Tay-Sachs-Syndrom

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Klassifikation nach ICD-10
E75.0 GM2-Gangliosidose
Tay-Sachs-Krankheit
ICD-10 online (WHO-Version 2013)

Das Tay-Sachs-Syndrom, auch unter den Bezeichnungen Morbus Tay-Sachs und infantile amaurotische Idiotie (angeborene schwerste Intelligenzminderung mit Erblindung) bekannt, ist eine autosomal-rezessiv vererbte, mit Morbus Sandhoff zu den GM2-Gangliosidosen mit Hexosaminidasedefekt gehörende Fettstoffwechselstörung. Sie ist nach dem britischen Augenarzt Warren Tay (* 1843, † 15. Mai 1927) und dem US-amerikanischen Neurologen Bernard Sachs (* 2. Januar 1858; † 8. Februar 1944) benannt, welche die Krankheit erstmals in den Jahren 1881 bzw. 1898 dokumentierten. Die Krankheit führt zu progressiver Reduktion kognitiver Fähigkeiten, psychomotorischem Abbau, muskulärer Hypotonie, Lähmung, Spastik, Blind- und Taubheit, Krämpfen, zum kirschroten Fleck in der Makula und innerhalb weniger Jahre zum Tode.

Epidemiologie[Bearbeiten]

Die Häufigkeit der für die Krankheit verantwortlichen Mutation (Chromosom 15, Lokus 15q23-24, auch Alphakette genannt) ist bei aschkenasischen Juden osteuropäischer Herkunft auffällig erhöht. Sie kommt auch besonders häufig bei Französischen Kanadiern, Iren und Cajuns vor.[1] Dort wird die Häufigkeit der heterozygoten Anlageträger mit 1:25 eingeschätzt.

Ätiologie[Bearbeiten]

GM2-Ganglioside werden normalerweise kontinuierlich durch sequentielle Abspaltung der endständigen Zucker abgebaut. Den betroffenen Kindern fehlt das Enzym β-N-Acetylhexosaminidase, das für die Entfernung von terminalen N-Acetylgalactosaminresten zuständig ist. Daher ist der Gangliosidgehalt in Gehirn und Retina des Kindes drastisch erhöht. Nach Aufblähung der befallenen Nervenzellen kommt es schließlich zu deren Untergang.

Diagnose[Bearbeiten]

Die Krankheit wird meistens zwischen dem dritten und achten Lebensmonat erkannt. Der Nachweis ist aufgrund verminderter Aktivität von Hexosaminidase A bzw. B in Blutserum, Leukozyten- oder Fibroblastenkulturen gegeben. Auch ein Heterozygotennachweis ist möglich (Pränataldiagnostik). Beim Morbus Tay-Sachs kann das Gangliosid GM2, welches ein wichtiger Bestandteil der Plasmamembran von Nervenzellen im ZNS ist, auf Grund eines Mangels an Hexosaminidase A nicht abgebaut werden. Die Akkumulation führt zum Zelluntergang und Demyelinisierung, die sich durch Muskelschwäche und Sehverlust infolge einer Optikusatrophie äußern.

Symptomatik[Bearbeiten]

  • Kirschroter Fleck auf der Makula bei über 95 % der Patienten
  • Zunehmende Muskelschwäche nach dem dritten Lebensmonat
  • Schreckreaktionen auf Schallreize
  • Psychomotorischer Abbau, Verlust des Sitz- und Stehvermögens
  • Zunehmende Schwerhörigkeit, Blindheit, Paresen sowie Spasmen
  • Puppenartiges Gesicht mit blasser durchscheinender Haut, langen Augenwimpern, feinem Haar und auffällig rosafarbener Gesichtsfarbe

Ergänzend hierzu:

Prognose[Bearbeiten]

Die Patienten versterben in der Regel bis zum dritten Lebensjahr aufgrund einer rezidivierenden Pneumonie.

Therapie[Bearbeiten]

Es können lediglich die Symptome therapiert werden.

Prävention[Bearbeiten]

In besonders betroffenen Bevölkerungsgruppen werden zur Erfassung heterozygoter Anlageträger entsprechende Beobachtungsprogramme durchgeführt, so durch die Organisation Dor Yeshorim.[2][3] Diese können dazu dienen, die Trägerschaft der Eltern sowie das Risiko des Auftretens in der nächsten Generation zu bestimmen.

Um die Krankheit zu vermeiden, ist von einer Schwangerschaft abzuraten, falls beide Eltern als Träger bekannt sind. Familien, in denen die Krankheit bereits aufgetreten ist, nutzen die Möglichkeit einer genetischen Beratung im Vorfeld einer Schwangerschaft bzw. die pränatale Diagnostik (PND). Die Chorionzottenbiopsie kann zur Gewinnung von Biopsiematerial ab der zehnten Gestationswoche eingesetzt werden, auch die Amniozentese.[4]

Im Zuge der In-vitro-Fertilisation (IVF) kann eine Präimplantationsdiagnostik (PID) Aufschluss über das Risiko geben, wie bei anderen genetischen Dispositionen.[5] Hier sind rechtliche Beschränkungen zu beachten, außerdem ist die Prozedur aufwändig und daher kostenintensiv.

Weblink[Bearbeiten]

Tay-Sachs-Syndrom. In: Online Mendelian Inheritance in Man (engl.).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Tay-Sachs and Canavan Diseases (engl.)
  2. Ekstein, J and Katzenstein, H: The Dor Yeshorim story: community-based carrier screening for Tay–Sachs disease. In: Advances in Genetics. 44, 2001, S. 297–310. doi:10.1016/S0065-2660(01)44087-9. PMID 11596991.
  3. Nomi Stone: Erasing Tay–Sachs Disease. Abgerufen am 16. August 2006.
  4. Chorionic Villus Sampling and Amniocentesis: Recommendations for Prenatal Counseling. United States, Center for Disease Control. Abgerufen am 18. Juni 2009.
  5. Marik, JJ: Preimplantation Genetic Diagnosis. eMedicine.com. 13. April 2005. Abgerufen am 10. Mai 2007.
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