Tibor Szamuely

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Tibor Szamuely [1]
Tibor Szamuely, links an der Seite von Béla Kun und Jenő Landler (1875–1928)[2] im Memento Park, Budapest

Tibor Szamuely, auch: Tibor Szamuelly[3] (* 27. Dezember 1890 in Nyíregyháza, Ungarn; † 2. August 1919 in Lichtenwörth, Österreich) war ein ungarischer Journalist und kommunistischer Politiker.

Leben[Bearbeiten]

Tibor Szamuely war das älteste von fünf Kindern einer jüdischen Familie. Nach seinem Universitätsabschluss in Geschichte wurde er Journalist. Er begann seine politische Laufbahn als Mitglied der Ungarischen Sozialdemokratischen Partei.

Tibor Szamuely war Soldat im Ersten Weltkrieg und wurde 1915 von Russen gefangen genommen. Nach der Oktoberrevolution 1917 wurde er freigelassen und wurde Kommunist. Zusammen mit Béla Kun (1886–1938) organisierte er unter den ungarischen Kriegsgefangenen eine kommunistische Gruppe. Viele von den ungarischen Kriegsgefangenen traten der Roten Armee bei und kämpften im Russischen Bürgerkrieg. Später ging Szamuely nach Deutschland und trat dem Spartakusbund bei.

Im März 1919 fand in Ungarn unter der Führung von Béla Kun eine kommunistische Revolution statt. Tibor Szamuely war einer der prominenten Führer der jungen Ungarischen Räterepublik. Er besetzte eine Anzahl von Posten und wurde letztlich Volkskommissar für militärische Angelegenheiten und Chef der Organisation „Roter Terror“ zur Niederschlagung sogenannter konterrevolutionärer Aktivitäten. Der Terror forderte Hunderte von Opfern, mehrheitlich Bauern und Geistliche.[4] Ende Mai 1919 flog Szamuely nach Moskau, um zusammen mit Lenin für die Weltrevolution zu agitieren.

Die Ungarische Räterepublik hatte nur 133 Tage Bestand: bis zum Sturz der kommunistische Regierung durch rumänischen Invasionstruppen. Szamuely schaffte es, dem „Weißen Terror“ zu entgehen, und floh mit dem Auto Richtung Österreich bis Sauerbrunn, von wo er, unterstützt von einem ortskundigen Schleuser, zu Fuß die Leitha erreichte, die im Flussbett verlaufende Grenze illegal überquerte und in der Folge von den österreichischen Behörden festgenommen und nach Lichtenwörth gebracht wurde. Noch vor der Leibesvisitation zog Tibor Szamuely einen Revolver[Anm. 1] und gab einen Schuß gegen seine Brust ab.[5][Anm. 2] Nach der am 3. August 1919 zur Bestattung des Leichnams erfolgten Überführung nach Sauerbrunn[6][Anm. 3] wurde am 14. des Monats gemeldet, die Leiche Szamuelys sei am 12. August auf Anordnung der ungarischen Regierung exhumiert, der Kopf des Verstorbenen im Hinblick auf eine forensische Untersuchung abgetrennt worden,[Anm. 4] dabei sei es auf Seiten der Sauerbrunner Bevölkerung zu tumultartigen Bekundungen gekommen, die sich gegen den Verbleib der Leiche Szamuelys auf dem Ortsfriedhof gerichtet hätten.[7] Fünf Tage später wurde berichtet, die Öffnung des Grabes von Szamuely sei erfolgt, eine Exhumierung jedoch unterblieben, da der zu gewinnende Schädel schon zu stark verwest gewesen wäre. In der Meldung wurde auch Bezug genommen auf das kursierende Gerücht, Szamuelys Leichnam wäre nach erfolgter Exhumierung nach Budapest überführt worden.[8] Ende der 1950er Jahre suchte in Österreich das ungarische Innenministerium verzweifelt (engl.: desperately) nach dem Leichnam von Szamuely. [9][Anm. 5] — Manche Quellen geben an, dass Tibor Szamuely von den österreichischen Grenzorganen bei der Anhaltung getötet worden sei.[7]

Am 29. August 1919 wurde in Balatonlelle Tibor Szamuelys Bruder, Zoltan, in Haft genommen[10] – der sich zwei Tage später, am 31. August, in der Gefängniszelle erhängte.[11]

Anfang September 1919 wurden in Budapest im Zuge der gegen den früheren Volksbeauftragten geführten Untersuchung in einer der zwei ausfindig gemachten Wohnungen enorme, von Tibor Szamuely gehortete und bei der Flucht zurückgelassene Vermögenswerte sichergestellt.[12]

József Lengyel (1896–1975), Mitkämpfer und Mitarbeiter am Blatt Vörös Újság[13], hat Szamuely 1929 in Visegrádi utca (deutsch: Visegrader Straße)[14], einem Dokumentarroman über die Räterepublik, ein Denkmal gesetzt[15]

Schriften[Bearbeiten]

  • Alarm. Ausgewählte Reden und Aufsätze. Dietz, Berlin sowie Corvina, Budapest 1959, OBV.
  • A nemzetiszocializmus. Gondolattár, Band 21. Gondolat, Budapest 1964, DNB.

Literatur[Bearbeiten]

  • Ladislaus Bizony: 133 Tage ungarischer Bolschewismus. Die Herrschaft Béla Kuns und Tibor Szamuellys, die blutigen Ereignisse in Ungarn. Authentische Darstellung über den Ausbruch und Sturz des Bolschewismus, die Gegenrevolution, Morde, Hinrichtungen und Gewalttaten der Lenin-Buben. Waldheim-Eberle, Leipzig/Wien 1920. – Volltext online.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Tibor Szamuely – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Tibor Szamuely, der Henker Ungarns, hat auf der Flucht Selbstmord begangen. In: Volksblatt für Stadt und Land. Illustrierte Wochen-Rundschau, Nr. 32/1919 (L. Jahrgang), 10. August 1919, S. 2. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/vbl.
  2. Jenő Landler. In: en.wikipedia.org. (englisch).
  3. Szamuely Tibor. In: hu.wikipedia.org.
  4. György Dalos: Ungarn in der Nußschale. Geschichte meines Landes. C. H. Beck, München 2004, ISBN 3-406-51032-9, S. 126. – Inhaltsverzeichnis (PDF; 0,11 MB).
  5. Der Selbstmord Tibor Szamuelys. In: Neue Freie Presse, Morgenblatt, Nr. 19734/1919, 3. August 1919, S. 5, rechts. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/nfp.
  6. Tibor Szamuelys Begräbnis. In: Reichspost, Montagsausgabe der „Wiener Stimmen“, Nr. 297 (176)/1919 (XXVI. Jahrgang), 4. August 1919, S. 2, unten rechts. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/rpt.
  7. a b Gerüchte über Szamuely. In: Neue Freie Presse, Morgenblatt, Nr. 19745/1919, 14. August 1919, S. 4, unten rechts. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/nfp sowie
    Exhumierung der Leiche Tibor Szamuelys. In: Die Neue Zeitung, Nr. 222/1919 (XII. Jahrgang), 14. August 1919, S. 2, Mitte unten. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/nzg.
  8. Kleine Chronik. (…) Tibor Szamuelys Leiche nicht exhumiert. In: Neue Freie Presse, Morgenblatt, Nr. 19750/1919, 19. August 1919, S. 8, oben rechts. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/nfp.
  9. István Rév: Retroactive justice. Prehistory of post-communism. (englisch). Stanford University Press, Stanford 2005, ISBN 0-8047-3644-8, S. 125. – Text online.
  10. Verhaftete Bolschewikenführer. In: Die Neue Zeitung, Nr. 238/1919 (XII. Jahrgang), 30. August 1919, S. 2, unten links. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/nzg.
  11. Selbstmord des Bruders Tibor Szamuelys. In: Die Neue Zeitung, Nr. 241/1919 (XII. Jahrgang), 2. September 1919, S. 3, unten links. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/nzg.
  12. Tagesneuigkeiten. (…) Millionenwerte in der Wohnung Szamuelys gefunden. In: Die Neue Zeitung, Nr. 247/1919 (XII. Jahrgang), 9. September 1919, S. 2, Mitte unten. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/nzg.
  13. ZDB-ID 1457902-9.
  14. József Lengyel: Visegráder Strasse. Mit einem Vorwort von Béla Kun. Dietz, Berlin 1959, DNB.
  15. Gedenktag der Woche. In: Burgenländische Freiheit. LIX. Jahrgang, Nr. 31/1989, S. 34. – Volltext online.

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. (…) Er zieht sein Taschentuch hervor, scheinbar, um den Schweiß vom Gesicht abzutrocknen. Im Taschentuch ist ein Revolver. Er drückt ihn ruhig, sicher gegen sich ab. Tibor Szamuely ist tot. (…) — Aus: Tibor Szamuely geht über die Grenze. Zum Gedenken an den 3. August 1919. In: Egon Erwin Kisch, Bodo Uhse (Hrsg.): Gesammelte Werke in Einzelausgaben. Band 8: Mein Leben für die Zeitung. Band 1: 1906–1925. 1. Auflage. Aufbau-Verlag, Berlin 1983, OBV, S. 474.
  2. (…) Nachdem die hiesige israelitische Kultusgemeinde, zu der Lichtenwörth gehört, wo sich Tibor Szamuley selbst gerichtet hat, sich ganz entschieden geweigert hat, dessen Leiche auf dem ihr gehörigen Friedhofe in Wiener-Neustadt beerdigen zu lassen, wurde diese nach Sauerbrunn zur Beerdigung überführt. — Siehe: Szamuely, an der Grenze verhaftet, verübt Selbstmord. In: Volksblatt für Stadt und Land. Illustrierte Wochen-Rundschau, Nr. 32/1919 (L. Jahrgang), 10. August 1919, S. 2, links Mitte. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/vbl.
  3. Ursprünglich bestand die Überlegung, Szamuely in Neudörfl (Lajtaszentmiklós) zu begraben, jedoch wurde dies von Gemeindevertretern abgelehnt. – Siehe: Der Selbstmord Tibor Szamuelys. In: Neue Freie Presse, Morgenblatt, Nr. 19736/1919, 5. August 1919, S. 6, unten links. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/nfp.
    Auch Mattersburg (damals: Mattersdorf; Nagymarton) wurde als beabsichtigter Bestattungsort genannt. – Siehe: Selbstmord Tibor Szamuelys. In: Arbeiter-Zeitung, Nr. 211/1919 (XXXI. Jahrgang), 3. August 1919, S. 3, oben Mitte. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/aze.
  4. Der auf Schusswunden zu untersuchende Schädel sollte in der Folge im (Wiener) Anthropologischen Museum aufbewahrt werden. – Siehe: Szamuely’s Body Exhumed. In: The New York Times, (englisch), 18. August 1919, Text online (PDF; 13 KB), abgerufen am 5. August 2012.
  5. Laut Bizony (133 Tage ungarischer Bolschewismus, S. 110 f.), der sich auf ihm von der Budapester Staatsanwaltschaft überlassene authentische Daten beruft, wurde, nach Protesten der Einwohner Sauerbrunns und umliegender Gemeinden, von der Grenzpolizei insgeheim im Laufe der Nacht Szamulelys Grab geöffnet, der Leichnam entnommen und zwischen Sauerbrunn (Savanyúkút) und Wiesen (Rétfalu), nächst der Eisenbahnstation, in ein unbekanntes Grab verlegt.