Tempodrom

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Tempodrom

Das Tempodrom ist ein Berliner Veranstaltungsort, der 1980 zunächst als alternative Spielstätte auf der Westseite des Potsdamer Platzes in direkter Nachbarschaft der damaligen Berliner Mauer von der Erbin und ehemaligen Krankenschwester Irene Moessinger ins Leben gerufen wurde.

Geschichte der Spielstätte[Bearbeiten]

Potsdamer Platz[Bearbeiten]

Moessinger verwirklichte einen Lebenstraum, indem sie die Mittel einer Erbschaft in ein Zirkuszelt investierte. Bereits nach einem Jahr schien der Traum am Ende – im März 1981 war der Zirkus pleite. Mit einer Finanzhilfe des Berliner Senats konnte der Betrieb weitergehen.[1]

Tempodrom Eingang,Gernot Bubenik,1980

Großer Tiergarten[Bearbeiten]

1985 zog das Zelt vom Potsdamer Platz in die Nachbarschaft der Kongresshalle im Tiergarten um.[2] Dort gab es neben dem großen Zelt noch ein weiteres, kleineres. Nach der Wende wurde in direkter Nachbarschaft das Bundeskanzleramt errichtet und damit das Tempodrom gezwungen, den angestammten und bewährten Spielort In den Zelten zu verlassen – das Zelt und sein Publikum bedeuteten dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl ein Sicherheitsrisiko. Auf dem Gelände neben dem Bundeskanzleramt befindet sich inzwischen eine ähnliche Spielstätte, das „Tipi am Kanzleramt“.

Neues Tempodrom[Bearbeiten]

Mit privaten Spendenmitteln, einer Entschädigungszahlung und staatlichen Zuschüssen wurde dann auf dem Gelände des ehemaligen Anhalter Bahnhofs ein Betonbau in Gestalt eines Zirkuszeltes errichtet und als Neues Tempodrom 2001 wieder eröffnet. Die massive Überschreitung der geplanten Baukosten (32 Mio. Euro statt 16 Mio. Euro) führte am 7. April 2004 zum Rücktritt von Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD). Seit August 2005 wurde das Tempodrom durch eine vom Insolvenzverwalter eingesetzte Unternehmensberatungsgesellschaft geführt. Irene Moessinger zog sich im Juli 2005 vom Tempodrom zurück.[3] Im Zuge der Insolvenz kam es zu einem Gerichtsverfahren gegen die ehemaligen Geschäftsführer, Irene Moessinger und Norbert Waehl, wegen Untreue. Das Verfahren endete mit Freisprüchen wegen erwiesener Unschuld.[4]

Am 23. April 2010 übernahm die Bremer KPS-Gruppe das Tempodrom.[5] Es entging damit einer drohenden Zwangsversteigerung, die der Kreditgeber, die Berliner Landesbank, beantragt hatte.[6]

Gebäude[Bearbeiten]

Das Tempodrom, Blick von Westen (2011)
Kathedrale von Brasília (1970 eingeweiht)
Detailaufnahme des Tempodrom-Dachs
Innenansicht bei den German Masters im Snooker (2012)

Das neue Tempodrom-Gebäude wurde nach Entwürfen von Doris Schäffler und Stephan Schütz, Angestellte des Hamburger Architekturbüros Gerkan, Marg und Partner auf dem Gelände des ehemaligen Anhalter Bahnhofs am Askanischen Platz errichtet. Das Dach, das an die Kathedrale von Brasilia von Oscar Niemeyer erinnert, ist angelehnt an die Form einen Zirkuszelts und bildet mit seinen futuristischen, weißen Formen einen Kontrast zu den Überresten des ehemaligen Bahnhofs.[7] Die Grundsteinlegung war am 21. Mai 2000. Feierlich eröffnet wurde es mit der Verleihung des Europäischen Filmpreises am 1. Dezember 2001.

Dachkonstruktion[Bearbeiten]

Auf dem Sockelbau steht die 37 m hohe Dachkonstruktion. Auf einem Stahlträgerwerk wurden 12 cm dicke Stahlbetonfertigteilplatten montiert. Die Konstruktion lagert auf zwölf Walzen-Stahllagern, die die Last nach unten ableiten. Nötig wurde diese Konstruktion auch wegen der Veranstaltungen in der Großen Arena, die große akustische Last produzieren können.[8]

Raumaufteilung[Bearbeiten]

Unter dem Dach befindet sich eine nutzbare Fläche von 7860 m². Der Innenraum teilt sich auf in die Große Arena für bis zu 3750 Besucher und die kleine Arena für bis zu 450 Besucher.[9] Hinzu kommt das Foyer. Die kleine Arena kann sowohl als eigenständiger Veranstaltungsraum genutzt werden als auch eine Erweiterung des Foyers sein.[10]

Liquidrom[Bearbeiten]

Neben dem großen und kleinen Veranstaltungssaal ist das Liquidrom der dritte Veranstaltungsort in dem Gebäudekomplex. Ein Wasserbecken mit 13 m Durchmesser unter einer Betonkuppel, in deren Zenit ein Oberlicht ist, stellt den Mittelpunkt des Erholungs- und Solebad dar. Das Bad wird auch für Livekonzerte genutzt. Weitere Einrichtungen sind verschiedene Saunen, Dampfbäder sowie eine Bar und ein Restaurant.[11] Auf Grund von Rechtsstreitigkeiten, während derer dem alten Pächter gekündigt wurde, blieb die Badestätte von April 2005 bis Dezember 2007 geschlossen. Am 12. Dezember 2007 erfolgte die Wiedereröffnung.[12]

Energieversorgung[Bearbeiten]

Das Tempodrom verfügt über eine dezentrale Energieversorgungsstruktur. In der Energiezentrale des Gebäudes erzeugt ein Blockheizkraftwerk mit einer elektrischen Leistung von 80 kW und einer thermischen Leistung von 140 kW nach dem Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung Wärme und Strom. Auf der Rückseite des Gebäudes befinden sich zwei Solaranlagen mit jeweils 90 m² Kollektorfläche. Die Photovoltaikanlage erzeugt Strom, der ins Ortsnetz eingespeist wird. Die Solarthermieanlage produziert Wärme, für die es im Gebäude zum Beheizen des Liquidroms einen großen Bedarf gibt. Die drei Anlagen betreibt die Berliner Energieagentur.

Literatur[Bearbeiten]

  •  Kanzler contra Tote Hosen. In: Der Spiegel. Nr. 17, 1997 (Fotos: PDF-Version, online).

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Tempodrom – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Tempodrom – Zirkus-Comeback. In: Der Spiegel. Nr. 23, 1981 (online).
  2.  Tempodrom kommt wieder. In: Der Spiegel. Nr. 17, 1985 (online).
  3. Abschied vom Tempodrom. AVIVA-BERLIN.de, 1. August 2005
  4. Tempodrom-Affäre endet mit Freisprüchen / Die Gründer des Kulturhauses, Irene Moessinger und Norbert Waehl, sind „erwiesen unschuldig“. In: Berliner Zeitung, 19. Januar 2008
  5. Mehr Klassik unterm Zeltdach. In: Berliner Zeitung, 12. April 2010
  6. Die Neuen bekommen den Schlüssel für das Tempodrom. In: Berliner Zeitung, 23. April 2010
  7.  Paul Andreas, Ingeborg Flagge et al.: Eine Legende der Moderne / A Legend of Modernism. Birkhäuser, 2003, ISBN 3-7643-6992-2, S. 70.
  8. Meinhard von Gerkan: Gerkan, Marg und Partner: Architecture 2000–2001. Birkhäuser, 2003, ISBN 3-7643-0705-6, S. 121
  9. Angaben auf der Seite von Berlin, abgerufen am 3. Februar 2014
  10. Meinhard von Gerkan: Gerkan, Marg und Partner: Architecture 2000–2001. Birkhäuser, 2003, ISBN 3-7643-0705-6, S. 122
  11. Meinhard von Gerkan: Gerkan, Marg und Partner: Architecture 2000–2001. Birkhäuser, 2003, ISBN 3-7643-0705-6, S. 133
  12. Es plätschert wieder im Liquidrom. In: Tagesspiegel, 5. Dezember 2007

52.50166666666713.381111111111Koordinaten: 52° 30′ 6″ N, 13° 22′ 52″ O