Tierschutz im Nationalsozialismus

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Tierschutz wurde im Nationalsozialismus antisemitisch, biologistisch und rassistisch begründet und propagiert.[1]

Viele NS-Führer, darunter Adolf Hitler, Heinrich Himmler und Hermann Göring, zeigten sich öffentlich als Anhänger des Tierschutzes. Umweltschutz, Artenschutz und Tierschutz wurden wichtige Propagandathemen des Nationalsozialismus.[2] Das erste deutschlandweite Tierschutzgesetz gehörte zu den zentralen frühen Gesetzgebungsmaßnahmen der Anfangszeit des Regimes und wurde intensiv propagandistisch begleitet. Später wurden Tierschutzaspekte ökonomischen wie wehrwirtschaftlichen Zielen zunehmend untergeordnet. [3]

Vorarbeiten zum Tierschutzgesetz von 1933 fanden bereits in der Weimarer Republik statt.[4] Mehrere Tierschutz-Gesetze im deutschsprachigen Raum gehen maßgeblich auf das in der NS-Zeit verabschiedete Konzept zurück.[5] Bis heute werden antisemitische Traditionen des Tierschutzes aufgegriffen. Insbesondere die Agitation gegen das Schächten ist von antisemitischen Stereotypen geprägt.[6] Rechtsextremistische Positionen zum Tierschutz und besonders zum Schächten werden vereinzelt in die Tradition des nationalsozialistischen Tierschutzes gestellt. [7]

Historische Hintergründe[Bearbeiten]

Ende des neunzehnten Jahrhunderts war Tierschutz in Deutschland häufig mit antisemitischen Theorien verbunden. Bedeutende Teile der Tierschutzbewegung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts in Deutschland sahen Vivisektion und Schächtung als Ausdruck einer „jüdischen“ Medizin und stellte eine direkte Verbindung her. Vegetarier, Tierschutz- und Naturheilvereine waren Teil der sozialen Bewegung, die als Lebensreform bekannt wurde und in allen Bevölkerungsschichten und politischen Gruppen, auch dem Faschismus, verbreitet war.

Eine rechtliche und gesellschaftliche Anerkennung analog zu der von Queen Victoria geförderten Royal Society for the Prevention of Cruelty to Animals blieb aber zunächst für den deutschen Tierschutz aus. Das Reichsstrafgesetzbuch von 1871 bestrafte nicht die Tiermisshandlung als solche, sondern nur öffentliches Ärgernis daran. Sie blieb damit beispielsweise hinter den englischen Tierschutzregelungen zurück.[8] Dagegen liefen die in erheblichem Maße rechtsgerichteten und oft auch antisemitisch orientierten Tierschutzvereine erfolglos Sturm.[9][10]

Mit dem „Gossler-Erlass“ wurden in Preußen 1885 die vorhandenen Bestimmungen zur Vivisektion verschärft. Weitergehende Petitionen und Initiativen zum Tierschutz wurden mit Hinweis auf diese Regelung mehrfach abgeschmettert. Die Forderungen der Anti-Vivisektionisten fanden bei der wachsenden Zahl völkisch gesinnter Menschen großen Zuspruch. 1930 kam es mit dem sogenannten „Grimme-Erlass“ zu einer weiteren Verschärfung der Tierschutzgesetzgebung, die aber den in über 700 verschiedenen Vereinen und Organisationen engagierten Tierschützern nicht genügte. Bereits im Januar 1930 verabschiedete der Bayerische Landtag ein Gesetz über das Schlachten von Tieren, das das Schächten von Rindern, Schweinen, Schafen, Ziegen, Pferden, Eseln, Maultieren, Mauleseln und Hunden nur nach vollständiger Betäubung zuließ. Laut dem entsprechenden Gesetz konnte die Betäubung durch mechanische Apparate oder mittels Kopfschlag vorgenommen werden. Zuwiderhandlungen wurden mit Geldstrafen oder mit Gefängnis bis zu sechs Monaten bestraft.[11]

Tierschutz in der Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten]

Das erste deutsche Tierschutzgesetz (Reichstierschutzgesetz) wurde am 24. November 1933 verabschiedet. Für die Nationalsozialisten war der Tierschutz ein willkommenes populäres Thema.[12] Die Argumentation von Nationalsozialisten und radikalen Tierschützern war über den Antisemitismus eng verbunden. Tierversuche galten Vielen als das Werk jüdischer Wissenschaftler und "verkörperte[n] die angeblichen Bestrebungen, den germanischen Menschen von der ihm eigenen Naturverbundenheit zu lösen und an deren Stelle eine mechanistische, die Natur ausbeutende Wissenschaft zu etablieren." [10] Manche der Tierschützer und Tierversuchsgegner, die antisemitische Tendenzen kritisiert hatten, gingen nach der Machtübernahme der Nationsalsozialisten 1933 ins Exil, wie etwa der Schriftsteller Magnus Schwantje und der Historiker und Friedensnobelpreisträger Ludwig Quidde.[13]

1927 forderte ein NS-Vertreter im Reichstag Maßnahmen gegen „Tierquälerei und Schächten“. 1932 schlug die NSDAP ein Verbot der Vivisektion von Tieren vor. Am 21. April 1933 wurde das Schächten unter Strafe gestellt.[14] Das „Gesetz über das Schlachten von Tieren“ vom 21. April 1933 gebot, warmblütige Tiere beim Schlachten vor Beginn der Blutentziehung zu betäuben. Ausnahmen waren nur bei Notschlachtungen gestattet.[15] Bei vorsätzlichen oder fahrlässigen Zuwiderhandlungen wurden Geldstrafen oder Gefängnisstrafen bis zu sechs Monaten Haftdauer angedroht. Das Gesetz trat zum 1. Mai 1933 in Kraft (RGBl. I, S. 203.[16]) und gehörte damit zu den ersten und in erheblichem Maß propagandistisch verwendeten Gesetzgebungsmaßnahmen der NS-Zeit. Es bediente eine Vielzahl weitverbreiteter antisemitischer Ressentiments und schränkte die religiösen Freiheiten der Juden erheblich ein.[17] Eine weitere Ausnahme des Schächtverbots, die auf dessen antisemitisch motivierten Charakter hinweist, bildete in der Endphase des Zweiten Weltkriegs der Befehl des Oberkommandos der Wehrmacht, der muslimischen Kriegsgefangenen das Schächten erlaubte. [18]

Ein gänzliches Verbot von Tierversuchen, wie propagandistisch angekündigt, war nicht beabsichtigt. Die Gesetzgebung führte einen strikteren Genehmigungsprozess für Tierversuche in der Forschung ein. Im Zusammenhang mit der Androhung, Tierquäler ins Konzentrationslager zu stecken, wurde das System der Konzentrationslager zum ersten Mal in der Öffentlichkeit breiter erwähnt. Bekannt wurde eine Karikatur im Kladderadatsch zum Verbot der Vivisektion im September 1933, die Versuchstiere beim Zeigen des Hitlergrußes gegenüber Hermann Göring zeigte.[19]

Tierversuche wurden beispielsweise im Bereich der Krebsforschung durchgeführt. Der Fokus verschob sich jedoch bald auf „kriegswichtige“ Forschungsprojekte, die die Erlaubnis zum uneingeschränkten Überschreiten des Tierschutzgesetzes erhielten. Dazu zählte die Arbeit an biologischen Kampfstoffen, die an Tieren und an KZ-Häftlingen getestet wurden. [20]

Tierbilder wurden in der nationalsozialistischen Ideologie für rassistische und antisemitische Zwecke herangezogen. Als Beispiel lässt sich der Vergleich von Juden mit Ratten als „hinterlistige“, „feige“ und „grausame“ Tiere anführen, wie er im Film Der ewige Jude propagandistisch eingesetzt wurde. Hier zeigt sich, wie auch Tiere ideologisch hierarchisiert und die daraus resultierende Einordnung als „Schädlinge“ oder „Parasiten“, und somit nicht schützenswerte Tiere, bildlich auf bestimmte Menschengruppen übertragen wurde. [21]

Das Reichstierschutzgesetz nach 1945[Bearbeiten]

Das Reichstierschutzgesetz blieb in der Bundesrepublik, der DDR und Österreich zunächst gültig.[22] Wesentliche Aspekte aus dem Reichstierschutzgesetz wurden in die neuen Gesetze zum Tierschutz übernommen.[23] So wurde in der Bundesrepublik Deutschland 1972 ein neues Tierschutzgesetz verkündet, das mehrfach geändert wurde - zuletzt am 24. Juli 2013 (vgl. Tierschutz in Deutschland nach 1945). Erst 1986 wurde in der Bundesrepublik mit der Neufassung des § 1 die "Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf" zum Grundsatz des Tierschutzrechts erhoben, und im Jahr 2002 wurde mit der Änderung des Artikel 20a des Grundgesetzes der Schutz der Tiere zum Staatsziel.[24]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Daniel Jütte: Tierschutz und Nationalsozialismus, Die Entstehung und die Auswirkungen des nationalsozialistischen Reichstierschutzgesetzes von 1933. IDB Münster. Ber. Inst. Didaktik Biologie Suppl. 2 (2002) Download (PDF; 388 kB)
  • Edeltraud Klueting: Die gesetzlichen Regelungen der nationalsozialistischen Reichsregierung für den Tierschutz, den Naturschutz und den Umweltschutz. In: Joachim Radkau, Frank Uekötter (Hg.): Naturschutz und Nationalsozialismus, Frankfurt/New York (Campus Verlag) 2003

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Arnold Arluke, Clinton Sanders: Regarding Animals. Temple University Press (1996), S. 132, ISBN 1-56639-441-4.
  2. Robert Proctor: The Nazi War on Cancer. Princeton University Press (1999), S. 5. ISBN 0-691-07051-2.
  3. Edeltraud Klueting: Die gesetzlichen Regelungen der nationalsozialistischen Reichsregierung für den Tierschutz, den Naturschutz und den Umweltschutz. In: Joachim Radkau, Frank Uekötter (Hg.): Naturschutz und Nationalsozialismus, Frankfurt/New York (Campus Verlag) 2003, S. 104f.
  4. Johannes Straubinger: Sehnsucht Natur: Geburt einer Landschaft. 2009, S. 150, ISBN 3839108462, ISBN 9783839108468
  5. Arnold Arluke, Clinton Sanders. Regarding Animals. Temple University Press (1996), S. 133, ISBN 1-56639-441-4.
  6. Tierrechtskongress
  7. Eric Stritter: Tierschutz als Deckmantel für Naziideologien, aus: Netz gegen Nazis, abgerufen am 7. Juni 2010
  8. K. P. Schweiger: Alter Wein in neuen Schläuchen: Der Streit um den wissenschaftlichen Tierversuch in Deutschland 1900–1935. Dissertation, Göttingen 1993 (The struggle in Germany around scientific animal testing 1900-1933)
  9. Hanna Rheinz: Kabbala der Tiere, Tierrechte im Judentum. In: Tierrechte, eine interdiszinplinäre Herausforderung. Hrsg IATE, Heidelberg 2007, S. 234-252
  10. a b [1] (PDF; 388 kB) Daniel Jütte: Die Entstehung und die Auswirkungen des nationalsozialistischen Reichstierschutzgesetzes von 1933. IDB Münster, Tierschutz und Nationalsozialismus, Ber. Inst. Didaktik Biologie Suppl. 2 (2002), 167-184 167,
  11. Das Schächtverbot in Bayern, in: Bayerische Israelitische Gemeindezeitung, 1. Juni 1930, S. 170.
  12. Boria Sax: Animals in the Third Reich: Pets, Scapegoats, and the Holocaust. Vorwort von Klaus P. Fischer. Continuum, New York / London 2000, ISBN 978-0-8264-1289-8.
  13. Andrea Heubach: "Hitler war Vegetarier" – über die Zuschreibung menschenfeindlicher Tierliebe. In: Chimaira – Arbeitskreis für Human-Animal Studies (Hg.): Tiere, Bilder, Ökonomien. Aktuelle Forschungsfragen der Human-Animal Studies. Transcript Verlag. Bielefeld 2013. S. 213-239. S. 221/222.
  14. Boria Sax (2000). Animals in the Third Reich: Pets, Scapegoats, and the Holocaust. Continuum International Publishing Group, S. 181, ISBN 0-8264-1289-0.
  15. RGBl. 1933, Teil I, S. 203 sowie VO gleichfalls vom 21. April 1933, S. 212f.
  16. RGBl. I 1933 S. 203 (via ALEX)
  17. Julius Ludwig Pfeiffer: Das Tierschutzgesetz vom 24. Juli 1972. Die Geschichte des deutschen Tierschutzrechts von 1950 bis 1972. (Rechtshistorische Reihe, Band 294), Bern / Frankfurt am Main, 2004, Verlag Peter Lang, ISBN 3-631-52708-X
  18. Daniel Jütte: "Schächtet für Deutschland. Als Muslime schon einmal rituell schlachten durften." In FAZ vom 17. Januar 2002, S. 44.
  19. "Heil Göring". Kladderadatsch, September 1933
  20. Daniel Jütte: Tierschutz und Nationalsozialismus. Die Entstehung und die Auswirkungen des nationalsozialistischen Reichstierschutzgesetzes von 1933. IDB Münster. Ber. Inst. Didaktik Biologie Suppl. 2 (2002) [2] (PDF; 388 kB). S. 180/181
  21. Andrea Heubach: "Hitler war Vegetarier" – über die Zuschreibung menschenfeindlicher Tierliebe. In: Chimaira – Arbeitskreis für Human-Animal Studies (Hg.): Tiere, Bilder, Ökonomien. Aktuelle Forschungsfragen der Human-Animal Studies. Transcript Verlag. Bielefeld 2013. S. 213-239. S. 229.
  22. Julius Ludwig Pfeiffer: "Das Tierschutzgesetz vom 24. Juli 1972. Die Geschichte des deutschen Tierschutzrechts von 1950 bis 1972 (= Rechtshistorische Reihe; Bd. 294)". Bern und Frankfurt a. M.: Peter Lang 2004. ISBN 3-631-52708-x
  23. Daniel Jütte: Tierschutz und Nationalsozialismus. Die Entstehung und die Auswirkungen des nationalsozialistischen Reichstierschutzgesetzes von 1933. IDB Münster. Ber. Inst. Didaktik Biologie Suppl. 2 (2002) [3] (PDF; 388 kB).
  24. Almuth Hirt, Christoph Maisack und Johanna Moritz: Tierschutzgesetz. 2. Auflage. München: Verlag Franz Vahlen 2007. ISBN 978-3-8006-3230-5