T’Andernaken

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T'Andernaken, al op den Rijn (auch: Tandernaken, al op den Rijn) war einst ein sehr bekanntes Volkslied in West- und Südeuropa, ursprünglich in Mittelniederländisch verfasst. Es handelt von der Unterhaltung zweier Mädchen, die in Andernach am Rhein während ihres sehr persönlichen Gespräches vom Liebhaber einer der beiden belauscht werden.

Originaltext der sechsstrophigen Version in Mittelniederländisch[Bearbeiten]

Als kompletteste Version findet sich das Lied im Antwerps Liedboek – Een schoon liedekens Boeck (Antwerpener Liederbuch – ein schönes Liedchenbuch) von 1544 unter der Nummer 149 als Een oudt liedeken (Ein altes Liedchen).

T'Andernaken, al op den Rijn
1.
T'Andernaken, al op den Rijn,
daer vant ic twee maechdekens spelen gaen;
die eene dochte mi, aen haer aenschyn,
haer ooghen waren met tranen ombevaen:
‘nu segt mi, lieve ghespele goet,
hoe sweert u herte, hoe truert uwen moet,
waer om ist, dat woudys mi maken vroet?’
-‘Ic en cans u niet gesagen;
tis die moeder diet mi doet,
si wil mijn boel veriagen, veriagen.’
2.
-‘Och lieve ghespele, daer en leyt niet an,
den mey die sal noch bloeyen;
so wie zijn liefken niet spreken en can,
die minne mach hem niet vermoeyen.’
-‘Och, lieve ghespeelken, dats quaet sanck,
den mey te verbeyden valt mi te lanc;
het soude mi maken van sinnen also cranc,
ic soude van rouwe sterven.
Ic en weets mijnder moeder geenen danc,
si wil mijn boel verderven, verderven.’
3.
- ‘Och, lieve ghespele, daer en leyt niet an,
nu schict u herteken al in vreden.’
- ‘Mijn moeder plach te spinnen, des en doet si niet,
den tijt en is niet lange gheleden;
nu schelt si mi hier, nu vloect si mi daer,
mijn boelken en dorf niet comen naer,
daer om is mijn herteken dus swaer;
ist wonder dat ic truere?
ende ic en mach niet gaen van haer,
ter veynster, noch ter duere, noch ter duere.’
4.
- ‘Och, lieve ghespele, dat waer wel quaet,
wilt sulker tale begheven,
hadde ic ghedaen mijns moeders raet,
ic waer wel maecht ghebleven.
Nu hebbe ic sinen wille ghedaen,
mijn buycxken is mi opghegaen,
ende nu so is hi mi ontgaen
ende gaet elwaerts spelen.
Des moet ic laten so menighen traen,
ic en cans u niet gehelen, gehelen.’
5.
- ‘Ghespele, wel lieve ghespele goet,
en sidy dan gheen maecht?’
- ‘Och neen ic, lieve ghespele goet,
ende dat si ons heer God gheclaecht.’
- ‘God danck, dat ic noch maghet si;
spiegelt u, lieve gespeelken, aen mi
ende wacht u, oft ghi en zijt niet vrij,
ten sal u niet berouwen;
coemt hem nemmermeer niet na bi
oft ghi wort gheloont met trouwen, met trouwen.’
6.
- ‘Ghespele, hi seyt dat hi mi mint.’
- ‘Dis minne plach mi te lieghen;
en ghelooft die clappaerts niet en twint,
si staen al na bedrieghen.’
Doen loech si nen groten schach;
dat was die maghet die op mi sach.
Ic boot haer minnelic goeden dach,
ic groetese hoghelike.
God gheve dat icse vinden mach
bi mi, in hemelrijcke, in hemelrijcke! [1]

Deutsche Übersetzung[Bearbeiten]

Zu Andernach nah' am Rheine
1.
Zu Andernach nah' am Rheine
da fand ich zwei Mädchen spielen (sich amüsieren) geh'n.
Die eine gefiel mir durch ihr Aussehen.
Ihre Augen waren mit Tränen umfangen.
‘Nun saget mir, liebe Gespielin (Freundin),
wie schmerzet dein Herz, wie trauert dein Gemüt,
warum ist das so, würdest du es mir kundig machen (kundtun)?’
-‘Ich kann es Euch nicht sagen ...
Dies hat meine Mutter mir angetan.
Sie will meinen Buhlen (Schatz) fortjagen, fortjagen.’ [1]
2.
- ‘Ach liebe Freundin, daran liegt es nicht,
den Mai, die soll noch blühen;
so wie sein Liebchen nicht sprechen kann,
die Liebe läßt ihn nicht ermüden.’
- ‘Ach, liebes Gespielchen, das ist böser Gesang,
den Mai abzuwarten dauert mir zu lang;
es sollte mich machen von Sinnen auch krank,
ich sollte an Trauer sterben.
Ich auch weiß meiner Mutter keinen Dank,
sie will meinen Buhlen verderben, verderben.’
3.
- ‘Ach, liebe Freundin, daran liegt es nicht,
nun schickt euer Herzchen ganz in Frieden.’
- ‘Meine Mutter pflegt zu spinnen, so tut sie selbst nicht,
vor wohl nicht langer Zeit ;
nun scheltet sie mir hier, nun flucht sie mir da,
mein Buhlchen (Schätzchen) selbst darf nicht herkommen,
darum ist mein Herzchen so schwer;
ist's ein Wunder, dass ich trauere?
und ich selbst mag nicht geh'n von ihr,
zum Fenster hinaus, noch zur Türe, noch zur Türe.’
4.
- ‘Ach, liebe Freundin, das war wohl übel,
will solches Gesagte sich zutragen,
hätte ich getan meiner Mutter Rat,
ich wär' wohl Magd geblieben.
Nun habe ich seinen Willen getan,
mein Büchslein ist mir aufgegangen,
und nun so ist er mir entgangen
und geht allemal sich amüsieren.
Darum muss ich lassen so manche Träne,
ich selbst kann's euch nicht verhehlen, verhehlen.’
5.
- ‘Freundin, wohl liebe Freundin gut,
und seid ihr dann keine Maid (Jungfrau)?’
- ‘Ach nein ich, liebe Freundin gut,
und das sei unserem Herrgott geklagt.’
- ‘Gott sei Dank, dass ich noch Jungfrau bin;
seht ihr, liebe kleine Freundin, an mir
und habt acht, oder ihr selbst seid nicht frei,
dann sollt ihr nicht bereuen;
kommt er nimmermehr nicht hierher
oder ihr wird belohnt mit trauen (heiraten), mit trauen.’
6.
- ‘Freundin, er sagt, dass er mich liebt.’
- ‘Diese Liebe pflegt mir zu liegen;
und glaubt den Schwätzern nicht ein (Augen)zwinkern,
sie sind alle aus auf Betrügen.’
Dann machte sie ein großes Gelächter;
das war die Maid, die auf mich Einfluss hatte.
Ich bot ihr liebevoll guten Tag,
ich grüßte sie höflich.
Gott gebe, dass ich sie finden mag
mit mir, im Himmelreich, im Himmelreich!

Geschichte[Bearbeiten]

Die Melodie des Liedes überdauerte die Zeiten in monophonischen wie polyphonischen Quellen, aber der weltliche Liedtext ist nur aus Textquellen bekannt. T'Andernaken war ein international sehr bekanntes Lied in der Zeit von den 1430er bis in die 1540er Jahre, überliefert in (mittel)niederländischen, italienischen, deutschen und englischen Quellen niederländischer, deutscher und englischer Renaissance-Komponisten mit jeweils eigenen (Instrumental)fassungen wie Ludwig Senfl (1534), Erasmus Lapicida (1504), Jacob Obrecht (1501), Pierre de la Rue (1500), Alexander Agricola, Antoine Brumel, Paul Hofhaimer und Petrus Alamire. Selbst der musikalische englische König Heinrich VIII. verfertigte eine Variation darüber (~1515).[2].

Es existieren verschiedene Textversionen mit sechs und mit zwanzig Strophen, darin in der 20-Strophen-Version auch die Schönheit der Stadt Andernach geschildert wird. Der Niederländer Tijling (Tÿling, Tyling) gilt als erster Komponist, der die Melodie T'Andernaken in Satz gebracht hat. Er lebte um die Mitte des 15. Jahrhunderts, darüber hinaus ist nichts von ihm bekannt. Sein Werk findet sich in einem der Trienter Codices (ca. 1433-1445). Ein überliefertes Manuskript für Blasinstrumente vom Hofe Alberts von Preußen, in dem das Wort Krumbhörner sich als Bassstimme findet, gibt Hinweise auf den Instrumentensatz zum Spielen der textlosen polyphonischen Versionen des Liedes. Ein Tonsatz von Paul Hofhaimer vereinigte drei Stimmen in einer Tabulatur für Orgel. Ein si-placet-Altus (lat. si placet - wenn beliebt) in Mensuralnotation wurde der Tabulatur von Hans Kotter angefügt, die der Kommentar als von einandern darzu zuschlagen charakterisiert: „von anderem dazu (separat) zu spielen“.[2]. Die erste Strophe von Tandernaken findet sich in einem niederländischen Quodlibet (zum Text siehe Quodlibet in der niederländischen Wikipedia).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Florimond van Duyse: Het oude Nederlandsche lied. Tweede deel. Martinus Nijhoff / De Nederlandsche Boekhandel, Den Haag und Antwerpen 1905; Sp. 1050-1054
  2. a b Jan Willem Bonda: De meerstemmige Nederlandse liederen van de vijftiende en zestiende eeuw (Die mehrstimmigen niederländischen Lieder des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts). Uitgeverij (Verlag) Verloren, Hilversum 1996; ISBN 90-6550-545-8 (ISBN 0-393-09530-4), S. 89-90 und 596-598

Weblinks[Bearbeiten]

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