Thomas Felder

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Thomas Felder 1981 (Auftritt bei einem überregionalen VCP-Lager nahe Koblenz)

Thomas Felder (* 19. März 1953 in Hundersingen bei Münsingen), Vater der Musikerin Johanna Zeul, ist ein deutscher Mundartdichter und Liedermacher, der vor allem für seine ausdrucksstarken, oft zeit- und gesellschaftskritischen Lieder in schwäbischem Dialekt bekannt geworden ist.

Darüber hinaus drückt er sich auch in weiteren künstlerisch-gestaltenden Metiers aus, und ist im linksalternativen Spektrum der Neuen sozialen Bewegungen politisch engagiert.

Seit Anfang der 1980er Jahre lebt Felder in Gönningen, einem am Fuß des Albtraufs gelegenen Stadtteil von Reutlingen.

Herkunft und Ausbildung[Bearbeiten]

Thomas Felder stammt aus einem evangelischen Pfarrhaus. Vom Kindesalter an wurde ihm der Umgang mit verschiedenen Musikinstrumenten vertraut gemacht. In einem kirchlichen Internat, das er von 1966 bis 1972 besuchte, wählte er als Schwerpunkt den musisch-kulturellen Bereich. In Stuttgart und London studierte er Anglistik und Bildende Kunst, und war danach einige Jahre Lehrer. Bis in die Gegenwart nutzt er seine didaktischen und pädagogischen Fähigkeiten bei verschiedenen auch auf internationaler Ebene durchgeführten künstlerischen Workshops und Seminaren.

Wirken als Liedermacher[Bearbeiten]

Seit Beginn der 1970er Jahre ist Thomas Felder als Liedermacher tätig, zunächst nebenberuflich mit Auftritten in Folk-Clubs, auf Kleinkunstbühnen und als Straßenmusikant, im Lauf der Zeit als hauptberuflich freischaffender Künstler. Um von der kommerziellen Musikindustrie unabhängig zu bleiben und dennoch sein wirtschaftliches Auskommen zu sichern, gründete er mit der „Kulturwerkstatt Musik&Wort“ ein eigenes Label.

Über seine Stimme hinaus ist Felder mit verschiedenen Musikinstrumenten vertraut: In erster Linie ist die akustische Gitarre sein meist verwendetes Begleitinstrument bei öffentlichen Auftritten mit Liedern und Programmen, die nahezu ausnahmslos von ihm selbst geschrieben und komponiert sind. Des Weiteren gehören Mundharmonika, Klavier, Drehleier, Monochord und andere zu den von ihm gespielten und eingesetzten musikalischen Mitteln.

Er wurde in Hessen, Bayern und Baden-Württemberg mit Kleinkunstpreisen ausgezeichnet und erhielt verschiedentlich den Preis der deutschen Schallplattenkritik.

Aufgrund eines Teils seines musikalischen Stils und seiner Inhalte wird Felder in einschlägigen Szenekreisen mitunter auch als „schwäbischer Bob Dylan“ betitelt.[1]

Im Januar 2010 feierte Felder zusammen mit Tochter Johanna Zeul und anderen Musikern wie z.B. dem Liedermacherkollegen Christof Stählin sein 40-jähriges Bühnenjubiläum mit einem von würdigenden Reden regionaler Prominenz aus Kultur und Verwaltung begleiteten Auftritt im ausverkauften Veranstaltungssaal des Reutlinger Spitalhofs.[2]

Rezension[Bearbeiten]

Zum Stil und dem musikalischen Repertoire Felders findet sich beispielsweise im Feuilleton-Archiv der Hohenloher Zeitung folgender Abschnitt:

Im Laufe von drei Jahrzehnten hat er einen unverwechselbaren Stil entwickelt, ist vom Liedermacher-Archetyp Dylanscher Prägung zum mundartistischen Poeten gereift, der mit einer breiten Palette stilistischer und emotionaler Ausdrucksmittel spielt. Künstlerisch eher Vorreiter als Rückspiegler, beeinflusst von Folk, Blues, Jazz und Kirchenchorälen sorgt Felder auf sieben Instrumenten für musikalische Vielfalt. Neben Gitarre, Mundharmonika, Klavier und Trommel entlockt er dem 38-saitigen Monochord schwebende Sphärenklänge, fetzt rasende Läufe aus der Drehleier, lässt sie jubeln und stöhnen, röhrt in seine Posaune und lässt beide zusammen klingen wie eine Heerschar von Walen. Wortwerker Felder stößt Fenster in neue Sprachlandschaften auf, eröffnet ungewohnte Sichtweisen und Hörwelten. Aus scheinbar Sinnlosem rinnen Sinnsale, aus Stillstand wird Bewegung[3]

Politisches Engagement[Bearbeiten]

Mahnmal-Installation von Thomas Felder auf dem Jüdischen Friedhof Buttenhausen zum Gedenken an die aus diesem Ort während des Holocaust in den Vernichtungslagern der NS-Diktatur ermordeten Juden (errichtet: Dezember 2000; Fotografie von Oktober 2012)[4]

Neben seiner Tätigkeit als Künstler engagiert sich Felder auch politisch zum Beispiel in der Friedensbewegung, der Aufarbeitung des Holocaust, insbesondere in seiner schwäbischen Heimat, und im weiteren Kontext des jüdisch-christlichen Dialogs.

Als Mitglied einer Gönninger Bezugsgruppe beteiligte er sich im August 1982 an der für die damalige westdeutsche Friedensbewegung impulsgebenden einwöchigen Sitzblockade des Atomwaffenlagers Golf bei Großengstingen. In diesem Zusammenhang geriet Felder zusätzlich in die Schlagzeilen der Regionalpresse, als er beim mehr als ein Jahr später erfolgenden Nötigungsprozess gegen ihn und andere Blockierer vor dem Münsinger Amtsgericht – an Stelle einer Aussage zum Nötigungsvorwurf – den Wortlaut des Strafbefehls[5] im Sinne einer Persiflilierung des Verfahrens vorsang. Während Felders Vortrag verließen der Richter und die Beisitzer den Sitzungssaal mit den Worten „Gerichtssprache ist deutsch, und nicht gesungen“.

Thomas Felder wurde wie die etwa 300 weiteren angeklagten Blockadeteilnehmer vor und nach ihm zu einer Geldstrafe verurteilt. Die Urteile wurden 1995 nach mehreren Verfassungsbeschwerden aufgehoben, nachdem das Bundesverfassungsgericht die weite Auslegung ("Überdehnung") des Gewaltbegriffs im Nötigungsparagraphen 240 StGB für Sitzblockaden – in der Art wie vor dem Atomwaffenlager Golf durchgeführt – als im Widerspruch zum Bestimmtheitsgrundsatz des Grundgesetzes stehend, und die Verurteilungen damit als verfassungswidrig gewertet hatte.[6]

1997 kandidierte Felder als Parteiunabhängiger für das Bürgermeisteramt in Münsingen, unterlag jedoch bei der Wahl seinem Konkurrenten Mike Münzing von der SPD.

In jüngerer Zeit (2010/11) gehört er zu den prominenten Unterstützern der Proteste gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21.[7]

Diskographie (chronologisch)[Bearbeiten]

  • 1977: Athomare Lieder
  • 1978: Bis jeder vom andern die Heiterkeit kennt
  • 1979: Lang braucht zom komma
  • 1981: Lieder aus Träumen, Haß und Liebe
  • 1983: Land vol Läaba
  • 1984: Nie wieder Frieden kriegen
  • 1986: Ein Lääberkääs im Fahrstuhl
  • 1991: Sinnflut
  • 1995: Vesperplatte
  • 1998: Bewegnung
  • 1999: Sieben Sachen
  • 2000: Buttenhausen, mein kleines Jerusalem
  • 2003: Flitterlampio
  • 2006: Frühlingsblütenglühn
  • 2010: 40 liederliche Jahre
  • 2013: von wegen

Einzelnachweise/Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Pressemitteilung von Gegnern des Bahnprojekts Stuttgart 21 zu einem Auftritt Felders (als Beispiel)
  2. Thomas Felder feierte „40 liederliche Jahre“ Artikel des Schwäbischen Tagblatts vom 17. Januar 2010 zum Auftritt Felders mit Tochter Johanna Zeul anlässlich seines 40-jährigen Bühnenjubiläums (integriert ein 3-Minuten-Filmbericht als „flash-Video“)
  3. dokumentiert auf gerdschinkel.de
  4. Zitatauszug von der Webpräsenz Thomas Felders (Biographie-Teil mit ausführlichem persönlichen Bericht Felders zur sich über mehr als drei Jahre hinziehenden konfliktbelasteten Entstehung des Mahnmals): „Am Sylvestermittag 2000 traf ich mit einer Gruppe von Helfern am Judenfriedhof in Buttenhausen zusammen. Wir nahmen die Pflöcke vom Wegrand, pflanzten Narzissenzwiebeln in die Löcher und trugen die Hölzer ins Friedhofsgelände. Unterhalb der letzten Gräber, in der Nähe des Westausgangs errichteten wir im Auftrag der israelitischen Religionsgemeinschaft Baden-Württemberg ein neues, provisorisches Denkmal. Die 109 Namen stehen jetzt in einem vierfachen Kreis mit dem Radius einer Pflocklänge (1m) dicht beieinander. Die Geometrie der Installation ist nach jüdischer Symbolik aufgebaut: Der äussere Kreis hat sechsunddreißig, der innere vierundzwanzig Namen. Sie stehen so zueinander, dass jeder sechste im Aussenkreis und jeder vierte im inneren die Spitzen, bzw. Tangentenmitten des Davidsterns markieren. Dieser bleibt freilich dem uneingeweihten Betrachter verborgen. Die beiden Zwischenkreise haben drei mal sieben und vier mal sieben, also zusammen sieben mal sieben Namen.“ (abgerufen am 10. Mai 2013)
  5. Beispiel eines von etwa 300 nahezu gleichlautenden – die Anklage enthaltenden – Strafbefehlen wegen der Teilnahme an der Blockade des Sondermunitionslagers Golf (digitalisiertes Dokument als PDF-Datei; 189 kB)
  6. Beschluss des Ersten Senats des Bundesverfassungsgerichts vom 10. Januar 1995
  7. alphabetische Unterstützerliste von namhaften Persönlichkeiten gegen Stuttgart 21, Initiative „Ja zum Kopfbahnhof“

Weblinks[Bearbeiten]