Theater der Grausamkeit

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Das Theater der Grausamkeit ist ein von Antonin Artaud in der Mitte des 20. Jahrhunderts geprägter Begriff. Er bezeichnet eine praktisch nicht umsetzbare Form des Theaters, die nicht den klassischen dramatischen Regeln folgt, sondern eine abstrakte und metaphysische Darstellung von Unterdrückung und Schmerz fordert.

Begriff[Bearbeiten]

Inspiriert vom balinesischen Theater entwickelte Artaud seinen Begriff des Theaters der Grausamkeit. Er forderte eine Loslösung der Stimme, des Körpers und der Sprache vom Text. Im klassischen Theater war die Darstellung auf der Bühne immer dem dramatischen Text untergeordnet – nun sollten jede Bewegung und jeder Laut der Darsteller eine eigene Bedeutung bekommen und nicht mehr nur dazu dienen, eine Handlung voranzutreiben oder zu illustrieren. Die Idee des Theaters der Grausamkeit ist insofern dem postdramatischen Theater zuzuordnen.

Ebenfalls war Artaud stark vom Surrealismus beeinflusst. Er postulierte Anarchie als stärkste und wirksamste Ausdrucksform des Theaters; dies ist so zu verstehen, dass Laute, Bewegungen, Worte etc. keiner logischen Handlung folgen, sondern unvorhersehbar aufeinandertreffen sollten. Laut dem Surrealisten André Breton sei die surrealistischste Handlung die eines Amokläufers, der auf der Straße wild um sich schießt; denselben Effekt wollte Artaud im Theater erwirken. Grausamkeit bedeutete für Artaud die Zweckmäßigkeit, Ordnung und Zuverlässigkeit des Theaters aufzuheben. Er forderte eine Darstellung von Metaphysik und Mystik auf der Bühne.

Motiv[Bearbeiten]

Artaud sah Kunst und damit Theater nicht als losgelöste, einem Selbstzweck dienende Sache. Theater sollte vielmehr dazu dienen, eine neue Daseinsform anzustreben. Dieses Dasein sollte geprägt sein von Chaos, Negation und Anarchie – und somit ein eigentliches „Nicht-Sein“ formen.

Umsetzung[Bearbeiten]

Das Theater der Grausamkeit ist nur schwer in einem Theaterbetrieb umzusetzen. Da Artaud sich in seinen Überlegungen nicht nur auf das Theater, sondern vielmehr auf das Leben an sich bezog, muss jeder Versuch, seine Ideen künstlerisch umzusetzen, scheitern oder maximal in einen Kompromiss münden, da er, ähnlich wie Brecht, auf eine Änderung dieses Lebens zielte. Die Theorien, die Artaud über die Verfassung der menschlichen Seele aufstellte, werden im aktuellen offiziellen Theaterbetrieb nur selten verwirklicht – eben, weil Theater gemeinhin von vielen Regisseuren (immer noch) als eine Darstellung von Handlung, also Drama, angesehen wird. Die Aufgabe, die er dem Theater stellte – das Leben zu erneuern, ihm einen Sinn durch eine Reinigung vom "Ballast der Zivilisation" zu verschaffen und den Menschen dazu zu bewegen, all das zu schaffen, was noch nicht existiert – konnte bisher nicht in diesem absoluten Sinne verwirklicht werden.

Folgen[Bearbeiten]

Das Theater der Grausamkeit wird durch seine Loslösung vom dramatischen Text als Vorläufer der Idee der Performance angesehen. Auch ließen sich spätere Dramatiker von der Idee inspirieren und bezogen sich darauf; Tadeusz Kantor mit seinem Theater des Todes ist hier ein Beispiel, ebenso wie Sarah Kane, die in ihren Stücken die theatrale Umsetzung auf eine Art und Weise an ihre eigenen Grenzen bringt, wie Artaud es forderte.

Literatur[Bearbeiten]

  • Artaud, Antonin: Über das balinesische Theater. In: Artaud, Antonin: Das Theater und sein Double. Matthes & Seitz, München 1996 ISBN 3882212764
  • Artaud, Antonin: Heliogabal oder der Anarchist auf dem Thron. Rogner & Bernhard, München 1980. ISBN 3-807700978
  • Artaud, Antonin: Schluss mit dem Gottesgericht. Das Theater der Grausamkeit. Letzte Schriften zum Theater. Matthes & Seitz, München 1988. ISBN 388221211X
  • Craig, Edward Gordon: On the Art of the Theatre. London, 1912