Tarcisio Bertone
Tarcisio Pietro Evasio Kardinal Bertone SDB (* 2. Dezember 1934 in Romano Canavese, Provinz Turin, Italien) war bis zum 28. Februar 2013 Kardinalstaatssekretär. Als Camerlengo (Kardinalkämmerer) der Vatikanstadt leitete er die Übergangsregierung während der Sedisvakanz 2013 der römisch-katholischen Kirche. Am 16. März 2013 wurde er von Papst Franziskus provisorisch wieder in das Amt des Kardinalstaatssekretärs eingesetzt – bis eine endgültige Personalentscheidung getroffen ist.
Inhaltsverzeichnis |
Leben [Bearbeiten]
Studium und Ordenseintritt [Bearbeiten]
Tarcisio Bertone wuchs in dem kleinen Dorf Romano Canavese in der Region Piemont als fünfter von acht Söhnen auf. Nach der Schulzeit trat er im Jahre 1950 in die Ordensgemeinschaft der Salesianer Don Boscos ein. Er studierte in Turin und Rom die Fächer Philosophie und Römisch-Katholische Theologie. Später erwarb er das Lizentiat im Fach Theologie mit einer Arbeit über Toleranz und religiöse Freiheit und wurde im Kanonischem Recht mit der Arbeit Die Leitung der Kirche im Denken von Benedikt XIV. - Papst Lambertini (1740–1758).[1] zum Dr. jur. can. promoviert.
Priester, Bischof und Erzbischof [Bearbeiten]
Bertone empfing 1960 das Sakrament der Priesterweihe durch Erzbischof Albino Mensa und arbeitete anschließend sieben Jahre lang als Professor für Moraltheologie an der Hochschule der Salesianer in Rom. Dort lehrte er von 1976 bis 1991 Kanonisches Recht und nahm Leitungsaufgaben in der Fakultät wahr. Er hielt Gastvorlesungen an der Lateranuniversität und wirkte als Seelsorger in mehreren römischen Pfarreien. 1991 ernannte ihn Papst Johannes Paul II. zum Erzbischof der Erzdiözese Vercelli, der er bis 1995 vorstand. Die Bischofsweihe spendete ihm am 1. August 1991 sein Vorgänger im Amt, Erzbischof Albino Mensa. Mitkonsekratoren waren der Bischof von Ivrea, Luigi Bettazzi, sowie der Bischof von Casale Monferrato, Carlo Cavalla.
Von 1995 bis 2002 war Tarcisio Bertone Sekretär der Glaubenskongregation. In dieser Zeit übernahm er in Joseph Kardinal Ratzingers Auftrag Missionen, wie zum Beispiel den Fall Emmanuel Milingo, der zunächst in der Wiedereingliederung des Erzbischofes in die katholische Kirche endete, sowie auch die Enthüllung des dritten Geheimnisses von Fatima. Er prangerte Dan Browns Bestseller Sakrileg öffentlich an und forderte die Gläubigen auf, es nicht zu lesen.
Kardinal und Kardinalstaatssekretär [Bearbeiten]
2002 ernannte Papst Johannes Paul II. Tarcisio Bertone zum Erzbischof von Genua. Dem Kardinalskollegium gehört er seit dem 21. Oktober 2003 als Kardinalpriester mit der pro hac vice zur Titelkirche erhobenen Titeldiakonie Santa Maria Ausiliatrice in via Tuscolana an.[2] Am 15. September 2006 wurde er Nachfolger von Angelo Sodano im Amt des Kardinalstaatssekretärs. Bertone galt um die Zeit des Konklave 2005 als volksnah, aufgeschlossen und papabile.[3] Am 4. April 2007 wurde er Nachfolger von Eduardo Martínez Somalo im Amt des Camerlengo. Die Vereidigung als Kardinalkämmerer erfolgte am 7. Juli desselben Jahres. Am 10. Mai 2008 ernannte ihn Papst Benedikt XVI. zum Kardinalbischof von Frascati. Tarcisio Bertone wurde am 15. April 2009 im Rang eine Kollarritters in den Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem aufgenommen.[4]
Bertones kirchenrechtlich bedingtem Rücktrittsgesuch zum 75. Geburtstag wurde von Papst Benedikt XVI. nicht stattgegeben. Am 15. Januar 2010 wurde er in seinem Amt bestätigt.[5]
Zahlreiche Dokumente belegen, dass Bertone ab 1996 mit dem Fall Lawrence C. Murphy befasst war. Dieser Fall erregte 2010 weltweites Aufsehen, als zunehmend Fälle von sexuellem Missbrauch in der Kirche bekannt wurden. Der Fall Murphy ist für die Kirche unter anderem deshalb so brisant, weil amerikanische Opferanwälte in den USA gerichtlich die Freigabe der Akten aus dem Archiv des Erzbistums Milwaukee erzwungen hatten und Dokumente daraus veröffentlichten.[6] Die Wochenzeitung Die Zeit dokumentierte die Verstrickung von Bertone und veröffentlichte Ostern 2010 ein Geheimdokument.[7][8] Dies fand weltweite Beachtung; der Vatikan tat kund, er sei darüber „verstimmt“.[9]
Kardinal Bertone nahm am Konklave 2013 teil und führte nach dem Rücktritt Benedikts XVI. als Camerlengo die Amtsgeschäfte. Vor dem Konklave galt der einflussreiche Bertone als papabile.[10] Bis auf weiteres wurde Kardinal Bertone von Papst Franziskus nach dessen Wahl in seinem Amt als Staatssekretär belassen.
Bertone spricht fließend Italienisch, Deutsch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch und ein wenig Englisch und kann Polnisch, Lateinisch, Altgriechisch und Hebräisch lesen.[11]
Positionen [Bearbeiten]
Verteidigung von Pius XII. [Bearbeiten]
Bertone verteidigte am 5. Juni 2007 bei der Veröffentlichung einer neuen Biografie Papst Pius’ XII. diesen vor Vorwürfen der Gleichgültigkeit angesichts des Schicksales der Juden im Dritten Reich. So sei es eine Leyenda negra, die sich so etabliert habe, dass selbst eine kleine Korrektur zu einer anstrengenden Aufgabe werde.[12] Papst Pius XII. sei falsch dargestellt worden, was schon häufig festgestellt wurde. Das Pontifikat werde allein auf den Streit über das Stillschweigen zum Holocaust reduziert. Es werde völlig vernachlässigt, dass der Papst Tausenden Juden zur Flucht geholfen habe und im Falle eines aggressiveren Tones vermutlich ein beschleunigter Genozid stattgefunden hätte.
Papstzitat von Regensburg [Bearbeiten]
Im Streit um das Zitat der Papstrede in Regensburg, hat Bertone klargestellt, dass Papst Benedikt sich klar von dem Zitat distanziert.
Vorschlag zur Exkommunikation von Drogendealern [Bearbeiten]
Am 14. Januar 2009 meinte Bertone, dass die Kirche in Zukunft härter gegen die Drogenkartelle in Lateinamerika vorgehen würde und auch zu Strafen wie der Exkommunikation greifen könnte.
Freier Zugang zu AIDS-Medikamenten [Bearbeiten]
Mit der pressemäßigen Erwähnung "Lasst uns schnellen und effektiven Zugang zu AIDS-Medikamenten zur Verfügung stellen", meint Bertone gegenüber dem Catholic News Service.[13] den notwendigen Zugang zu AIDS-Medikamenten zu ermöglichen.
Mitgliedschaften in der römischen Kurie [Bearbeiten]
Tarcisio Bertone ist Mitglied der folgenden Kongregationen der Kurie:
- Kongregation für die Glaubenslehre
- Kongregation für den Klerus
- Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung
- Kongregation für die orientalischen Kirchen
- Kongregation für die Bischöfe
- Kongregation für die Evangelisierung der Völker
- Kardinalskommission des Istituto per le Opere di Religione (seit 2013[14])
Auszeichnungen und Ehrungen [Bearbeiten]
- Kollarritter des Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem (2003)
- Großkreuz des Verdienstordens der Italienischen Republik (2006)
- Medalla de Oro de Santo Toribio de Mogrovejo (Peru, 2007)
- Collane des Sterns von Rumänien (2008)
- Großkreuz des Verdienstordens der Republik Polen (2010)
- Großkreuz des Ordens des heiligen Jakob vom Schwert (2010)
- Ehrendoktorwürde in Rechtswissenschaften der Universität „Magna Graecia“ Catanzaro (2012)
Kritik [Bearbeiten]
Im Zusammenhang mit der Aufklärung zahlreicher Fälle von Kindesmissbrauch behauptete Bertone, Pädophilie und Homosexualität stünden miteinander in einem Zusammenhang. Diese Äußerung wurde weltweit – zum Teil scharf – kritisiert. Der deutsche LSVD bezeichnete dies als „Ablenkungsmanöver“ von der Schuld der Kirche, mit dem der Vatikan einen Sündenbock für die jahrzehntelange Vertuschung des sexuellen Missbrauchs suche. Der französische Außenamtssprecher Bernard Valero kommentierte, es sei „nicht hinnehmbar“, einen Zusammenhang zwischen gleichgeschlechtlicher Liebe und Kindesmissbrauch herzustellen.[15]
Im Zusammenhang mit der „Vatileaks“-Affäre um die Veröffentlichung vertraulicher päpstlicher Dokumente geriet Bertone wegen seines mangelhaften Krisenmanagements in die Kritik. Presseberichten zufolge wurde er innerhalb des Vatikans offen als „unfähig“ kritisiert.[16][17][18]
Weblinks [Bearbeiten]
- Offizielle Biographie auf der Website des Erzbistums Genua (italienisch)
- Eintrag zu Tarcisio Bertone auf catholic-hierarchy.org (englisch)
- Letter to Cardinal Bertone von Thomas P. Doyle vom 22. November 2007 (englisch)
- Martin Klingst, Patrik Schwarz: Die Akte Bertone, Die Zeit, 31. März 2010
- Faksimile: Briefwechsel zum Fall Lawrence C. Murphy: (PDF bei zeit.de)
Einzelnachweise [Bearbeiten]
- ↑ Die rechte Hand des Papstes. In: VATICAN magazin. Nr. 4, 2007, ISSN 1865-1577.
- ↑ Der Heilige Stuhl: Angelus 28. September 2003
- ↑ Die Zeit: Vertrauter Ratzingers und Fußballfan 15. April 2005
- ↑ Radio Vatikan: „Vatikan: Bertone wird Ritter“, 16. April 2009
- ↑ „Kardinalstaatsekretär Tarcisio Bertone bleibt im Amt“, Radio Vatikan, 22. Januar 2010
- ↑ Patrik Schwarz, Martin Klingst: Dokumente des Vertuschens. In: Zeit online vom 2. April 2010
- ↑ Martin Klingst, Patrik Schwarz: Die Akte Bertone. In: Die Zeit, 30. März 2010
- ↑ Patrik Schwarz, Martin Klingst: Sexueller Missbrauch: Geheimprotokoll belastet wichtigsten Mitarbeiter des Papstes. In: Zeit online vom 5. April 2010
- ↑ Patrik Schwarz: Missbrauchsskandal: Die Kirche teilt aus. In: Zeit online vom 7. April 2010
- ↑ Hans-Jürgen Schlamp: Tacisio Bertone: Der Zwischenpapst. In: Spiegel Online. 4. März 2013, abgerufen am 26. März 2013.
- ↑ [1]
- ↑ Verteidigung von Pius XII.
- ↑ Freier und effektiver Zugang zu AIDS Medikamenten
- ↑ „Kardinalskommission für IOR erneuert“, Radio Vatikan, 16. Februar 2013
- ↑ zeit.de (2010): zeit-online Pädophilie Kardinal Bertone erzürnt Homosexuelle. Weltweit haben Schwulenverbände gegen Äußerungen des Papst-Vertrauten protestiert
- ↑ Jörg Bremer: Komm, sag es allen weiter. faz.net vom 5. März 2012, abgerufen am 22. Februar 2013.
- ↑ Gerhard Mumelter: Vatikan: Staatssekretär unter Druck. derstandard.at vom 31. Januar 2012, abgerufen am 22. Februar 2013
- ↑ Stefan Troendle: Der Rücktritt - eine Premiere mit vielen Fragezeichen. tagesschau.de vom 12. Februar 2013, abgerufen am 22. Februar 2013
| Vorgänger | Amt | Nachfolger |
| Alfonso Kardinal López Trujillo | Kardinalbischof von Frascati seit 2008 |
… |
| Eduardo Kardinal Martínez Somalo | Kardinalkämmerer seit 2007 |
|
| Angelo Kardinal Sodano | Kardinalstaatssekretär seit 2006 |
|
| Dionigi Kardinal Tettamanzi | Erzbischof von Genua 2002–2006 |
Angelo Kardinal Bagnasco |
| Alberto Bovone | Sekretär der Glaubenskongregation 1995–2002 |
Angelo Amato SDB |
| Albino Mensa | Erzbischof von Vercelli 1991–1995 |
Enrico Masseroni |
| Roberto Giannatelli | Rektor der Päpstlichen Universität der Salesianer (UPS) 1989–1991 |
Angelo Amato nur einige Monate Raffaele Farina |
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Bertone, Tarcisio |
| ALTERNATIVNAMEN | Bertone, Tarcisio Pietro Evasio Kardinal SDB |
| KURZBESCHREIBUNG | italienischer Theologe und Kardinalstaatssekretär |
| GEBURTSDATUM | 2. Dezember 1934 |
| GEBURTSORT | Romano Canavese, Italien |
- Kardinal (21. Jahrhundert)
- Mitglied der Päpstlichen Akademie des hl. Thomas von Aquin
- Staatssekretär (Vatikan)
- Hochschullehrer (Päpstliche Universität der Salesianer)
- Moraltheologe
- Römisch-katholischer Bischof (20. Jahrhundert)
- Römisch-katholischer Bischof (21. Jahrhundert)
- Römisch-katholischer Theologe (20. Jahrhundert)
- Römisch-katholischer Theologe (21. Jahrhundert)
- Träger des Verdienstordens der Italienischen Republik (Großkreuz)
- Träger des Verdienstordens der Republik Polen (Großkreuz)
- Träger des Ordens des heiligen Jakob vom Schwert (Großkreuz)
- Träger des Sterns von Rumänien (Collane)
- Kollarritter (Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem)
- Salesianer Don Boscos
- Italiener
- Geboren 1934
- Mann