Tier

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Dieser Artikel beschäftigt sich mit dem Begriff Tier als Lebewesen. Weiteres siehe Tier (Begriffsklärung).
Verschiedene Tiere

Tiere sind nach biologischem Verständnis eukaryotische Lebewesen, die ihre Energie nicht durch Photosynthese gewinnen und Sauerstoff zur Atmung benötigen, aber keine Pilze sind. Zur Energie- und Stoffgewinnung ernähren sich Tiere von anderen Lebewesen (Heterotrophie). Die meisten Tiere können sich aktiv bewegen und besitzen Sinnesorgane. Die Wissenschaft von den Tieren ist die Zoologie.

Nach einer Schätzung entfallen von der Gesamtmasse aller Lebewesen auf der Erde (1,8·1015 kg) etwa 2 ‰ (3,5·1012 kg) auf die Tiere.[1] Systematisch spielen die Tiere in ihrer Gesamtheit heute keine Rolle. Meistens wird in der Taxonomie mit dem „Reich der Tiere“ die Gruppe der vielzelligen Tiere (Metazoa) gemeint.

Begriffsgeschichte und Taxonomie

Der Begriff Tier (lat.: animal) wurde bereits im Altertum geprägt und ist ebenso Grundlage der von Carl von Linné begründeten Taxonomie wie auch der biologischen Systematik. Bis zum 19. und dem Anfang des 20. Jahrhunderts wurde nur zwischen Tieren (Animalia) und Pflanzen (Plantae) unterschieden, in einführenden Lehrwerken hatte diese Zweiteilung noch lange Bestand.

Systematik der Tiere

Verwandtschaft

Nach Analyse ihrer DNA-Sequenzen bilden die Tiere, die Pilze und einige im Wesentlichen einzellige Verwandtschaftsgruppen eine Abstammungsgemeinschaft innerhalb der Eukaryoten, die als Opisthokonta bezeichnet wird. Merkmale der Opisthokonta sind u.a.: Zelle mit nur einer Geißel (wenn nicht sekundär rückgebildet), diese immer ohne Mastigonema und mit zwei Centriolen. Einzellige Arten oder Stadien besitzen Mitochondrien mit flachen Cristae.[2] Die Opisthokonta umfassen danach zwei Schwestergruppen. Eine davon, die Nucletmycea[3], umfasst die Pilze und einige (meist einzellige) verwandte Gruppen. Die andere, die Holozoa genannt wird[4], umfasst die Tiere und einige verwandte Gruppen. Diese Gruppen sind:

  • Ichthyosporea; pilzähnliche Parasiten oder Symbionten, zuerst vor allem in Fischarten, inzwischen auch in zahlreichen anderen Tiergruppen nachgewiesen[5]
  • Filasterea[6]; einzellige Protozoen ohne Zellwand und mit sehr langen, unverzweigten Pseudopodien, die entweder frei im Meerwasser leben (Ministeria vibrans) oder Endosymbionten von Tieren sind (Capsasporidae).
  • Aphelidea: einzellige Parasiten von Algen mit komplexem Lebenszyklus: amöboide Zellen dringen in die Spore der Wirtsalge ein und setzen sich auf der Zelloberfläche fest, diese setzen durch Zellteilung (amöboide oder begeißelte) Ausbreitungszellen frei.
  • Corallochytrium limacisporum[7], ein im Meer lebender (mariner), frei lebender Einzeller ohne bisher bekannte Verwandte, der erst 1987 in tropischen Korallenriffen entdeckt worden ist.
  • Kragengeißeltierchen (Choanomonada oder Choanoflagellata)

Die einzelligen Formen sind in den meisten dieser Gruppen durch lange, unverzweigte Zellfortsätze (Pseudopodien) mit starrem Innenskelett aus Aktinfilamenten gekennzeichnet, während die meisten anderen „Protisten“ (z. B. die Amoebozoa) breite, verzweigte Pseudopodien ausbilden. Die Filamente könnten den Zellfortsätze (Mikrovilli) des „Kragens“ der Kragelgeißeltierchen entsprechen[6]. Die mit den vielzelligen Tieren am engsten verwandte Gruppe sind die Kragengeißeltierchen (Choanoflagellata), die mit den Choanozyten der Schwämme (Porifera), einem Zelltyp innerhalb der Strudelkammern, viele Gemeinsamkeiten aufweisen.

Die möglichen Verwandtschaftsverhältnisse der bisher näher untersuchten Gruppen, und damit die nähere Verwandtschaft der Tiere, könnten demnach so aussehen[8]:

  • Opisthokonta
    • Nucletmycea
    • Holozoa
      • Ichthyosporea
      • „Filozoa“

Wie die übrigen erwähnten Gruppen hier einzuordnen wären, ist zurzeit unklar, weil entsprechend umfassende Untersuchungen noch nicht vorliegen. Vermutlich ist aber Corallochytrium limacisporum basal zu den anderen Gruppen einzuordnen[3]

Vielzellige Tiere

Die derzeit in der Wikipedia verwendete Systematik der Tiere ist einsehbar in dem Artikel Systematik der Vielzelligen Tiere. An dieser Stelle sollen bloß die aktuelleren Entwicklungen der Systematik kurz dargestellt werden. Die Systematik der Tiere wird zurzeit intensiv erforscht. Die folgende Darstellung ist deshalb sicherlich nicht die endgültige Fassung. Sie basiert auf einer Reihe aktueller phylogenomischer Arbeiten, wobei den jüngeren/umfangreicheren Publikationen jeweils mehr Gewicht eingeräumt wurde.[9][10][11][12][13]

In der dargestellten aktuellen Systematik ist besonders auffällig, dass die Coelenterata wieder berücksichtigt werden. Dies geschieht nach Philippe et al. (2009) und widerspricht zum Beispiel Dunn et al. (2008). Darüber hinaus werden einige gebräuchliche Gruppenbezeichnungen aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr verwendet:

Häufig wird Animalia als Synonym zu Metazoa benutzt. Die ein- bis wenigzelligen Choanoflagellata werden demzufolge nicht als echte Tiere betrachtet, sondern als Schwestergruppe zu den Animalia/Metazoa. Das Monophylum, das Choanoflagellata und Metazoa zusammenfasst, trägt dann keinen Namen.

Rechtsstellung (Deutschland)

Nach dem überkommenen römischen Recht galten nichtmenschliche Tiere als Sachen. Das wurde 1990 mit der Einfügung des § 90a in das Bürgerliche Gesetzbuch geändert:

„Tiere sind keine Sachen. Sie werden durch besondere Gesetze geschützt. Auf sie sind die für Sachen geltenden Vorschriften entsprechend anzuwenden, soweit nicht etwas anderes bestimmt ist.“

Bürgerliches Gesetzbuch

Weblinks

 Wikisource: Tierliteratur – Quellen und Volltexte
 Wiktionary: Tier – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wikiquote: Tier – Zitate
 Commons: Animalia – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. W. Brefeld: Das Leben auf der Erde und seine Masse. 2009–2012, zuletzt abgerufen 23. Apr. 2012
  2. Adl, S. M., Simpson, A. G. B., Lane, C. E., Lukeš, J., Bass, D., Bowser, S. S., Brown, M. W., Burki, F., Dunthorn, M., Hampl, V., Heiss, A., Hoppenrath, M., Lara, E., le Gall, L., Lynn, D. H., McManus, H., Mitchell, E. A. D., Mozley-Stanridge, S. E., Parfrey, L. W., Pawlowski, J., Rueckert, S., Shadwick, L., Schoch, C. L., Smirnov, A. and Spiegel, F. W. (2012), The Revised Classification of Eukaryotes. Journal of Eukaryotic Microbiology, 59: 429–514. doi:10.1111/j.1550-7408.2012.00644.x
  3. a b Matthew W. Brown, Frederick W. Spiegel Jeffrey D. Silberman (2009): Phylogeny of the “Forgotten” Cellular Slime Mold, Fonticula alba, Reveals a Key Evolutionary Branch within Opisthokonta. Molecular Biology and Evolution Volume 26 Issue 12: 2699-2709. doi: 10.1093/molbev/msp185
  4. B.F. Lang, C. O’Kelly, T. Nerad, M.W. Gray, G. Burger (2002): The Closest Unicellular Relatives of Animals. Current Biology Vol. 12: 1773–1778. doi:10.1016/S0960-9822(02)01187-9 PMID 12401173
  5. Sally L. Glockling, Wyth L. Marshall, Frank H. Gleason (2013): Phylogenetic interpretations and ecological potentials of the Mesomycetozoea (Ichthyosporea). Fungal Ecology doi:10.1016/j.funeco.2013.03.005
  6. a b Kamran Shalchian-Tabrizi, Marianne A. Minge, Mari Espelund, Russell Orr, Torgeir Ruden, Kjetill S. Jakobsen, Thomas Cavalier-Smith (2008): Multigene Phylogeny of Choanozoa and the Origin of Animals. PloS ONE 3 (5): e2098 doi:10.1371/journal.pone.0002098 (open access)
  7. Thomas Cavalier-Smith & M.T.E. Paula Allsopp (1996): Corallochytrium, an enigmatic non-flagellate protozoan related to choanoflagellates. European Journal of Protistology Volume 32, Issue 3: 306–310. doi:10.1016/S0932-4739(96)80053-8
  8. z. B. Guifre Torruella, Romain Derelle, Jordi Paps, B. Franz Lang, Andrew J. Roger, Kamran Shalchian-Tabrizi, Inaki Ruiz-Trillo (2012): Phylogenetic Relationships within the Opisthokonta Based on Phylogenomic Analyses of Conserved Single-Copy Protein Domains. Molecular Biology and Evolution 29(2): 531–544. doi:10.1093/molbev/msr185
  9. Philippe H, Derelle R, Lopez P, Pick K, Borchiellini C, Boury-Esnault N, Vacelet J, Renard E, Houliston E, Quéinnec E, Da Silva C, Wincker P, Le Guyader H, Leys S, Jackson DJ, Schreiber F, Erpenbeck D, Morgenstern B, Wörheide G, Manuel M: Phylogenomics Revives Traditional Views on Deep Animal Relationships. In: Current Biology. 19, Nr. 8, 28. April 2009, S. 706-712. doi:10.1016/j.cub.2009.02.052. PMID 19345102.
  10. Dunn CW, Hejnol A, Matus DQ, Pang K, Browne WE, Smith SA, Seaver E, Rouse GW, Obst M, Edgecombe GD, Sørensen MV, Haddock SH, Schmidt-Rhaesa A, Okusu A, Kristensen RM, Wheeler WC, Martindale MQ, Giribet G: Broad phylogenomic sampling improves resolution of the animal tree of life. In: Nature. 452, Nr. 7188, 10. April 2008, S. 745-749. doi:10.1038/nature06614. PMID 18322464.
  11. Shalchian-Tabrizi K, Minge MA, Espelund M, Orr R, Ruden T, Jakobsen KS, Cavalier-Smith T: Multigene Phylogeny of Choanozoa and the Origin of Animals. In: PLoS ONE. 3, Nr. 5, 7. Mai 2008, S. e2098. doi:10.1371/journal.pone.0002098. PMID 18461162. PMC: 2346548 (freier Volltext).
  12. Gaidos E, Dubuc T, Dunford M, McAndrew P, Padilla-Gamino J, Studer B, Weersing K, Stanley S: The Precambrian emergence of animal life: a geobiological perspective. In: Geobiology. 5, Nr. 4, 17. September 2007, S. 351-373. doi:10.1111/j.1472-4669.2007.00125.x.
  13. Steenkamp ET, Wright J, Baldauf SL.: The Protistan Origins of Animals and Fungi. (PDF) In: Molecular Biology and Evolution. 23, Nr. 1, Januar 2006, S. 93-106. doi:10.1093/molbev/msj011. PMID 16151185.
  14. Baguñà J, Riutort M: Molecular phylogeny of the Platyhelminthes. In: Canadian Journal of Zoology. 82, Nr. 2, 2004, S. 168-193. doi:10.1139/z03-214.
  15. Hejnol A, Obst M, Stamatakis A, Ott M, Rouse GW, Edgecombe GD, Martinez P, Baguñà J, Bailly X, Jondelius U, Wiens M, Müller WE, Seaver E, Wheeler WC, Martindale MQ, Giribet G, Dunn CW: Assessing the root of bilaterian animals with scalable phylogenomic methods. In: Proceedings of The Royal Society B Biological Sciences. 276, Nr. 1677, 22. Dezember 2009, S. 4261-4270. doi:10.1098/rspb.2009.0896. PMID 19759036. PMC: 2817096 (freier Volltext).