo. Fuga bezeichnete, zeigt sich in der Fuga eine Kontrapunktik, die auf die Messa da Requiem, die Schlussfuge im Falstaff und auf die Hymne an Maria in den Quattro pezzi sacri hinweist.[8] Die fugierte Form des Satzes wird bis zum Schluss beibehalten, wird jedoch durch eine „liebliche Harmonik und Kadenzen angereichert.“[9]

Neben an der Wiener Klassik und der Kontrapunktik orientierten Stellen finden sich in Verdis Streichquartett durchaus opernhafte Elemente bei einzelnen Figuren der Begleitstimmen oder bei der Violoncello-Kantilene im 3. Satz.[1] Auch Budden wies auf dieses Stilmittel hin: „[…] das gelegentliche Abgleiten in eine friesartige Figuration verrät den Komponisten von Begleitfiguren, wie sie in der Oper üblich sind.“[9]

Rezeption[Bearbeiten]

Verdis Streichquartett steht im Kontext zum Konflikt zwischen der in Italien vorherrschenden Gattung Oper und reiner Instrumentalmusik. Nach Verdis Meinung lebte das Streichquartett in Italien „wie eine Pflanze außerhalb ihres Klimas“.[1] An dieser Situation änderte zunächst auch die 1861 durch Abramo Basevi gegründete Società del Quartetto (Quartettgesellschaft) in Florenz nichts.

Verdis Streichquartett, das vielfach als Gelegenheitswerk angesehen wird, ist trotzdem das einzige italienische Kammermusikwerk des 19. Jahrhunderts, das sich durchgängig im Konzertrepertoire halten konnte.[1] Dies bestätigte auch Otto Emil Schumann in seinem Handbuch der Kammermusik: „Das musikalische Italien des 19. Jahrhunderts hat nur ein einziges wirklich bedeutendes Kammermusik-Werk hervorgebracht, das sich in der ganzen Welt durchzusetzen vermochte: Verdis e-moll-Streichquartett.“[6]

Budden resümierte: „Verdis Quartett mag nicht ganz das Niveau der großen klassischen Quartette erreichen, aber es ist gewiß ein schöner und origineller Beitrag zum Repertoire.“[9]

Verdi selbst maß dem Werk keine große Bedeutung zu[1] und äußerte sich später: „Ich weiß nicht, ob es gut oder schlecht ist, aber ein Quartett ist es.“[10]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e f Norbert Graf: Quartetto in Mi minore. In: Anselm Gerhard, Uwe Schweikert: Verdi Handbuch. Metzler, Kassel und Bärenreiter, Stuttgart/ Weimar 2001, S. 520 f.
  2. Norbert Graf: Quartetto in Mi minore. In: Anselm Gerhard, Uwe Schweikert: Verdi Handbuch. Metzler, Kassel und Bärenreiter, Stuttgart/ Weimar 2001, S. 520 f.
  3. Stähr, in: Programmheft der Berliner Philharmoniker vom 26. September 2007.
  4. Julian Budden: Verdi Leben und Werk. Philipp Reclam jun., Stuttgart 2000, S. 320.
  5. Analyse von Julian Budden: Verdi Leben und Werk. 2000, S. 321, ergänzt durch Schumann: Handbuch der Kammermusik, S. 277.
  6. a b c Otto E. Schumann: Handbuch der Kammermusik. Herrsching 1983, S. 276–278.
  7. Analyse von Julian Budden: Verdi Leben und Werk. Philipp Reclam jun., Stuttgart 2000, S. 322.
  8. Analyse von Norbert Graf: Quartetto in Mi minore. In: Anselm Gerhard, Uwe Schweikert (Hrsg.): Verdi Handbuch. 2001, S. 521. Graf verweist jedoch irrtümlicherweise auf das Ave Maria, statt auf die Laudine alla Vergine Maria.
  9. a b c Zitat Julian Budden: Verdi Leben und Werk. Philipp Reclam jun., Stuttgart 2000, S. 322.
  10. Zitat bei Julian Budden: Verdi Leben und Werk. Philipp Reclam jun., Stuttgart 2000, S. 319.