Studioglasbewegung
Die Gründung der amerikanischen Studioglasbewegung (Studio Glass Movement) führt man auf das Jahr 1962 zurück, auf zwei Workshops, die der Glaskünstler Harvey Littleton im Toledo Museum of Art in Ohio durchführte. Er präsentierte damals ein neues Konzept der Glasbearbeitung, das dem einzelnen Künstler erlaubt, in seinem eigenen Atelier individuelle Glaskunstwerke zu schaffen, ohne Abhängigkeit von den grossen traditionellen Glasmanufakturen.
Diese Bewegung hat viele international anerkannte Künstler hervor gebracht, deren Werke aus Glas in den grossen Kunstmuseen auf der ganzen Welt zu sehen sind, wie zum Beispiel im Metropolitan Museum of Art in New York oder dem Victoria and Albert Museum in London.
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[Bearbeiten] Die Anfänge: Harvey K. Littleton
Harvey K. Littleton, geboren 1922, wuchs in Corning (New York), auf, - einer Stadt, in der die Glas-Industrie seit Mitte des 19. Jahrhunderts angesiedelt war. Sein Vater, ein Physiker, arbeitete im Research Team der Corning Glass Works. Fragen der Glasherstellung wurden am Mittagstisch diskutiert und am Samstagmorgen wurde oft die Fabrik besucht.
Als College Student nahm Littleton einen Sommer-Job bei Corning an und beobachtete fasziniert die Handhabung von glühendem Glas. Im Jahr 1947 schloss er sein Studium an der University of Michigan im Hauptfach Industrial Design ab.
Am liebsten hätte er nun in den Corning Glass Works ein Labor eröffnet, in dem für alle anderen Abteilungen neue Techniken und Konzepte erprobt werden sollten. Doch die Firmenleitung lehnte seinen Vorschlag ab.
Insbesondere hatte Littleton die Vorstellung, dass neue Ideen und Produkte in der Auseinandersetzung mit dem Material entstehen sollten, dass die konkrete Handhabung von Glas den kreativen Prozess in Gang setzen würde: „I thought form was born in the material and in the hands of the artist“.
Aber die Firmenleitung blieb bei der traditionellen Auffassung, dass Design eine Schreibtisch-Arbeit sei, und die Designer nicht mit dem Material herum pfuschen sollten. Die Trennung von Design und Herstellung war die Regel. Die Designer machten ihre Entwürfe am Zeichenbrett, dann wurden diese in der Fabrikation von erfahrenen Glas-Arbeitern umgesetzt. Glas galt als industrieller Werkstoff, der nur im Umfeld grosser Anlagen bearbeitet werden kann.
Zunächst wandte sich Littleton enttäuscht vom Material Glas ab, das anscheinend keine individuelle Handhabung erlaubte, und wandte sich der Keramik zu. Sein Studium auf diesem Gebiet schloss er 1951 mit dem Master of Fine Arts ab und er begann an der University of Wisconsin zu unterrichten.
Im gleichen Jahr wurde übrigens das Corning Museum of Glass eröffnet, inzwischen das grösste Glas-Museum in den USA.
[Bearbeiten] Workshop 1962
Im Jahr 1957 reiste Littleton nach Europa, um dort die Herstellung von Keramik zu studieren. Doch die Entdeckungen und Begegnungen dieser Reise liessen seinen früheren Traum wieder aufleben: Dass es für den Glaskünstler möglich sein müsse, in seinem eigenen Atelier seine eigenen Kreationen zu realisieren, wie das bei der Keramik der Fall ist. In Murano bei Venedig besuchte er zahlreiche Glasmanufakturen, versuchte sich selber im Glasblasen und kaufte Werkzeug ein. Im Jahr 1959 baute er seinen ersten Glasofen.
Die Chance zur Realisierung seiner Vorstellungen erhielt er im Jahr 1962: Das Toledo Museum of Art ermöglichte ihm die Durchführung zweier experimental Workshops, in denen die wenigen Teilnehmer Glas im Ofen schmelzen und sich als Glasbläser betätigen würden. Die praktische Durchführung war dann aber keineswegs gleich ein Erfolg, sie drohte zuerst an technischen Problemen zu scheitern.
Doch einer der Teilnehmer war Dominick Labino, ein Ingenieur, der in der Glasindustrie als Leiter einer Forschungsabteilung über grosse Erfahrung verfügte. Er hatte Anwendungen von Glasfasern zur Hitze-Isolation für die Raumfahrt entwickelt. Mit seiner Hilfe wurde der Ofen verbessert, und als Ausgangsmaterial stellte er industrielle Glasperlen mit tiefem Schmelzpunkt zur Verfügung. Damit wurde das Glasblasen im Workshop schliesslich möglich. Die ersten Resultate waren noch kümmerlich, aber der Enthusiasmus aller Beteiligten war sehr gross.
Der Beweis war erbracht: Mit dem Bau kleiner Schmelzöfen konnten Glaskünstler ihre individuellen Werke im eigenen Atelier realisieren, gleich wie in der Keramik.
[Bearbeiten] Die Studioglasbewegung
In der Folge tat Littleton sein Bestes, um der neuen Bewegung zu Verbreitung und Anerkennung zu verhelfen. Er war ein geschickter Organisator, konnte Gelder frei machen und Kontakte zu Studenten und Künstlern herstellen.
Während in Europa das traditionelle Bild des Künstlers nicht unbedingt mit dem der Universität verbunden ist, wirkte Littleton im akademischen Umfeld. Als Professor an der Universität von Wisconsin führte er im Jahr 1963 den ersten Studiengang für Glas in den USA ein.
Einer seiner Studenten, Marvin Lipofsky, leitete dann 1964 einen Studiengang an der Universität in Berkeley. Ein anderer Student, Dale Chihuly, heute der international berühmteste und erfolgreichste Glaskünstler, studierte zunächst an der Rhode Island School of Design weiter und leitete später dort die Glas-Abteilung. Im Jahr 1971 war er Mitbegründer der Pilchuck Glass School, Washington.
In dieser Weise breitete sich die Studio Glas Bewegung rasch in den USA aus und wurde dann in den 1970er Jahren zunehmend zu einer internationalen Bewegung.
Die amerikanischen Glaskünstler konnten in den USA meist nur auf eine Vergangenheit industrieller Glasproduktion zurück blicken. So waren sie begierig darauf, die Stätten traditioneller Glaskunst in Europa aufzusuchen und sich dort Know How anzueignen.
Littleton selber reiste bereits im Jahr 1962 wieder nach Europa und besuchte Erwin Eisch in Frauenau. Er war tief beeindruckt von der freien Kreativität, die in den Werken von Eisch zum Ausdruck kommt. Es folgten Besuche von Eisch in den USA, unter anderen als Gast-Professor an der Universität of Wisconsin. Littleton wurde von Eisch künstlerisch stark beeinflusst und Eisch übernahm von Littleton das Konzept der kleinen Glasöfen. Heute gilt Eisch als einer der grossen Pioniere der europäischen Studio Glas Bewegung.
Dale Chihuly reiste im Jahr 1968 nach Venedig und lernte in der Glasmanufaktur Venini in Murano die Glas-Kreation im Teamwork kennen. Die Art und Weise, wie mehrere Glasfachleute an der Entstehung eines Glaskunstwerkes beteiligt sind, praktizierte er dann in seinem eigenen Studio in den USA. Auch andere Glaskünstler aus den USA reisten nach Italien, aber auch nach Schweden oder in die Tschechoslowakei.
Schon früh begannen Museen, sich für die neue Glaskunst der Gegenwart zu interessieren. Eine der bedeutendsten Ausstellungen zu jener Zeit war nach Ansicht des führenden Experten Dan Klein die Schau „Glas heute – Kunst oder Handwerk“ im Jahr 1972 im Museum Bellerive in Zürich.
[Bearbeiten] Literatur
Clementine Schack von Wittenau: Neues Glas und Studioglas: Ausgewählte Objekte aus dem Museum für Modernes Glas. Schnell und Steiner, Regensburg, 2005, ISBN 3-7954-1619-1
Susanne K. Frantz: Contemporary Glass: a world survey from the Corning Museum of Glass. Harry N. Abrams; New York, 1989, ISBN 0-8109-1038-1
Joan Falconer Byrd: Harvey K. Littleton: A Life in Glass - Founder of Americas Studio Glass Movement. Skira Rizzoli, 2012, ISBN 0847838188
[Bearbeiten] Weblinks
Museen und Sammlungen mit Studioglas:
Deutschland:
Glas-Sammlung der Veste Coburg / Europäisches Museum für modernes Glas
Glasmuseum Ernsting, Coesfeld
Glasmuseum Hentrich, Düsseldorf
Glasmuseum Frauenau
Alexander Tutsek Stiftung, München
Schweiz:
Musée Ariana, Genf
mudac, Lausanne (Musée de design et d'arts appliqués contemporains)
Kunstsammlung Landstieg, Oberwangen TG
International:
Victoria and Albert Museum, London
Musée du Verre Sars-Poteries, Frankreich
Corning Museum of Glass, New York
Museum of Glass, Tacoma, Washington
Toledo Museum of Art, Ohio
Bekannte Studioglas-Künstler:
Dale Chihuly
Dominick Labino
Harvey Littleton
Marvin Lipofsky