Tidschānīya

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Tidschani ist eine Weiterleitung auf diesen Artikel. Weitere Bedeutungen sind unter Tidschani (Begriffsklärung) aufgeführt.

Die Tidschānīya (arabisch ‏الطريقة التجانية‎, DMG aṭ-Ṭarīqa at-Tiǧānīya, Wolof Tiijaaniyaa, türkisch Ticaniye) ist ein Sufi-Orden (Tariqa), der in den 1780er Jahren von Ahmad at-Tidschānī gegründet wurde und heute vor allem in Westafrika und Nordostafrika verbreitet ist, aber auch Anhänger im Nahen Osten und in Indonesien hat.

Geschichte[Bearbeiten]

Gründung des Ordens durch Ahmad at-Tidschānī[Bearbeiten]

Der Name Tiǧānī ist von einem algerischen Berberstamm bei Tlemcen namens Tidschān / Tidschāna abgeleitet, dem Ahmad at-Tidschanis Mutter angehörte. Tidschani wurde 1737 in dem Ksar ʿAin Mādī nahe der südalgerischen Stadt Laghouat geboren. Nachdem er seinen Orden gegründet hatte, beanspruchte er mit dem Titel Scherif eine direkte Abstammung von Mohammed, die sich aber aus seiner Herkunft nicht ergibt. Eine für seine Gegner noch fragwürdigere Selbsteinschätzung war, dass er sich gleichzeitig auf die beiden höchsten Hierarchiestufen eines Sufis erhob: Qutb („Pol, Achse“) bedeutet zu einer bestimmten Zeit die vorherrschende religiöse Macht, Tidschani bezeichnete sich als Quṭb al-Aqṭāb, „Pol der Pole“, das spirituelle (sogar göttliche) Zentrum des Universums, von dem alle anderen, Qutb genannten Religionsführer ihre Macht herleiten würden. Sein zweiter beanspruchter Rang war der eines chatm al-auliyāʾ al-Muhammadīya, „Siegel der muhammedanischen Heiligkeit“, also der letzte der vom Propheten abstammenden Heiligen. Seine Anhänger nahmen ihm diese Ansprüche ab, denn für sie ist die Rechtfertigung Tidschanis, er habe in einer Vision den Propheten direkt gesehen, ein hinreichender Beweis und die Grundlage ihres Glaubens.

Als sich Ahmad at-Tidschani 1789 in Fès niedergelassen hatte, konnte er mit Unterstützung von Sultan Mulai Sulaiman seine Zawiya gründen. Diese Verbindung zum Herrscherhaus war prägend für die Entwicklung des Ordens, dessen Mitglieder sich aus der oberen Schicht zusammensetzten. Kein anderer Orden war bis zum Beginn des französischen Protektorats 1912 so eng mit dem Makhzen verbunden.

Tidschani verbreitete seine Lehre im marokkanischen Fès und in Südalgerien und entwickelte sie zum wichtigsten Zweig der Chalwati-Tariqa. Sein Lehrer Muhammad ibn Hamwi at-Tidschānī (genannt: Abū ʿAbdallāh) unterrichtete ihn gemäß der malikitischen Rechtsschule. Tidschani erhielt seine Legitimation nicht wie üblich durch Einweisung in die Prophetenabstammung (Silsila), sondern behauptete, es sei direkt eine Vision vom Propheten zu ihm gekommen, die seine frühere Initiation in den Chalwati-Orden ungültig mache.

In seinen letzten Lebensjahren verbot er seinen Anhängern, andere Sufiorden oder die Grabstätten anderer Heiliger (Walis) zu besuchen, da die Tidschaniyya die letztgültigen Aussagen treffe. Besonders problematisch war diese Vorschrift für seine Anhänger in Fès, weil die Einwohner dort üblicherweise zur Qubba ihres Schutzpatrons Mulai Idris pilgerten. Ebenfalls in Tidschanis Lehre ist seine Vorliebe für Luxusdinge und eine angenehme Lebensweise eingegangen. Viele Ordensmitglieder in Marokko gehörten im 19. Jahrhundert zur wohlhabenden Schicht oder waren hohe Funktionäre in der Regierung des Sultans. Tidschani starb 1815 in Fès.[1]

Ausbreitung in Nordafrika[Bearbeiten]

Nach Ahmad at-Tidschānīs Tod wurde der Orden von seinem Sohn ʿAlī at-Tamāsīnī geleitet, der in dem ostalgerischen Ort Tamāsīn residierte. In ʿAin Mādī, dem südalgerischen Heimatort von Ahmad at-Tidschānī, fasste der Orden schon vor 1820 Fuß, geriet aber hier mit den Angehörigen des Tidschāna-Stammes, den sogenannten Tadschādschina, in Konflikt. Die Auseinandersetzung zwischen Tidschānīya, Emir ʿAbd al-Qādir, der den Ort 1838 belagerte, und den Tadschādschina dauerte bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts und führte zur schrittweisen Vertreibung der Tadschādschina aus dem Ort.[2] Nach dem Tod von ʿAlī at-Tamāsīnī im Jahre 1844 ging die Führung des Ordens an Muhammad as-Saghīr über, der seinen Sitz bereits in ʿAin Mādī hatte. Er versuchte, nach dem Zusammenbruch der Osmanischen Herrschaft im Land einen eigenen Tidschāni-Staat in Südalgerien zu gründen. Unter Ahmad at-Tidschānī II, dem Enkel des Ordensgründers, der zwischen 1865 und 1897 in ʿAin Mādī residierte und freundliche Beziehungen zur französischen Kolonialmacht unterhielt, erlebte der Ort große wirtschaftliche Prosperität und entwickelte sich zu einem wichtigen spirituellen Zentrum des Ordens. Daneben blieb Tamāsīn ein zweites Zentrum des Ordens in Algerien, das mit ʿAin Mādī rivalisierte.

Zur Verbreitung der Tidschānīya in Tunesien hat vor allem der Gelehrte Ibrāhīm ar-Riyāhī (1766/67–1849/50) beigetragen. Er war schon 1797 bei einem Besuch von Ahmad at-Tidschānīs Anhänger Harāzim Barāda in Tunis in den Orden eingeführt worden. In den Jahren 1803 bis 1804 reiste er anlässlich einer Hungersnot in Tunesien nach Marokko, um den marokkanischen Sultan Mulai Sulaiman um Lebensmittelhilfe zu bitten. Bei dieser Gelegenheit traf er selbst in Fès mit Ahmad at-Tidschānī zusammen. Nach seiner Rückkehr gründete ar-Riyāhī in Tunis die erste Tidschānīya-Zāwiya. Gleichzeitig spielte er eine wichtige Rolle im öffentlichen Leben von Tunis: 1828/29 wurde er zum Obermufti ernannt, 1839/40 zum Rektor der Madrasa der Ez-Zitouna-Moschee, und als 1841 Ahmad I. al-Husain beschloss, auf seinem Territorium die Sklaverei abzuschaffen, gab er als Mufti dazu die offizielle Approbation.[3]

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts arbeiteten die Tidschanis in Algerien und Tunesien eng mit der französischen Kolonialverwaltung zusammen, im Unterschied zu vielen anderen aufständischen Sufiorden. Unter Ahmad at-Tidschānī II, der 1897 starb, wurde der Orden in Algerien immer mehr zu einem Instrument der französischen Kolonialpolitik. Nach dessen Tod kam es über dem Streit, wo er beerdigt werden sollte, zu einer Spaltung der beiden algerischen Tidschānī-Zāwiyas, die bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts andauerte.[4] Auch in Marokko kooperierten die meisten Tidschānī-Führer mit den Franzosen und setzten sich dadurch der Feindschaft der anderen Bruderschaften aus.[5]

ʿUmar Tall und das Tukulor-Reich[Bearbeiten]

Von Marokko dehnte sich der Tidschani-Orden um 1800 in der westlichen Sahara nach Süden aus. Der einflussreichste Verbreiter war der Tukulor-Gelehrte al-Hajj ʿUmar ibn Saʿid Tall (1796–1864), der in Senegal aktiv war und sein Ansehen während seines Aufenthalts in Mekka erlangt hatte. Während seiner etappenweisen Rückkehr von Mekka hielt er sich acht Jahre in Sokoto auf, wo er ein gutes Verhältnis zu Mohammed Bello, dem Nachfolger Usman dan Fodios unterhielt und dessen Tochter heiratete.

Die Bruderschaft geriet in Mauretanien und am Niger in Konflikt mit der einflussreichen Qadiriyya, vor allem mit den Ulama (Korangelehrten) aus dem Clan der al-Baqqāʾī in Timbuktu, die als oberste Autoritäten in theologischen und juristischen Fragen beim Maurenvolk der Kunta galten. Bis zur Eroberung des heutigen Mali durch die Franzosen gab es Streit um theologische Fragen und die Auslegung von Koranvorschriften für das tägliche Leben betreffend. Nach seiner Rückkehr nach Westafrika organisierte Umar ibn Saʿid Tall von 1851 bis zu seinem Tod einen Dschihad gegen die seiner Meinung nach „heidnischen“ Muslims im Gebiet zwischen den heutigen Staaten Mali, Senegal und Guinea und gegen die französischen Kolonialtruppen. 1855 eroberten seine Streitkräfte das Bambara-Reich von Segu, zogen weiter nach Osten und besiegten 1862 das vom gegnerischen (der „Apostasie“ bezichtigten) Qadiriya-Orden geprägte Fulbe-Reich von Masina. Nach anfänglichem Erfolg und hohen Verlusten auf beiden Seiten wurde Umar bei einer Revolte 1864 umgebracht. Die Unfähigkeit, in den eroberten Gebieten eine funktionierende Ordnung herzustellen und die auch nach seinem Tod fortgeführten kriegerischen Auseinandersetzungen haben zu einer schlechten Beurteilung seiner puritanischen Bewegung beigetragen.[6]

Umar ist von den Anhängern des Ordens als führender Intellektueller anerkannt, sein Hauptwerk Kitāb ar-Rimāh ist ebenso verbreitet wie das Jawāhiral al-maʿānī des Gründers at-Tidschani. Seine Ablehnung der anderen Sufi-Orden wird in der Redewendung deutlich, die zum Sprichwort wurde: „Qadiriyya und Tidschaniyya sind wie Eisen und Gold.“

Die Herausbildung der Niass-Tidschanīya[Bearbeiten]

Einer der wichtigsten Tidschani-Sufis in Westafrika zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Abdoulaye Niass. Er stammte aus der Region um Jolof, ging 1890 auf Wallfahrt nach Mekka und wechselte wahrscheinlich 1901 nach Gambia, um möglichen Konflikten mit den französischen Kolonialherren auszuweichen. Nach einer weiteren Wallfahrt im Jahre 1910 erreichte er eine Einigung mit den Franzosen. Sie teilten ihm, seiner Familie und seinen Anhängern einen Platz in Kaolack zu, dem wichtigsten Zentrum der Saloum-Region zu. Dort errichtete Abdoulaye Niass die zāwiya von Lewna Niasseen.[7]

Ibrahim Baye Niass (1900–1975), der Sohn von Abdoulaye Niass, trug Mitte des 20. Jahrhunderts zur Erneuerung der Tidschaniyya bei. Er lehnte die bisherige Glaubensschulung in den Chalwa genannten Rückzugsorten als notwendige Voraussetzung zur spirituellen Erleuchtung ab. Der Prophet habe ihm aufgetragen, ohne Abkehr von der Welt zu leben. Anstelle von Abgeschiedenheit führte er das Prinzip der Tarbiya (geistiges Training, Erziehung) ein, das zum wichtigsten Identifikationsmerkmal des von ihm gegründeten Zweig der Tidschaniyya, die man als Niass-Tidschaniyya oder Tidschaniyya Ibrahimiyya bezeichnet, wurde. Die Initiation in die Bruderschaft durch Tarbiya kann wenige Tage bis zwei Jahre dauern. Tarbiya soll nicht rational erklärbar, sondern nur erfahrbar sein. Es handelt sich um eine geheim gehaltene Initiation, die Fragen zum Verhältnis zwischen Gott und Mensch beinhaltet. Ibrahim Niass vollzog seine Gebete mit über der Brust verschränkten Armen (üblicherweise befinden sich bei den Malikiten die Arme beim Gebet an der Seite), was als Symbol der Einheit der Glaubensgenossen in ganz Westafrika Verbreitung fand. Das von Niass ausgesprochene Rauchverbot war für manche Muslime schwer einzuhalten.[8]

Nachdem in den 1950er Jahren in Nordnigeria Ahmadu Bello und seine Dschamāʿat Nasr al-Islām die Heiligenverehrung für illegitim erklärt und begonnen hatten, gegen die Sufi-Bruderschaften zu Felde zu ziehen, und sich außerdem 1962 die Ahmadiyya in Kano niedergelassen hatte, gründete 1963 Mudi Salga, ein Führer der Niass-Tidschaniyya, zur Abwehr dieser Einflüsse die Organisation Fityan al-Islam.[9] Sie mobilisierte Führer und Anhänger der sufischen Orden gegen die Vertreter des neuen orthodoxen Sunni-Islam, zu denen auch Saad Zungur und Abubakar Gumi (1924–1992) gehörten.[10] Gumi, der das Tarbiya-Konzept schon in den 1960er Jahren als unorthodox kritisierte,[11] gründete 1978 die wahhabitische Organisation Yan Izala.

Einer der ersten Prediger der neuen Lehre von Ibrahim Niass im Sudan war Scheich Ibrahim Sidi Muhammad ibn Muhammad Salma (1949–1999), dessen Familie aus Mali stammte. Ende der 1970er Jahre gründete er in El Fasher in Darfur eine Zawiya (Versammlungsort). Sein Vater Sidi Muhammad († 1956) hatte in El Fasher eine Moschee erbaut und in diesem Gebiet bereits den Tidschaniyya-Orden verbreitet. Ibrahim Sidi musste sich anderen Tidschaniyya-Anhängern gegenüber verteidigen, die das Tarbiya als unzulässige Neuerung ablehnten. Nachdem er 1984 eine Kampfschrift gegen die alte Lehre veröffentlicht hatte, kam es in Darfur zu einer Spaltung in zwei Lager innerhalb der Tidschaniyya.[12] Ibrahim Sidi betonte vor seinen Anhängern (Murid, Mehrzahl Muridun) stets die Pflicht zur Arbeit und Pünktlichkeit als Tugend, die Muridun seien Arbeiter für Gott. In allen wichtigen religiösen Schriften der Tidschaniyya wird Khidma („Dienst“) erwähnt, das den ideellen Rahmen für das Leben in der Bruderschaft bildet. Sich dem Befehl des Sheikh zu unterstellen, bedeutet Chidmat asch-schaich, „Dienst am Scheich“.[13]

Von den Kalifen des Niass-Zweiges in Senegal machte insbesondere al-Haddsch Ahmad Chalifa Niasse von sich reden. Er gründete im August 1979 eine an Chomeini orientierte islamische Partei mit dem Namen Hizboulahi („Partei Gottes“) und sprach sich für die Errichtung einer Islamischen Republik aus.[14] Sein Bruder Sidy Lamine Niass gründete Ende 1983 die islamistische Zeitschrift Wal-Fadschri, die sich ideologisch stark an der Islamischen Republik Iran ausrichtete.[15]

Die Hammalisten[Bearbeiten]

Auf dem Gebiet von Mali gründete in den 1920er Jahren Scheich Ahmédou Hamahoullah (1882-1943), der auch als Hamallah bekannt war, eine Reformbewegung innerhalb der Tidschānīya, die stark egalitär ausgerichtet war. Die Hamallisten leisteten sich in den 1930er und den frühen 1940er Jahren heftige Gefechte mit den anderen Tidschānī-Sufis. Aufgrund dessen wurde Hamahoullah 1941 nach Algerien, später nach Montluçon verbannt, wo er 1943 verstarb.[16]

Heutige Verbreitung[Bearbeiten]

Afrika[Bearbeiten]

Die beiden einflussreichsten Orden Westafrikas verfügen in den einzelnen Ländern über unterschiedlichen Mehrheiten. So sind in Senegal von etwa 90 Prozent Muslims 50 Prozent Anhänger der Tidschani, in Benin und Ghana sind Tidschaniyya und Qadiriyya etwa gleich stark vertreten, ebenso in Niger, das einen Bevölkerungsanteil von 85 Prozent Muslims hat. In Benin ist die ältere Qadiriyya fast nur in Porto Novo an der Küste vertreten, im übrigen Land überwiegt, einem generellen Trend in Westafrika folgend, seit Anfang des 20. Jahrhunderts die Tidschaniyya.[17]

In Senegal hat die Tidschaniyya-Bruderschaft drei Hauptzweige: den Sy-Clan mit Sitz in Tivaouane, den Tall-Clan am Senegal-Fluss und die von Scheich Ibrahim Baye Niass gegründete Niasse-Tidschaniyya mit Sitz in Kaolack.[18] Derzeitiger Kalif der Sy-Tidschaniyya ist Mouhamadou Mansour Sy "Borom Daradji". Eine Unterorganisation der Sy-Tidschaniyya ist die 1927 gegründete Dahiratoul Moustarchidina wal Moustarchidaty.

Von Nordnigeria breitete sich in den 1980er Jahren die Yan-Izala-Bewegung in den Niger aus und begann, mit gutem finanziellem Hintergrund versehen, Moscheen zu bauen und in den Städten gegen die Tidschaniyya zu missionieren. Das Aufeinandertreffen beider Gruppen geschah teilweise gewalttätig. Um den Wettkampf für die Modernisierung des Islam nicht zur Spaltung der Gesellschaft führen zu lassen, gründete die Regierung 2003 das beratende National Islamic Council (NIC), das von Tidschani-Führern als Alternative gegen die Schaffung eines islamischen Staates unterstützt wird. Die Tidschaniyya etablierte sich dadurch in Niger in einer politischen Rolle.[19]

In Mali, wo sich 75 Prozent zum Islam bekennen, sowie in Kamerun und Togo (12 Prozent Muslims) überwiegen Tidschani. In Tunesien sind Tidschani und Schadhiliyya gleichermaßen vertreten. Stärkster Sufi-Orden in Nordostafrika sind die Qadiriyya, es folgen Tidschaniya (die besonders in Südwest-Äthiopien vertreten sind) und Khatmiyya (besonders in Sudan).[20]

Außerhalb Afrikas[Bearbeiten]

Über die Türkei gelangte im 19. Jahrhundert ein kleiner Zweig der Tidschaniyya im Schatten des mächtigen Bektaschi-Derwischordens bis nach Albanien.[21] In den 1930er Jahren kam die Tidschaiyya auch nach Indonesien, wo sich seither der Orden von der Nordküste Javas aus verbreitet.[22]

Tidschānīya-Riten[Bearbeiten]

Insgesamt zeichnet sich Tidschānīya-Bruderschaft durch drei verschiedene Riten aus:

  1. der spezielle Tidschānīya-wird, der am Morgen und am Abend rezitiert wird. Er besteht aus folgenden Bestandteilen: 100 Mal die Formel Astaghfiru Llāh ("Ich bitte Gott um Vergebung"), 100 Mal ein Gebet über den Propheten, 100 Mal die Formel Lā ilāha illā Llāh ("es gibt keinen Gott außer Gott"). Als Gebet für den Propheten kann jede passende Formel gesprochen werden, besonders empfohlen wird aber das sogenannte "Gebet des Öffnenden" (salāt al-fātih), dessen Formel folgendermaßen lautet: Allāhumma salli ʿalā sayyidinā Muhammadin al fātihi li-mā ughliqa, wa-l-chātimi li-mā sabaqa, nāsiri-l-haqqi bi-l-haqqi wa-l-hādi ilā siraatika l-mustaqīm, wa ʿalā ālihi haqqa qadrihi wa miqdārihi l-ʿazīm (O Gott, bete für unseren Herrn Muhammad, der öffnet, was verschlossen wurde, der abschließt, was vorausging, der der Wahrheit durch die Wahrheit zum Sieg verhilft, der auf Deinen geraden Weg führt, und für seine Familie, sowie es seinem Macht und seiner gewaltigen Größe gebührt").
  2. die Wazīfa, der mindestens einmal am Tag rezitiert werden muss. Er besteht aus folgenden Bestandteilen: 30 Mal die Istighfār-Formel Astaghfiru Llāh al ʿAzīm aladhī lā ilāha illā Hūwa l-Haiyu l-Qaiyūm ("Ich bitte Gott, den Gewaltigen, den Einzigen, den Lebendigen, den Beständigen, um Vergebung"), 50 Mal die salāt al-fātih, 100 Mal die Formel Lā ilāha illā Llāh, 12 Mal das Gebet Dschauharat al-Kamāl ("Juwel der Vollkommenheit"), ein spezielles Gebet für den Propheten, das Ahmad at-Tidschānī bei einer Vision vom Propheten Mohammed empfangen haben soll.[23] Die Anhänger von Hamahoullah rezitierten im Gegensatz zu den Anhängern von Umar Tall das von Ahmad Tidschānī eingeführte Gebet Dschauharat al-kamāl nicht zwölf Mal, sondern nur elf Mal. Entsprechend hatte ihre Gebetskette auch nur elf Perlen.
  3. die Hadra, auch Dhikr genannt, die jeden Freitag nach dem gemeinsamen Nachmittagsgebet und der Wazīfa stattfindet. Sie besteht daraus, dass die Formel Lā ilāha illā Llāh entweder 1000 oder 1600 Mal oder die gesamte Zeit bis zum Sonnenuntergang rezitiert wird.[24]

Im Gegensatz zu anderen Bruderschaften sollen die Anhänger der Tidschaniyya kein asketisches Leben führen, sondern werden sogar dazu aufgefordert, Wohlstand nicht abzulehnen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Jamil M. Abun-Nasr: The Tijaniyya. A Sufi order in the modern world (= Middle Eastern Monographs. Bd. 7, ZDB-ID 415745-x). Oxford University Press, London u. a. 1965.
  • Jamil M. Abun-Nasr: Art: "Tidjāniyya" in The Encyclopaedia of Islam. New Edition Bd. X, S. 464a-466a.
  • El Hadji Samba A. Diallo: Les Métamorphoses des Modèles de Succession dans la Tijāniyya Sénégalaise. Paris 2010.
  • Jillali El Adnani: La Tijâniyya 1781-1881. Les origines d'une confrérie religieuse au Maghreb. Rabat: Marsam 2007.
  • John Hunwick: An introduction to the Tijani path: Beeing an annotated translation of the chapter headings of the Kitab al-Rimah of al Hajj Umar. In: Islam et Sociétés au Sud du Sahara. Bd. 6, 1992, ISSN 0984-7685, S. 17–32
  • Fabienne Samson: Les marabouts de l'islam politique. Le Dahiratoul Moustarchidina wal Moustarchidaty, un mouvement néo-confrérique sénégalais. Paris 2005.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Abun-Nasr: The Tijaniyya. 1965, S. 15f., 34, 40f.
  2. Vgl. el Adnani 211-219.
  3. Vgl. El Adnani 191-193.
  4. Abun-Nasr: The Tijaniyya. 1965, S. 74–76
  5. Abun-Nasr: The Tijaniyya. 1965, S. 93–98
  6. John Glover: Sufism and Jihad in Modern Senegal. The Murid Order (= Rochester Studies in African History and the Diaspora. Bd. 32). University of Rochester Press, Rochester NY u. a. 2007, ISBN 978-1-580-46268-6, S. 58–61
  7. Vgl. David Robertson: "An emerging pattern of cooperation between colonial authorities and Muslim societies in Senegal and Mauritania" in D. Robinson und J.-L. Triaud (ed.): Le temps des marabouts. Itinéraires et stratégies islamiques en Afrique occidentale française v. 1880-1960. Paris 1997. S. 155-181. S. 174.
  8. Ahmed Rufai Mihammed: The Niass Tijaniyya in the Niger-Benne Confluence Area of Nigeria. In: Louis Brenner (Hrsg.): Muslim Identity and Social Change in Sub-Saharan Africa. Indiana University Press, Bloomington IN u. a. 1993, ISBN 0-253-31269-8, S. 116–134
  9. Vgl. Roman Loimeier: Islamic Reform and Political Change in Northern Nigeria. Evanston 1997. S. 48.
  10. William F. S. Miles: Religious Pluralisms in Northern Nigeria. In: Nehemia Levtzion, Randall L. Pouwels (Hrsg.): The History of Islam in Africa. Ohio University Press u. a., Athens OH 2000, ISBN 0-8214-1296-5, S. 209–226, hier S. 214.
  11. Vgl. Ousmane Kane: Muslim modernity in postcolonial Nigeria: a Study of the Society of Removal of Innovation and Reinstatement of Tradition. Leiden 2003. S. 176.
  12. Rüdiger Seesemann: The Writings of the Sudanese Tijani Shaykh Ibrahim Sidi (1949–1999) with Notes on the Writings of his Grandfather, Shaykh Muhammad Salma (d. 1918) and his Brother, Shaykh Muhammad al-Ghali (B. C. 1947). In: Sudanic Africa. Bd. 11, 2000, ISSN 0803-0685, S. 107–124 (PDF-Datei; 126 kB)
  13. Rüdiger Seesemann: Islam, Arbeit und Arbeitsethik: Die „zawiya“ der Tijaniyya in el-Fasher / Sudan. In: Kurt Beck, Gerd Spittler (Hrsg.): Arbeit in Afrika (= Beiträge zur Afrikaforschung. Bd. 12). Lit, Münster u. a. 1996, ISBN 3-8258-3021-7, S. 141–160
  14. Vgl. Hanspeter Mattes: Die islamistische Bewegung des Senegal zwischen Autonomie und Außenorientierung. Hamburg 1989. S. 40f.
  15. Vgl. Mattes ebenda S. 44, 52-55.
  16. Vgl. Alioune Traoré: Cheikh Hamahoullah, homme de foi et résistant. Islam et colonisation en Afrique. Paris 1983.
  17. Thomas Bierschenk: The Social Dynamics of Islam in Benin. In: Galilou Abdoulaye: L'Islam béninois à la croisée des chemins. Histoire, politique et développement (= Mainzer Beiträge zur Afrikaforschung. Bd. 17). Rüdiger Köppe Verlag, Köln 2007, ISBN 978-3-89645-817-9, S. 15–19
  18. Vgl. Mattes ebda S. 39.
  19. Pearl T. Robinson: Islam and Female Empowerment among the Tijaniyya in Niger. Tufts University, Research Note, September 2005 (PDF; 76 kB)
  20. Prozentzahlen nach: Peter Heine und Riem Spielhaus: Das Verbreitungsgebiet der islamischen Religionen: Zahlen und Informationen zur Situation in der Gegenwart. In: Werner Ende, Udo Steinbach (Hrsg.): Der Islam in der Gegenwart. 5., aktualisierte und erweiterte Auflage. C. H. Beck, München 2005, ISBN 3-406-53447-3, S. 135–139
  21. Robert Elsie: Der Islam und die Derwisch-Sekten Albanien. Anmerkungen zu ihrer Geschichte, Verbreitung und zur derzeitigen Lage. (PDF; 159 kB) Kakanien Revisited, Mai 2004, S. 9
  22. Chapter 8: Pesantren and Tarekat: The role of Buntet. The Origin of Tijaniyah. In: Abdul Ghoffur Muhaimin: The Islamic Traditions of Cirebon. Ibadat and Adat Among Javanese Muslims. Republic of Indonesia – Ministry of Religous Affairs – Centre for Research and Development of Socio-Religious Affairs, Office of Religious Research, Development, and In-Service Training, Jakarta 2004, ISBN 979-3561-90-4
  23. Vgl. el Adnani 120.
  24. Vgl. Abun Nasr in EI 465b und el Adnani 119f.

Weblinks[Bearbeiten]