Thomas Quasthoff

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Thomas Quasthoff (Anfang 2010)

Thomas Quasthoff (* 9. November 1959 in Hildesheim) ist ein deutscher Bassbariton und Professor für Gesang an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin.

Kindheit, Ausbildung[Bearbeiten]

Quasthoff wurde mit einer Conterganschädigung geboren. Er ist 1,34 m groß.[1] In dem 2004/2005 entstandenen Dokumentarfilm The Dreamer beschreibt Quasthoff, wie er seine Kindheit unter schikanösen Umständen in einem lagerähnlichen Wohnstift für Schwerstbehinderte verbringen musste und wie er mit Hilfe seiner Eltern und seines zwei Jahre älteren Bruders Michael dieser Isolation entkam, indem diese ihn von keiner Tätigkeit ausschlossen und ihn auf selbstverständliche Weise am alltäglichen Leben teilhaben ließen.[2] Der Vater erkannte früh das musikalische Talent seines Sohnes und versuchte trotz vieler Widerstände beharrlich, Gesangsunterricht für ihn zu ermöglichen. Die Musikhochschule in Hannover lehnte ihn ab, weil er aufgrund seiner Behinderung kein zweites Instrument spielen konnte. 1972 sang er als 13-Jähriger auf Betreiben seines Vaters dem damaligen Leiter der Abteilung „Kammermusik und Lied“ des NDR Landesfunkhauses Niedersachsen in Hannover, Sebastian Peschko, vor. Quasthoff waren dazu fünf Minuten eingeräumt worden – es wurden 1½ Stunden daraus. Damit war der Weg zu einer Gesangsausbildung frei, und er nahm im selben Jahr ein Gesangsstudium bei Charlotte Lehmann in Hannover auf. Musiktheorie und Musikgeschichte lernte er bei deren Ehemann Ernst Huber-Contwig.

Nach dem Abitur studierte Quasthoff zunächst sechs Semester Jura, brach dann das Studium ab und war sechs Jahre lang im Marketingbereich bei der Kreissparkasse Hildesheim tätig. In diesem Zeitraum trat er sowohl als Jazzsänger als auch mit seinem Kabarettprogramm „Lichte Momente“ auf, in dem er unter anderem mit Stimmenimitationen von Politikern wie Willy Brandt, Helmut Kohl und Franz Josef Strauß brillierte. 1980 unterstützte er den hannoverschen Musiker und Komponisten Michael Rietzke mit seiner Band „The Locals“ und sang 2 Stücke auf dessen Debütalbum. Eine erste LP mit dem Titel „Vocal Spirit“ spielte Quasthoff 1986 bei Edition Collage ein, auf der Jazz- und Gospelklänge dominieren und Quasthoff seine stimmlichen Qualitäten erkennen lässt. Beim NDR Landesfunkhaus Hannover arbeitete er ab 1980 als Radiomoderator und Sprecher.

Karriere[Bearbeiten]

Seinen ersten großen Gesangsauftritt hatte Thomas Quasthoff am 26. Februar 1984. Manfred Ehrhorn, damals musikalischer Leiter des Studiochors Braunschweig und Professor an der Hochschule für Musik und Theater Hannover, ermutigte ihn zu diesem Auftritt als Bassist in Louis SpohrsDie letzten Dinge“ in der Braunschweiger St.-Johannis-Kirche, begleitet vom Studiochor Braunschweig sowie Mitgliedern der Bach-Kantorei Helmstedt und des Staatsorchesters Braunschweig. 1987 sang Quasthoff als Solist zusammen mit den Limburger Domsingknaben Mozarts Credo-Messe.

1988 gelang Quasthoff der internationale Durchbruch, als er in seinem Stimmfach Bariton beim Internationalen Musikwettbewerb der ARD gewann. 1994 kündigte er seine Stellung beim NDR und machte sich als freier Künstler selbstständig; nebenher erteilte er Gesangsunterricht. 1995 führte er zusammen mit dem Windsbacher Knabenchor erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg die komplette Matthäus-Passion in Israel auf. Im Jahr darauf erhielt er eine Professur für Gesang an der Hochschule für Musik Detmold, die er bis 2004 ausübte, danach wechselte er zur Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin.

1998 debütierte Thomas Quasthoff in der Carnegie Hall in New York/USA mit Mahlers Des Knaben Wunderhorn. Seitdem trat er in fast allen großen Konzerthäusern der Welt auf. Anfänglich spezialisierte er sich auf konzertante Auftritte und Kunstlieder; als herausragend gilt seine Interpretation des Liederzyklus Winterreise von Franz Schubert mit dem Pianisten Charles Spencer als Begleiter. Eine Aufnahme davon erschien 1998. Es folgte im Jahr 2005 Die schöne Müllerin mit Justus Zeyen als Begleiter am Piano. Zwischenzeitlich wirkte Quasthoff verstärkt in Opernaufführungen mit. 2003 debütierte er als Fernando im Fidelio von Ludwig van Beethoven während der Osterfestspiele Salzburg.[3] Aufsehen erregte er hier unter anderem mit der Partie des Amfortas im Parsifal von Richard Wagner in der Wiener Staatsoper.

2004 schrieb Quasthoff seine Autobiographie Die Stimme, 2006 legte er ein weiteres autobiographisches Werk, Der Bariton, als literarische Beigabe zur CD Betrachte, meine Seel vor. 2006 nahm er sein erstes Jazz-Album mit Till Brönner, Alan Broadbent, Peter Erskine, Dieter Ilg und Chuck Loeb auf, das 2007 veröffentlicht wurde (The Jazzalbum – Watch what happens). Im Oktober 2006 gab er den vollständigen Rückzug von der Opernbühne bekannt, um sich stärker seinen Konzerten und seiner Lehrtätigkeit widmen zu können. Seit 2010 engagiert er sich zudem als Botschafter für die Christoffel-Blindenmission. 2010 veröffentlichte er auch sein Album Tell It Like It Is, auf dem er sich zwischen den Bereichen Soul, Rhythm and Blues und Pop bewegt. Seine Begleiter sind u. a. Bruno Müller, Frank Chastenier, Dieter Ilg und Wolfgang Haffner. Im Oktober 2011 kündigte er an, sich nach einer Kehlkopfentzündung auf Anraten seiner Ärzte endgültig von der Jazzbühne zurückzuziehen und „in diesem Genre keine Konzerte mehr zu geben“.[4] Am 11. Januar 2012 wurde bekannt, dass er sich aus gesundheitlichen Gründen als Sänger endgültig von der Bühne zurückzieht.[5][6][7]

Ab November 2012 stand Quasthoff in Shakespeares Was ihr wollt als Feste, Olivias Narr, auf der Bühne des Berliner Ensembles. Hier zeigt er neben den Gesangskünsten auch sein schauspielerisches und humoristisches Talent. Im September 2013 fand die Uraufführung des Kabarettprogramms „Keine Kunst“ von und mit Quasthoff und Michael Frowin im Haus der Berliner Wühlmäuse statt.[8]

Ehrenamt[Bearbeiten]

Quasthoff ist seit 2003 Schirmherr der Stiftung Kinder von Tschernobyl des Landes Niedersachsen.

Privates[Bearbeiten]

Quasthoff lebt in Berlin-Moabit[9] und ist seit 2006 mit Claudia Quasthoff, TV-Journalistin beim MDR, verheiratet.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Diskografie (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Wolfgang Amadeus Mozart: Arien. Württembergisches Kammerorchester Heilbronn, Jörg Faerber, Sony BMG, September 1997 (Echo-Preis 1998)
  • Krzysztof Penderecki: Credo. Oregon Bach Festival Chor und Orchester, Helmuth Rilling. Hänssler, September 1998. (Grammy für die beste Chor-Darbietung des Jahres 2000 für Rilling)
  • Franz Schubert: Winterreise. Mit Charles Spencer. BMG, Oktober 1998.
  • Gustav Mahler: Des Knaben Wunderhorn. Anne Sofie von Otter, Berliner Philharmoniker, Claudio Abbado. Deutsche Grammophon, April 1999 (erster Grammy).
  • Brahms und Liszt: Lieder. Mit Justus Zeyen. Deutsche Grammophon, Februar 2000 (für den Grammy nominiert).
  • Schuberts Schwanengesang und Brahms’ Vier ernste Gesänge. Mit Justus Zeyen (Preis der deutschen Schallplattenkritik, 2001/3).
  • Schubert-Lieder. Mit Anne Sofie von Otter, Chamber Orchestra of Europe, Claudio Abbado. Deutsche Grammophon, April 2003 (zweiter Grammy).
  • Bach Cantatas: Soloaufnahme, mit den Berliner Barock Solisten, Mitglieder des RIAS-Kammerchores, Rainer Kussmaul. Deutsche Grammophon, 2004 (dritter Grammy).
  • Franz Schubert: Die schöne Müllerin. Mit Justus Zeyen. Deutsche Grammophon 2005.
  • Arnold Schönberg: Gurrelieder. Berliner Philharmoniker, Simon Rattle. EMI, April 2006.
  • Betrachte meine Seel. Staatskapelle Dresden, Sebastian Weigle. Deutsche Grammophon, 2006.
  • The Voice. Werke von Brahms, Liszt, Lortzing, Mendelssohn Bartholdy, Schubert, Weber, Heine, Rückert, Chezy. Deutsche Grammophon, Mai 2006.
  • Watch what happens. The Jazz Album. Jazz Standards, mit Till Brönner. Deutsche Grammophon, März 2007.
  • Joseph Haydn: Die Schöpfung. Annette Dasch, Christoph Strehl, Österreichisch-Ungarische Haydn-Philharmonie, Wiener Kammerchor, Adam Fischer. DVD, Medici Arts, Oktober 2009.
  • Tell it like it is. Soul, R’n’B und Pop Standards. Deutsche Grammophon, September 2010.

Zitate[Bearbeiten]

Ich wäre ein schlechter Lehrer, wenn ich für meine Schüler eine Oase der Glückseligkeit schaffe und sie nicht ahnen, was nach der Hochschule auf sie zukommt. So gesehen bin ich streng.

Thomas Quasthoff, 2005 [16]

Viele denken, ein Behinderter muss doch leiden, traurig und verzweifelt sein. Aber das bin ich gar nicht. Die Verzweiflungen habe ich hinter mir, ich bin sehr lebensbejahend. Und ich versuche es den Leuten leicht zu machen, mit mir umzugehen.

Thomas Quasthoff 2005 [16]

Ein Solist hat nur dann eine Chance, wenn er wirklich gut ist.

Thomas Quasthoff, 2005 [16]

In Deutschland leben 80 Millionen Behinderte. Ich habe den Vorteil, dass man es mir ansieht.

Thomas Quasthoff

Ich habe kein Problem damit, auch wenn man über mich Witze macht. Frage: Was ist ein Rollstuhlfahrer vor zehn Kannibalen? Antwort: Essen auf Rädern. – Ich hab gelernt, über mich zu lachen.

Thomas Quasthoff, 2007[17]

Ich kenne Studenten, die das besser können. Auch seine Ausstrahlung ist ausbaufähig. Man sieht ihm die Anstrengung richtig an. Die Kunst des großen Singens ist, dass man die Anstrengung eben nicht sieht. Potts ist sozusagen der Antipode zu dem, was ich meinen Studenten vermittle.

Thomas Quasthoff über Paul Potts, 2008[18]

Literatur[Bearbeiten]

  • Thomas Quasthoff: Die Stimme. Ullstein Verlag, Berlin 2004, 336 S., ISBN 3-550-07590-1, Autobiografie
  • Thomas Quasthoff: Der Bariton. Henschel Verlag, Berlin 2006. ISBN 3-89487-545-3

Filme[Bearbeiten]

  • Thomas Quasthoff: The Dreamer. Dokumentarfilm, Deutschland, 2004/2005, 90 Min., Regie: Michael Harder, Produktion: tryharder tvnetwork, Hamburg, Inhaltsangabe mit Trailer
  • Deutschland, deine Künstler Thomas Quasthoff. Dokumentarfilm, Deutschland, 2007/2008, 60 Min., Regie: Reinhold Jaretzky, Erstausstrahlung: ARD 10. Juli 2008, Produktion: Zauberberg Film dort kurze Inhaltsangabe

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Thomas Quasthoff – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Artikel

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Biografie in der IMDB
  2. Booklet der DVD Thomas Quasthoff: The Dreamer. Dokumentarfilm, Deutschland, 2004/2005, created by tgc Werbeagentur GmbH Hamburg, tryharder tvnetwork, Hamburg. S. 4. [1]
  3. Alain Pâris (Hrsg.): Dictionnaire des interprètes et de l’interprétation musicale depuis 1900, Robert Laffont, coll. « Bouquins », Paris, 2004
  4. Quasthoff verabschiedet sich vom Jazz, Der Kurier (Version vom 22. Oktober 2011 im Internet Archive)
  5. [2], Salzburger Nachrichten, 11. Januar 2012
  6. Bass-Bariton Quasthoff beendet Karriere [3] Tagesschau.de abgerufen am 11. Januar 2012
  7. Zeit online
  8. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatGilles Chevalier: Thomas Quasthoff & Michael Frowin: „Keine Kunst“. Liveundlustig, 17. September 2013, abgerufen am 22. August 2014.
  9. Interview mit Berliner Morgenpost 15. Mai 2006
  10. „Il Canto del Mondo“ ehrt Thomas Quasthoff“, Hamburger Abendblatt, 10. Mai 2006
  11. „Sänger Thomas Quasthoff erhält Karajan-Musikpreis 2009“, Kleine Zeitung, 20. März 2009
  12. Thomas Quasthoff bei royalphilharmonicsociety.org.uk (Englisch)
  13. Niedersachsen lobt, in: Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 11. März 2010, S. 8
  14. Personen und Positionen, in: rundblick/Nord-Report, Jahrgang 2010/Nr. 113, Hannover 15. Juni 2010, S. 3
  15. Pressemitteilung der Deutschen Phono-Akademie vom 14. April 2011
  16. a b c „Groß bin ich nicht unbedingt“, Die Welt, 17. Februar 2005
  17. „Ich habe gelernt, über mich zu lachen“, Die Welt, 1. Oktober 2007, Interview
  18. Christoph Cadenbach: „Klassik-Star Thomas Quasthoff: Paul Potts macht Popsülze“, Spiegel Online, 7. November 2008, Interview