Strukturalismus (Architektur)

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Waisenhaus in Amsterdam, "Ästhetik der Anzahl", 1960 (Aldo van Eyck)

Der Strukturalismus ist eine Mitte des 20. Jahrhunderts aufgekommene Strömung in Architektur und Städtebau. Er ist eine Reaktion auf den CIAM-Funktionalismus (Rationalismus).

Unter Strukturalismus im weiteren Sinn wird eine interdisziplinäre Methode des 20. Jahrhunderts verstanden, die an verschiedenen Orten, zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Fachgebieten entstanden ist. Angewendet wird sie in der Linguistik, der Anthropologie, der Philosophie, der Bildenden Kunst und der Architektur.

Strukturalismus als Parallelströmung zur postmodernen Architektur[Bearbeiten]

In Europa wird der Strukturalismus als parallele Strömung zur postmodernen Architektur aus Amerika gesehen.

Die postmoderne Architektur wurde in den 1970er Jahren durch die Publikationen und Vorträge von Autoren wie Charles Jencks, Robert Venturi und Denise Scott Brown weltweit verbreitet und war jahrzehntelang eine dominante Strömung.

Im Gegensatz zur postmodernen Architektur entwickelte sich der Strukturalismus in mehreren Zeitabschnitten. Die bedeutendsten theoretischen Grundlagen des Strukturalismus kamen aus Europa und Japan. Im Jahr 2011 erschien die erste umfassende Zusammenstellung der strukturalistischen Tätigkeit in einer Publikation mit dem Titel Structuralism Reloaded,[1] in der sich 47 Autoren mit philosophischen, historischen, künstlerischen und anderen relevanten Aspekten des Strukturalismus auseinandersetzten. Während es sich bei der postmodernen Architektur in erster Linie um einen Baustil handelt, wurden beim Strukturalismus sowohl Aspekte der Architektur als auch des Städtebaus aktuell.

Einige Monate nach Erscheinen des Buches Structuralism Reloaded wurde beim RIBA-Institut in London über die neuen Kandidaten der RIBA-Gold-Medaille-2012 diskutiert. Dabei stellte sich die Frage: „Sollte dieses Jahr die RIBA-Gold-Medaille den Venturis überreicht werden?“ Doch bei der Preisverleihung wurde nicht die postmodernistische Auffassung der Venturis belohnt, sondern die strukturalistische Auffassung von Herman Hertzberger. Eine Akzentverschiebung hatte sich vollzogen. Der Kommentar des früheren RIBA-Präsidenten Jack Pringle lautete: „Der bedeutende britische Preis, die RIBA-Gold-Medaille, sollte einem Architekten gegeben werden, der uns vorwärts bringt und nicht rückwärts.“ Heute kann die postmoderne Architektur bis zu einem gewissen Grad verglichen werden mit der europäischen Strömung des Traditionalismus.

Verschiedene Richtungen[Bearbeiten]

Der Anthropologe Claude Lévi-Strauss bemerkte: „Ich glaube nicht, dass man von einem einzigen Strukturalismus sprechen kann. Es besteht eine ganze Anzahl Richtungen, die als Strukturalismus bezeichnet werden.“[2] Diese Vielseitigkeit kommt auch beim Strukturalismus in der Architektur vor, der jedoch eine Eigenständigkeit aufweist, die nicht mit allen Prinzipien des Strukturalismus der Humanwissenschaften übereinstimmt. In der Architektur entstehen durch die Vielseitigkeit verschiedene Erscheinungsbilder.

Einerseits ist es die Ästhetik der Anzahl,[2] die Aldo van Eyck 1959 formulierte. Dieses Erscheinungsbild kann mit Zellgeweben verglichen werden. Einflussreicher Prototyp dieser Richtung ist das Waisenhaus in Amsterdam von Aldo van Eyck, das 1960 fertiggestellt wurde. Die Ästhetik der Anzahl wird auch als Konfigurative Architektur oder Architektur der Konfigurationen bezeichnet.

Anderseits ist es die Architektur der munteren Vielfalt (auch: Struktur und Zufall),[5] die John Habraken 1961 einführte für die Benutzerpartizipation im Wohnungsbau. Gleichzeitig entstanden in den 1960er Jahren verschiedene Utopieprojekte [8] mit dem Prinzip Struktur und Zufall. Einflussreicher Prototyp dieser Richtung ist das Kulturzentrum in Kofu von Kenzo Tange aus dem Jahr 1967. Dabei handelt es sich um ein interpretierbares, anpassbares und erweiterbares Gebäude. Diese Bauweise wird auch als Pluralistische Architektur oder Zwei-Komponenten-Bauweise bezeichnet.

Die Baugestalt ist nicht eindeutig vorbestimmt, Architektur wird als Prozess mit offenem Ausgang begriffen. Dadurch verlieren konventionelle Gestaltungsregeln ihre Bedeutung. Die gebauten und zu bauenden Strukturen werden als Ausdruck sozialer und funktionaler Zusammenhänge begriffen. Hierbei werden bestimmte ästhetische und konfigurative Entwurfsschemata der Multiplikation von Modulen und geometrischen Grundformen angewendet. Oft werden aus diesem theoretischen Ansatz heraus eine Grundstruktur, ein Modul oder ein Raster entwickelt, die dazu bestimmt sind, unter Mitwirkung oder nach Belieben der Nutzer einem ständigen Wachstums- oder Umbauprozess zu unterliegen.

Entstehung[Bearbeiten]

Yamanashi Kulturzentrum in Kofu, 1967 (Kenzo Tange). Prototyp einer interpretierbaren, anpassbaren und erweiterbaren Architektur.

Der Strukturalismus in Architektur und Städtebau entstand in der Architektenvereinigung CIAM (Congrès Internationaux d'Architecture Moderne) nach dem Zweiten Weltkrieg. Von 1928 bis 1959 waren die CIAM eine der bedeutendsten Diskussionsplattformen für Architektur und Städtebau. In dieser Organisation operierten verschiedene Gruppierungen mit teils widersprüchlichen Auffassungen: Anhänger einer wissenschaftlichen Architektur ohne ästhetische Prämissen (Rationalisten), Anhänger einer Architektur als Baukunst (Le Corbusier), Anhänger von Hochhaus- oder von Niedrigbau (Ernst May), Anhänger eines Reformkurses nach dem Zweiten Weltkrieg (Team Ten), Anhänger der „alten Lehre“ und weitere.

»Stadtbau kann niemals durch ästhetische Überlegungen bestimmt werden, sondern ausschließlich durch funktionelle Folgerungen.« Diese Formulierung in der CIAM-Erklärung von 1928 stammt von Architekten des Rationalismus. Einer der ersten, der gegen diese Auffassung rebellierte, war Aldo van Eyck mit seinem Statement Against Rationalism beim sechsten CIAM-Kongress von 1947.

Es waren einzelne Mitglieder der kleinen Splittergruppe Team Ten, die die Basis für den Strukturalismus legten. Auf dem letzten CIAM-Kongress, organisiert vom Team Ten und abgehalten im Jahr 1959 im Kröller-Müller-Museum von Otterlo, fielen ihre Ideen auf fruchtbaren Boden. Daher kommt diesem Zeitpunkt für die Durchsetzung strukturalistischen Denkens in Architektur und Stadtbau eine hohe Bedeutung zu.[3] Später interpretierte Herman Hertzberger, ein Hauptvertreter der zweiten Generation, den Einfluss dieses Teams wie folgt: »Ich bin ein Produkt des Team Ten[11] Das Team Ten als Avantgarde-Gruppe war von 1953 bis 1981 aktiv, wobei zwei verschiedene Architekturströmungen aus diesem Team hervorgingen. Einerseits war es der Brutalismus der englischen Vertreter (Alison und Peter Smithson) und anderseits der Strukturalismus der holländischen Vertreter (Aldo van Eyck und Jacob Bakema).[11]

Auch von außerhalb des Team Ten kamen wichtige Impulse für den Strukturalismus wie zum Beispiel von Louis Kahn in den Vereinigten Staaten, Kenzō Tange in Japan und dem Niederländer John Habraken mit seiner Theorie der Benutzerpartizipation. Für die Mitbestimmung im Wohnungsbau leisteten Herman Hertzberger und Lucien Kroll bedeutende architektonische Beiträge.

Der japanische Architekt Kenzo Tange entwarf 1960 den bekannten Masterplan für die Tokyo Bay. Später berichtete er über die Entstehungsphase dieses Projektes: »Ich glaube, es war rund 1959 oder anfangs der 1960er Jahre, dass ich mich mit einer Strömung beschäftigte, die ich später Strukturalismus nannte.«[3] Im weiteren schrieb Tange den Artikel Funktion, Struktur und Symbol, 1966, der den Übergang von der funktionalistischen zur strukturalistischen Denkweise beschreibt. Für Tange stand die Zeit von 1920–60 unter dem Zeichen des Funktionalismus und die Zeit ab 1960 unter dem Zeichen des Strukturalismus.[3]

Von Le Corbusier stammen verschiedene frühe Projekte und gebaute Prototypen für den Strukturalismus, einzelne selbst aus den 1920er Jahren. Obwohl die Mitglieder des Team Ten in den 1950er Jahren gewisse Aspekte im Werk von Le Corbusier kritisierten – wie die städtebauliche Grundkonzeption ohne Sinn für den Ort (Sense of Place) und die dunklen Innenstraßen der Unité – so sahen sie ihn trotzdem als großes Vorbild mit einer kreativen Architektenpersönlichkeit.

Manifest[Bearbeiten]

Eines der einflussreichsten Manifeste für die strukturalistische Bewegung wurde durch Aldo van Eyck zusammengestellt in der Zeitschrift Forum 7/1959.[2] Es war gleichzeitig das Programm für den internationalen Architektenkongress CIAM XI 1959 in Otterlo, den elften und letzten dieser Konferenzen. Der Kern des Manifestes ist ein frontaler Angriff auf die holländischen Vertreter des CIAM-Rationalismus, die für den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg verantwortlich waren (die Planer van Tijen, van Eesteren, Merkelbach und andere wurden aus taktischen Gründen nicht genannt). Das Manifest enthält viele Statements und Vorbilder für einen humaneren Städtebau. Der Otterlo-Kongress wird oft als Beginn der Architekturströmung Strukturalismus benannt,[9,10,12] obwohl schon frühere Projekte und Bauten der neuen Bewegung bestanden. Der Begriff Strukturalismus wird in der Fachliteratur zur Architektur erst seit 1969 verwendet.[7,12]

Otterlo-Kongress und seine Teilnehmer[Bearbeiten]

Einzelne Präsentationen und Diskussionen beim Otterlo-Kongress von 1959 werden als Beginn des Strukturalismus in Architektur und Städtebau gesehen. Diese Präsentationen waren international einflussreich. Im Buch von Oscar Newman mit dem Titel CIAM '59 in Otterlo,[6,11] sind die 43 teilnehmenden Architekten genannt (geordnet nach Herkunft):

  • L. Miquel, Alger
  • Aldo van Eyck, Amsterdam
  • José A. Coderch, Barcelona
  • Wendell H. Lovett, Bellevue-Washington
  • Werner Rausch, Berlin
  • W. van der Meeren, Bruxelles
  • Ch. Polonyi, Budapest
  • M. Siegler, Genf
  • P. Waltenspuhl, Genf
  • Hubert Hoffmann, Graz
  • Chr. Fahrenholz, Hamburg
  • Alison Smithson, London
  • Peter Smithson, London
  • Giancarlo De Carlo, Milano
  • Ignazio Gardella, Milano
  • Vico Magistretti, Milano
  • Ernesto Rogers, Milano
  • Blanche Lemco van Ginkel, Montreal
  • Daniel van Ginkel, Montreal
  • Callebout, Nieuport
  • Geir Grung, Oslo
  • A. Korsmo, Oslo
  • Georges Candilis, Paris
  • Alexis Josic, Paris
  • André Wogenscky, Paris
  • Shadrach Woods, Paris
  • Louis Kahn, Philadelphia
  • Viana de Lima, Porto
  • F. Tavora, Porto
  • Jacob Bakema, Rotterdam
  • Herman Haan, Rotterdam
  • J. M. Stokla, Rotterdam
  • John Voelcker, Staplehurst
  • Ralph Erskine, Stockholm
  • Kenzo Tange, Tokyo
  • T. Moe, Trondheim
  • Oskar Hansen, Warszawa
  • Zofia Hansen, Warszawa
  • Jerzy Soltan, Warszawa
  • Fred Freyler, Wien
  • Eduard F. Sekler, Wien
  • Radovan Niksic, Zagreb
  • Alfred Roth, Zürich.

Definition der strukturalistischen Form[Bearbeiten]

Wohnsiedlung Diagoon in Delft, Grundstruktur für Mitbestimmung, 1971 (Herman Hertzberger)
Mitbestimmung der Bewohner: Interieur, Fassade und Umgebung

Da beim Strukturalismus mehrere Richtungen bestehen, gibt es auch mehr als nur eine Definition. Eine bekannte und viel zitierte Definition stammt von Herman Hertzberger: „Beim Strukturalismus wird ein Unterschied gemacht zwischen einer Struktur mit langem Lebenszyklus und Einfüllungen mit weniger langem Zyklus.”[4]

Eine ausführlichere Umschreibung dieser Definition publizierte Hertzberger in 1973. Dabei handelt es sich einerseits um eine allgemeine Definition und anderseits um eine Formdefinierung bei der Benutzerpartizipation im Wohnungs- und Bürobau: „Dass wir den Begriff ‚Form’ hervorheben gegenüber ‚Raum’ oder ‚Architektur’ bedeutet nicht mehr als eine Akzentverschiebung. Wir haben es jedoch mit einem anderen Formbegriff zu tun als mit dem üblichen, der von einem formalen und unveränderlichen Verhältnis von Objekt und Beschauer ausgeht. Für uns steht nicht die Erscheinungsform als Umhüllung des Objekts auf dem ersten Platz, sondern die Form als potentieller Inhalts- und Bedeutungsträger. Die Form kann mit Inhalten, Werten und Bedeutungen gefüllt werden, davon aber ebenso wieder entledigt werden, ohne sich wesentlich zu verändern. Dies alles geschieht so, wie Nutzer und Form aufeinander einspielen, einander bespielen. Wir möchten, dass die bedeutungsaufnehmende, bedeutungstragende und übertragende Fähigkeit der Form bestimmt, was beim Nutzer zustande gebracht wird und umgekehrt, was die Nutzer bei der Form zustande bringen. Es geht uns um die Wechselwirkung von Form und Nutzer, was sie einander überbringen und wie sie einander gegenseitig in Besitz nehmen. – Wir müssen von den Dingen, die wir herstellen, das Material möglichst so formen, dass es neben der Funktion im engeren Sinn auch für mehrere Zwecke geeignet ist. Es sollte viele Rollen spielen können im Dienste der verschiedenen individuellen Nutzer, damit jedermann persönlich darauf reagieren und auf eigene Weise interpretieren kann. Erst dadurch wird es eingepasst in die vertraute Umgebung und kann dazu einen positiven Beitrag leisten.”[4]

Im Vergleich zu andern Richtungen des Strukturalismus in der Architektur wurden die nachstehenden Präzisierungen notiert: „Bei der neuen Architekturströmung besteht oft die Neigung, alles als strukturalistisch zu bezeichnen, was einem geflochtenen Gewebe gleicht und einen Raster hat. Dies wäre eine oberflächliche Betrachtungsweise. Im Wesen geht es beim Strukturalismus um die Konfiguration von konditionierten und polyvalenten Raum-, Kommunikations-, Konstruktions- oder andern Form-Einheiten bei allen Größenordnungen der Stadt. Erst dann, wenn die Strukturen durch Antastung, Interpretation oder Einfüllung der Nutzer in Besitz genommen wurden, haben sie ihren vollwertigen Zustand erreicht. Damit wird eine zum Formalismus neigende Architektur ausgeschlossen. Auch wird die vieldiskutierte ‚flexible’ Form als neutrale Umhüllung abgelehnt, da sie für kein Raumprogramm die passende Lösung bietet. In der Architektur von Herman Hertzberger ist die strukturalistische Formgebung vom kleinsten Detail bis zur komplizierten Struktur anzutreffen, ob es sich um Raum-, Fassaden- oder Umgebungsgestaltung handelt.”[5]

Der folgende Text handelt vom Strukturalismus im allgemeinen Sinn und von der Autonomie der Primärstruktur: „Verschiedene Strukturalisten würden eine Struktur ungefähr wie folgt umschreiben: Sie ist ein Ganzes von Beziehungen, worin die Elemente sich verändern können und zwar so, dass diese vom Ganzen abhängig bleiben und ihren Sinn erhalten. Das Ganze ist selbständig in Bezug auf die Elemente. Die Beziehungen der Elemente sind wichtiger als die Elemente selbst. Die Elemente sind auswechselbar, nicht aber die Beziehungen.”[6]

Theoretische Ausgangspunkte[Bearbeiten]

  • Gebaute Strukturen als Kontraform der sozialen Strukturen laut Team Ten, das sich als Arbeitsgruppe für die Untersuchung der »Beziehungen zwischen sozialen und gebauten Strukturen« bezeichnete.[6,9,11]
  • Archetypisches Verhalten des Menschen als Ausgangspunkt für die Architektur (vergleiche Anthropologie, Claude Lévi-Strauss). Im Gegensatz zu dieser Auffassung glaubten verschiedene Rationalisten, die durch Gruppen der russischen Avantgarde beeinflusst waren, an einen machbaren Menschen in einer manipulierbaren Gesellschaft.
  • Zusammenhang, Wachstum und Veränderung auf allen Stufen des Städtebaus. Gliederung der Baumasse mit Gestaltqualität. Sinn-für-Orte-Konzeption (Sense-of-Place). Erkennungszeichen.
  • Polyvalente Form und individuelle Interpretation (vergleiche Langue et Parole, Ferdinand de Saussure); Benutzerpartizipation; Integration von professioneller und alltäglicher Baukultur mit dem Resultat der Pluralistischen Architektur.

Anwendung der Prinzipien[Bearbeiten]

Das Prinzip Struktur und Zufall ist bis heute aktuell geblieben, sowohl für die Architektur des Wohnungsbaus als auch für den Städtebau. Für den Wohnungsbau waren die folgenden Bilder einflussreich: die Perspektivzeichnung des Projektes Fort l'Empereur in Algier von Le Corbusier (1934) und die Isometriezeichnung der veränderbaren Wohnsiedlung Diagoon in Delft von Herman Hertzberger (1971). Auf Stadtniveau waren die folgenden Bilder einflussreich: der Tokyo-Bay-Plan von Kenzo Tange (1960) und die faszinierenden Modellfotos der zur Ausführung bestimmten Freien Universität Berlin von Candilis Josic & Woods (1963). Erwähnenswert sind auch die Utopien von u. a. Archigram und Yona Friedman. Das Prinzip Struktur und Zufall kommt auch bei früheren Städten vor (siehe auch: Planstadt).

Das Prinzip Ästhetik der Anzahl hat sich für die Strukturierung einer ganzen Stadt als wenig geeignet erwiesen, in der Architektur und im Siedlungsbau fand es jedoch Anwendung. Die ersten einflussreichen Bilder dieser Richtung lieferte 1960 Aldo van Eyck mit Luftfotos seines Waisenhauses in Amsterdam. Später verwirklichte er das Raumfahrtzentrum Estec in Noordwijk (1989).

Projekte und gebaute Beispiele[Bearbeiten]

  • Ottokar Uhl: Strukturalistische, demontable Strukturen mittels S.A.R.-Methode, wobei sich Uhl auf John Habraken bezieht. Umsetzung vorrangig im Kirchen- und Wohnungsbau von 1957-1996 (geordnet nach Entstehungszeitraum)
  • Van den Broek & Bakema und andere:
    • Wohnbezirke bei Rotterdam,
    • Pendrecht Projekt 1949
    • Alexanderpolder Projekte 1953 und 1956

Einzelne Gebäude[Bearbeiten]

mit Benutzerpartizipation

Wohnsiedlungen[Bearbeiten]

Habitat 67, Weltausstellung in Montréal, 1967 (Moshe Safdie)
Denkmal für die ermordeten Juden Europas, 2005 (Peter Eisenman)
Gedenkstätte in Jerusalem, 2005 (Moshe Safdie)

mit Benutzerpartizipation

  • Le Corbusier:
    • Perspektivzeichnung Wohnbezirk Fort l'Empereur Algier, Projekt 1934
  • Herman Hertzberger:
    • Wohnsiedlung Diagoon in Delft, 8 Experimentierhäuser, 1971
  • Lucien Kroll:
    • Studentenzentrum St. Lambrechts-Woluwe Brussel, 1976 (Mitbestimmung)
  • Adriaan Geuze und andere:
    • Wohnbezirk Borneo-Sporenburg Scheepstimmermanstraat Amsterdam, 2000 (Mitbestimmung)

Städtebau[Bearbeiten]

  • Alison und Peter Smithson:
    • Städtebauschema Hierarchy of Association, 1953
  • Kenzō Tange:
    • Tokyo-Bay-Plan, Projekt 1960

Kunstwerke[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur und Anmerkungen[Bearbeiten]

  • [2] Aldo van Eyck, "Het Verhaal van een Andere Gedachte" (Die Geschichte einer andern Auffassung), mit dem Prinzip "Ästhetik der Anzahl", in Forum 7/1959, Amsterdam-Hilversum. Das Redaktionsteam der Zeitschrift Forum 7/1959-3/1963 und Juli/1967 bestand aus Aldo van Eyck, Herman Hertzberger, Jacob Bakema und anderen.
  • [3] Kenzo Tange, "Funktion, Struktur und Symbol, 1966", in: Udo Kultermann, Kenzo Tange, Zürich 1970. Kenzo Tange schrieb 1981: "Ich glaube, es war rund 1959 oder anfangs der 1960er Jahre, dass ich mich mit einer Strömung beschäftigte, die ich später Strukturalismus nannte," (publiziert in Plan 2/1982, Amsterdam).
  • [4] Herman Hertzberger, Vom Bauen - Vorlesungen über Architektur, München 1995. (Englische Ausgaben Lessons for Students in Architecture, Rotterdam 1991-Nr.1, 2000-Nr.2, 2008-Nr.3). Definition von Herman Hertzberger: "Beim Strukturalismus wird ein Unterschied gemacht zwischen einer Struktur mit langem Lebenszyklus und Einfüllungen mit weniger langem Zyklus."
  • [5] N. John Habraken, Die Träger und die Menschen - Das Ende des Massenwohnungsbaus, Den Haag 2000; in Kombination mit 2-Komponenten-Bauweise - Struktur und Zufall. (Ursprüngliche Ausgabe De Dragers en de Mensen - Het Einde van de Massawoningbouw, Amsterdam 1961.) Partizipation der Bewohner.
  • [6] Oscar Newman (Hrsg.), CIAM '59 in Otterlo, Stuttgart 1961. 30 Artikel von Louis Kahn, Kenzo Tange, Georges Candilis, Jacob Bakema, Aldo van Eyck, Alison und Peter Smithson und anderen. (Englisch mit deutscher Textbeilage). Der Otterlo-Kongress wird allgemein als Beginn des Strukturalismus gesehen. Der Begriff Strukturalismus erscheint erst 1969 in Publikationen, siehe [7].
  • [7] Arnaud Beerends, "Een Structuur voor het Raadhuis van Amsterdam" (Eine Struktur für das Rathaus in Amsterdam), in TABK 1/1969, Heerlen. Die Architekturbegriffe "Strukturalismus" und "Strukturalisten" werden das erste Mal in dieser Zeitschrift publiziert, für die niederländische Architekturszene.
  • [8] Reyner Banham, Megastructure - Urban Futures of the Recent Past, London 1976.
  • [9] Arnulf Lüchinger, Strukturalismus in Architektur und Städtebau, Stuttgart 1980. Strukturalismus als internationale Strömung, mit Originaltexten von Herman Hertzberger, Louis Kahn, Le Corbusier, Kenzo Tange, Aldo van Eyck und andern Mitgliedern des Team 10.
  • [10] Wim van Heuvel, Structuralism in Dutch Architecture, Rotterdam 1992. (Niederländische Ausgabe und englische Ausgabe)
  • [11] Max Risselada und Dirk van den Heuvel (Hrsg.), Team 10 - In Search of a Utopia of the Present, Rotterdam 2005. Essays von 23 Autoren. Interviews mit Georges Candilis, Giancarlo De Carlo, Balkrishna Doshi, Ralph Erskine, Herman Hertzberger, Alison und Peter Smithson, Aldo van Eyck.

Weitere Publikationen[Bearbeiten]

  • Justus Dahinden, Stadtstrukturen für morgen, Stuttgart 1971.
  • Francis Strauven, Aldo van Eyck - The Shape of Relativity, Amsterdam 1998.
  • Michael Hecker, Structurel-Structural, Einfluss strukturalistischer Theorien in West-Deutschland von 1959-1975, Dissertation TU Stuttgart 2007.
  • Sabrina van der Ley und Markus Richter (Hrsg.): Megastructure Reloaded - Visionäre Stadtentwürfe der Sechzigerjahre reflektiert von zeitgenössischen Künstlern, Ostfildern bei Stuttgart 2008. 25 Artikel über Archigram, Yona Friedman, Eckhard Schulze-Fielitz, Constant und andere. (Deutsch+Englisch)
  • Mark Garcia (Hrsg.), "Patterns of Architecture", in: Architectural Design November/Dezember 2009, London.
  • Rivka Oxman und Robert Oxman (Hrsg.), "The New Structuralism - Design, Engineering and Architectural Technologies", in: Architectural Design Juli/August 2010, London.
  • Joaquin Warmburg und Cornelie Leopold (Hrsg.), Strukturelle Architektur, Bielefeld 2012.
  • Herman Hertzberger, Architecture and Structuralism, Rotterdam September 2014.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Tomas Valena, Hrsg.: Structuralism Reloaded - Rule-Based Design in Architecture and Urbanism, Stuttgart 2011.
  2. Structuralism Reloaded. 2011.
  3. Arnulf Lüchinger: Strukturalismus in Architektur und Städtebau, S. 8
  4. Zitiert in [9], Seite 56
  5. aus [9], Seite 58
  6. zitiert nach [9], Seite 16