Streitwagen

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Verbreitung von Streitwagen zwischen 2000 und 500 v. Chr.
Terrakottarelieffragment mit Streitwagen, 2000-1000 v. Chr., Uruk VA 11576
Darstellung Ramses’ II. auf einem Streitwagen, Relief im großen Tempel von Abu Simbel (ca. 1265 v. Chr.)

Ein Streitwagen war in der Antike ein mit Pferden bespanntes, meist einachsiges Militärfahrzeug. Es diente auch zu Repräsentations- und Wettkampfzwecken.

Übersicht[Bearbeiten]

Erfinder des Streitwagens sind die Träger der Sintashta-Kultur, auch Sintashta-Petrovka-Kultur oder Sintashta-Arkaim-Kultur in den eurasischen Steppen, wo zuvor auch der vierrädrige Wagen einen seiner Ursprünge hatte. Er blieb in der Steppe aber nur kurz in Nutzung, denn bald wurden berittene Krieger eingesetzt. Wurden von den Sumerern im 3. Jahrtausend v. Chr. noch schwere zwei- oder vierrädrige Wagen mit Scheibenrädern eingesetzt, so wurden ab dem 2. Jahrtausend v. Chr. zweirädrige Streitwagen mit Speichenrädern genutzt. Sie waren bis etwa zum 5. Jahrhundert v. Chr. allgemein verbreitet. Britannier und Perser nutzten ihn mindestens bis Christi Geburt, die Perser verwendeten Sichelstreitwagen, welche mit Klingen an den Achsen ausgestattet waren. Im Mittelalter wurden schwere Karren, die zur Deckung von Schützen dienten, gelegentlich auch als Streitwagen bezeichnet.

Vom Streitwagen aus wurde mit Bögen sowie mit Wurfspeeren gekämpft; zum Nahkampf mit Schwertern und anderen Waffen sprang man ab. Bei Gefahr kehrte der Wagenlenker zurück, so dass der Kämpfer wieder aufspringen konnte. Der Streitwagenkämpfer war meist adlig, da im Altertum Waffen und Gerät vom Kämpfer selbst zu stellen waren – ein Wagen samt Pferden war sehr teuer. In der Ilias werden Streitwagenkämpfer beschrieben. Der Wagenlenker kämpfte meist nicht selber.

Der Streitwagen war im Altertum auch Statussymbol von Herrschern. Die antiken Wagenrennen wurden mit vierspännigen Modellen ausgetragen, während militärisch genutzte Fahrzeuge meist Zweispänner waren.

Taktik[Bearbeiten]

Anfangs waren Streitwagen Truppentransporter, um Krieger in guter physischer Verfassung zum Kampfplatz zu bringen. Später wurden beweglichere Wagen entwickelt, die mit Speerkämpfern und Bogenschützen aktiv in das Kampfgeschehen eingriffen. Die taktische Rolle von Streitwagen war ab diesem Zeitpunkt ähnlich der von Panzern im modernen Krieg. Streitwagen konnten allerdings nur auf relativ ebenem Gelände eingesetzt werden. Später wurden sie von der flexibleren und billigeren Reiterei abgelöst.

Manche Streitwagen waren für den Fernkampf vorgesehen, aufgesessene Bogenschützen nahmen aus sicherer Entfernung die feindlichen Verbände unter Beschuss, und ehe die gegnerischen Truppen zu nahe kamen, zog sich der Wagen in sichere Entfernung zurück. Neben dieser Zermürbungstaktik gab es auch den Einsatz im Nahkampf, dafür wurden schwerere, von mehreren Pferden gezogene Wagen gebaut, Rahmen und Radnaben waren mit Klingen versehen. Durch die Sicheln an den Achsen und die zwei bis vier Pferde war ein massiver Einschlag in feindliche Linien zwar möglich, Pferde reiten allerdings nur seltenst in geschlossene Gefechtsformationen hinein. Der psychologische Nutzen – die Angst der Fußsoldaten vor einem heranpreschenden Streitwagen – war ebenfalls nicht zu unterschätzen. Ähnlich wie die gewöhnliche Kavallerie hatte der Streitwagen also die Fähigkeit, offene Soldatenformationen einfach zu überrennen. Auch Reiter hatten sich vor Streitwagen zu hüten, denn die Sicheln waren für ungeschützte Pferdebeine ebenfalls eine große Gefahr. Zu dieser Kampfkraft kamen dann auch noch Fernwaffen und Lanzen, die von dem Streitwagen aus benutzt wurden.

Geschichte[Bearbeiten]

Skizze eines Sichelstreitwagens, Leonardo da Vinci um 1485

Die vierrädrigen sumerischen Wagen werden noch nicht als Streitwagen angesehen. Spätere Nutzer des Streitwagens waren in Mesopotamien die Mitanni, von denen ihn Hethiter und Assyrer übernahmen. Durch die Hyksos kam der Streitwagen nach Ägypten. Zwischen Hethitern und Ägyptern kam es 1274 v. Chr. in der Schlacht bei Kadesch zum bekanntesten Einsatz von Streitwagen. Das Alte Testament erwähnt mehrfach den Einsatz von Streitwagen, zum Teil[1] ausdrücklich als »eiserne Wagen«. Ebenso finden sie Erwähnung im Rigveda, was ihre Existenz zu dessen Entstehungszeit in der Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. in Indien belegt. Archäologische Nachweise finden sich dort erst für das sechste Jahrhundert v. Chr., was durch die klimatisch bestimmten schlechten Erhaltungsbedingungen zu erklären ist. Auch in China tauchen Streitwagen zu ähnlicher Zeit auf. Das älteste Streitwagengrab (nicht Wagengrab) datiert von 1200 v. Chr. Es gibt jedoch Hinweise, dass bereits die um 1600 v. Chr. endende Xia-Dynastie Streitwagen nutzte.

In Westasien bzw. Europa übernahmen um die Mitte des ersten Jahrtausends v. Chr. Perser und Kelten den Streitwagen und nutzten ihn längere Zeit. Die antiken Perser waren gefürchtet für ihre mit scharfen Klingen an den Rädern versehenen Sensenstreitwagen oder Sichelwagen. Die disziplinierte Infanterie der Armee Alexanders des Großen hatte jedoch wirksame Strategien gegen die Sensenstreitwagen, so dass diese 331 v. Chr. in der Schlacht von Gaugamela wirkungslos waren. Danach kamen im Heer des pontischen Königs Mithridates VI. noch vermutlich sensenbestückte Streitwagen zum Einsatz. In Europa nutzten die Kelten intensiv und mit als letzte den als essedum bezeichneten Streitwagen im Kampf. Der letzte bekannte kriegerische Einsatz von Streitwagen fand 83/84 n. Chr. in der Schlacht am Mons Graupius auf keltischer Seite statt.[2]

Hethitische Streitwagen[Bearbeiten]

Hethitischer Streitwagen

Die hethitischen Streitwagen – zu ihrer Zeit vielleicht die stärkste Waffe der Welt – wurden zuerst mit zwei, später mit drei Mann besetzt: Anfangs gab es einen Bogenschützen und einen Wagenlenker, der beide mit einem Schild beschützte, später kam ein dritter Krieger hinzu, der den Schild übernahm und für den Nahkampf ausgerüstet war.

Ein großer Vorteil der hethitischen und ägyptischen Streitwagen, die von zwei Hengsten gezogen wurden, war ihre leichte Bauweise: Der Aufbau bestand aus einem mit Leder und Gurten bespanntem Holzrahmen, an der Achse drehten sich zwei Räder mit sechs Speichen; nur die stark beanspruchten Radkränze waren massiver. Dies sorgte dafür, dass ein einziger Mann ein solches Gefährt tragen konnte: Ein erhaltener ägyptischer Wagen, den man in Florenz besichtigen kann, wiegt nur 24 Kilogramm (zum Vergleich: ein moderner Leichtmetall-Sulky darf 30 Kilogramm nicht überschreiten).

Anders als etwa die Perser nutzten die Hethiter Streitwagen vorwiegend als Fernkampfwaffen, von denen aus man den Gegner beschießen und sich dann schnell zurückziehen konnte. Ihre Besatzung stellte auch keine elitäre Kaste dar wie bei vielen Nachbarvölkern (etwa in Mitanni). Es kam sogar vor, dass eroberte Gespanne samt Fahrern in die eigene Armee eingegliedert wurden. Die Hethiter waren äußerst abhängig von ihrer stärksten Waffe: Ein König weigerte sich gar, Gegner in unwegsames Gebiet zu verfolgen, und hungerte sie lieber aus – was beträchtlich länger dauerte – , denn seine Krieger könnten schließlich nicht die Wagen auf den Rücken tragen – ein Kampf ohne Streitwagen schien ihm gar nicht möglich zu sein.

Eine hethitische Inschrift ist es auch, die Streitwagen erstmals erwähnt: Großkönig Anitta zog mit 40 von diesen in die Schlacht. In der Schlacht von Kadesch kommen nach ägyptischen Quellen ganze 3500 zum Einsatz – 7000 Pferde und 10500 Mann Besatzung.

Mesopotamien und Nachbarländer[Bearbeiten]

Auf akkadisch hieß der Wagen narkabtu oder mugerru, der Wagenfahrer rākib narkabti. Gewöhnlich wird angenommen, dass zweirädrige Streitwagen in größerem Umfang ab ca. 1600 v. Chr. eingesetzt wurden. Zuerst wurden Streitwagen mit sechs Speichen gebaut, seit Tiglat-pileser III. achtspeichige. Im Jahr 839 konnte Assyrien 2002 Streitwagen aufstellen.[3]

Die Zugehörigkeit der oft sehr ähnlichen Wagen konnte durch die Deichselzier herausgestellt werden. Neu-Assyrische Streitwagen hatten meist einen fächerförmigen Aufsatz,[4] dieser ist jedoch auch aus aramäischen Stadtstaaten wie Sam'al überliefert[5]. Die Deichselzier der Urartäer bestand dagegen aus einer „Scheibe mit 5 hochstehenden Zungen“[4], diese ist sowohl im Original (mit Besitzinschrift von Išpuini) als auch als Abbildung seit Argišti I. überliefert[6].

Ägäis[Bearbeiten]

In der Ägäis ist der Streitwagen ebenfalls ab ca. 1600 nachzuweisen (Schachtgräber). Nach Drews ist die mit dem Streitwagen verbundene Terminologie indogermanisch.

In der Ilias werden Streitwagen vielerorts erwähnt; nach neuesten Forschungen stellt die im Epos dargestellte Gefechtstechnik der Streitwagen das Endstadium des Streitwageneinsatzes im Kampf dar. Er kann nicht mehr im Angriff in geschlossenen Verbänden eingesetzt werden, findet aber in Phasen hochbeweglicher Kampfführung noch ein eingeschränktes Einsatzspektrum, das auffallende Parallelen zur Gefechtstechnik und Taktik heutiger Kampffahrzeuge aufweist. Im Lelantinischen Krieg wurde der Streitwagen bereits durch die Kavallerie im Kampfeinsatz verdrängt. Der Streitwagen wurde also in der Ägäis von der mykenischen Epoche bis in die Mitte des 8. Jahrhunderts v. Chr. als Kampffahrzeug eingesetzt.

Mythologie[Bearbeiten]

In der Mythologie verschiedener Völker spielen Streitwagen indirekt eine Rolle. So werden in Indien die alten vedischen Götter wie der Sonnengott Surya oder der Windgott Vayu ebenso wie Krishna auf Rathas (sanskrit für „Wagen“) dargestellt. In der griechischen Mythologie fährt der Sonnengott Helios auf einem Streitwagen über das Himmelsgewölbe.

Obwohl ein archäologischer Nachweis für die Verwendung von Streitwagen in Irland nicht existiert, kommen in den mythischen Heldengedichten der Insel die Kämpfer fast immer als Streitwagenfahrer vor.[7] Die Erzählung Aided Chon Culainn („Der Tod Cú Chulainns“) berichtet von dessen Wagenlenker Loeg mac Riangabra und den Rössern Liath Macha und Dub Sainglenn. Für Wales sind durch die Funde von Llyn Cerrig Bach auf Anglesey Streitwagen archäologisch bestätigt. Im Werk „Kelten - Bilder ihrer Kultur“ werden der rekonstruierte Wagen von Llyn Cerrig Bach sowie Zeichnungen von Streitwageneinsätzen gezeigt.[8]

Literatur[Bearbeiten]

  • Arthur Cotterell: Chariot. The Astounding Rise and Fall of the World's First War Machine. Pimlico, Random House, London 2005. ISBN 1-8441-3549-7.
  • Robert Drews: The coming of the Greeks. Indo-European conquests in the Aegean and the Near East. 2nd printing. Princeton University Press, Princeton NJ 1988, ISBN 0-691-02951-2.
  • James K. Hoffmeier: chariots. In: Kathryn A. Bard (Hrsg.): Encyclopedia of the Archaeology of Ancient Egypt. Routledge, London 1999, ISBN 0-415-18589-0, S. 193–195.
  • Thomas Richter: Der Streitwagen im Alten Orient im 2. Jahrtausend v. Chr. – eine Betrachtung anhand der keilschriftlichen Quellen. In: Mamoun Fansa, Stefan Burmeister (Hrsg.): Rad und Wagen. Der Ursprung einer Innovation. Wagen im Vorderen Orient und Europa (= Archäologische Mitteilungen aus Nordwestdeutschland. Beiheft 41). Isensee, Oldenburg 2004, ISBN 3-89995-085-2, S. 507ff.
  • Rupert Wenger: Strategie, Taktik und Gefechtstechnik in der Ilias. Analyse der Kampfbeschreibungen der Ilias (= Schriftenreihe altsprachliche Forschungsergebnisse. Bd. 6). Verlag Dr. Kovač, Hamburg 2008, ISBN 978-3-8300-3586-2 (Inhalt)
  • Heike Wilde: Technologische Innovationen im zweiten Jahrtausend vor Christus. Zur Verwendung und Verbreitung neuer Werkstoffe im ostmediterranen Raum (= Göttinger Orientforschungen. Reihe 4: Ägypten, Bd. 44). Harrassowitz, Wiesbaden 2003. ISBN 3-447-04781-X, S. 109–130 (Zugleich: Göttingen, Universität, Magisterarbeit, 1999/2000).

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Streitwagen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Jos 17,16-18 EU; Ri 1,19 EU, 4,3 EU und 4,13 EU
  2. Tacitus: Agricola. – Biographie von Gnaeus Iulius Agricola, röm. Statthalter in Britannien
  3. Brad E. Kelle: What's in a Name? Neo-Assyrian designations for the Northern Kingdom and their implications for Israelite history and Biblical interpretation. Journal of Biblical Literature 121/4, 2002, S. 642
  4. a b P. Calmeyer/U. Seidl: Eine frühurartäische Siegesdarstellung. Anatolian Studies 33, 1983 (Special Number in Honour of the Seventy-Fifth Birthday of Dr. Richard Barnett), S. 106
  5. Walter Andrae: Die Kleinfunde von Sendschirli. Walter de Gruyter, Berlin 1943, S. 79ff
  6. Arch. Mitt. Iran 13, 1980, S. 75
  7. Helmut Birkhan: Kelten. Versuch einer Gesamtdarstellung ihrer Kultur. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1997, ISBN 3-7001-2609-3, S. 952.
  8. Helmut Birkhan: Kelten. Bilder ihrer Kultur. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1999, ISBN 3-7001-2814-2, S. 338 f, Bilder 607, 608, 611.