Tamangur

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Schutzgebiet Tamangur
Arve im God Tamangur. Blickrichtung nach Norden, talabwärts.
Arve im God Tamangur. Blickrichtung nach Norden, talabwärts.
Tamangur (Schweiz)
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46.67277710.355833Koordinaten: 46° 40′ 22″ N, 10° 21′ 21″ O; CH1903: 823174 / 173211
Lage: Graubünden, Schweiz
Nächste Stadt: Scuol
Fläche: 7.8 km²
Länge: 6.200 km
Gründung: 1996
i3i5

Tamangur (Aussprache tamaŋ'guːr, zu lateinisch ATTEGIA MINICORUM „Hütte der Bergleute“ oder zu ATTEGIA MONACHORUM „Hütte der Mönche“[1]) ist eine entlegene Moor- und Arvenwaldlandschaft im Unterengadin. Besondere Bedeutung hat das Gebiet wegen seines höchsten geschlossenen Arvenwaldes in Europa und als Symbol für die Hartnäckigkeit der Rätoromanen im Zusammenhang mit der Erhaltung von Kultur und Sprache.

Lage[Bearbeiten]

Das Gebiet Tamangur befindet sich in der obersten Val S-charl in der Gemeinde Scuol im Unterengadin. Ein geringer Anteil im obersten Bereich gehört zur früheren Gemeinde Valchava und somit seit der Gemeindefusion von 2009 zur Gemeinde Val Müstair.

Das Gebiet beginnt bei der Mündung der Val Plazèr (1'994 m ü. M.) und endet mit dem Abschnitt Zondra da Tamangur (dt. Tamangur-Legföhrenwald) am Pass da Costainas (2'251 m ü. M.), der das Engadin mit der Val Müstair verbindet. Im Gebiet Tamangur liegen die Alpen Tamangur Dadora (dt. Ausser-Tamangur), Alp Praditschöl und Tamangur Dadaint (dt. Inner-Tamangur) mit der Alp Astra. Die Foppa Tamangur (dt. Tamangur-Talkessel) an der Flanke des das Tal überragenden Piz Starlex (3'075 m ü. M.) stellt eines der Quellgebiete der Clemgia dar.[2]

Die Clemgia entwässert das Gebiet zum Inn hin und damit letztlich zum Schwarzen Meer.

Bildergalerie[Bearbeiten]

Natur[Bearbeiten]

Klima[Bearbeiten]

Das Gebiet Tamangur zeichnet sich durch ein kontinentales Klima aus. Der jährliche Niederschlag beträgt etwa 750 mm. Eine nahe gelegene Wetterstation weist im Winter nicht selten Werte von -30° Celsius aus.[3]

Schutzgebiet[Bearbeiten]

Moorlandschaft[Bearbeiten]

Seit 1996 zählt das Gebiet Tamangur als "Objekt 265" zu den Schweizerischen "Moorlandschaften von besonderer Schönheit und nationaler Bedeutung". Das registrierte Gebiet umfasst nur die Talmulde bis maximal 2'440 m ü. M., also ohne die Gipfelbereiche des Clemgiatales und ohne die Foppa Tamangur. Andererseits gehören nicht nur die Moorlandschaften entlang der Clemgia, sondern auch die Arvenwälder zum Inventarobjekt.[4]

Als registrierte Moorlandschaft ist Tamangur aufgrund des "Rothenthurm-Artikels" (Art. 78 Abs. 5 BV) geschützt.

Naturwaldreservat[Bearbeiten]

Zusätzlich ist der God Tamangur vom Kanton Graubünden registriert als Naturwaldreservat. Das Gebiet von 86 ha Grösse ist ein Teil des Moorschutzgebiets und umfasst den God Tamangur in seiner Länge von ca. 1.5 km, vom Talgrund bis ca. 2'300 m ü. M.. Das Reservat wurde 2007 gegründet und die Schutzbestimmungen gelten zunächst bis 2057.

Zielsetzungen des Naturwaldreservats sind unter anderem das Zulassen der natürlichen Sukzession der Pflanzengesellschaft des Alpenrosenreichen Arvenwalds und die Sicherung von Refugien für Tier- und Pflanzenarten, welche mit forstlicher Bewirtschaftungen nicht gedeihen könnten. Gewisse menschliche Eingriffe finden jedoch trotzdem statt, namentlich wird der Wanderweg von Fallholz freigehalten, und die Jagd, das Beerensammeln und das Pilzen sind unter den üblichen Bestimmungen möglich.[5]

Moorlandschaften[Bearbeiten]

Das U-förmige Tal ist das Ergebnis eiszeitlicher Gletscher. Der Talboden entlang der mäandrierenden Clemgia ist stark vermoort und in dieser Form einzigartig in der Schweiz.

Kleinere Moore befinden sich bereits im obersten Bereich beim Pass da Costainas, doch die schönsten, sich über eine Länge von ca. 2.5 km dahin ziehenden Flachmoore liegen zwischen der Alp Astras und dem God Praditschöl (dt. Pradischöl-Wald) auf ca. 2'100 m ü. M.. Im untersten Bereich des Gebietes liegen Hangmoore, die mit dem Arvenwald verzahnt sind.

Arvenwald[Bearbeiten]

Eine besondere Bedeutung für das Gebiet hat der God Tamangur (auch God da Tamangur, dt. Tamangur-Wald) im mittleren Bereich von Tamangur. Er besteht vorwiegend aus Arven, mit Unterwuchs aus Wacholder und Lärchen. Der ausserordentlich dichte, geschlossene Bestand an Arven dicht an der Waldgrenze macht den Wald einzigartig, er gilt als der höchstgelegene, geschlossene Arvenwald Europas. Manche Arven sind bis zu 800 Jahre alt.[6] Allerdings wird auch für den Wald God Giavagl in der Val Chamuera (Gemeinde Zuoz) ebenfalls der Superlativ des höchsten Arvenwalds Europas beansprucht.[7][8][9]

Legföhren-Gesellschaften[Bearbeiten]

Im oberen Talabschnitt Zondra da Tamangur an der Baumgrenze dominieren dichte Legföhren-Bestände die Vegetation. Sie werden von Schwemmfächern, Bächen und Schuttkegeln unterbrochen und gehen im Talgrund in Moore über.

Nutzung[Bearbeiten]

Alpwirtschaft[Bearbeiten]

Die Alpen von Tamangur werden seit Jahrhunderten bewirtschaftet. Die Alp Praditschöl[10] und Alp Astras[11][12] und Tamangur Dadaint[13] werden auch heute noch genutzt, während die Gebäude der Alp Tamangur Dadora[14] und der Alp d'Astra Dadora[15] heute zerfallen sind.

Tourismus[Bearbeiten]

Tamangur ist von Juni bis Oktober ein beliebtes Wander- und Mountainbike-Gebiet. Ausgangspunkt ist meist S-charl, Endpunkte sind entweder Lü GR (via Pass da Costainas) oder der Ofenpass (via Fuorcla Funtana da S-charl). Zu Fuss erfordern die Touren 4 bis 6 Stunden, der Schwierigkeitsgrad liegt bei T2. Der Wanderweg, der durch den God Tamangur führt, verläuft auf der rechten (östlichen) Talseite, während der für die Alpwirtschaft und von den Mountainbikern genutzte Fahrweg auf der linken (westlichen) Talseite verläuft.

Abgesehen von gut ausgebauten Wanderwegen und dem Verkauf von Getränken und Snacks bei der Alp Astra[16] gibt es keinerlei touristische Infrastruktur im Gebiet.

Holznutzung[Bearbeiten]

Vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert wurde am Ofenpass, in der Val S-charl sowie in dessen Seitental Val Mingèr Bergbau getrieben. Die Verarbeitung des Erzes erforderte sehr viel Holz und Kohle.

Während die Wälder im Haupttal des Inn und des Rambach als Schutzwälder sorgfältiger bewirtschaftet wurden, wurde in allen erwähnten Bergbaugebieten nach heutigem Verständnis Raubbau an den Wäldern getrieben. Dieser Raubbau hatte umso mehr negative Folgen, als der Wald an der Waldgrenze für die Regeneration deutlich länger braucht als in niedereren Höhenlagen.

Dies scheint jedoch für den God Tamangur nicht der Fall gewesen zu sein: Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurde das Holz des God Tamangur weder für den Bergbau in S-charl noch für die Salinen im österreichischen Hall genutzt, doch fand eine solche Holznutzung bis zum Plan d'Immez unmittelbar an der unteren Grenze des heutigen Moorschutzgebietes statt. Noch im Jahr 1799 wurde die Nutzung des Tamangur-Holzes für die Salinen von Hall zwar offiziell geprüft, jedoch wegen der hohen Flösskosten verworfen.

Als gesichert gilt jedoch die Nutzung von Brennholz für die verschiedenen Alpen von Tamangur.[17]

Bedeutung in Kultur und Sprachpolitik[Bearbeiten]

Peider Lansel[Bearbeiten]

Peider Lansel, der Unterengadiner Dichter und Förderer der rätoromanischen Sprache, verglich 1923 in einem berühmt gewordenen Gedicht im Idiom Vallader den sterbenden Wald von Tamangur mit dem schon seit dem 19. Jahrhundert schwindenden Rätoromanisch. Der God Tamangur wird beschworen als Symbol für Hartnäckigkeit, Überlebenswillen und Stärke. Ein Ausschnitt aus dem Gedicht:

Al veider god, chi pac a pac gnit sdrüt
sumeglia zuond eir nos linguach prüvà,
chi dal vast territori d’üna jà
in usché strets cunfins uoss’es ardüt.
Scha’ls Rumanschs nu fan tuots il dovair lur,
jaraj’a man cun el, sco Tamangur.[18]

Deutsche Übersetzung:
Dem alten Wald, der nach und nach zerfällt,
gleicht sehr unsere liebe Sprache,
die aus dem einstigen, weiten Raum
in die heutigen, engsten Grenzen zurückgedrängt ist.
Wenn die Rumantschen nicht alle ihre Pflicht tun,
wird es mit ihr aus sein, wie mit Tamangur.[19]

Linard Bardill[Bearbeiten]

Der deutsch-rätoromanische Liedermacher Linard Bardill veröffentliche 1996 eine Doppel-CD mit dem Titel Tamangur. Die Lieder verwenden Texte von Men Rauch und Peider Lansel, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts im rätoromanischen Idiom Vallader entstanden, aber auch Texte von Madlaina Stuppan aus den 1980er Jahren. Titel sind unter anderem Tamangur, Il bös-ch rumantsch (dt. Der romanische Baum) und Bilantsch rumantsch (dt. Romanische Bilanz).

Linard Bardill erstellt einen Bezug zu Rettungsaktionen im Kontext Tamangur/rätoromanische Sprache, wie sie in den 1980er Jahren stattfanden, nimmt heute jedoch eine weniger kämpferische und eher beobachtende Position ein.[20]

Transit Tamangur[Bearbeiten]

"Transit Tamangur" ist ein Kultur- und Sprachprojekt der Lia Rumantscha. Es beabsichtigt, traditionelle Werte (symbolisiert mit dem Namensteil Tamangur) in einer modernen Form (Namensteil Transit) umzusetzen. In diesem Projektrahmen wird das Rätoromanische unter anderem verbunden mit Themen wie Schule, Sport, Musik und Medien.[21]

Trivia[Bearbeiten]

Der Gipfel mit der Höhe 2'918 m ü. M. zwischen dem Piz Mezdi und dem Piz d'Astras (ca. 2 km westlich der Alp Praditschöl) wurde im Jahr 2004 nach der niederländischen Prinzessin Catharina-Amalia von Oranien-Nassau, die im Jahr 2003 zur Welt kam, von Tourismusverantwortlichen des Engadins und dem holländischen Botschafter in der Schweiz mit dem Namen Piz Amalia getauft.[22][23] Gemäss offizieller Nomenklatur-Kommission des Kantons Graubünden ist eine solche Flurnamenbenennung jedoch unzulässig.[24]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Robert von Planta, Andrea Schorta: Rätisches Namenbuch, Band II, S. 856.
  2. Swisstopo, aufgerufen am 12. August 2012.
  3. Amt für Wald und Naturgefahren, Kanton Graubünden (2009) Naturwaldreservat God Tamangur. Chur. (PDF; 220 kB), aufgerufen am 23. August 2012.
  4. Bundesinventar der Moorlandschaften von besonderer Schönheit und von nationaler Bedeutung, Objekt 265, aufgerufen am 12. August 2012.
  5. Amt für Wald und Naturgefahren, Kanton Graubünden (2009) Naturwaldreservat God Tamangur. Chur. (PDF; 220 kB), aufgerufen am 23. August 2012.
  6. Beitrag Radio DRS3 vom 29. Juli 2012 (Version vom 1. Januar 2013 im Webarchiv Archive.today), aufgerufen am 12. August 2012.
  7. Amt für Wald und Naturgefahren (2009). Naturwaldreservat God Giavagl. Chur (PDF; 233 kB), aufgerufen am 10. Okt. 2012.
  8. Engadinger Post (PDF; 3,0 MB) vom 17. Juni 2008, aufgerufen am 10. Okt. 2012.
  9. Gemäss SwissTopo reicht der geschlossene God-Tamangur-Bestand bis 2300 m, während der God Giavagl bis 2320 m reicht. Zudem reicht der God Tamangur an den meisten Stellen nur bis 2240 m und bloss an einer Stelle bis 2300 m.
  10. Artikel Käse-Prämiierung in der Südostschweiz, 11. Oktober 2010, aufgerufen am 12. August 2012.
  11. Wanderbeschrieb 26. Juli 2006., aufgerufen am 12. August 2012.
  12. Früher Alp Astras Dadaint, siehe Siegfriedkarte.
  13. Wanderbeschrieb 20. Juli 2010., aufgerufen am 12. August 2012.
  14. Wanderbeschrieb 20. Juli 2010., aufgerufen am 12. August 2012.
  15. Swisstopo und Siegfriedkarte
  16. Wanderbeschrieb 20. Juli 2010., aufgerufen am 12. August 2012.
  17. Amt für Wald und Naturgefahren, Kanton Graubünden (2009) Naturwaldreservat God Tamangur. Chur. (PDF; 220 kB), aufgerufen am 23. August 2012.
  18. Original Peider Lansel, aufgerufen am 12. August 2012.
  19. Deutsche Übersetzung "Tamangur", aufgerufen am 12. August 2012.
  20. Beitrag Radio DRS3 vom 29. Juli 2012 (Version vom 1. Januar 2013 im Webarchiv Archive.today), aufgerufen am 12. August 2012.
  21. Projekt "Transit Tamangur", aufgerufen am 13. August 2012.
  22. Wanderbeschrieb, aufgerufen am 12. August 2012.
  23. Wanderbeschrieb 1. Mai 2007, aufgerufen am 12. August 2012.
  24. Beitrag des Schweizer Fernsehens vom 4. Juni 2004, aufgerufen am 12. August 2012.