Teach First Deutschland

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Teach First Deutschland
Teachfirstdeutschland logo.jpg
Typ gemeinnützige GmbH
Gründung 20. August 2007 (als e.V.), 23. Oktober 2008 (gGmbH)
Sitz Berlin
Ursprung Teach For America (USA)
Aktionsraum Baden-Württemberg, Berlin, Hamburg, Nordrhein-Westfalen, Thüringen
Schwerpunkt Schulbildung
Methode Entsendung von Hochschulabsolventen
Freiwillige über 100 Fellows
Angestellte etwa 20
Motto Begeistert für Bildung
Website www.teachfirst.de

Teach First Deutschland (engl. „unterrichte zuerst“) ist eine gemeinnützige Bildungsinitiative mit dem Ziel, ein Programm zur Verbesserung der Chancengerechtigkeit im Bildungswesen aufzubauen. Dafür werden Hochschulabsolventen aller Studienrichtungen für zwei Jahre an Schulen in „sozialen Brennpunkten" im Unterricht und außerunterrichtlich tätig. Träger ist die Teach First Deutschland gemeinnützige GmbH mit Sitz in Berlin. Die Idee stammt von der US-Organisation Teach For America.

Konzept[Bearbeiten]

In Baden-Württemberg[1], Berlin[2], Hamburg[3], Nordrhein-Westfalen[4] und Thüringen[5] sind über 100 Hochschulabsolventen aller Studienrichtungen für zwei Jahre als Lehrkräfte auf Zeit (so genannte Fellows[6]) an Haupt-, Real- und Gesamtschulen in „sozialen Brennpunkten" tätig. Als zusätzliches Personal sollen sie die Möglichkeiten der Schulen zur gezielten Förderung von Schülern verstärken.

Interessierte Schulen bewerben sich bei Teach First Deutschland um eine Programmteilnahme[7]. Sie entscheiden auch über den genauen Einsatz der Fellows. Die teilnehmenden Bundesländer kommen mit etwa 1700,- Euro monatlich für die Vergütung jedes Fellows auf. Vor ihrem Einsatz absolvieren die Fellows ein Vorbereitungsprogramm, während des Einsatzes an den Schulen werden sie begleitet und weitergebildet.

Mittelfristiges Ziel ist, die Bildungsleistungen der Schüler zu verbessern. Die Fellows verstärken die Kapazitäten der Schulen und ermöglichen durch ihren Einsatz im Unterricht, dass zum Beispiel Klassen von einem Lehrer und einem Fellow unterrichtet werden können oder Teilungsgruppen möglich werden. Außerhalb des Unterrichts bieten Fellows Lern- und Förderangebote von Schülerfirmen über Lern-Clubs bis hin zu schülergeführten Sport-AGs an. Langfristig sollen aus ehemaligen Fellows „Bildungsbotschafter“ in unterschiedlichen gesellschaftlichen Positionen werden, die sich weiter für mehr Bildungsgerechtigkeit und die Anliegen von Schulen einsetzen.

Teach First Deutschland bezieht laut Selbstverständnis bewusst keine Stellung zur Bildungsstrukturdebatte, sondern versteht sich als „Anwalt der Schülerinnen und Schüler, denen nicht die Möglichkeit gegeben wird, in unserem Schulsystem gut abzuschneiden".[8] Die Organisation bekennt sich ausdrücklich dazu, dass „Bildung ein öffentliches Gut ist, das maßgeblich durch die öffentliche Hand bereitzustellen ist".[9]

Programmwirkung[Bearbeiten]

Die beteiligten Bundesländer bewerten den Einsatz der Fellows positiv.[10][11][12][13] Gleiches gilt für die Schulleitungen: 82 Prozent geben den Fellows die beste Note einer dienstlichen Beurteilung.[14]

Ein unabhängiges wissenschaftliches Gutachten beurteilt die Wirkung des Programms ebenfalls positiv:

„Fellows sind eine große Hilfe für Schulen. Die Ergebnisse sind in ihrer Positivität für das Projekt Teach First Deutschland beeindruckend. Fellows sind allseitig akzeptiert und werden hinsichtlich aller relevanten Kriterien von den Schulleitungen, dem Kollegium und den SchülerInnen positiv bewertet. Ihr Einsatz ist auch für den Lernfortschritt der Schüler in den Einschätzungen aller positiv. Sie machen Lehrern keine Konkurrenz, sondern entlasten diese, weil sie Aufgaben übernehmen, zu denen den Schulen die Zeit fehlt.“

Rainer Dollase: Evaluation des Einsatzes der Teach First Deutschland Fellows[15]

Geschichte[Bearbeiten]

Teach First Deutschland ist eine Schwesterinitiative der britischen Teach First und der amerikanischen Teach For America. Zusammen mit diesen ist Teach First Deutschland Mitglied im Netzwerk Teach For All, dem außer Teach First Deutschland 26 unabhängige Länderorganisationen angehören:[16].

Argentinien: Enseñá por Argentina Australien: Teach For Australia Bangladesch: Teach For Bangladesh
Bulgarien: Teach For Bulgaria Chile:Enseña Chile China: Teach For China (chin. 中国教育行动)
Estland: Noored Kooli (Youth to School) Deutschland: Teach First Deutschland Großbritannien: Teach First
Indien: Teach For India Israel: Teach First Israel Japan: Teach For Japan
Kolumbien: Enseña por Colombia Lettland: Iespējamā Misija (Mission Possible) Libanon: Teach For Lebanon
Litauen: Renkuosi Mokyti! Malaysia: Teach For Malaysia Mexico: Enseña por México’
Nepal: Teach for Nepal Neuseeland: Teach First New Zealand Österreich: Teach For Austria
Pakistan: Teach For Pakistan Peru: EnseñaPerú Philippinen: Teach For The Philippines
Schweden: Teach For Sweden Spanien: Empieza por Educar Vereinigte Staaten von Amerika: Teach For America

2011 begannen in den USA ca. 5.200 Lehrkräfte (ausgewählt aus über 48.000 Bewerbern) in 38 Regionen für Teach For America zu arbeiten - insgesamt sind damit 2011 in den USA 9.300 Lehrkräfte tätig, die über 600.000 Schüler erreichen.[17] In Großbritannien arbeiten ca. 650 Lehrkräfte in fünf Regionen für Teach First. Inzwischen haben unabhängige Studien den Erfolg des Konzepts in den USA und Großbritannien dokumentiert[18][19][20].

Teach First Deutschland wurde 2007 als Verein in Berlin gegründet. Eine erste Finanzierungsgrundlage stellten die Bosch-, Hertie-, Vodafone- und Zeit-Stiftung zur Verfügung. Außerdem wird das Programm von Deutsche Post DHL, Franz Haniel & Cie., Lanxess, Manfred-Lautenschläger-Stiftung, Lufthansa, Robert Bosch Stiftung, Siemens, McKinsey & Company und weiteren Unternehmen unterstützt[21].

Heute hat die gemeinnützige GmbH etwa 20 Mitarbeiter, etwa 20 Freiwillige sind vor allem als Campus Captains an Hochschulen aktiv.

Derzeit ist in Österreich die Schwesterorganisation Teach For Austria im Aufbau.

Kritik[Bearbeiten]

Vertreter des Landesverbands Hessen der Lehrergewerkschaft GEW kritisieren das Projekt: Jens Wernicke erklärt, dass „es also nicht darum [gehe], das dreigliedrige Schulsystem in Frage zu stellen, sondern, ganz im Gegenteil, dieses vermeintlich »chancengerecht« zu gestalten ...“.[22] Er behauptet weiter, dass „Selektivität und Benachteiligung [...] durch dieses Projekt nicht beseitigt, sondern höchstens im Einzelfall kompensiert“[23] würden. Weiter wirft Wernicke Teach First Deutschland vor, dass es um eine „verstärkte Vermarktlichung der Weiterbildung“[24] gehe.

Christoph Baumann (ebenfalls GEW Hessen) weist darauf hin, dass die Fellows aus dem Budget der Schule bezahlt werden sollen. Nur die dreimonatige Ausbildung werde von Teach First Deutschland bezahlt. Dies führe dazu, dass reguläre Arbeitsplätze abgebaut würden, da die Fellows mit 1700 € Bruttoverdienst preiswerter seien als normal bezahlte Lehrer.[25] Baumann weist auch auf Kritik in den USA hin, wo John Wilson (Lehrergewerkschaft National Education Association) sagt, dass Teach For America " has done a marvelous job of marketing their program and branding their program — you cannot take away from their business model. But what they're doing to poor children is malpractice."[26]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Pressemitteilung des Kultusministeriums Baden-Württemberg vom 1. Juli 2010
  2. Pressemitteilung der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung Berlin
  3. Bericht einer Fellow (PDF; 6,1 MB) in: Hamburg macht Schule - Zeitschrift für Hamburger Lehrkräfte und Elternräte 04/2009
  4. Pressemitteilung der Landesregierung Nordrhein-Westfalen vom 3. Februar 2009
  5. Artikel in Jenapolis
  6. Jenapolis vom 10. Februar 2011: Bildungsinitiative Teach First in Lobeda: Sechs Fragen an Fellow Bastian Stein
  7. Homepage Teach First Deutschland, Informationen für Schulen
  8. Homepage Teach First Deutschland, Selbstverständnis
  9. Homepage Teach First Deutschland, Selbstverständnis
  10. "Teach First": Berliner Senat lobt Hilfskräfte-Einsatz an Schulen. In: www.bildungsklick.de. 4. Januar 2010, abgerufen am 20. März 2013.
  11. Ministerin Löhrmann: Einsatz und Engagement der Teach First Fellows sind Gewinn für unsere Schulen. In: Pressemitteilung. Ministerium für Schule und Weiterbildung Nordrhein-Westfalen, 1. Februar 2013, abgerufen am 20. März 2013.
  12. Hamburg: Bildungssenatorin Götsch von Teach First Deutschland angetan, Hamburger Abendblatt vom 12. Mai 2009
  13. Marion Schick: Start ist außerordentlich gut gelungen - Fellows sind ein großer Gewinn für die Schulen. In: Kultusportal Baden-Württemberg. Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg, 21. Dezember 2010, abgerufen am 20. März 2013.
  14. Prof. Dr. Rainer Dollase, Universität Bielefeld, Abt. Psychologie: Evaluation des Einsatzes der Teach First Deutschland Fellows. 27. Februar 2011, S. 3, abgerufen am 20. März 2013 (PDF, 854&nbspKB; 875 kB).
  15. Prof. Dr. Rainer Dollase, Universität Bielefeld, Abt. Psychologie: Evaluation des Einsatzes der Teach First Deutschland Fellows. 27. Februar 2011, S. 5, abgerufen am 20. März 2013 (PDF, 854&nbspKB; 875 kB).
  16. Teach For All: Liste der Mitgliedsorganisationen
  17. Teach For America Presseinformation
  18. Studie des Urban Institute (Englisch) (PDF; 401 kB)
  19. Studie von Mathematica Policy Research (Englisch) (PDF; 314 kB)
  20. Studie der britischen Regierungsbehörde Ofsted (Äquivalent der Schulinspektion)
  21. Teach First Deutschland Unterstützer
  22. Jens Wernicke: Teach first und die Bildung, in: Zeitschrift der GEW Hessen für Erziehung, Bildung, Forschung, Heft 1/2, Jan./Feb. 2010, S. 27
  23. Jens Wernicke: Teach first und die Bildung, in: Zeitschrift der GEW Hessen für Erziehung, Bildung, Forschung, Heft 1/2, Jan./Feb. 2010, S. 27
  24. Jens Wernicke: Teach first und die Bildung, in: Zeitschrift der GEW Hessen für Erziehung, Bildung, Forschung, Heft 1/2, Jan./Feb. 2010, S. 27
  25. Christoph Baumann: Teach First auch in Hessen?, in: Zeitschrift der GEW Hessen für Erziehung, Bildung, Forschung, Heft 5, Mai 2010, S. 18
  26. Teach For America: Elite corps or costing older teachers jobs?, USA Today, 29. Juli 2009 Übersetzung: „leistet hervorragende Arbeit bei der Vermarktung und Darstellung ihres Programms, und man kann sich ihrem Geschäftsmodell nicht entziehen. Aber was sie den armen Kindern antun, ist ein Vergehen.“