Till Lindemann

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Till Lindemann (2009)

Till Lindemann (* 4. Januar 1963 in Leipzig) ist ein deutscher Sänger, Schlagzeuger, Dichter, gelegentlich auch Schauspieler und bildender Künstler. Er ist bekannt als Frontsänger in den Tonlagen Bass und Bariton sowie Textdichter der Band Rammstein, schreibt aber auch unabhängig davon Gedichte.

Leben[Bearbeiten]

Kindheit und Jugend[Bearbeiten]

Lindemann wuchs in Wendisch Rambow bei Bad Kleinen im heutigen Mecklenburg-Vorpommern auf. Sein Vater Werner Lindemann war ein in der DDR sehr bekannter Kinderbuchautor. Seine Mutter, Brigitte „Gitta“ Lindemann, ist Journalistin und war von 1992 bis 2002 beim Norddeutschen Rundfunk in Schwerin als Kulturchefin von NDR 1 Radio MV tätig.

Mit neun Jahren dichtete Lindemann erste lyrische Fragmente.[1] Nachdem Lindemann – der für SC Empor Rostock schwamm – 1978 bereits an der Jugend-EM im Schwimmen über 1500 Meter teilgenommen hatte und Siebter wurde, wurde er auch für die Olympischen Spiele 1980 in Moskau berücksichtigt. Ihm wurde jedoch die Teilnahme verwehrt, da er sich während der Jugend-Schwimm-EM in Florenz unerlaubt aus dem Hotel entfernt hatte. Nach einer Verletzung beendete er seine Karriere 1979 und begann eine Lehre als Bautischler, Korbmacher, Galerietechniker und Stellmacher.

Seine musikalische Karriere begann Lindemann noch zu DDR-Zeiten als Schlagzeuger der Punkband First Arsch.

Seit der Wende[Bearbeiten]

Lindemann live (2010)

Seit den frühen 1990er Jahren ist er mit dem Elektro-Punk-Musiker Knarf Rellöm eng befreundet, ohne jedoch bisher öffentlich mit diesem zusammen musiziert zu haben. In Schwerin traf er auf Richard Zven Kruspe, der Lindemann für eine ideale Besetzung für ein neues Band-Projekt hielt. Kruspe gründete daraufhin zusammen mit Lindemann, Oliver Riedel und Christoph Schneider die Band Rammstein. Wenig später stießen Gitarrist Paul Landers und Keyboarder Christian Lorenz hinzu.

Seit 1991 schreibt Till Lindemann Gedichte. Manche Stücke gab er im Lauf der Zeit an Gert Hof, der die Bühnenshow für Rammstein inszeniert, weiter. Dieser wählte dann aus 1000 Gedichten diejenigen aus, die seiner Ansicht nach am passendsten für ein Buch waren. 2002 brachten Till Lindemann und Gert Hof beim Eichborn Verlag den Gedichtband unter dem Namen Messer heraus. Die darin enthaltenen Gedichte schrieb er in den Jahren 1995 bis 2002 unabhängig von seiner Tätigkeit bei Rammstein. 2013 erschien mit In stillen Nächten ein weiterer Gedichtband.

Lindemann ist seit 1996 ausgebildeter Pyrotechniker, was zum Kernelement der Bühnenshow auf Rammstein-Konzerten wurde.

Im Jahr 2000 trat er bei den Puhdys als Gastsänger für das Stück Wut will nicht sterben auf. 2007 trat er bei Apocalyptica als Gastsänger für eine Neuinterpretation des David-Bowie-Liedes Heroes in Erscheinung. Das Musikstück wurde unter dem Titel Helden auf dem Album Worlds Collide veröffentlicht.[2] Im September 2011 hatte Lindemann einen Gastauftritt in Knorkators Musikvideo zur Single Du nich.[3]

Das amerikanische Label Roadrunner Records listet Till Lindemann auf Platz 50 der The 50 Greatest Metal Frontmen of all Time.[4]

Am 6. April 2011 wurde bekannt, dass er und die Schauspielerin Sophia Thomalla ein Paar sind.[5]

2014 stellte Lindemann zwei Plastiken in einer Dresdner Galerie aus[6] und schrieb im Frühjahr desselben Jahres einen Song für das Roland Kaiser Album Seelenbahnen. Die Noten für die Melodie entstand hingegen in Zusammenarbeit zwischen Till und Kaiser.[7]

Lindemann ist geschieden und hat zwei Töchter sowie einen Enkel. Aktuell besitzt Lindemann Wohnungen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin.[8]

Sprachlicher Stil[Bearbeiten]

Till Lindemann (2004)

Lindemanns Sprache ist stets bilderreich, oft feinfühlig und romantisch-anachronistisch, bisweilen auch brachial und blutrünstig. Letztere zwei Punkte sind auf Lindemanns Menschenbild zurückzuführen, das bei dem Sänger naturalistisch-archaisch ausgeprägt ist.[9]

Ein deutliches Charakteristikum seiner Texte ist die reine Beschreibung vergangener oder auch gegenwärtiger Ereignisse. So bezieht sich das Lied Donaukinder auf den Baia-Mare-Dammbruch und dessen Folgen, Mein Teil behandelt Armin Meiwes, dem „Kannibalen von Rotenburg“ und Wiener Blut basiert auf dem Fall Josef Fritzl, der seine Tochter 24 Jahre lang im Keller gefangen hielt und mit ihr sieben Kinder zeugte. In den Fällen, in denen eine konkrete Person als Täter auszumachen ist, beschreibt Lindemann stets aus dessen Perspektive. Besonders bei Liedern lässt Lindemann offen, wie er den Inhalt der Verse bewertet. Bestrafe mich ist ein ein Beispiel für solche Chiffrenlyrik; es bleibt dem Hörer/Leser überlassen, den Text auf die Unterwerfung vor Gott oder derselben vor einem Sexualpartner zu beziehen.

Hilf mir ist als einziges Lied mit konkretem Appell anzusehen, bleibt jedoch in den Strophen stets beschreibend im Leid des lyrischen Ichs.

Heirate mich aus dem ersten Rammstein-Album Herzeleid war das erste Stück, dem von den Medien totalitäre Parolen nachgesagt wurden. Die „Hei-“Rufe der Gitarristen Kruspe und Landers wurden fälschlicherweise als „Heil“-Rufe gedeutet. Mittlerweile gebraucht Lindemann pseudo-totalitäre Parolen wie in den Texten zu Rammlied, Führe mich und Links 2 3 4 als provokatives Stilmittel. Ich will, Haifisch und Waidmanns Heil sind diesem Motiv ebenfalls zuzurechnen, jedoch in abgeschwächter Form. Oftmals wird diesen Texten der provokativ-„faschistische“ Unterton erst durch die Interpretation - akustisch wie optisch - gegeben.

In den wenigen Fällen, in denen Lindemann sich fremden Sprachen für einen Text bemächtigt (Te quiero puta, Pussy, Frühling in Paris, Moskau), haben diese stets einen sexuellen Bezug.

Literarische Motive[Bearbeiten]

In Lindemanns Texten sind einige Motive auszumachen, die sich von Herzeleid bis In stillen Nächten hinziehen.[10] Allgemein lassen sich Lindemanns Texte in drei Kategorien einteilen: Texte, die das Erfahren von Leid zum Thema haben; solche, die die Ausübung von Gewalt beschreiben, welche wiederum Leid nach sich ziehen und solche, in denen Leid erfahren und verursacht wird.

Sehnsucht geht in Texten letzterer Kategorie oft laufend über in Hass, Demütigung oder Tod, so in Halt, in dem ein Misanthrop zum Mörder wird.

Das lyrische Ich als Leidender[Bearbeiten]

In den Texten zu den Liedern Eifersucht, Adios, Nebel, Ohne dich, Roter Sand und Spring wird der Tod bzw. die Todessehnsucht verarbeitet. In sämtlichen dieser Texte ist das lyrische Ich, sofern es denn existiert, das Opfer.

Leiden und Gebrechen sind die Motive von Herzeleid, Sehnsucht, Mutter, Mann gegen Mann, Hilf mir, Bückstabü und Liebe ist für alle da, immer wieder in ganz anderer Form, oft in pathologisch anmutenden Beschreibungen. Auch hier kann man das lyrische Ich, sofern es denn existiert, stets als hilfsbedürftig ansehen. Das Gefühl der inneren Kälte ist ein Unterkomplex des Leidens und kommt in Lindemanns Texten zu Seemann sowie Keine Lust zum Ausdruck. Auch hier lassen sich wieder Parallelen zum Wasser ziehen, im Falle von Keine Lust in Form von Schnee.

Heirate mich behandelt das Heiratsmotiv in Kombination mit Nekrophilie, der simple Text von Du hast thematisiert die Ablehnung eines Heiratsantrages, wie auch Stein um Stein.

Multiple Persönlichkeitsstörung und bzw. oder Hermaphroditismus spricht Lindemann in Zwitter, Ich find mich gut und Führe mich an.

Das lyrische Ich als Gewaltausübender[Bearbeiten]

Inzest und Pädophilie stehen in Tier, Spiel mit mir, Halleluja und Wiener Blut im Vordergrund.

Mit vergleichsweise „harmlosen“ Formen der sexuellen Nötigung oder Vergewaltigung befassen sich Wollt ihr das Bett in Flammen sehen, Du riechst so gut, Liebe ist für alle da und Liese.

Verschmelzung von Leiden und Gewaltausübung[Bearbeiten]

Bestrafe mich, Bück dich, Feuerräder und Ich tu dir weh befassen sich mit Sadomasochismus. Nekrophilen Thematiken widmete Lindemann sich in den Texten zu Heirate mich und Mein Teil sowie Eifersucht, in denen Kannibalismus als erotische Fantasie bzw. konkrete Umsetzung angesprochen wird.

Feuer und Wasser[Bearbeiten]

Seemann, Feuer und Wasser und Reise, Reise, Ich tu dir weh nehmen Motive aus der Seemannssprache auf. In allen angeführten Beispielen haben Wasser bzw. Seefahrt eine sexuelle bzw. erotische Komponente. Zur Interpretation lässt sich Lindemanns Zeit als Schwimmer anführen.

Wollt ihr das Bett in Flammen sehen, Asche zu Asche, Mein Herz brennt, Feuer frei!, Benzin, Feuer und Wasser und Hilf mir greifen Themen zum Komplex Feuer und Pyromanie auf; Lindemann ist Pyrotechniker.

Intertextuelle Bezüge[Bearbeiten]

Bewahret einander vor Herzeleid,
denn kurz ist die Zeit,
die ihr beisammen seid. [...]“

auf.

Symbolik[Bearbeiten]

Das Herz ist Lindemanns wichtigstes Symbol. Diese Rolle kommt dem Organ u.a. in Mein Herz brennt, Eifersucht, Halt und im gesamten Gedichtband In stillen Nächten zu.

Der Fisch wird von Lindemann oftmals als sexuelles Synonym anstatt unpoetischer Worte genutzt. Als Beispiele hierfür lassen sich Laichzeit, Reise, Reise und 3 x Fisch nennen.

Tränen sind die Symbole in Haifisch, Gib mir deine Augen, Ferien, Vatertag, Amsterdam und Sehnsucht. Nahezu immer stehen sie im Zusammenhang mit der See. In Bück dich wird die Träne als Synonym für Sperma verwendet, Lindemann verwendet den Begriff also in ganz anderen Kontexten, immer wieder (beispielsweise in Donaukinder) auch zum gesamten Wasser-Komplex.

Werk[Bearbeiten]

Bücher[Bearbeiten]

Diskografie[Bearbeiten]

Für Veröffentlichungen mit Rammstein siehe Rammstein/Diskografie.

  • 1999: Wut will nicht sterben (Wurde von den Puhdys mit Unterstützung von Till Lindemann gespielt. In der endgültigen Verkaufsfassung wurde jedoch Till Lindemanns Stimme durch eine andere ersetzt. Grund dafür waren vertragsrechtliche Bestimmungen zwischen Rammstein und ihrer Plattenfirma)
  • 2003: Schtiel (Von Till Lindemann und Richard Kruspe anlässlich des 100-jährigen Jubiläums von Harley-Davidson gecovertes Lied der Band Aria, die Auflage betrug nur etwa 400 Stück)
  • 2007: Helden (Erschien auf dem Album Worlds Collide (Apocalyptica) mit Till Lindemann als Sänger und Richard Z. Kruspe als Gitarrist, David-Bowie-Cover)[13]

Filmografie[Bearbeiten]

Hörfunk[Bearbeiten]

  • Thomas Gaevert: Irgendein Mike Oldfield neuerdings – Eine Vater-Sohn-Geschichte, Produktion Südwestrundfunk, Erstsendung 10. Oktober 2011 SWR2

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Till Lindemann: In stillen Nächten, Kiepenheuer & Witsch, 2013, S. 7.
  2. Rammstein-Austria: Apocalyptica feat. Till Lindemann (Version vom 5. Dezember 2008 im Internet Archive)
  3. Musikvideo der Woche: Knorkator – Du nich
  4. Aufgerufen am 16. Februar 2013
  5. Lindemann und Thomalla sind ein Paar
  6. Juliane Bauermeister: Die bizarre Kunst​ des Rammstein-​Sängers​. Ein kleiner Jesus schwebt über einer „Line Koks“, in den Armen hält er einen Penis. Willkommen in der neuen Ausstellung des Dresdner Galeristen Holger John (53). Bild.de, 2014, abgerufen am 19. Februar 2014 (deutsch).
  7. Rammstein-Sänger hat Songtext für Roland Kaiser geschrieben
  8. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatVincent Grundke: Rammstein-Poet Till Lindemann wird heute 51. Heute feiert das freche Mundwerk von Rammstein die 51 - Sänger Till Lindemann hat Geburtstag. Er kam am 4. Januar 1963 in Leipzig zur Welt, ist heute Musiker, Pyrotechniker und Poet. Ampya, 4.1.2014, abgerufen am 19. Februar 2014 (deutsch).
  9. Animalische Triebe in neuem Lyrikband. Rammstein“-Frontmann Till Lindemann glaubt an das Tier im Menschen und an die Sexualität als das „gewaltigste Potenzial“, wie er anlässlich der Veröffentlichung von seinem zweiten Gedichtband verriet. Bunte, 2013, abgerufen am 19. Februar 2014 (deutsch).
  10. In stillen Nächten. Gedichte. Kiepenheuer & Witsch, 2013, abgerufen am 23. Dezember 2013 (deutsch).
  11. rammimages.com Offizieller ROSENROT-Pressetext von Thorsten Zahn
  12. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/verstehen-sie-haas-indizier-mich-ursula-a-660751.html
  13. Rezension zu Worlds Collide auf HeavyHardes.de