Theo Jörgensmann

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Theodor Franz Jörgensmann (* 29. September 1948 in Bottrop) ist ein deutscher Klarinettist, Jazz-Musiker, Komponist und ein Protagonist des Modern Creative Stils. Theo Jörgensmann gehört zur zweiten Generation der europäischen Free Jazz Musiker. Er war an der Renaissance der Jazzklarinette in den 1980er Jahren beteiligt und gilt als einer der herausragenden Solisten auf diesem Instrument. [1] Jörgensmann zählt zu den wenigen Klarinettisten, die unbegleitete Solo-Konzerte geben oder Solo-CDs veröffentlichen.

Theo Jörgensmann und Károly Binder in Budapest, Ship A 38, 7. September 2006
Theo Jörgensmann und Károly Binder in Budapest, Ship A 38, 7. September 2006
Theo Jörgensmann und Marcin Oleś in Budapest vor dem Ship A 38, 7. September 2006
Theo Jörgensmann und Marcin Oleś in Budapest vor dem Ship A 38, 7. September 2006


Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Leben

Theo Jörgensmann's Vater war Gastwirt einer typischen Ruhrgebietskneipe. In diesem Umfeld ist er als ältester Sohn mit zwei Brüdern und einer Schwester aufgewachsen. Ähnlich der Choreographin Pina Bausch hielt Theo Jörgensmann sich als Kind in der elterlichen Gaststube gerne unter den Tischen auf, um von dort aus ungestört Leute zu beobachten. Bevor er sich ganz und ohne akademisch-musikalische Vorbildung - Jörgensmann ist Autodidakt - der Klarinette zuwandte, arbeitete er als Chemielaborant. Erst mit 18 Jahren begann er Klarinette zu spielen. In der Zeit von 1969 - 1972 nahm er privaten Klarinettenunterricht bei einem Dozenten der Folkwang Hochschule in Essen. Das Fachabitur machte Jörgensmann, der mit 15 die Realschule verlassen hatte, Anfang der 70er Jahre. Nach seinem Wehrdienst in Münster (1973) arbeitete er mit behinderten Kindern und begann ein Sozialpädagogik-Studium, das er aber nicht abschloss. [2] Etwa 1975 wurde Jörgensmann Berufsmusiker.

Seit 1997 lebt Theo Jörgensmann in Brüel (Mecklenburg-Vorpommern).

[Bearbeiten] Wirken

[Bearbeiten] Anfangsjahre

Eine der ersten Gruppen, mit der Jörgensmann Anfang der 1970er Jahre überregional in Erscheinung trat, war das Contact Trio 1970-1973 mit Alois Kott (Kontrabass) und Michael Jüllich (Schlagzeug). Mit dieser Gruppe spielte er 1972 als Newcomber auf dem Deutschen Jazzfestival Frankfurt.[3]
Dem Trio folgte 1974-1975 die Jazz-Rock-Formation Out, in der er elektrisch verfremdete Klarinette spielte. Die Musiker dieser Fusion-Band - Hendrik Schaper (Keyboard), Micki Meuser (E-Bass; und Udo Dahmen (Drums) - konnten sich in der Rock- und Popszene einen Namen machen. Gleichzeitig spielte er in der Gruppe Clarinet Contrast - einem Klarinetten-Pool - mit den Klarinettisten Bernd Konrad, Hans Kumpf, Perry Robinson, Michel Pilz, sowie Günter Lenz (Bass) und Peter Giger (Drums). [4]
Ab 1976 organisierte er dann sein erstes eigenes Quartett, das man dem "Free Bop" zuordnen kann. Diese bis 1982 bestehende Gruppe überzeugte Kritik und Publikum gleichermaßen. [5] So trat Jörgensmann mit diesem Quartett als deutscher Vertreter der European Broadcasting Union 1977 in Hilversum auf.

[Bearbeiten] Interdisziplinäre- und Jazzprojekte

Etwa zehn Jahre lang, in der Zeit von 1982 - 1992, konzipierte und moderierte Jörgensmann unter redaktioneller Leitung von Manfred Niehaus Jazzsendungen für den WDR. Zusammen mit Rolf-Dieter Weyer verfasste er in dieser Zeit eine "Kleine Ethik der Improvisation." Immer wieder kooperiert Jörgensmann interdisziplinär mit Dichtern, Schauspielern, bildenden Künstlern und Filmemachern. Beispiele für diese Arbeiten sind die experimentelle Oper Die Eroberung des Schönen mit u. a. Rainald Schnell (Filmemacher, Schauspieler), Robert Bosshard (Filmemacher, Schriftsteller), Peter Thoms (Schlagzeuger, Künstler) und Anna Fechter (Schauspielerin), die das WDR-Fernsehen 1995 produzierte, sowie die szenische Lesung Der Pojaz von Karl Emil Franzos mit Oskar Ansull.
Zeitweise arbeitete er auch als Theatermusiker, so vertrat er an der Volksbühne Berlin im November 1984 den Klezmer-Klarinettisten Giora Feidman bei 23 Vorstellungen des Theaterstücks "Ghetto" von Joshua Sobol.

Daneben konzertierte Jörgensmann mit Musikern der internationalen Jazz- und Improvisationsszene. Von 1981 bis 1996 spielte er in der Band European Interface des New Yorker Pianisten und Malers John Fischer [6] sowie von 1985 bis 1998 in der Contraband des Posaunisten Willem van Manen. In den 1980ern spielte er außerdem in Franz Koglmann's Pipetet, in Andrea Centazzo's Mitteleuropa Orchestra [7] und in verschiedenen Formationen um Michael Sell.
1983 gründete Pianist Georg Gräwe mit Jörgensmann und Eckard Koltermann das großformatige Grubenklangorchester, [8] und zusammen mit dem Bassklarinettisten Eckard Koltermann bildete Jörgensmann das German Clarinet Duo (1986-1996).
Außerdem leitete Jörgensmann von 1985 bis 1987 das Klarinetten-Quartett CL 4 mit Lajos Dudas bzw. Bob Driessen, Dieter Kühr, Eckard Koltermann und anderen, [9] sowie von 1992 bis 1995 das Werkschau Ensemble, in dem der Violinist Albrecht Maurer die Cellistin Donja Eghbal, der Bassklarinettist Rainald Schückens und der Schlagzeuger Achim Krämer mitwirkten.
Mitte der 1990er Jahre hatte Jörgensmann zusammen mit dem litauischen Saxophonisten Petra Vysniauskas ein Quintett, dem Andreas Willers, Kent Carter und Klaus Kugel angehörten. [10]
Gelegentlich spielt Jörgensmann auch in den World Music-Projekten des niederländischen Gitarristen Jan Kuiper. [11]

[Bearbeiten] Neuer Aufbruch

Eine der international erfolgreichsten deutschen Gruppen der letzten Jahre ist das Theo Jörgensmann Quartet [12]

Theo Jörgensmann Quartet
Gründung 1997
Auflösung 2004
Genre Experimenteller Jazz
Label HatHut Records
Gründungsmitglieder
  • Theo Jörgensmann
  • Christopher Dell
  • Christian Ramond
  • Klaus Kugel

[Bearbeiten] Theo Jörgensmann Quartett

Ende 1996 formt Jörgensmann eine neue Band mit dem Bassisten Christian Ramond, Drummer Klaus Kugel und Christopher Dell am Vibraphon. Besonders in den USA, Kanada und den Niederlanden waren Publikum und Jazzkritiker von der Musik des Quartetts begeistert. [13] So tourte das Theo Jörgensmann Quartet dreimal durch Kanada und die USA und spielte als erste deutsche Band zweimal auf dem größten Jazzfestival der Welt dem Montreal International Jazz Festival [14] oder den Jazzfestivals in Vancouver, Edmonton und San Francisco. Diese Formation, die (2002) auch in China auftrat, ist eine experimentelle Soundschmiede und Jörgensmann's Idee von einer klangsinnlichen, kommunikativen europäischen Improvisationsmusik.[15]

[Bearbeiten] Trio Oleś Jörgensmann Oleś

Oleś Jörgensmann Oleś
Bartlomiej Oles Theo Jörgensmann Marcin Oles in Györ, 5. September 2006
Bartlomiej Oles Theo Jörgensmann Marcin Oles in Györ, 5. September 2006
Gründung 2003
Genre Experimenteller Jazz
Label HatHut records; NotTwo records
Website Oleś-Oleś homepage
Gründungsmitglieder
  • Theo Jörgensmann
  • Marcin Oleś
  • Bartłomiej Oleś

Seit 2003 spielt Jörgensmann im Trio Oles Jörgensmann Oles mit den jungen polnischen Zwillingen Marcin (Bass) und Bartlomiej Oles (Drums). Auf Einladung des polnischen Kulturinstituts gab das Trio 2004 während der Orangenen Revolution Konzerte in der Ukraine. [16] Außerdem trat die Band in Deutschland, Polen, Tschechien, Österreich, Frankreich, Portugal, Ungarn, Schweden, Finnland, Serbien und Slowenien auf. Ihre zweite CD "Directions" wählte das polnische Internet-Jazzmagazin Diapazon zum "The Best Album of The Year 2005". [17] Teilweise erweitert sich das Trio um den Violinisten Albrecht Maurer oder als Theo Jörgensmann Second Quartet um den Vibraphonisten Christopher Dell. [18]

[Bearbeiten] Aspekte seiner Musik

Jörgensmanns Musik wird durch die Einflüsse unterschiedlicher Musikbereiche bestimmt. Geprägt durch die Möglichkeiten der Inside-Outside-Improvisation verbindet er in seinem von ihm über Jahrzehnte entwickelten Improvisationsstil Elemente des Jazz, der Neuen Musik, der Klassik und Folklore. In seiner Musik wechseln Passagen erzählenden Charakter's mit solchen, die ganz auf den Klang konzentriert sind. Das Tempo und die Richtung der Melodielinien unterliegen dabei schnellen, spontanen Veränderungen, so dass ein ständig wechselndes Klangbild entsteht. Den musikalischen Raum neu zu definieren, betrachtet Jörgensmann als seine größte Herausforderung. Eine von Jörgensmann's großen Qualitäten ist es, sich ganz dem Spielprozess hinzugeben und dennoch strukturierend in den Spielverlauf einzugreifen.[19]

Improvisationsmusik mit einer umfassenden, weitsichtigen und weit vorausschauenden Berücksichtigung möglichst vieler Aspekte und Zusammenhänge, wie sie Jörgensmann in dem mit Rolf-Dieter Weyer verfassten Buch - Kleine Ethik der Improvisation - definiert, zielt weniger auf das stilistische Miteinander von swingenden Hardbop-Fragmenten, modalen Elementen und neoklassischen Melodieführungen ab. "Ganzheitlich" ist bei Jörgensmann offenbar in einem anthropologisch-sozialen Sinne zu verstehen: als Ausdruck von Unabhängigkeit und Freiheit des Einzelnen, als Aufbegehren gegen den Versuch, die eigene Individualität in die Zwangsjacke der Konventionen und Normen zu verabschieden.[20]

[Bearbeiten] Diskographie (Auswahl)

  • Oles Jörgensmann Oles Live in Poznan 2006 (2007) mit Marcin Oles und Bartlomiej Oles
  • Oles Jörgensmann Oles Miniatures( 2003) Directions (2005) mit Marcin Oles und Bartlomiej Oles
  • Theo Jörgensmann Quartet: ta eko mo (1997) / Snijbloemen (2000) / Hybrid Identity (2002) mit Christopher Dell, Christian Ramond und Klaus Kugel
  • Theo Jörgensmann/Albrecht Maurer: European Echoes mit Barre Phillips, Denis Colin, Bobo Stenson, Wolter Wierbos, Kent Carter, Benoit Delbecq, u. a. (1999)
  • Theo Jörgensmann: Fellowship mit Petras Vysniauskas, Charlie Mariano, Karl Berger, Kent Carter und Klaus Kugel (1998)
  • Theo Jörgensmann/Eckard Koltermann: Pagine Gialle (1995)
  • Herbert Somplatzki: Wortmusik mit Eckard Koltermann (1995)
  • Hans-Günther Wauer/Theo Jörgensmann/Günter "Baby" Sommer: Merseburger Begegnung (1994)
  • CL 4: Alte und neue Wege (1986)
  • Theo Jörgensmann Laterna Magica Solo (1983)
  • Theo Jörgensmann Quartet: in time (Gast: Perry Robinson) (1976)

[Bearbeiten] Als Sideman (Auswahl)

[Bearbeiten] Kompositionen (Auswahl)

  • Room in New York. Tanztheaterstück für 2 Tänzer, 1 Schauspieler, 1 Sprecher und 2 Musiker nach einem Text von Michael Klaus (1996). Choreografie: Claudia Lichtblau, Komposition: Theo Jörgensmann/Karoly Binder.
  • aesthetic direction. Kammermusik für Klarinette , Bassklarinette, Violine, Violoncello und Schlagwerk. UA (1993). CD Konnex Records (Interpreten: Theo Jörgensmann Werkschau Ensemble)
  • Der Monolog. Filmmusik zu dem gleichnamigen Film von Rainald Schnell. WDR Fernsehen Produktion (1990)
Klarinettenteile
Klarinettenteile

[Bearbeiten] Instrumentarium

  • B♭ Bassettklarinette bis tief C (Unikat, deutsches System, Baujahr 1997) Harald Hüyng
  • Fass/Birne Wolfgang Dietz
  • Mundstück Charles Bay
  • Ligature/Blattbefestigung Rovner (Kombination)
  • Blätter Vandooren 56 Rue Lepic Nr. 3

[Bearbeiten] Lehrtätigkeit und Auszeichnungen

[Bearbeiten] Literatur

  • Dita von Szadkowski: Grenzüberschreitungen. Jazz und sein musikalisches Umfeld der 80er Jahre"". ISBN 3-596-22977-4
  • Martin Kunzler: Jazz Lexikon. ISBN 3-499-16317-9
  • Theo Jörgensmann & Rolf-Dieter Weyer: Kleine Ethik der Improvisation: vom Wesen, Zeit und Raum, Material und Spontangestalt ISBN 3-924-272-99-9
  • Der ganzheitliche Improvisationsbegriff bei Theo Jörgensmann und seine Bedeutung für die Nordoff/Robbins Musiktherapie. (Diplomarbeit 1995), Institut für Musiktherapie, Universität Witten-Herdecke

[Bearbeiten] Dokumentarfilme

  • Menschen im Ruhrgebiet. Theo Jörgensmann, Bottrop, Klarinette von Christoph Hübner 16mm, 30 Min (1987) [1]
  • Musikinstrumente und ihre Geschichte. Die Klarinette NDR (1987)
  • Wagner Bilder Film- und Videoinstallation mit u.a. Bochumer Symphoniker, Christoph Schlingensief von Christoph Hübner, 2x Beta, Farbe, 72 Min. (2001/2002)

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. German player Theo Jörgensmann by the way, is developing into one of Europe's greatest jazz clarinettists as the clarinet seems to be having a worldwide jazz revival. Joachim Ernst Berendt; Down Beat 2/1980
  2. Dokumentarfilminitiative im Filmbüro Nordrhein-Westfalen. 100 Dokumentarfilme zum Ruhrgebiet, 1963-2004
  3. Das damals aus T. Jörgensmann, A. Kott und M. Jüllich bestehende Trio konnte sich unter mehr als dreißig Bewerbern für die Newcomber-Matinee qualifizieren. Covertext Double Face von Ulrich Olshausen 1975
  4. Clarinet Contrast, einem Kollektiv von fünf Klarinettisten plus Rhythmusgruppe, das im vergangenen Jahr ohne Zweifel zu den interessantesten und neuartigsten Formationen des New Jazz zu zählen war. Der Tagesspiegel, Berlin, 6. Februar 1977
  5. Jörgensmann leads one of West Germany's best-known jazz groups. LP Clarinet Summit You better fly away, Cover-text von Joachim-Ernst Berendt; MPS Records 1980
  6. Interview mit Jean Quist in Jazz Nu, Niederlande, November 1985
  7. Das Mitteleuropa Orchester im Museum des 20. Jahrhunderts in Wien, Konzertkritik, Jazzpodium, August 1983
  8. Plattenbesprechung "Bergmannsleben" WAZ 7.5. 1982
  9. Besides the two sterling John Carter's Clarinet Summit recordings, CL 4 (Theo Jörgensmann, Lajos Dudas, Dieter Kühr, clarinets; Eckard Koltermann, bass clarinet; guest clarinetist Gerald Doecke) explores a variety of materials without "Third Stream" pretentions. Down Beat (April, 1987)
  10. Konzert Bimhuis Amsterdam, 31. Oktober 1996
  11. Konzert mit Jan Kuiper, guitar; Purbayan Chatterjee, sitar; Niti Ranjan Biswas, tablas; Theaterfestival Boulevard Den Bosch, 9. August 2004
  12. Together they make some of the freshest improvised music coming out of Europe. "Signal to noise" - Journal of Improvised and Experimental Music - USA 2001
  13. Delightful and delighting, two sets and an encore and we all probably still could've gone on indefinitely. Vancouver International Jazz Festival 2003 Diary by Josephine Ochej
  14. La Scena Musicale; Vol 8, Nr. 9; Montreal, 4. Juni 2003
  15. De tydruimtelijke muzikfilosofie van Theo Jörgensmann. Interview mit Kees Stevens in JazzFreak van de Stichting Holland Jazz, maart/april 1991.
  16. Programm des Festivals Jazz BEZ, Lviv Ukraine; vom 7.12. - 12.12. 2004
  17. DIAPAZON - EDYCJA 2 (174) (Plyty polskie wydane w 2005) 22.1. 2006
  18. Polentournee des T. Jörgensmann Second Quartet; Goethe-Institut-Warschau Oktober 2007
  19. With this formation, Jörgensmann, captivates with a music that has soul, and that pursues an unsusual and polished chamber music equilibrium. One can easily get exited about a music that, in spite of soul does not simply disregard reason, but rather retains a floating balance between control and feeling. Review Jörgensmann Quartet, Snijbloemen; Down Beat, July 2000
  20. Konzertkritik T. Jörgensmann Werkschau Ensemble, Rheinische Post 10.03. 1993
  21. Pressebericht in der Aachener Volkszeitung am 11. Dezember 1980

[Bearbeiten] Weblinks

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