Sugita Genpaku

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Sugita Genpaku, gemalt von Ishikawa Tairō
Jizō Boddhisatva (Ksitigarbha) von Kozukappara zur Tröstung der Seelen der dort Hingerichteten (Enmei-Tempel, Tōkyō, Arakawa-ku)
Kaitai shinsho. Das Frontispiz stammt nicht aus den „Anatomische Tabellen“ von Kulmus. Es wurde der Antwerpener Ausgabe von Joan de Valverda de Hamuscos Historia de la composicion del cuerpo humano entnommen und überarbeitet.
Sugita Genpakus Altersmemoiren Rangakukoto hajime (Erstdruck 1869)
Grab von Sugita Genpaku im Eikan-Tempel (Tōkyō, Minato-ku)
Feierliche Enthüllung eines Reliefsteins zum Gedenken an die, durch die Ärzte Maeno Ryōtaku, Sugita Gempaku und Nakagawa Jun'an beobachtete Sektion von 1771 (Ekō-Tempel, Tōkyō, Arakawa-ku, 2. Juli 1922).

Sugita Genpaku (jap. 杉田 玄白; * 20. Oktober 1733[1] in Edo (heute Tokyo); † 16. April 1805[2] daselbst), übte als Arzt und Gelehrter der „Hollandkunde“, für die er den Namen Rangaku prägte, einen großen Einfluss auf die Übernahme der westlichen Medizin im frühmodernen Japan aus. Die von ihm publizierte Übersetzung Kaitai Shinsho gilt als Meilenstein in der japanischen Medizingeschichte.

Leben[Bearbeiten]

Sugita wurde in Edo in der Residenz von Sakai Tadaoto, dem Lehnsherren von Obama[3] als Sohn des Arztes Sugita Hosen (杉田甫仙, 1692–1769) geboren. Im Laufe seines Lebens benutzte er die Namen Tasuku () und Shihō (子鳳); in seinen Schriften nannte er sich auch Isai (鷧斎) und im Alter Kyūkō-ō (九幸翁). Am weitesten verbreitete sich jedoch der Name Genpaku (auch als Gempaku transliteriert).

Im Alter von 18 Jahren wurde Sugita Schüler des konfuzianischen Gelehrten Miyase Ryūmon (宮瀬 竜門), bei dem er eine solide Ausbildung in der chinesischen Klassik erhielt. Anschließend widmete er sich der westlichen Chirurgie unter Anleitung des Hofarztes Nishi Gentetsu (西 玄哲, 1681–1760), dem Sohn des berühmten Dolmetschers und Arztes Nishi Genpo (西 玄甫). 1752 wurde er Arzt des Lehens Obama. 1757 begann er zusätzlich eine ärztliche Praxis in Edo, Nihonbashi. Im selben Jahr organisierte er zusammen mit den Gelehrten Hiraga Gennai und Tamura Ransui in Edo eine Naturalien-Ausstellung (yakuhin-e, 薬品会)[4]. 1765 ernannte ihn der Lehnsherr Sakai Tadatsura zum Residenzarzt (oku-ishi). Wenig später starb sein Vater, und Sugita trat dessen Nachfolge als Leibarzt an.

Als der Arzt Yamawaki Tōyō (山脇 東洋) in Kyōto im Jahre 1754 mit einer offiziellen Erlaubnis die erste Leichensektion der japanischen Geschichte vornahm und darüber eine Schrift mit kruden, doch von den herkömmlichen chinesischen Anatomieabbildungen stark abweichenden Illustrationen drucken konnte, wurden viele Mediziner im Lande, darunter auch Sugita, stark stimuliert. In der Folge bemühte er sich um den Erwerb der niederländischen Sprache und sammelte bei Yoshio Kōsaku und anderen medizinisch ambitionierten Dolmetschern der Handelsniederlassung Dejima Informationen und Materialien. Wie viele an westlichen Dingen interessierte Gelehrte suchte auch Sugita die Herberge der Europäer auf, wenn der Leiter von Dejima mit dem Stationsarzt nach Edo kam, um am Hofe des Shōgun seine jährliche Reverenz zu erweisen.

1771 erhielt Sugita zusammen mit seinen langjährigen Gefährten Maeno Ryōtaku (前野 良沢), einem sprachbegabten Arzt aus dem Lehen Nakatsu, und Nakagawa Jun’an (中川 淳庵, 1739–1786), wie Sugita ein Arzt des Lehens Obama, die Gelegenheit, der Sektion einer am Richtplatz Kozukappara[5] hingerichteten Frau beizuwohnen. Hierzu brachten Maeno und Sugita die "Ontleedkundige Tafelen" mit, eine 1734 in Amsterdam gedruckte niederländische Ausgabe der "Anatomischen Tabellen" des Breslauers Johann Adam Kulmus (1689–1745)[6]. Die Übereinstimmung der Abbildungen mit dem, was sie sahen, war so beeindruckend, dass sie sich entschlossen, das Buch zu übersetzen.

Das wegen der sprachlichen und fachlichen Hürden kräfteraubende Projekt beanspruchte mehrere Jahre. Als Sugita die Übersetzung schließlich drucken lassen wollte, zog Maeno Ryōtaku, der über die besten Holländischkenntnisse verfügte und weite Teile bearbeitet hatte, seinen Namen zurück. Sugita überging dessen Bedenken, und das Werk wurde 1774 als „Neues Buch der Anatomie“ (Kaitai shinsho, 解体新書) publiziert, ohne dass die Zensur der Tokugawa-Behörden eingriff. In der Folge stieg das Interesse an anatomischen Studien und Leichensektionen. Allerdings erteilten die zuständigen Behörden die hierzu nötige Erlaubnis bis in die Mitte des 19. Jhs. nur sehr zurückhaltend. Sugita und seine Gefährten hatten mit ihrem Buch zugleich demonstriert, dass es möglich war, vergleichsweise selbstständig an hochwertiges westliches Fachwissen zu gelangen.

Die Übersetzung ist in chinesischer Schriftsprache verfasst, die in Japan die gleiche Rolle spielte wie Latein in Europa. Da es für eine Reihe anatomischer Termini kein sprachliches Äquivalent gab, schufen die Übersetzer neue Begriffe, unter denen sich einige wie shinkei (神経, Nerven), dōmyaku (動脈, Schlagader) und shojomaku (処女膜, Jungfernhäutchen) bis heute gehalten haben. Es war jedoch auch zu allerlei Fehlern gekommen, und die Holzschnitt-Illustrationen ließen einiges zu wünschen übrig, weshalb Ōtsuki Gentaku (大槻 玄沢) und andere im Jahre 1826 eine überarbeitete Version Jūtei Kaitai Shinsho (重訂解体新書) mit Kupferstichen publizierten. Hier fand das Frontispiz der "Ontleedkundige Tafelen" Verwendung.

1776 verlegte Sugita seinen Wohnsitz vom Anwesen des Lehnsherren in Edo auf ein in der Nähe angemietetes Grundstück, wo er eine Medizin-Schule Tenshinrō (天真楼) einrichtete. Dort soll er jährlich mehr als 600 Patienten versorgt haben. Der Konfuzianer Shibano Ritsuzan (柴野 栗山) bezeichnete ihn als geschicktesten Arzt in Edo. In seinen späten Jahren erhielt er vom Lehen ein für einen Arzt außergewöhnlich hohes jährliches Reis-Einkommen von 400 Koku. 1805 gewährte ihm der Shōgun Tokugawa Ienari eine Audienz im Schloss, was sein Ansehen in Edo unterstreicht. Zwei Jahre später überließ er sein Amt als Lehnsarzt und Leiter der Privatschule dem ältesten Sohn.

Sugita verfasste mehrere medizinische Schriften, doch den größten Einfluss übten neben dem oben genannten Kaitai shinsho seine Altersmemoiren „Beginn der Hollandkunde“ (Rangaku koto hajime, 蘭学事始) aus. Hier beschreibt er - seine Zeit und sich in den Mittelpunkt stellend - das Aufkommen der japanischen Studien zur europäischen Wissenschaft und Technik, für die er den Begriff Rangaku prägte (蘭学, ran für oranda, Holland; gaku, Kunde, Studien, Lehre). Sugitas eindrucksvolle Schilderung der Qualen beim Übersetzen der "Ontleedkundige tafelen" machte auf Fukuzawa Yukichi, einem der führenden Pioniere der Modernisierung Japans in der Meiji-Zeit, einen so tiefen Eindruck, dass er den von ihm erstmals 1869 herausgegebenen Text im Jahre 1890 anlässlich des ersten Treffens der neugegründeten „Japanischen Gesellschaft für Medizin“ (Nihon igakkai) mit einem bewegenden Vorwort versah und erneut drucken ließ. Seitdem sind Sugita und das Kaitai shinsho als Wendepunkt fest in der Geschichte Japans verankert.

Sugitas Grab befindet sich im Gelände des Eikan-Tempels (Eikan-in,栄閑院) in Tokyo.

Werke[Bearbeiten]

  • Sugita Genpaku et al.: Kaitaishinsho. Edo: Suharaya Ichibē, 1774. ( 與般亜覃闕児武思著, 杉田玄白訳, 吉雄永章撰, 中川淳庵校, 石川玄常参, 桂川甫周閲, 小田野直武 [図]『解体新書』東武 : 須原屋市兵衞, 安永3[1774]年刊)
  • Sugita Isai (= Gempaku): Rangakukoto hajime. 1869 (杉田鷧齋[著]『蘭學事始』[出版地不明], 明治2年) (杉田玄白著『蘭学事始』再刻, [出版地不明] : [出版者不明], 明治23[1890]年刊)
  • Sugi Yasusaburō (hrsg.), Sugita Genpaku: Isai nichiroku. Tōkyō:Seishisha, 1981. (杉田玄白著, 杉靖三郎校編『鷧斎日録』東京:青史社) = Tagebuch von 1788 bis 1806.
  • Rangaku kotohajime = Die Anfänge der "Holland-Kunde" von Sugita Genpaku (1733-1818); übersetzt von Kōichi Mōri. Tokyo: Sophia University, 1942 (Monumenta Nipponica, Vol. V, Semi-Annual No.1, No.2)

Literatur[Bearbeiten]

  • Koga, Jūjirō: Seiyō-ijutsu denrai-shi. Tōkyō: Keiseisha, 1972. (古賀十二郎『西洋医術伝来史』形成社)
  • Katagiri, Kazuo: Sugita Gempaku. Tōkyō: Yoshikawa Kōbunkan, 1986. (片桐一男『杉田玄白』吉川弘文館)
  • Katagiri, Kazuo: Edo no ranpō-igaku koto hajime – Oranda-tsūji Yoshio Kōzaemon Kōgyū. Tōkyō: Maruzen-Library, 2000. (片桐一男『江戸の蘭方医学事始 阿蘭陀通詞・吉雄幸左衛門耕牛』)
  • Lucacs, Gabor: Kaitai Shinsho, the single most famous Japanese book of medicine & Geka Soden, an early very important manuscript on surgery. Hes & De Graaf Publishers, 2008.
  • Arakawa Furusato Museum (hrsg.): Sugita Genpaku to Kozugahara no shiokiba. Tōkyō, 2007 (荒川ふるさと文化館編『杉田玄白と小塚原の仕置場』)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Sugita Genpaku – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Nach jap. Zeitrechnung 13. Tag, 9. Monat, 18. Jahr Kyōho
  2. Nach jap. Zeitrechnung 17. Tag, 4. Monat, 14. Jahr Bunka
  3. Obama lag in der Provinz Wakasa (heute Präfektur Fukui). Da die Lehnsherren zu einem jährlich alternierenden Aufenthalt in Edo und ihrem jeweiligen Lehen gezwungen waren, unterhielten sie im Umfeld des Schlosses von Edo größere Anwesen mit dem dazu nötigen Personal.
  4. Zwischen 1751 und 1867 fanden rund 250 dieser, von Hiraga und Tamura eingeführten Ausstellungen statt. Hier stellten Sammler und Gelehrte aus allen Regionen ihre Schätze vor und tauschten Informationen aus. Vielerorts druckte man auch Listen der Objekte und ihrer Besitzer. Siehe Yūsuke Imai, Jirō Endō, Teruko Nakamura, Wolfgang Michel: On the Historical Background of the ‘Materia Medica Exhibitions' of the Edo Period. In: The Japanese Journal of History of Pharmacy, Vol. 40 (2005), No. 2, p.156 (japanisch)
  5. Kozukappara (小塚原, auch Kozukahara; wörtl. Grabhügelfeld) oder Kotsugahara (Knochenfeld) lag an der Ausfallstraße von Edo zur Provinz Mutsu. Nach Schätzungen wurden hier von der Mitte des 17. Jhs. bis 1873 etwa 200 000 Personen hingerichtet. Heute liegen große Teile des Areals unter Bahngleisen.
  6. Anatomische Tabellen, nebst dazu gehoerigen Anmerckungen und Kupffern … welche den Anfaengern der Anatomie zu bequemer Anleitung in dieser andern Auflage verfasset hat Johann Adam Kulmus … Dantzig zu finden bey Cornelius von Beughem; gedruckt von Thomas Johann Schreiber … 1725. Dies war ein vergleichsweise leicht verständlich für den praktischen Gebrauch geschriebenes Lehrbuch. Die niederländische Übersetzung besorgte der Leidener Chirurg Gerard(us) Dicten (1696–1770).
Japanische Namensreihenfolge Japanischer Name: Wie in Japan üblich, steht in diesem Artikel der Familienname vor dem Vornamen. Somit ist Sugita der Familienname, Gempaku der Vorname.