Theresienstadt (Film)

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Filmdaten
Originaltitel Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet
Produktionsland Deutschland
Originalsprache Deutsch
Erscheinungsjahr 1945
Stab
Regie Kurt Gerron, Karel Pečený
Drehbuch Kurt Gerron
Kamera Karel Pečený, Ivan Frič
Schnitt Ivan Frič
Besetzung

Insassen des Ghettos Theresienstadt

Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet ist ein im Stil des Dokumentarfilms in der Zeit des Nationalsozialismus produzierter Propagandafilm, der vom August bis September 1944 gedreht wurde. Er sollte die angeblich guten Lebensverhältnisse im Ghetto Theresienstadt (ein NS-Sammel-/Konzentrationslager) im heutigen Terezín darstellen und damit die Vernichtungspolitik des NS-Regimes (Holocaust) verschleiern. In seiner Komplettfassung wurde er nie öffentlich aufgeführt.[1]

Der Regisseur und Drehbuchautor des Films Kurt Gerron und die meisten prominenten Mitwirkenden sowie fast alle Kinder-Darsteller wurden nach den Aufnahmen deportiert und ermordet.[2]

Handlung (Fragment)[Bearbeiten]

Der Film zeigt ein scheinbar normales Leben der Juden im Ghetto Theresienstadt und folgt einem schematisierten Tagesablauf. Es werden unter anderem Arbeitsszenen verschiedener Handwerker mit dem Hinweis „sie können in Theresienstadt ihren Berufen nachgehen“ gezeigt; auch Künstler („Ein Bildhauer beim Entwurf einer Brunnenanlage“) haben Arbeit. Eine Barackenstadt wird als „Arbeitszentrum“ deklariert. Während Szenen in einer Großraumnäherei wird die kontinuierliche „Eingliederung von Arbeitswilligen unter Anleitung von Fachkräften“ behauptet.

Nach dem „Feierabend“ sei „die Freizeitgestaltung jedem Einzelnen überlassen“ und dabei besonders beliebt und von vielen Zuschauern besucht das „Fußballwettspiel auf dem Hof einer ehemaligen Kasernenanlage“. Mit der Bemerkung „Ein Dampfbad steht der Bevölkerung zur Verfügung“ sieht man nackte, duschende Männer. Gezeigt werden auch die „Zentralbücherei mit reichhaltiger wissenschaftlicher Literatur“, eine „gut besuchte Vortragsreihe über wissenschaftliche und künstlerische Themen“, sowie eine „musikalische Darbietung eines Werkes eines in Theresienstadt lebenden jüdischen Komponisten“ durch ein Orchester. Kleingärtnerei innerhalb der Festung Theresienstadt wird als „Schrebergärten der Familien, in denen es ständig zu jäten und zu gießen gibt, die jedoch einen willkommenen Zuschuss für die Küche bringen“ bezeichnet.

Szenen eines offensichtlichen Lagers mit Holzdoppelstockbetten sind von der Bemerkung: „Alleinstehende Frauen und Mädchen machen es sich in ihrem Frauenheim gemütlich“ begleitet.

Hintergrund der Filmproduktion[Bearbeiten]

Als besetztes Land sah sich auch Dänemark mit der Verfolgung der Juden konfrontiert. Die dänische Regierung forderte Aufklärung über das Schicksal von etwa 450 dänischen Juden, die zum größten Teil in das Ghetto Theresienstadt deportiert worden waren. Adolf Eichmann erteilte schließlich Vertretern der dänischen Regierung sowie des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz die Erlaubnis, das Ghetto Theresienstadt am 23. Juni 1944 zu besuchen.[3]

Diesem Besuch war monatelang eine Reihe von „Verschönerungsmaßnahmen“ vorangegangen. Im Mai 1944 wurden 7.500 Menschen nach Auschwitz deportiert, um das Ghetto, welches durchschnittlich mehrere zehntausend Menschen beherbergte und dabei für nur 7.000 konzipiert war, weniger überfüllt erscheinen zu lassen. Es wurde eine Fassade errichtet, die das tatsächliche Leid der Bewohner Theresienstadts kaschierte, was dazu führte, dass die ausländischen Delegierten positive Berichte einreichten. Diese bewirkten, dass das Internationale Komitee vom Roten Kreuz keine anderen Lager im Osten inspizierte.

Die Entscheidung zum Dreh des Filmes fiel wohl kurze Zeit nach dem Besuch der Delegationen, also dem 23. Juni 1944. Als Auftraggeber gilt SS-Sturmbannführer Hans Günther, Leiter des Prager „Zentralamts zur Regelung der Judenfrage in Böhmen und Mähren“. Die Produktion begann ungefähr sieben Wochen nach dem Besuch der Delegationen. Ein verbreiteter Fehlglaube ist, dass Joseph Goebbels dabei eine tragende Rolle, wenn nicht die Führungsposition innegehabt habe. Tatsächlich hatte der Reichsprotektor von Böhmen und Mähren, Reinhard Heydrich, eine gewisse Entscheidungskraft in seiner Position gebündelt. Er trug die Verantwortung für die gesamte NS-Propaganda im Protektorat Böhmen und Mähren. Daraus resultierten Spannungen mit dem Reichspropagandaministerium Goebbels. Diese waren 1941 in der Goebbels-Heydrich-Abmachung beigelegt worden, in der festgelegt wurde, dass jegliche Propaganda ausschließlich über Goebbels’ Person laufen durfte. Eine Vorbehaltsklausel schloss dabei jedoch SS-Aktivitäten aus. Der gesamte Film wurde ein Projekt der SS, von dessen Leitung das Reichspropagandaministerium gänzlich ausgeschlossen blieb.

Die Lagerkommandantur unter Lagerkommandant Karl Rahm verpflichtete den einige Monate später im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ermordeten Schauspieler und Regisseur Kurt Gerron mit der Bildung eines Produktionsstabs. Gleichzeitig hatte Gerron nach außen die Position des Spielleiters inne, dessen Einflusskraft freilich arg beschnitten wurde. Augenzeugen berichten, dass Gerron tagtäglich von SS-Männern beobachtet wurde, die ihm überall hin folgten und selbst die Einstellung der Kamera genauestens inspizierten. Allem Anschein nach wollte man kein unnötiges Risiko allzu freier künstlerischer Bearbeitung eingehen. Das Kamerateam stammte von der Prager Wochenschau-Gesellschaft Aktualita, die damals von Karel Pečený geleitet wurde. Gerron fertigte zwei Versionen eines Drehbuchs und ein bis zwei Tagesberichte über die insgesamt elf Drehtage an, die heute noch erhalten sind. Das Material wurde ohne seine Aufsicht in Prag geschnitten. Am 28. März 1945 wurde der Film fertiggestellt.

Im Film treten mehrere hundert Statisten auf, darunter auch Prominente, die sich der Welt als noch lebend zeigen sollten. Bei einigen Personen sind dies die letzten Bildnisse vor ihrem Tod.

Die Musik zum Film wurde im August und September 1944 teils unter Gerrons Leitung (oder zumindest in seiner Anwesenheit), teils unter der des Komponisten Peter Deutsch aufgenommen. Interpreten waren das von Karel Ančerl dirigierte Orchester mit Kindern des Lagers, die die Kinderoper Brundibár aufführten und die Jazzband Ghetto Swingers.

Propagandistische Wirkung[Bearbeiten]

Ursprünglich dafür konzipiert, im Ausland den umgehenden Gerüchten über die planmäßig ablaufende NS-Judenvernichtung entgegenzuwirken, wären wohl zahlreiche Kopien des Filmes an internationale Organisationen wie das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, neutrale Staaten und den Vatikan versandt worden. Da aber nach der Fertigstellung des Filmes am 28. März sowohl Wege als auch Mittel einer Kommunikation mit dem Ausland verwehrt blieben, fand der Film dort auch keine Beachtung.

Zu diesem Zeitpunkt hätte ein derartiger Propagandafilm keine nennenswerte Wirkung erzielt, zumal bereits im Mai/Juni 1944 ein ausführlicher Bericht über die organisierte Tötungsmaschinerie in Auschwitz das Ausland erreichte. Im Bewusstsein der Existenz der Gaskammern hätte wohl dementsprechende euphemistische Propaganda nicht das Geringste erzielt. Schließlich legte auch die stets näher rückende Ostfront all jene bis dahin kaschierten Tragödien frei, die das Ausland vorher nur als Zeugen-Bekundungen erreicht hatten.

H. G. Adler berichtet in Die verheimlichte Wahrheit (1958) über eine Wochenschau vom Herbst 1944, in der eine Kaffeehaus-Szene aus dem Film und anschließend Bilder von der Kriegsfront gezeigt werden, wozu der Sprecher kommentiert:

„Während in Theresienstadt Juden bei Kaffee und Kuchen sitzen und tanzen, tragen unsere Soldaten alle Lasten eines furchtbaren Krieges, Not und Entbehrungen, um die Heimat zu verteidigen.“[4]

Prominente Protagonisten[Bearbeiten]

Für die Produktion des Films wurden etliche prominenten Persönlichkeiten gezwungen als Protagonisten in Erscheinung zu treten. Zu diesen prominenten Personen gehörten Wissenschaftler, Künstler, Politiker, Industrielle und Glaubensvertreter der damaligen Zeit [5]:

  • Maximilian Adler, Prager Philologe und Hochschullehrer (Sequenz 33)
  • Karel Ančerl, Dirigent (Sequenz 34)
  • Leo Baeck, Rabbiner (Sequenz 33)
  • David Cohen, Historiker und Hochschullehrer aus Amsterdam (Sequenz 32, 37)
  • Dr. jur. Alexander Cohn, Kammergerichtsrat aus Berlin (Sequenz 33)
  • Ellie von Bleichröder (Sequenz 33)
  • Elisabeth Czech, die Witwe eines früheren tschechischen Ministers (Sequenz 34)
  • Heinrich Dessauer, Wien (Sequenz 34)
  • Paul Eppstein (Sequenz 6, 10)
  • Karel Fischer, Dirigent (Sequenz 1)
  • Johann Friedländer (Sequenz 6)
  • Max Friediger, dänischer Oberrabiner (Sequenz 6)
  • Desider Friedmann, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (Sequenz 32)
  • Heinrich Gans, Wien (Sequenz 34)
  • Kurt Gerron, Regisseur des Films Theresienstadt
  • Rolf Grabower, Berlin
  • Georg Gradnauer, deutscher Sozialdemokrat (Sequenz 6)
  • Friedrich Gutmann, Berlin (Sequenz 34)
  • Pavel Haas, Komponist aus Brno (Sequenz 34)
  • Frau von Hennicke
  • Karl Löwenstein, Bankier (Sequenz 34)
  • Leo Löwenstein, deutscher Physiker und Chemiker aus Aachen (Sequenz 34)
  • Franz Kahn, Zionist (Sequenz 34)
  • Ernst Kantorowicz, Professor aus Frankfurt (Sequenz 32)
  • Heinrich Klang, österreichischer Professor der Rechtswissenschaftler (Sequenz 33)
  • Alfred Klein, Professor aus Jena (Sequenz 33)
  • Philipp Kozower von der jüdischen Kulturgemeinde aus Berlin sowie seine Frau
  • Hans Krasa, Komponist aus Prag (Sequenz 34)
  • Robert Mandler, Prager jüdische Kultusgemeinde (Sequenz 34)
  • Carl Meinhard, Schauspieler und Theaterdirektor (Sequenz 34)
  • Alfred Meissner, tschechoslowakischer Justizminister (Sequenz 6)
  • Léon Meyer (Sequenz 6)
  • Ove Meyer, Industrieller (Sequenz 34)
  • Julius Moritz, Berlin (Sequenz 34)
  • Leon Neuberger, österreichischer Oberst a. D.
  • Morits Oppenhejm und Melanie Oppenhejm, Industriellenehepaar aus Kopenhagen, Eltern von Ralph Oppenhejm (Sequenz 34)
  • Benjamin Murmelstein, Rabbiner aus Wien und Vorsitzender des Ältestenrats im KZ Theresienstadt (Sequenz 33)
  • Alfred Philippson, Geograph aus Bonn (Sequenz 33)
  • Dr. Ernst Rosenthal, Mitglied der jüdischen Kultusgemeinde aus Berlin (Sequenz 34)
  • Julie Salinger, Sängerin (Sequenz 8)
  • Rudolf Saudek, Professor und Bildhauer aus Leipzig (Sequenz 28, 34)
  • Clara Schultz (Sequenz 6)
  • Ida Franziska Schneidhuber, Witwe des Münchener SA-Obergruppenführers August Schneidhuber (Sequenz 33)
  • Coco Schumann, deutsche Jazzlegende
  • Emil Sommer, österreichischer General (Sequenz 6)
  • Erich Springer, Leiter der Chirurgie im Ghetto (Sequenz 34)
  • Otto Stargardt (Sequenz 33)
  • Artur Stein, Professor aus Prag (Sequenz 33)
  • Hermann Strauss, Professor (Sequenz 33)
  • Leo Taussig, Prager Psychologe und Neurologe (Sequenz 33)
  • Emil Utitz, Philosoph, Psychologe und Kunsttheoretiker aus Wien (Sequenz 33)

Erhaltungszustand[Bearbeiten]

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs verschwand die 38 Sequenzen umfassende Endfassung des Films. Er ist heute nur fragmentarisch erhalten; es liegen nur eine Reihe von zum Teil auch unvollständigen Sequenzen vor. Eine kanadische Fassung enthält 23 Minuten der ursprünglich etwa 90 Minuten:[6]

Übersicht über die erhaltenen Sequenzen und Fragmente

Sequenz 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19
Quellen B , Y B , Y B* B* B* B , Y B , Y B* B* B, Y B', Y' B* B, Y B, Y B, Y
Sequenz 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38
Quellen B* B* B* B* B, F, N B, F, N B, F, N B, F, N B, F, N B, F, N B, F, N B, F, N B, F, N B, F, N B, F, N B, F, N
B: Bundesarchiv - Filmarchiv, Berlin; F: Filmmuseum München; N: Narodny filmový archív, Prag; Y: Yad Vashem, Jerusalem
* Einzelbilder (Auslassung, wenn komplette Sequenz am gleichen Ort vorhanden ist); x' Anfang

„Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“[Bearbeiten]

Der Film ist auch unter dem Titel „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ bekannt geworden. Dieser vielfach kolportierte Titel ist aber weder in den Aufzeichnungen Kurt Gerrons noch im Film selbst zu finden. Er tauchte zuerst in Erinnerungsberichten von beteiligten Ghettoinsassen auf, auch in der Variante „Adolf Hitler schenkt den Juden eine Stadt“.[7] Der scheinbare Zynismus dieses Filmtitels stellt sich in diesem Licht als sarkastischer Witz der zur Filmproduktion Gezwungenen dar. So sieht es auch der Gitarrist und Schlagzeuger Coco Schumann, damals Lagerinsasse und Musiker der Jazzband Ghetto Swingers.[8]

Siehe auch[Bearbeiten]

  • Fritz Hippler: Der ewige Jude, 1940, ein nationalsozialistischer Propagandafilm, im Stil eines Dokumentarfilms. Er kam in die Kinos.
  • Das Filmmaterial zu Geheimsache Ghettofilm wurde im Jahre 1942 zwei Monate vor Beginn der Deportation aus dem Jüdischen Wohnbezirk Warschau (NS-Diktion) von einer deutschen Propagandakompanie gedreht. Der Originalfilm wurde nie fertiggestellt. Aus dem in Archiven erhaltenen Filmmaterial gestaltete Hersonski im Jahre 2009 einen Film, in welchem den Propagandaaussagen des unvertonten Filmmaterials aus dem Jahre 1942 Augenzeugenberichte, Tagebuchaufzeichnungen und anderen Protokollen gegenübergestellt werden.[9]
  • Nationalsozialistische Filmpolitik

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. www.ghetto-theresienstadt.de
  2. Erwin Leiser: „Deutschland, erwache!“ Propaganda im Film des Dritten Reiches. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1968, S. 76f.
  3. Karel Margry: - Das Konzentrationslager als Idylle: "Theresienstadt" - ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet Cinematographie des Holocaust, Projekt des Fritz Bauer Instituts, Frankfurt am Main
  4. Zitiert bei Erwin Leiser: „Deutschland, erwache!“ Propaganda im Film des Dritten Reiches. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1968, S. 77.
  5. Karel Margry: - Das Konzentrationslager als Idylle: "Theresienstadt" - ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet Cinematographie des Holocaust, Projekt des Fritz Bauer Instituts, Frankfurt am Main
  6. Theresienstadt ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet auf www.cine-holocaust.de
  7. Vgl. die Erinnerungen von Käthe Starke-Goldschmidt, Der Führer schenkt den Juden eine Stadt, Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1975.
  8. Coco Schumann: Der Ghetto-Swinger, mit Max Christian Graeff und Michaela Haas, München 1997, ISBN 3-423-24107-1
  9. Geheimsache Ghettofilm. Das Warschauer Ghetto und die Propaganda der Nazis auf http://www.3sat.de