Türkische Mythologie

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die türkische Mythologie spiegelt die große Vielfalt unterschiedlicher Religionen wider, zu denen sich die Türken im Laufe ihrer Geschichte bekannten. Sie ist vor allem vom Tengrismus geprägt, dem alttürkischen Glauben. Eine wichtige Rolle spielen dabei stets heldenhafte Herrscher, der heilige Wolf, die Ebenen der Unterwelt und der Oberwelt in denen verschiedene übermächtige Wesen existieren, Riesen, Ungeheuer, und die heiligen Zahlen 3, 7, 9 und 40.

Asena[Bearbeiten]

Hauptartikel: Asena-Legende

Die Legende der Wölfin Asena ist die älteste bekannte Legende der türkischen Mythologie (älteste Version 330 v. Chr.). Es ist die tragische Geschichte der Tue'kue, die bis auf einen einzigen schwerverletzten kleinen Jungen durch einen feindlichen Angriff ausgerottet werden. Der Junge überlebt mit abgetrennten Händen und Füßen in einem Moor. Die Wölfin Asena findet den Jungen, säugt ihn und sichert somit den Fortbestand des Volkes.[1]

Heldensagen[Bearbeiten]

Oghus-Epos[Bearbeiten]

Einer der bedeutendsten aller türkischen Sagen ist die Sage über Oghus, da sich viele der heutigen Turkvölker im Westen Zentralasiens als Nachkommen der Oghusen sehen.

Sie handelt vom Leben des Oghus Khan, von seiner Geburt bis zur feierlichen Aufteilung seines Reiches unter seinen sechs Söhnen. Diese Sage enthält viele wichtige Hinweise auf die frühe türkische Geschichte. Sie liefert Erklärungen über die Herkunft mancher Stämme wie z. B. der Kiptschaken. Sie erzählt auch von einem großen Krieg zwischen Oghus' Armee und der Armee seines Vaters.

Manas-Epos[Bearbeiten]

Das zentrale Werk der kirgisischen Literatur ist das große Manas-Epos, erheblich länger als die Odyssee und seit etwa 1000 Jahren durch mündlicher Überlieferung bewahrt und weitergeformt. Es besingt die Taten des mythologischen Helden Manas und seiner Nachkommen, die im 10. Jahrhundert im Kampf mit den benachbarten Uighuren die kirgisische Freiheit bewahrten.

Stammesmythen[Bearbeiten]

Ergenekon-Sage[Bearbeiten]

Die Ergenekon-Sage ist ebenso weit verbreitet unter den Turkvölkern. Sie handelt von einer großen Krise der alten Türken. Nach der Sage sollen die Türken sich nach einer großen Niederlage, geführt von einem Wolf, in einem sehr schwer zugänglichen Tal namens Ergenekon niedergelassen haben. Erst nach vielen Generationen wird dieses Tal zu eng für das Volk und sie suchen nach Wegen, dieses Tal zu verlassen. Letztlich schmelzen Schmiede einen Berg aus Eisenerz, und das Volk kommt wieder mit alter Stärke zurück in die Steppe und verkündet bei allen Völkern, dass die Göktürken wieder ihren alten Platz eingenommen haben.

Kirk kiz[Bearbeiten]

(deutsch: Vierzig Mädchen)

Die Kirk-kiz-Sage beschreibt den Ursprung der Kirgisen. Die Tochter des Sari Khan (er regierte den Westteil des Göktürkenreiches), macht in Begleitung ihrer 39 Dienstmädchen einen Ausflug zu einem verzauberten Bergsee. Am Ufer des Sees berühren sie den weißen Schaum, der angespült wird. Davon werden sie allesamt schwanger. Der Khan schickt sie in einen Wald, dort gebären sie ihre Kinder, und nennen sich fortan Kirkkizlar, die „vierzig Mädchen“. In der gesamten Osttürkei gibt es aber eine ganze Reihe verschiedener „Vierzig-Mädchen-Sagen“ die auf wichtige Orte hinweisen, die man „Vierzig Mädchen“ nennt.

Dokus oghus-On uighur[Bearbeiten]

(9 Oghusen-10 Uighuren/ aber auch die Kinder des Baumes) Legende über den Ursprung der Uighuren.

Göç[Bearbeiten]

(Vertreibung/Umzug)

Dies ist eine Überlieferung, die sehr viele Informationen über Ansicht und Lebensweise der alten Türken enthält. Es handelt davon, dass die chinesischen Feinde herausfinden, dass die Türken ihre Kraft aus einem Felsen entnehmen, den sie als heilig verehren. Ein Botschafter der Chinesen überbringt dem türkischen Khan eine chinesische Prinzessin als Frau, um freundschaftliche Beziehungen zwischen den Völkern aufzubauen. Als Geschenk darf sich der Botschafter etwas aussuchen. Er entscheidet sich für den heiligen Felsen, den die Türken seit 40 Generationen als heilig verehren. Die Chinesen gießen Essig auf den Felsen und machen einen Feuer um diesen. Der Felsen zerspringt in tausend Teile. Diese Teile werden sofort auf Ochsenkarren weggebracht und an alle Zauberer Chinas verteilt. Die Steine bringen überall, wo sie hingelangen Macht, Glück und Segen.

Im Land der Türken aber nimmt der Himmel plötzlich eine seltsame gelbliche Färbung an. Die Vögel hören auf zu singen, die Pflanzen fangen an zu welken, und unter den Türken verbreiten sich Seuchen. Aus der Natur hören sie plötzlich die Stimmen der Yer Su (Erd- Wassergeister). Sie rufen „..zieht um, zieht um..“ („gööc gööc..“). Diese Stimmen verstummen erst, nachdem die Türken monatelang weitergezogen sind.

Lyrik[Bearbeiten]

Jäger Binegger[Bearbeiten]

Der Jäger Binegger ist ein großer Jäger, der in seinem Stamm sehr geachtet wird. Doch nachdem er den großen Fehler macht der heiligen Maral nachzustellen, die eigentlich die Waldgöttin in Gestalt eines Hirsches ist, wird er auf furchtbare Weise bestraft.

Die Geschichte ist in viele kurze Strophen gefasst, die sich reimen. Es wird auch als Liedtext in der traditionellen Volksmusik verwendet. Sänger singen die Geschichte aus der Perspektive Bineggers und Sängerinnen aus der Perspektive der Waldgöttin.[2]

Schöpfungsmythen[Bearbeiten]

Es gibt unter den Turkvölkern mehrere unterschiedliche Sagen über die Schöpfung. Bei den sogenannten Nordtürken ist vor allem die vom Gott Kaira Khan verbreitet.

Am Anfang gab es nichts außer einem riesigen Meer namens Talay. Es gab kein Land, keine Sonne, Mond oder Sterne. Kaira Khan und ein Mensch fliegen über das Wasser (in manchen Quellen in Gestalt von Schwänen oder schwarzen Wildgänsen, oder auf diesen reitend). Der Mensch hält sich für etwas Besseres als den Gott, er neckt ihn mit kleinen Späßen. Er spritzt ihm das Wasser des Meeres ins Gesicht und taucht ins Wasser, um ihm seinen Mut zu demonstrieren. Er verliert die Kontrolle und ertrinkt fast. Der Gott rettet ihn aus dem Wasser und lässt plötzlich einen Felsen aus dem Meer auftauchen. Sie setzen sich darauf.
Kaira Khan versteht, dass er Land erschaffen muss. Er befiehlt dem Menschen, ins Wasser zu tauchen und aus dem Grund Sand zu holen. Der Mensch ist hinterlistig und undankbar, er ahnt das Vorhaben des Gottes und versteckt beim Holen des Sandes in seinem Mund (bzw. im Schnabel) auch ein wenig für sich selbst, um sich sein eigenes Land zu erschaffen. Er folgt dem erneuten Befehl des Gottes und verstreut den Sand auf dem Wasser. Plötzlich entstehen Inseln, die rasant wachsen und zum Land werden. Aber auch der Sand im Mund des Menschen beginnt sich zu mehren. Seine Backen werden immer dicker, er droht zu ersticken und zu sterben. Kaira Khan befiehlt ihm, den Sand auszuspucken, damit er nicht stirbt. Aus dem Ausgespucktem entstehen (hässliche, überflüssige) Berge auf dem schönen Land, das vorher nur weite ebene Steppe war. Kaira Khan spricht: Du hast gesündigt und wolltest mich betrügen. Die Gedanken der Völker, die mich verehren, werden rein sein, und sie werden sich am Sonnenlicht erfreuen. Dein Name soll Erlik werden. Die Menschen, die Sünde begehen, sollen dein Volk werden. Kaira Khan lässt einen riesigen Baum auf einem Hügel mit neun Ästen wachsen. Unter diesem Baum sitzen Törüngey und Eje, die Urahnen aller Menschen.[3]

Dede-Korkut-Geschichten[Bearbeiten]

Hauptartikel: Dede Korkut

Das Dede-Korkut-Buch aus dem 11. Jahrhundert umfasst zwölf Sagen der Oghusen. Darunter sind Stammesmythen, Heldensagen und herzzerreißende Liebesgeschichten. Es stammt aus der frühen islamischen Zeit der Türken, in der die tengristischen Elemente in der türkischen Kultur noch überwogen haben. Es wird angenommen, dass sogar die meisten dieser Geschichten aus der vorislamischen Zeit stammen und erst nachträglich mit islamischen Elementen ausgeschmückt wurden.

  • Bogac Khan, der Sohn von Dirse Khan
  • Die zeremonielle Plünderung des Hauses von Salur Kazan
  • Bamsi Beyrek, der Sohn von Kam Büre Bey
  • Die Gefangenschaft des Uruz Bey, Sohn von Kazan Bey
  • Deli Dumrul, Sohn von Duha Koca
  • Kan Turali, Sohn von Kanli Koca
  • Yigenek, Sohn von Kazilik Koca
  • Basats Kampf mit Tepegöz
  • Emren, Sohn von Begil
  • Segrek, Sohn von Uschun Koca
  • Die Gefangenschaft von Salur Kazan
  • Der Konflikt zwischen den inneren und äußeren Oghusen[4]

Der Wolf[Bearbeiten]

Der Wolf wurde auch deshalb als heilig verehrt, weil er seinen Kopf beim Heulen Richtung Himmel erhebt. Darin sah man eine Art Verbindung des Wolfes mit dem heiligen Himmel Tengri.

Der Wolf als heiligstes und höchstes Totem-Tier der Türken spielt in vielen Sagen und Mythen eine wichtige Rolle. Die Türken sahen den Wolf als ihren Urahnen an.

Der Wolf ist das Tier, das in der alttürkischen Mythologie die bedeutendste Rolle zu spielen scheint. Wahrscheinlich hat sich die ursprüngliche Legende vom Ahnen-Wolf bei den Hsiung-nu (oder Hunnen) entwickelt, und zwar zu einer unbekannten, aber zweifellos sehr frühen Zeit. Shiratori schreibt, dass sie in vorchristlicher Zeit schon gut ausgebildet bei den Wu sun vom Išíq Qul und vom Ili erscheint, die Indoeuropäer oder Prototürken sind. Zwei Erzählungen machen uns mit ihr bekannt. Beide berichteten von einer Wölfin, die ein Findelkind säugt, und einem Raben, der über ihr kreist.[5]

Literaturhinweise[Bearbeiten]

  • Käthe Uray-Kőhalmi, Jean-Paul Roux, Pertev N. Boratav, Edith Vertes: Götter und Mythen in Zentralasien und Nordeurasien. Klett-Cotta, Stuttgart 1999, ISBN 3-12-909870-4.
  • Mustafa Miyasoğlu: Dede Korkut Kitabı. ISBN 975-338-286-3. (türkisch)
  • Türk Mitolojisi, Murat Uraz: Mitologya Yayinlari. 1992. (türkisch)
  • Necati Demir, Danismed-Name: Part One-Four. (Critical Edition, Turkish Translation, Linguistic Analysis and Glossary, Facsimile) Departement of Near-Eastern Languages an Civilizations Harcand University, Havard 2002. (engl.)
  • Nercati Demir-M. Dursun Erdem, (Hazret-i Ali Destani/Hazret-i Ali Cenkleri/Satlik Gazi Destani/Saltik-Name) 4 Bände, Destan Yayinlari, Ankara 2007. (türkisch)
  • Necati Demir: Die weinenden Tannenbäume. Zwiebelzwerg Verlag, Willebadessen 2007, ISBN 978-3-938368-54-1.
  • Necati Demir: Der Sperling und ein Schluck Wasser. Zwiebelzwerg Verlag, Willebadessen 2009, ISBN 978-3-86806-044-7.
  • W. Ekkehard Scharlipp: Die frühen Türken in Zentralasien. Darmstadt 1992, ISBN 3-534-11689-5.
  • E. Ekkehard Scharlipp: Die alttürkische Literatur: Einführung in das vorislamische Schrifttum. Verlag auf dem Ruffel, 2005, ISBN 3-933847-14-1.
  • Deniz Karakurt: Türkische Mythologie Wörterbuch (Türk Söylence Sözlüğü), Türkei, 2011 (OTRS: CC BY-SA 3.0) (türkisch)

Weblinks[Bearbeiten]

Quellenhinweise[Bearbeiten]

  1. Jean-Paul Roux: Die alttürkische Mythologie, Stammesmythen. In: Käthe Uray-Kőhalmi, Jean-Paul Roux, Pertev N. Boratav, Edith Vertes: Götter und Mythen in Zentralasien und Nordeurasien. Klett-Cotta, Stuttgart 1999, ISBN 3-12-909870-4, S. 251.
  2. Murat Uraz, Türk Mitolojisi
  3. Murat Uraz, Türk Mitolojisi
  4. Dede Korkut Kitabi, Mustafa Miyasoglu
  5. Jean-Paul Roux: Die alttürkische Mythologie, Der Wolf. In: Käthe Uray-Kőhalmi, Jean-Paul Roux, Pertev N. Boratav, Edith Vertes: Götter und Mythen in Zentralasien und Nordeurasien. ISBN 3-12-909870-4, S. 204.