Thomas John Barnardo

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Thomas J. Barnardo um 1868

Thomas John Barnardo (* 4. Juli 1845 in Dublin; † 19. September 1905 in London), kurz Tom Barnardo, war ein Philanthrop und Gründer und Direktor von Heimen für arme Kinder. Von der Gründung des ersten Barnardo’s-Heims 1870 bis zu seinem Tod half er mit, annähernd 100.000 Kinder aus dem Elend zu retten, zu erziehen und ihnen zu einem besseren Leben zu verhelfen.

Leben und Werk[Bearbeiten]

Frühe Jahre[Bearbeiten]

Barnardo war das erste von fünf Kindern (eines starb bei der Geburt) des Kürschners John Michaelis Barnardo und dessen zweiter Frau Abigail,[1] einer Engländerin, die Mitglied der Plymouth Brethren war. John Michaelis Barnardo emigrierte in den frühen 1840er-Jahren von Hamburg nach Dublin, wo er ein Geschäft eröffnete; er heiratete zweimal und wurde Vater von sieben Kindern. Die Herkunft der Familie Barnardo ist unklar; die Familie „konnte ihre Wurzeln nach Venedig zurückverfolgen, später, im 16. Jahrhundert, folgte die Konversion zur Lutherischen Kirche“, während andere von deutsch-jüdischen Wurzeln berichteten.[2]

Dr. Barnardos Heime[Bearbeiten]

Anthony Ashley-Cooper, 7. Earl of Shaftesbury
Hugh Cairns, 1. Earl Cairns

Mit der Absicht, sich für eine medizinische Missionarstätigkeit in China zu qualifizieren, studierte Barnardo Medizin am Londoner Krankenhaus, später in Paris und Edinburgh, wo er Mitglied der königlichen Gesellschaft der Chirurgen wurde.

Durch die evangelistische Arbeit, der er sich neben seinen medizinischen Studien in London widmete, wurde er auf die große Zahl wohnungsloser und notleidender Kinder aufmerksam, die sich in den Städten Englands herumtrieben. Ermutigt durch die Unterstützung von Anthony Ashley-Cooper, 7. Earl of Shaftesbury, und Hugh Cairns, 1. Earl Cairns, gab er seine ursprüngliche Absicht, als Missionar nach China zu gehen, auf und begann das, was später sein Lebenswerk darstellen sollte. Das erste der „Dr Barnardo’s Homes“ wurde 1870 in 18 Stepney Causeway, London eröffnet. Von da an stieg das Arbeitspensum seiner humanitären Unternehmungen stetig an; bis zu seinem Tod 1905 hatte er 112 Bezirksheime, daneben auch Missionszweigstellen, im gesamten Vereinigten Königreich errichtet.

Die Aufgabe dieser Institutionen bestand darin, Heimatlose und Streuner zu suchen und aufzunehmen und ihnen Nahrung, Kleidung und Erziehung zu geben. Das System, nach dem die Institution arbeitete, kann grob wie folgt beschrieben werden: Die Kleinkinder und jüngeren Mädchen und Jungen wurden im Wesentlichen in ländliche Gebiete „ausgesiedelt“; Mädchen über 14 Jahren wurden in gewerbliche Ausbildungsheime geschickt, um sinnvolle heimische Tätigkeiten zu lernen; Jungen über 17 Jahren wurden zunächst in Arbeitsheimen erprobt und dann in Heimarbeit beschäftigt, zur See geschickt oder sie wanderten aus; Jungen zwischen 13 und 17 Jahren wurden für verschiedene Gewerbe ausgebildet, für die sie geistig oder körperlich geeignet erschienen. Neben den für diese Aufgaben notwendigen Zweigstellen gab es u.a. auch ein Rettungsheim für Mädchen in ernster Gefahr, ein Genesungsheim an der See und ein Krankenhaus für Schwerkranke.

Barnardo und seine Frau Syrie erhielten als Hochzeitsgeschenk ein Haus in Barkingside. Dort schuf er einen 24 Hektar großen ländlichen Rückzugsbereich als Lebensmöglichkeit für verarmte Kinder, die in einer dörflichen Umgebung aufgewachsen waren.[3] Am 9. Juli 1876 wurde das dörfliche Mädchenheim mit 12 Landhäusern von Lord Cairns offiziell eröffnet. Im selben Jahr wurde eine moderne Dampfwäscherei eröffnet. Bis 1906 wuchs die Zahl der Landhäuser auf 66, die 1300 Mädchen ein Heim boten. Die Landhäuser waren auf drei Dorfanger nahe Mossford Lodge bei Barkingside, Ilford, Essex, das 1873 eröffnet wurde, verteilt. 1894 wurde eine multikonfessionelle Kinderkirche eingerichtet und aus dem dörflichen Mädchenheim war eine wirkliche „Gartenstadt“ geworden.

1899 wurden die verschiedenen Institutionen und Organisationen unter dem Namen The National Association for the Reclamation of Destitute Waif Children zusammengefasst, aber die Einrichtung war stets unter ihrem landläufigen Namen „Dr. Barnardo’s Homes“ bekannt. Barnardo legte großen Wert auf die religiöse Erziehung der Kinder unter seiner Obhut. (Heute wird dabei jedes Kind in der Konfession seiner Eltern erzogen. Für die religiöse Erziehung sind die Heime in zwei Abteilungen aufgeteilt, nämlich für die Kirche von England und für die Nonkonformisten; Kinder mit jüdischer oder römisch-katholischer Elternschaft werden heute, soweit möglich, der Obhut des Jewish Board of Guardians in London bzw. römisch-katholischen Institutionen übergeben.)

1877 war Barnardo Hausarzt am Smedley-Hydro-Hotel in Southport. Er eröffnete außerdem eine Kinderschule in Birkdale, während er in Southport lebte.[4]

Ab November 1889 war Barnardo Mitglied der Freimaurerloge Shadwell Clerke Lodge No. 1910[5] und außerdem Mitglied des Orange Order in Dublin.[6]

Ehe und Familie[Bearbeiten]

Im Juni 1873 heiratete Barnardo Sarah Louise Elmslie (1842–1944), bekannt unter dem Namen Syrie, die Tochter von William Elmslie, einem Versicherungsagenten für Lloyd’s of London, der sich auch karitativ betätigte. Syrie teilte das Interesse ihres Mannes an evangelistischer und sozialer Arbeit. Das Paar ließ sich bei Mossford Lodge, Essex, nieder, wo sie sieben Kinder bekamen; drei davon starben früh.

Das Familienleben mit seinem einerseits sehr religiösen und philanthropischen, andererseits wohlhabenden Hintergrund wies einige Besonderheiten auf. So lasen sie gemeinsam die Bibel, und es war den Kindern u.a. verboten, ins Theater zu gehen.

William Somerset Maugham 1934
Fotograf: Carl van Vechten

Ihr drittes Kind, die älteste Tochter Gwendolyn Maud Syrie (1879–1955), ebenso wie ihre Mutter unter dem Namen Syrie bekannt, entzog sich 1901 ihrer religiösen Familie und heiratete den wohlhabenden Geschäftsmann Henry Wellcome, später den Autor William Somerset Maugham, und wurde eine prominente Londoner Innenausstatterin der 1920er and 1930er Jahre.[7][8]

Ein anderes Kind, Marjorie, war anscheinend geistig behindert; möglicherweise handelte es sich bei der Behinderung um das Down-Syndrom.[9]

Tod[Bearbeiten]

Barnardo starb im Alter von 60 Jahren an Angina pectoris[10] und wurde vor dem Cairns House, Barkingside, in Ost-London beigesetzt. Das Haus ist heute das Hauptquartier der Kinderfürsorge, die er gegründet hat, Barnardo’s.[3]

Nach Barnardos Tod wurde eine nationale Gedenkstiftung im Wert von £250.000 eingerichtet, um die verschiedenen Einrichtungen liquide zu halten und das Gesamtwerk auf eine dauerhafte Basis stellen zu können. William Baker, der frühere Vorsitzende des Rates, wurde als Ehrenvorsitzender zum Nachfolger des Heimgründers gewählt. Barnardo war Autor von 192 Büchern, die sich mit der karitativen Arbeit befassten, der er sein Leben gewidmet hatte.

Von der Gründung der Heime 1870 bis zu Barnardos Tod wurden annähernd 60.000 Kinder aus schweren Verhältnissen gerettet, ausgebildet und danach entlassen. Zum Zeitpunkt seines Todes sorgte Barnardos Hilfsorganisation für über 8.500 Kinder in 96 Heimen.[11]

Gedenktag[Bearbeiten]

19. September im Evangelischen Namenkalender.

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Oxford Dictionary of National Biography http://www.oxforddnb.com/view/article/30600
  2. Samuel J. Rogal: Barnardo, John Michaelis. In: A William Somerset Maugham encyclopedia. Greenwood Publishing Group, 1997, ISBN 978-0-313-29916-2 (Zugriff am 23. Oktober 2011).
  3. a b Sara Wrightman: The birthplace of Barnardo’s. In: Essex Life, Archant, June 2008, S. 88–89. Abgerufen am 3. Februar 2009. 
  4. Danielle Manning: Heritage Open Days offer an insight into the history of Smedley Hydro. In: Southport Visiter, 8. Oktober 2010. Abgerufen am 24. Oktober 2011. 
  5. Yasha Beresiner: Thomas Barnardo - The "Doctor" and Freemason
  6. F.A.Q.’s. Dublin and Wicklow Loyal Orange Lodge 1313. 2010. Archiviert vom Original am 5. September 2010. Abgerufen am 26. Oktober 2011.
  7. Samuel J. Rogal: Maugham, Gwendolyn Maude Syrie Barnardo. In: A William Somerset Maugham encyclopedia. Greenwood Publishing Group, 1997, ISBN 978-0-313-29916-2, S. 160–163 (Zugriff am 23. Oktober 2011).
  8. Philip Hoare: "Syrie Maugham" auf oxforddnb.com (Zugriff am 16. September 2013)
  9. Samuel J. Rogal: Barnardo, Sara Louise (Syrie) Elmslie. In: A William Somerset Maugham encyclopedia. Greenwood Publishing Group, 1997, ISBN 978-0-313-29916-2 (Zugriff am 23. Oktober 2011).
  10. The Public Funeral. In: The Goldonian Web. Goldings The William Baker Memorial Technical School for Boys. 2003. Abgerufen am 26. Oktober 2011.
  11. The history of Barnardo’s. Barnardo’s. 2011. Abgerufen am 27. Oktober 2011.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]