Talsperre Leibis-Lichte

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Talsperre Leibis-Lichte
Die Staumauer von Westen gesehen
Die Staumauer von Westen gesehen
Lage: Landkreis Saalfeld-Rudolstadt
Zuflüsse: Lichte, Schlagebach
Abflüsse: Lichte
Größere Orte in der Nähe: Deesbach, Lichte, Meura, Oberweißbach, Unterweißbach
Talsperre Leibis-Lichte (Thüringen)
Talsperre Leibis-Lichte
Koordinaten 50° 36′ 3″ N, 11° 10′ 24″ O50.60083333333311.173333333333Koordinaten: 50° 36′ 3″ N, 11° 10′ 24″ O
Daten zum Bauwerk
Bauzeit: 2002 - 2005
Höhe über Talsohle: 93,5 m
Höhe über Gründungssohle: 102,5 m
Höhe der Bauwerkskrone: 444 m ü. HN
Bauwerksvolumen: 620.000 m³
Kronenlänge: 369 m
Kronenbreite: 9 m
Basisbreite: 80,6 m
Böschungsneigung luftseitig: 1:0,78
Böschungsneigung wasserseitig: lotrecht
Kraftwerksleistung: 1 MW
Daten zum Stausee
Höhenlage (bei Stauziel) 436 m ü. HN, bei Hochwasser 441 m ü. HN
Wasseroberfläche 122,0 hadep1
Stauseelänge 3,6 kmdep1
Speicherraum 32,4 Mio m³
Gesamtstauraum: 39,2 Mio. m³
Bemessungshochwasser: 86,5 m³/s
Besonderheiten:

gerade Achse , lotrechte Wasserseite

Die Talsperre Leibis-Lichte (auch: Leibis/Lichte) ist eine Talsperre im Freistaat Thüringen. Sie liegt nahe Unterweißbach im Lichtetal im Thüringer Schiefergebirge. Ihren Namen hat sie von dem Ort Leibis, dessen 100 Bewohner in den Ort Neu-Leibis umgesiedelt wurden, und dem gestauten Gewässer Lichte, einem Zufluss der Schwarza. Sie dient der Trinkwasserversorgung Ostthüringens und dem Hochwasserschutz. Nachdem mit der Flutung bereits im Februar 2005 begonnen wurde, fand die offizielle Einweihung am 12. Mai 2006 statt. Die Flutung fand bis Mitte 2008 statt. Es ist eine tägliche Entnahme von 43.700 m³ Rohwasser vorgesehen. Der Talsperre ist die Vorsperre Deesbach vorgelagert.

Bauwerk[Bearbeiten]

Die Staumauer der Talsperre Leibis-Lichte wurde als Gewichtsstaumauer aus Beton errichtet, da das Schiefer-Gestein und das fast gerade Tal keinen ausreichenden Halt für eine Bogenstaumauer bieten würden. Der Bau der Talsperre wurde im September 2000 nach ca. 20 Jahren Planung begonnen und war sehr umstritten. Der Grundstein wurde am 6. September 2002 gelegt. Im Jahr 2004 war etwa die halbe Mauerhöhe erreicht, und im Februar 2005 wurde mit der Flutung begonnen. Die Talsperre ist nach ICOLD-Kriterien eine „große Talsperre“ und wird auf lange Zeit der letzte große Talsperrenbau in Deutschland sein. Sie ist nach der Rappbode-Talsperre die zweithöchste Talsperre Deutschlands. Ursprünglich sollte sie 107,5 Meter hoch werden, wodurch sie die Staumauer der Rappbode-Talsperre um 1,5 Meter übertroffen hätte. Die Kosten betrugen 140 Millionen Euro.

Ausführung[Bearbeiten]

Der Untergrund der Talsperre ist mit einem Injektionsschleier abgedichtet. Die Staumauer selbst wurde in der so genannten Blockbauweise errichtet. Dabei variiert die Größe der insgesamt rund 1090 Blöcke erheblich. Die Höhe der Blöcke beträgt bei fast allen 2,50 m, die Länge schwankt zwischen 7,0 und 30,0 m, die Breite 10 m. Diese unterschiedlichen Maße ergeben sich aus der Lage der jeweiligen Blöcke. Bei dem Bauwerk wurden fünf verschiedene Betonsorten verwendet, die jeweils anders zusammengesetzt sind. Jeweils 108 Blöcke wurden dabei aus dem sogenannten Kernbeton hergestellt. Diese Blöcke sind nur von anderen Blöcken umgeben. Für weitere 140 Blöcke, welche direkten Kontakt mit dem Untergrund haben, wurde Sohlen- bzw. Sohlenfeinbeton verwendet. Die übrigen Blöcke wurden aus Vorsatzbeton hergestellt. Für die Fugen verwendete man Arbeitsfugenbeton.

Baustoffe[Bearbeiten]

Kennwerte nach 90 Tagen
Kernbeton
Vorsatzbeton
Sohlenbeton
Sohlenfeinbeton
Arbeitsfugenbeton
Druckfestigkeit in N/mm² 30,6 29,1 30,7 27,6
Zugfestigkeit in N/mm² 4,83 4,15 4,48 4,69
Spaltzugfestigkeit in N/mm² 2,15 2,01 3,06 2,61
Elastizitätsmodul (statisch) in N/mm² 30.192 30.246 22.365 21,738
Wassereindringtiefe in mm 40 24 30 25
Festbetonrohdichte in Tonnen/m³ 2,434 2,405 2,306 2,340
Frischbetonrohdichte in Tonnen/m³ 2,423 2,408 2,267 2,294

Tunnelsysteme[Bearbeiten]

Der Talsperre Leibis/Lichte wird über drei Tunnel und ein Verbindungsbauwerk Wasser zu -oder abgeleitet. Alle Tunnel wurden mit einer 38 m langen Vortriebsmaschine gebohrt. (Außer der Dükeranlage der Sorbitztalquerung)

TUNNEL LÄNGE BAUZEIT DURCHMESSER AUSBAU
Katzestollen 9.806 m 1989-1994 2,70 m nur partiell mit Spritzbeton
Lichtestollen I 3.375 m 1983-1989 2,70 m nur partiell mit Spritzbeton
Sorbitztalquerung 220 m 1989;2004-05 2× 1000 mm Rohre DN 1000
Lichtestollen II 7.334 m 1981-1986 2,70 m nur partiell mit Spritzbeton
Der Auslauf des Katzestollens

Katzestollen[Bearbeiten]

Durch den Katzestollen wird Wasser in freiem Gefälle aus dem westlich der Talsperre gelegenen Katzetal in den Stausee geleitet. Der Einlauf befindet sich nahe dem Ort Katzhütte, der Auslauf in der Nähe der Staumauer. Zur Einleitung des Wassers in den Stollen wurde im Fluss Katze eine Wehranlage gebaut. Seit Anfang 2010 wird über Lösungen beraten, das aus dem Katzestollen austretende Wasser von der Talsperre fernzuhalten, sodass die Orte Oberweissbach und Cursdorf nicht mehr in der Schutzzone liegen.[1]

Lichtestollen I[Bearbeiten]

Durch den Lichtestollen I wird das Rohwasser der Talsperre vom Wasserturm unterhalb der Staumauer bis in das Sorbitztal geleitet. Der Tunnel hat eine Steigung von 2,2 Promille, sodass sich im Sorbitztal ein Hochpunkt ergibt. Dieser Höhenunterschied wird durch den Wasserturm an der Staumauer überwunden. Bei einer Direktentnahme aus der Talsperre hätte der Stollen als Druckstollen ausgeführt werden müssen.

Sorbitztalquerung[Bearbeiten]

Die Sorbitztalquerung ist das Verbindungselement zwischen den Lichtestollen I und II und unterquert den Fluss Sorbitz. Sie besteht aus zwei 220 Meter langen Rohrdükern, die jeweils 1989 und von 2004-2005 erbaut wurden. An beiden Talseiten schließen unmittelbar die beiden Lichtestollen an. Man wählte die Variante mit zwei DN 1000 Rohren, um im Schadensfall Versorgungssicherheit gewährleisten zu können. Im Normalfall wird jedoch nur eine der beiden Leitungen betrieben. An der Anlage in der Nähe von Rohrbach im Sorbitztal sind außerdem zwei Tore untergebracht, die im Wartungsfall einen Zugang zu den Stollen ermöglichen. Sie wurden von 2004 bis 2005 erbaut.

Lichtestollen II[Bearbeiten]

Der Lichtestollen II leitet auf einer Länge von 7.334 Metern das Rohwasser von der Sorbitztalquerung zur Trinkwasseraufbereitungsanlage Zeigerheim. Er hat, wie der Lichtestollen I, ein Gefälle von 2,2 Promille.

Ersatzmaßnahmen[Bearbeiten]

Insgesamt werden 33 ökologische Ersatzmaßnahmen durchgeführt, um die durch den Bau entstandenen Beeinträchtigungen zu kompensieren. Diese umfassen den Rückbau von Wehranlagen, die Renaturierung von Fließgewässern, die Umgestaltung von 270 ha Wald, das Aussetzen von 40 Auerhühnern im Lichtetal und eine dem Zulauf angepasste Wildbettabgabe aus der Talsperre an den Unterlauf. Letzteres dient der Erhaltung der hochwertigen Lebensräume im Schwarzatal. Während der Bauausführung wurden sämtliche naturschutzfachlichen Belange durch eine ökologische Bauüberwachung wahrgenommen. 2006 wurde festgelegt, dass die Fahrbahn der Kabelkrananlage aus Kostengründen nicht zurückgebaut, sondern in ein Biotop verwandelt wird.

Genehmigungsverfahren[Bearbeiten]

Dem Bau der Talsperre ging ein langwieriges Genehmigungsverfahren voraus:

  • 2. August 1993: Der Antrag zur Planfeststellung wird eingereicht.
  • 15./21. Juni 1995: Der Thüringer Landtag stimmt einer weiteren Verfolgung des Bauprojektes zu, lässt aber die Stauhöhe um fünf Meter senken.
  • August 1999: Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland klagt gegen eine Anordnung zum sofortigen Bau der Talsperre.
  • 26. August 1999: Die Klage gegen den Sofortvollzug wird vom Verwaltungsgericht Gera abgewiesen. Da der BUND auf Rechtsmittel verzichtet, kann mit den bauvorbereitenden Maßnahmen begonnen werden.
  • Oktober 2001: Der BUND klagt gegen den Planfeststellungsbeschluss.
  • 17. Oktober 2001: Die Klage wird abgewiesen. Neun Jahre nach der Antragstellung zum Bau herrscht nun endgültiges Baurecht.

Das Dorf Leibis[Bearbeiten]

Oktober 2007 nahe Meura, der Stausee wird geflutet

Leibis war ein Dorf im heutigen Stauraum der Hauptsperre mit Verkehrsanbindungen nach Meura, Unterweißbach, Lichte und Deesbach. Es hatte 100 Einwohner und lag direkt am Fluss Lichte. Bis 1918 gehörte der Ort zur Oberherrschaft des Fürstentums Schwarzburg-Rudolstadt.

Aus Gründen des Trinkwasserschutzes wurden die Gebäude sehr sorgfältig abgetragen. Sogar die Fundamente wurden entfernt. Ein Kriegerdenkmal blieb erhalten. Die Einwohner des Dorfes wurden noch nach den Grundlagen der Genehmigungen vor der Wiedervereinigung in den Ort Neu-Leibis bei der Mankenbachsmühle unterhalb von Unterweißbach umgesiedelt, enthielten aber Entschädigungen. Die meisten Bewohner wurden schon 1994 umgesiedelt, ein Einwohner wehrte sich allerdings bis Mitte 1999. Heute liegt Leibis ca. 90 m unter dem Wasserspiegel des Stausees.

Umgebung[Bearbeiten]

Die Talsperre Leibis-Lichte besitzt eine Vorsperre (Deesbach), die bereits 1990 fertiggestellt wurde. Nordwestlich der Staumauer liegen der Platz der ehemaligen Baustelleneinrichtung und ein Besucherpavilion. Die Staumauer lässt sich aus Trinkwasserschutzgründen nur zu Fuß über einen steilen Pfad vom Talgrund, die frühere Baustraße, oder mit der Lichtetalbahn erreichen. Der Talsperrenbau hatte auf die Umgebung fast keine negativen Auswirkungen. Restaurants, Ferienwohnungen und die Lichtetalbahn profitieren von den zahlreichen Besuchern, die jedes Jahr die Talsperre besichtigen. Alle Baustelleneinrichtungen, außer den markantesten wie dem Betonumladekai und den Baustraßen, wurden zurückgebaut. Die Fahrbahn der Kabelkrananlage ist noch deutlich im Hang erkennbar.

Film[Bearbeiten]

Im Jahr 2007 wurde der Spielfilm Die Hitzewelle - Keiner kann entkommen zu Teilen an der Talsperre gedreht.[2]

Bilder[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Harald Roscher, Thüringer Fernwasserversorgung: Talsperren und Fernwasserversorgungssysteme in Thüringen (2006)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Talsperre Leibis-Lichte – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bericht der OTZ zur Festlegung der Trinkwasserschutzzone
  2. IMDB-Eintrag zum Film „Die Hitzewelle“