Timothy Snyder

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Timothy David Snyder (* 18. August 1969) ist ein US-amerikanischer Historiker und Professor an der Yale University. Seine Forschungsschwerpunkte sind Osteuropäische Geschichte und Holocaustforschung.

Leben[Bearbeiten]

Snyder studierte von 1987 bis 1991 Europäische Geschichte und Politikwissenschaft an der Brown University in Providence, Rhode Island, und promovierte 1997 als British Marshall Scholar an der University of Oxford. Nach Forschungsaufenthalten am Centre Nationale des Recherches Scientifiques in Paris (1994-1995) und dem Olin Institute for Strategic Studies der Harvard University (1997) war er von 1998 bis 2001 Academy Scholar am Center for International Affairs in Harvard. Snyder verbrachte auch mehrere Forschungsaufenthalte am Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) in Wien, wo er seit 2008 Permanent Fellow ist und den Forschungsschwerpunkt "Vereintes Europa - Geteilte Geschichte" leitet.

Seit 2001 ist Snyder Bird White Housum Professor für Geschichte an der Yale University. Für seine geschichtswissenschaftlichen Arbeiten erhielt er mehrfach Auszeichnungen, darunter 2003 den George Louis Beer Prize der American Historical Association.

Snyders 2010 veröffentlichtes Buch Bloodlands, das Massenmorde und Vernichtungspolitik durch das nationalsozialistische und das sowjetische Regime in den Jahren von 1933–1945 erörtert, wurde in 28 Sprachen übersetzt und erhielt zahlreiche Preise, darunter den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung sowie den Ralph-Waldo-Emerson-Preis. Mit dem Begriff "Bloodlands" meint Snyder ein Gebiet, das das östliche Polen, Weißrussland, den Westteil Russlands, das Baltikum, Teile der Ukraine sowie das frühere Ostpreußen umfasst:[1] Hier seien die höchsten Opfer unter der Zivilbevölkerung durch die beiden Regime zu verzeichnen gewesen.

Den Holocaust verortet Snyder als eines von mehreren im Frühsommer 1941 geplanten großen Ausrottungsprojekten der NS-Führung neben dem Vernichtungskrieg gegen die UdSSR, dem Hungerplan gegen deren Einwohner sowie dem Generalplan Ost.[2] Bei der Betrachtung des Holocaust selbst plädiert er für eine stärkere Fokussierung auf die Aktion Reinhardt, da sie mit ihren Vernichtungslagern Belzec, Sobibor und Treblinka noch mehr Opfer als das Vernichtungslager Auschwitz gefordert habe und eine angemessene Sicht auf den Aspekt ermögliche, dass die Mehrheit der ermordeten Juden aus Osteuropa stamme.[3]

In einer ausführlichen Kritik wirft der am Institut für Zeitgeschichte arbeitende Historiker Jürgen Zarusky Snyder vor, mit dem Begriff „Bloodlands“ keine historische Landschaft und das Geschehen in ihr zu beschreiben, sondern ein Konstrukt zu entwickeln, das historisch zusammenhängende Phänomene teils zerschneide, teils künstlich aufeinander beziehe. Snyder überbetone zudem vermeintliche Ähnlichkeiten von NS-Herrschaft und Stalinismus.[4] Auch andere Kritiker bemängeln, Snyder betreibe in dem Buch eine zu starke Gleichsetzung der beiden Diktaturen.[5] Snyder selbst argumentiert in Bloodlands und anderen Publikationen, dass die Einbettung der Geschehnisse in den historischen und regionalen Kontext sowie das Wissen um die Funktionsweisen anderer Regime notwendig seien, um den spezifischen Charakter des Holocaust und des Hitler-Regimes besser verstehen zu können.[6]

Sein jüngstes Buch Nachdenken über das 20. Jahrhundert entstand aus zahlreichen Gesprächen mit seinem 2010 verstorbenen Freund und Historikerkollegen Tony Judt, der vor dem Hintergrund seiner eigenen Familiengeschichte Bilanz über die großen politischen Ideen der Moderne zieht.

Snyder schreibt regelmäßig Beiträge für The New York Review of Books und The New York Review of Books Blog. Seine Buchrezensionen erscheinen in der Literaturbeilage der Times und akademischen Zeitschriften wie Slavic Review, Historically Speaking, American Historical Review, Journal of Modern History, Journal of Cold War Studies und The International History Review. Artikel von Timothy Snyder sind u.a. in folgenden Magazinen und Zeitschriften erschienen: Prospect, Transit, Die Presse, Christian Science Monitor, The Guardian, Chicago Tribune, Boston Globe, The New York Times und The New Republic. Im Dezember 2013 erhielt Snyder den von der Hansestadt Bremen und der Heinrich-Böll-Stiftung gemeinsam vergebenen Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken.[7]

Snyder ist verheiratet mit der Historikerin Marci Shore, die ebenfalls an der Yale University arbeitet und deren Buch The Taste of Ashes ins Deutsche übersetzt wurde.[8]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten]

  • The Economic Crisis of Perestroika. Council on Economic Priorities, 1991.
  • Nationalism, Marxism, and Modern Central Europe: A Biography of Kazimierz Kelles-Krauz, 1872-1905. Harvard Ukrainian Research Institute/Harvard University Press, 1997.
  • The Wall Around the West. State Borders and Immigration Controls in Europe and North America. Rowman and Littlefield, Lanham 2000, hrsg. zusammen mit Peter Andreas.
  • The Reconstruction of Nations. Poland, Ukraine, Lithuania, Belarus, 1569–1999. Yale University Press, New Haven 2003.
  • Sketches from a Secret War. A Polish Artist's Mission to Liberate Soviet Ukraine. Yale University Press, New Haven 2005.
  • The Red Prince. The Secret Lives of a Habsburg Archduke. Basic Books/Random House, New York 2008.
  • Bloodlands. Europe between Hitler and Stalin. Basic Books, New York 2010, ISBN 978-0-465-00239-9.[9]
  • Der Holocaust. Die ausgeblendete Realität. In: Eurozine, 18. Februar 2010 (zuerst als Holocaust: The Ignored Reality. In: The New York Review of Books, 16. Juli 2009; ins Deutsche übersetzt von Ulrich Enderwitz, gedruckt in: Transit, Heft 38, 2009, S. 6–19).
  • Tony Judt, mit Timothy Snyder: Nachdenken über das 20. Jahrhundert. Aus dem Englischen von Matthias Fienbork. Hanser, München 2013

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Siehe diese Karte.
  2. Timothy Snyder: Bloodlands: Europa zwischen Hitler und Stalin. C.H. Beck, München 2011, S. 187–234; englischsprachige Ausgabe: Bloodlands. Europe between Hitler and Stalin. Basic Books, New York 2010, S. 187–223; vgl. Timothy Snyder: Der Holocaust. Die ausgeblendete Realität. In: Eurozine, 18. Februar 2010, gedruckt in: Transit, Heft 38, 2009, S. 6–19, hier S. 9 f.
  3. Timothy Snyder: Bloodlands: Europa zwischen Hitler und Stalin. C.H. Beck, München 2011, S. 261–284; englischsprachige Ausgabe: Bloodlands. Europe between Hitler and Stalin. Basic Books, New York 2010, S. 253–276; vgl. Timothy Snyder: Der Holocaust. Die ausgeblendete Realität. In: Eurozine, 18. Februar 2010, gedruckt in: Transit, Heft 38, 2009, S. 6–19, hier S. 7–11.
  4. Jürgen Zarusky: Timothy Snyders „Bloodlands“ – kritische Anmerkungen zur Konstruktion einer Geschichtslandschaft, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 60 (2012), Heft 1, S. 1–31. (Abstract)
  5. Vgl. die Debatte auf Guardian.co.uk zwischen Timothy Snyder, Efraim Zuroff und Neal Ascherson, sowie die Besprechungen auf economist.com, wsj.com und nybooks.com.
  6. Vgl. Klaus Wiegrefe: Ein Apparat effizienten Tötens. In: Der Spiegel, Heft 2011/28.
  7. Hannah-Arendt-Preis 2013 geht an US-Historiker. Ehrung für Timothy Snyder. In: Weser-Kurier, 7. Dezember 2013.
  8. http://derstandard.at/1392686761261/Niemand-der-den-Krieg-ueberlebt-hat-ist-normal
  9. Vgl. Stefan Troebst: Rezension zu: Snyder, Timothy: Bloodlands. Europe Between Hitler And Stalin. New York 2010. In: H-Soz-u-Kult, 11. Februar 2011, abgerufen am 11. Februar 2011.
  10. Vgl. Wigbert Benz: Rezension zu: Timothy Snyder, Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin, C. H. Beck Verlag, München 2011 (PDF; 97 kB). In: Archiv für Sozialgeschichte (online) 52 ( 2012), 18. November 2011, zuletzt abgerufen am 4. Juli 2012.