Therapeutische Gemeinschaft

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Therapeutische Gemeinschaft ist einerseits ein therapeutisches Feld. Sie nutzt die Gesamtheit aller in einem Krankenhaus wirkenden therapeutischen Kräfte. Gleichzeitig ist sie die Gemeinschaft aller Patienten, die sich gegenseitig bei ihrem Therapieprozess unterstützen. Eine Therapeutische Gemeinschaft ist eine Lebensgemeinschaft auf Zeit. Menschen mit vergleichbaren Problemen entschließen sich, die Kraft der Gemeinschaft zu nutzen, um sich unter Anleitung von Fachleuten gegenseitig zu „therapieren“.

Vorläufer[Bearbeiten]

Theateraufführungen in sogenannten Irrenhäusern Ende des 18. Jahrhunderts in Paris zu therapeutischen Zwecken stellten erste Versuche dar, Menschen mit psychischen Problemen ernst zu nehmen und in den gesellschaftlichen Kontext zu integrieren. Philippe Pinel inszenierte in den Jahren nach der Französischen Revolution einen „psychodramatischen“ Prozess, um einen Patienten von der Zwangsvorstellung zu heilen, er müsse exekutiert werden.

1891 nutzte Pierre Janet Hypnose und Wiederholung von traumatischen Ereignissen durch szenische Inszenierungen, um kathartische Prozesse bei seinen Patienten auszulösen. Um 1813 wurden in Psychiatrien von Aversa, Neapel und Palermo eigene Theater erbaut, Schottland, England und um 1908 die Ukraine folgten dieser Tradition.

Erste therapeutische Gemeinschaften wurden im 19. Jahrhundert verwirklicht. Das von Ludwig Binswanger d.Ä. 1857 gegründete Sanatorium Bellevue im schweizerischen Kreuzlingen gilt als Prototyp.

1905 versammelte Joseph H. Pratt am Massachusetts General Hospital in Boston seine Tuberkulose-Patienten in Gruppen und instruierte sie über hygienische Maßnahmen. In den 20er und 30er Jahren stellte er die Gruppe in den Mittelpunkt seiner psychiatrischen Tätigkeit und nutzte sie zum Diskurs über die Bedeutung der Emotion im Heilungsprozess.

Im Winter 1917/18 arbeitete Jakob L. Moreno mit Tiroler Flüchtlingen in Baden bei Wien und entwickelte erste Ansätze seiner Soziometrie. 1921 arbeitete E. W. Lazell gruppenanalytisch mit Weltkriegsveteranen im St. Elizabeth's Hospital in Washington, DC. Im selben Jahr entwickelten Alfred Adler und Rudolf Dreikurs in Wien Fallkonferenzen, in denen Lehrer, Eltern und Kindern gemeinsam die Problemfelder besprachen. Gegen den Widerstand von Freud entwickelte Trigant Burrow in den 20er Jahren erste Ansätze der Gruppenpsychoanalyse.

Klassische Anwendungen[Bearbeiten]

Der Psychiater und Psychoanalytiker S.H. Foulkes verknüpfte psychoanalytische und soziologische Konzepte zur Gruppenanalyse. Als Major führte er 1942 am Militärhospital "Northfield Military Centre" Gruppentherapie zur Rehabilitation von sogenannten Kriegsneurotikern ein. Dazu strukturierte er die ganze Klinik zu einer "therapeutischen Gemeinschaft" um. Teamsitzungen und Patientenversammlungen wurden als ein Gruppenprozess betrachtet. Verwaltung, Küche, Haus- und Pflegepersonal, Ärzte und Patienten waren alle am therapeutischen Prozess beteiligt und für die Gesundung der Patienten verantwortlich.

Tom Main und Wilfred Bion haben mit ihren gruppentherapeutischen Methoden viel zur Entwicklung therapeutischer Gemeinschaften beigetragen.

Grundlagen[Bearbeiten]

Tom Main beschrieb folgende Anforderungen:

  1. "Das Krankenhaus ist als ein psychosoziales Ganzes zu betrachten, dessen einzelne Teile aufeinander bezogen sind und aufeinander wirken, so dass Therapie, Versorgung und Administration als eine gemeinsame klinische Aktivität anzusehen sind.
  2. Psychoanalytisch-orientierte Arbeit im Krankenhaus bedarf einer Organisationsstruktur, die sich möglichst spontan und unbehindert von äußeren Zwängen aus der Gemeinschaft heraus entwickeln kann.
  3. An der Ausgestaltung und Ausformung dieser Organisation nehmen Personen und Patienten aktiv teil.
  4. Die Therapie in der Klinik findet in einer multipersonalen Behandlungssituation statt, von der der Arzt nur ein Teil ist.
  5. Das Krankenhaus bedarf zur Erreichung seiner Ziele eines lebendigen Austausches mit seiner Umwelt.
  6. Die in der Gemeinschaft auftretenden Schwierigkeiten im Zusammenleben und die Störungen in den Beziehungen zwischen Krankenhaus und Umwelt bedürfen der fortgesetzten Analyse."

Die Reflexion allen Geschehens in der therapeutischen Gemeinschaft ist die Grundlage für soziales Lernen. Das Leben in der Gruppe wird zum zentralen Element des therapeutischen Prozesses.

Therapeutische Gemeinschaft wirkt auf zwei Ebenen:

Sie fördert die Erinnerung an alte verletzende Erfahrungen und damit verbundene Gefühle und bietet so die Chance, diese in einem therapeutischen Prozess zu bearbeiten - um zunehmend ein autonomes selbstbestimmtes Leben zu gestalten.
Das soziale Klima der therapeutischen Gemeinschaft ermöglicht neue, positive Lebenserfahrung - dadurch können alte Defizite aufgefüllt werden.

Psychoanalyse und therapeutische Gemeinschaft[Bearbeiten]

Die Therapeutische Gemeinschaft wurde von Psychoanalytikern und Sozialpsychologen entwickelt. Entsprechend finden Übertragung und Gegenübertragung, freie Assoziation, Widerstand und Abwehr, etc. viel Beachtung (Gruppenanalyse). Ein weiterer Schwerpunkt ist die Kommunikationstheorie (Watzlawick). Durch die Großgruppe kommen alle gesellschaftlichen Themen und Konflikte spiegelbildlich auch in der therapeutischen Gemeinschaft vor.

Werte der therapeutischen Gemeinschaft[Bearbeiten]

Eine therapeutische Gemeinschaft ist ein gelebtes System von Werten. Zu diesen Werten zählen:

  • Ehrlichkeit und Offenheit
  • Gerechtigkeit im Geben und Nehmen
  • Persönliches Wachstum als Voraussetzung für Rechte und Pflichten
  • Vertrauen in die Heilkraft der Gemeinschaft
  • Vertrauen in die Macht von Wollen und Bewusstsein
  • Verantwortung für sich selbst und andere
  • Gemeinschaftsgefühl
  • Partizipation im Sinne der UN Kinderrechtskonvention

Aus diesen Werten werden Regeln abgeleitet, auf die sich Patienten und Mitarbeiter gemeinsam verpflichten.

Methoden[Bearbeiten]

Zentrale Elemente im Leben der therapeutischen Gemeinschaft sind:

  • tägliche Gemeinschaftssitzung, in denen das therapeutische Alltagsleben thematisiert wird
  • anschließende Team-Sitzung, in der die vorangegangene Gemeinschaftssitzung reflektiert wird
  • Gruppentherapie, Kerngruppe mit bis zu zehn Patienten

Es kommen aber auch folgende basisdemokratischen Elemente zum Einsatz:

  • Morgenrunden, die auf Klinik und Therapiealltag bezogen sind
  • Gesamtplenum zum Abschied und zur Begrüßung neuer Patienten (wöchentlich, mit allen Mitarbeitern und Patienten, für Besucher offen)
  • Patientenversammlung
  • Therapeutische Großgruppe (Forum oder Komitee) zur Verbesserung kommunikativer Fähigkeiten und Unterstützung in schwierigen Prozessen
  • Verteilung gemeinschaftlicher Aufgaben und Verantwortungsbereiche
  • Patensysteme zur Orientierungshilfe
  • Vorträge zu Grundfragen von Gesundheit und Krankheit, Behandlungskonzept, Übertragung der Klinikerfahrung auf den Alltag, gesunde Ernährungsweise etc.
  • Freizeitangebote am Wochenende
  • Beteiligung der Patienten am Verbesserungs- und Beschwerdemanagement

Selbstverwaltung und Autorität[Bearbeiten]

Die therapeutische Gemeinschaft gewährt so viel Freiheit wie möglich und übt so wenig Zwang aus wie nötig. Dazu wird ein System der Selbstverwaltung geschaffen. Patienten-Komitee, Vollversammlung, Team-Gespräche, Normen, Regeln, Absprachen, und Vereinbarungen, Aufgaben und Verantwortlichkeiten sind Bestandteile der Therapeutischen Gemeinschaft.

Die Patienten werden gefordert, sich durch konkretes Handeln und durch spontanes Äußern und Ausleben von Gefühlen im Rahmen der Regeln (keine Gewalt) einzubringen. Lernen durch Tun, teilnehmende Beobachtung, gegenseitige Unterstützung, gemeinsame Arbeit und Freizeit sind dabei wesentliche Elemente.

Diese offene Form ist auch für Menschen mit Persönlichkeitsstörungen geeignet.

Mitarbeiter[Bearbeiten]

Alle Mitarbeiter sind Teil der Therapeutischen Gemeinschaft. Dem Pflegepersonal kommt eine herausragende Bedeutung zu, genauso wie allen anderen Mitarbeitern im Haus, vom Verwaltungsmitarbeiter bis zum Gärtner. Denn sie haben zu den Patienten meist einen viel engeren und intensiveren Kontakt als die "Therapeuten". Ihre Arbeit wird gegenüber der der Ärzte deutlich aufgewertet. In gemeinsamen und oft auch öffentlichen Team-Gesprächen reflektieren alle Mitarbeiter gemeinsam hierarchie- und funktionsübergreifend ihre Arbeit. Planung geschieht in hohem Masse gemeinsam mit den Patienten. Entscheidungen werden wo möglich gemeinsam getroffen. Die Therapeuten sind Mitglieder der Gruppe, die Patienten sind Co-Therapeuten. Das stellt an die Therapeuten hohe Anforderungen bezüglich Reife, Offenheit und Zusammenarbeit. Die Kontinuität der Therapeutengruppe sorgt dabei für einen sicheren verlässlichen Rahmen.

Anwendung[Bearbeiten]

Das Prinzip der Therapeutischen Gemeinschaft wird angewendet in der Psychiatrie, der Drogentherapie, in psychosomatischen Kliniken, in der Sucht-Therapie. Ebenfalls findet es Anwendung in der Jugendhilfe. Sowohl in Österreich, wie auch Deutschland sind Therapeutische Gemeinschaften existent, die als stationäre Einrichtungen Erziehung, Pädagogik und Psychotherapie verbinden.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Adam Blatner: A Historical Chronology of Group Psychotherapy and Psychodrama. 2007.
  • Hans Kayser, Helmut Krüger, Wolfram Mävers: Gruppenarbeit in der Psychiatrie. Erfahrungen mit der therapeutischen Gemeinschaft. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage. Thieme, Stuttgart u. a. 1981, ISBN 3-13-492602-4.
  • Hermann R. Hilpert: Über den Beitrag der therapeutischen Gemeinschaft zur stationären Psychotherapie. / The contribution of the therapeutic community to inpatient psychotherapy. In: Zeitschrift für psychosomatische Medizin. 29, 1, 1983, ISSN 1438-3608, S. 28–36, (Grundlagen von T. Main).
  • Maxwell Jones: Prinzipien der therapeutischen Gemeinschaft. Soziales Lernen und Sozialpsychiatrie. Herausgegeben von Edgar Heim. Huber, Bern u. a. 1976, ISBN 3-456-80341-9.
  • Andreas Ploeger: Die therapeutische Gemeinschaft in der Psychotherapie und Sozialpsychiatrie. Theorie und Praxis. Thieme, Stuttgart 1972, ISBN 3-13-484001-4.
  • John T. Salvendy: Der Borderline-Patient in der Gruppe: Grundsätzliche Erkenntnisse. In: Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik. 28, 1992, ISSN 0017-4947, S. 349–355.
  • Lewis Yablonsky: Die Therapeutische Gemeinschaft. Ein erfolgreicher Weg aus der Drogenabhängigkeit (= Suchtprobleme in Pädagogik und Therapie 8). Beltz, Weinheim u. a. 1990, ISBN 3-407-55736-1.

Weblinks[Bearbeiten]

Therapeutische Gemeinschaften Österreich