Thomanerchor
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| Thomanerchor | |
|---|---|
| http://www.thomanerchor.de | |
| Sitz: | Leipzig / Deutschland |
| Träger: | Thomaskirche (Leipzig) |
| Gründung: | 1212 |
| Gattung: | Knabenchor |
| Leiter/-in: | Georg Christoph Biller |
| Stimmen: | 92 (SATB) |
Der Thomanerchor ist ein Knabenchor in Leipzig. Er besteht aus etwa 100 Jungen im Alter von 9 bis 18 Jahren. Die Thomaner wohnen im Internat, dem Thomasalumnat, und besuchen die Thomasschule, ein Gymnasium mit sprachlichem Profil und vertieft musischer Ausbildung.
Inhaltsverzeichnis |
[Bearbeiten] Beschreibung
Traditionell stehen im Zentrum der Arbeit des Chores die Vokalwerke von Johann Sebastian Bach; das Repertoire berührt jedoch die geistliche und weltliche Literatur praktisch aller Epochen von der Renaissance bis zur Moderne. Der Leiter des Thomanerchores Georg Christoph Biller ist der 16. Thomaskantor nach Johann Sebastian Bach.
Im Neueren entsteht als Begegnungsstätte im Leipziger Bachviertel das Forum Thomanum. Mit inbegriffen in das Forum sind die Lutherkirche, Thomasschule, Internat, Grundschule, Jugendherberge, Kindergarten, Verwaltungsgebäude, Probengebäude und eine unterirdische Turnhalle. Doch nicht alle Stimmen sind für das Forum. Denn, wie in der Konzeption zum Forum Thomanum steht, soll es zu tiefgreifenden Veränderungen im Erziehungssystem im Chor kommen.
Die 93 Mitglieder des Thomanerchores wohnen im Alumnat (wohl wegen seiner klassizistisch kantigen Architektur „Kasten“ genannt) in der Leipziger Hillerstraße. Die Thomaner sind nicht klassenweise untergebracht, sondern gemischt in den so genannten Stuben. Eine solche Stube stellt nicht nur eine Räumlichkeit, sondern vielmehr eine administrative Einheit mit geschlossener Hierarchie und klarer Aufgabenverteilung dar. Dabei lebt immer ein Älterer mit mehreren Kleineren zusammen in einem Raum. Somit wird zu diesem Älteren ein hierarchisch und erzieherisch angelegtes Vertrauensverhältnis angestrebt. Die Erziehung im Thomanerchor erfolgt somit vorrangig durch die älteren Mitglieder und weniger durch die dortigen Erzieher (Diensthabende Inspektoren). So ist es möglich, dass über 90 Jugendliche unter einem Dach wohnen und nur von jeweils einem der insgesamt fünf Erzieher beaufsichtigt werden. Die Stuben werden jährlich neu verteilt, um die altersmäßige Struktur der Stuben zu erhalten, aber auch sozial Einfluss nehmen zu können.
In den Stuben selbst befinden sich nur die Köten (ein abschließbarer Schrank mit Safe und Oberköte (nicht abschließbarer Bereich oberhalb der eigentlichen Köte)) und ein Tisch für jeden. Natürlich gibt es in den Stuben noch andere Möbelstücke und Ausrüstungsstücke, so z.B. Ranzenschränke, Bücher- und Zeitungsregale, Radios, Pflanzen und Stühle. Fernseher oder Computer gibt es jedoch nicht in den einzelnen Stuben. Die Betten sind eine Etage über dem „Wohnungstrakt“ in den Schlafsälen angesiedelt. Ein Schlafsaal bietet 4 bis 10 Jugendlichen einen Schlafplatz.
Das Internat ist weiterhin mit einer Turnhalle, einem Probensaal und einem Speisesaal (alle Thomaner, oder Thomasser, wie sie sich selbst nennen, essen zu den drei Hauptmalzeiten zusammen) ausgestattet. Zudem gibt es eine Nähstube für die Konzertanzüge, ein Archiv, einen „Mitarbeitertrakt“, Proberäume, einen Bandraum, ein Modelleisenbahnzimmer, einen Fitnessraum, einen Aufenthaltsraum für die Obernschaftler, ein Zimmer für die „Schülerzeitung“ des Thomanerchors (das Kastenjournal), eine Sauna, eine Bibliothek mit Computerstationen inklusive Internetzugang, eine Krankenstube mit 4 isolierten Betten, einen Fernsehraum und noch andere alltäglich benötigte Räume: ein Waschsaal, Toiletten sowie 2 Duschräume.
Für weitere Informationen kann man die Tage der offenen Tür besuchen oder bei den Motetten einen Thomasser selbst fragen.
Der Thomanerchor ist neben seiner regen Konzerttätigkeit in ganz Deutschland (mindestens 2 große Deutschlandreisen im Jahr) und seinen Auslandsreisen noch 3 mal in der Woche in der Thomaskirche verpflichtet. Immer Freitags 18 Uhr und Samstags 15 Uhr musiziert der Thomanerchor in den Motetten in der Thomaskirche. Sonntags singt er um 9:30 im Gottesdienst. In den Ferien haben die Thomaner frei. Zu den Hochfesten der protestantischen Kirche singt der Thomanerchor auch. Der Eintritt für eine Motette kostet zwei Euro.
[Bearbeiten] Geschichte
Der Markgraf von Meißen veranlasste im Jahr 1212 die Gründung des Augustiner-Chorherrenstiftes zu St. Thomas. Zum Stift gehörte eine Klosterschule, die geistlichen Nachwuchs heranbilden sollte, bald aber auch Knaben zugänglich wurde, die nicht im Stift wohnten. Seit der Einführung der Reformation 1539 in Leipzig wird der Chor von der Stadt Leipzig getragen. Er ist damit die älteste kulturelle Einrichtung der Stadt. Der Thomanerchor bestand zu Lebzeiten Johann Sebastian Bachs aus rund 16 singfähigen Thomassern. Nach dem Tod dieses berühmtesten Thomaskantors folgten im Kantorat bedeutende Persönlichkeiten wie Doles, Hiller und Moritz Hauptmann.
Gegen Ende des 19. Jh. wurde die Thomasschule neben der Thomaskirche abgerissen und der Thomanerchor zog in die Hillerstraße im heutigen Leipziger „Musikviertel“ um.In der Zeit des Nationalsozialismus wurde der Thomanerchor 1937 in die HJ eingegliedert. Es gelang den damaligen Kantoren Karl Straube und Günther Ramin jedoch, nationalsozialistisches Gedankengut so weit wie möglich fernzuhalten, und zwar gerade aus dem Repertoire des Chores indem sich vor allem Ramin schon früh nach seinem Amtsantritt auf das geistliche Programm des Chors spezialisierte. Der 1941 unternommene Versuch, den Thomanerchor im Musischen Gymnasium Leipzig aufgehen zu lassen, scheiterte aus unterschiedlichen Gründen. Gegen Ende des Krieges versuchte Ramin, die zwangsweise Einziehung zur Wehrmacht für die Thomaner so lange wie möglich hinauszuzögern, mit der Begründung, sonst bliebe die Singfähigkeit nicht erhalten. Seit den 1920er Jahren unternahm der Thomanerchor außerdem sehr erfolgreiche Reisen ins Ausland, die teilweise auch von Straube initiiert wurden, anfänglich jedoch nur durch Europa führten. Zu den Leistungen dieser beiden Kantoren zählt jedoch nicht nur die Verteidigung des Chores gegen das nationalsozialistische Gedankengut, sondern auch die starke Neuaufbereitung der Bachpflege, die durch Straube begonnen und von Ramin, der sein Schüler war, weitergeführt wurde. In den Zeiten der DDR wurden einige sehr bedeutende Schallplattenaufnahmen getätigt, herausragend v.a. die Aufnahmen der Bachschen Kantaten unter Hans-Joachim Rotzsch in den 70er Jahren. Rotzsch trat 1991 zurück,um seiner Entlassung zuvorzukommen, nachdem seine seit den 1970er Jahren erwiesene IM-Tätigkeit für die Staatssicherheit bekannt wurde. Seit 1992 leitet Georg Christoph Biller den Chor, als 16. Thomaskantor nach Bach. Mit dem „Forum Thomanum“ möchte er langfristig die Zukunft und Qualität des Chores sichern, und gleichzeitig die Thomasschule Leipzig als international führende Schule mit Schwerpunkt Musik etablieren.
[Bearbeiten] Bekannte ehemalige Thomaner
- Carl Philipp Emanuel Bach
- Günther Ramin
- Jörg-Peter Weigle
- Die Prinzen
- Hans-Jürgen Beyer
- Georg Christoph Biller
- Jürgen Golle
- Reiner Süß
- Erhard Mauersberger
- Martin Christian Vogel
- Ensemble amarcord
- Stephan Genz
- Hanns-Martin Schneidt
- Martin Petzoldt
- Matthias Weichert
[Bearbeiten] Siehe auch
[Bearbeiten] Filmographie
- Das fliegende Klassenzimmer. 2003.
- Paul Gerhardt - der Film. Mit dem Thomanerchor Leipzig. Hansisches Druck- und Verlagshaus, Frankfurt am Main 2007. ISBN 3-938704-45-4
[Bearbeiten] Literatur
- Horst List: Aus der Geschichte des Thomanerchores. Thomanerchor, Leipzig 1953.
- Lenka von Koerber: Wir singen Bach. Der Thomanerchor und seine Kantoren. Urania-Verlag, Berlin 1954.
- Horst List: Auf Konzertreise. Ein Buch von den Reisen des Leipziger Thomanerchores. Reich, Hamburg-Bergstedt 1957.
- Richard Petzoldt: Der Leipziger Thomanerchor. Edition Leipzig, Leipzig 1962.
- Bernhard Knick: St. Thomas zu Leipzig. Schule und Chor. Stätte des Wirkens von Johann Sebastian Bach. Bilder und Dokumente zur Geschichte der Thomasschule und des Thomanerchores mit ihren zeitgeschichtlichen Beziehungen. Mit einer Einführung von Manfred Mezger. Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 1963.
- Hans-Jochim Rothe: Thomanerchor zu Leipzig, Deutsche Demokratische Republik. Thomanerchor, Leipzig 1968.
- Horst List: Der Thomanerchor zu Leipzig. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1975.
- Armin Schneiderheinze: Der Thomanerchor zu Leipzig. Thomanerchor, Leipzig 1982.
- Wolfgang Hanke: Die Thomaner. Union-Verlag, Berlin 1985.
- Stefan Altner, Roland Weise: Thomanerchor Leipzig. Almanach 1. 1996. ISBN 3-98-043131-2
- Gunter Hempel: Episoden um die Thomaskirche und die Thomaner. Tauchaer Verlag, Taucha 1997. ISBN 3-910074-67-7
- Michael Fuchs: Methoden der Frühdiagnostik des Eintrittszeitpunktes der Mutation bei Knabenstimmen. Untersuchungen bei Sängern des Thomanerchores Leipzig. 1997
- Stefan Altner: Thomanerchor und Thomaskirche. Historisches und Gegenwärtiges in Bildern. Tauchaer Verlag, Taucha 1998. ISBN 3-910074-84-7
- Georg Christoph Biller, Stefan Altner: Thomaneralmanach 4. Beiträge zur Geschichte und Gegenwart des Thomanerchors. Passage-Verlag, Leipzig 2000. ISBN 3-932900-33-2
- Gert Mothes, Siegfried Stadler: Die Thomaner. Passage-Verlag, Leipzig 2004. ISBN 3-932900-91-X
- Stefan Altner: Das Thomaskantorat im 19. Jahrhundert. Bewerber und Kandidaten für das Leipziger Thomaskantorat in den Jahren 1842 bis 1918. Quellenstudien zur Entwicklung des Thomaskantorats und des Thomanerchors vom Wegfall der öffentlichen Singumgänge 1837 bis zur ersten Auslandsreise 1920. Passage-Verlag, Leipzig 2006. ISBN 3-938543-15-9
- Helga Mauersberger (Hrsg.): Dresdner Kreuzchor und Thomanerchor Leipzig. Zwei Kantoren und ihre Zeit. Rudolf und Erhard Mauersberger. Druck- und Verlagsgesellschaft Marienberg, Marienberg 2007. ISBN 978-3-931770-46-4
[Bearbeiten] Weblinks
Quellen
- Literatur von und über Thomanerchor im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Einträge zu Thomanerchor im Katalog des Deutschen Musikarchivs
- Informationen zu Thomanerchor im BAM-Portal

