Tochter Zion, freue dich

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Zur biblischen Bedeutung siehe Tochter Zion

Das in Deutschland als Adventslied bekannte Stück Tochter Zion, freue dich mit seinen nur sechzehn unterschiedlichen Takten basiert auf von Friedrich Heinrich Ranke (1798–1876) umgetexteten Chorsätzen aus Georg Friedrich Händels Oratorien Judas Maccabäus und Joshua.

Die englischsprachigen händelschen Originalchöre[Bearbeiten]

Chorsatz aus Händels Oratorium Joshua

Im Jahre 1747 komponierte Händel den Satz „See, the Conqu'ring hero comes“ im 3. Akt des Oratoriums Joshua (HWV 64) zu den folgenden Worten des Librettisten Thomas Morell (1703–1784):

„See the conqu’ring hero comes,
Sound the trumpets, beat the drums,
Sports prepare, the Laurel bring,
Songs of triumph to him sing.“

Den Chor, der Terzparallelen in den Oberstimmen enthält,[1] fügte Händel auch in die 1751 entstandene Neufassung seines Oratoriums Judas Maccabaeus (HWV 63) ein. Das Oratorium ist in Allegorie zu dem jüdischen Freiheitskämpfer Judas Makkabäus dem William Augustus, Duke of Cumberland zugeeignet worden, dessen vernichtenden Sieg über die schottischen Freiheitskämpfer in der Schlacht von Culloden am 16. April 1746 er feiert. Seither gehört die Melodie ins feste Repertoire englischer patriotischer Gesänge und wird als eines der Hauptthemen in der Fantasia on British Sea Songs von Henry Wood (1905) jährlich in der Last Night of the Proms aufgeführt.

Das Kirchenlied im Vergleich zu den Chorvorlagen[Bearbeiten]

Der vierstimmige Chorsatz, den Ranke seinem Kirchenlied zugrunde legt, erscheint im Joshua wie auch im Judas Maccabäus erst nach jeweils einem dreistimmigen und zweistimmigen Einsatz als voller vierstimmiger Chorsatz. Händels Chorsätze aus Judas Maccabäus und Joshua stehen in G-Dur. Die spätere Version Rankes für vierstimmigen Chor steht dagegen in Es-Dur und weicht in rhythmischer Hinsicht in Takt 7 und 9 von der Version Händels in Takt 7 und 18 ab. Die sequenzierte Wiederholung von Takt 9 in Takt 13 erfolgt im Lied im abwärts gerichteten Intervall einer Terz. Die analogen Takte 17 und 21 in Händels Chor verwenden hierfür ein aufwärts gerichtetes Quartintervall. Im vorletzten Takt beider Stücke (Takt 17 bzw. Takt 23) verwendet Händel eine abwärts und danach aufwärts gerichtete Stufenbewegung, während das Lied eine um den Ton h pendelnde Bewegung ausführt.

Zwischen dem vierstimmigen Chorsatz aus Judas Maccabäus und dem Joshua sowie zum Lied Rankes bestehen einige wenige Unterschiede. Während der aufwärts gerichtete Stufengang in Achteln in Takt 3 sowohl im Joshua wie im Lied in Takt 5 um das Intervall einer Sekunde nach oben versetzt wiederholt wird, verwendet Händel im Judas Maccabäus an den analogen Stellen das Intervall der Quarte.

Gemeinsam ist dem Lied und den händelschen Versionen die einfache akkordische Struktur in gängigen Kadenzstufen sowie die in allen vier Stimmen simultane Deklamation des Textes.

Das deutsche Adventslied[Bearbeiten]

Chorsatz von Tochter Zion, freue dich

Das Adventslied Tochter Zion, freue dich (GL 228, EG 13, RG 370 und MG 240) entstand in seiner jetzigen Form erst um 1820 in Erlangen, als der evangelische Theologe Friedrich Heinrich Ranke einen Text nach Sach 9,9 LUT auf den Chorsatz von Georg Friedrich Händel legte und zwei weitere Strophen beifügte, die das kommende, ewige Friedensreich Jesu Christi besingen.[2] Ranke entwarf es für den musikalischen Salon von Karl Georg von Raumer. Dessen Schwägerin Louise Reichhardt[3] veröffentlichte das Lied 1826 in ihrer in Hamburg herausgegebenen Sammlung Christliche, liebliche Lieder, unter der Überschrift „Am Palmsontage“. Über diese Publikation gelangte das Lied in Schulliedersammlungen und wurde populär.[4]

Der Text[Bearbeiten]

Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem!
Sieh, dein König kommt zu dir, ja, er kommt, der Friedefürst
Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem!
Hosianna, Davids Sohn, sei gesegnet deinem Volk!
Gründe nun dein ewges Reich, Hosianna in der Höh!
Hosianna, Davids Sohn, sei gesegnet deinem Volk!
(Sieh! er kömmt demüthiglich
Reitet auf dem Eselein,
Tochter Zion freue dich!
Hol ihn jubelnd zu dir ein.)[5]
Hosianna, Davids Sohn, sei gegrüßet, König mild!
Ewig steht dein Friedensthron, du des ewgen Vaters Kind.
Hosianna, Davids Sohn, sei gegrüßet, König mild!
Einzug Jesu in Jerusalem

Zum Liedtext[Bearbeiten]

In dem in der ersten Strophe zitierten Sacharja-Text wird die allegorische Person Zion (das personifizierte Jerusalem) aufgerufen, sich darüber zu freuen, dass der in den folgenden Strophen umjubelte Davidssohn zu ihr kommt:

„Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze!
Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf
einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. (Sach 9,9 LUT)“

Der Liedtext ist eng mit den ersten beiden Adventswochen verbunden. So lautet der Introitus des 2. Adventssonntags: „Populus Sion, ecce Dominus veniet ad salvandas gentes“, „Volk von Zion, siehe, der Herr wird kommen, zu retten die Völker.“ Am ersten Sonntag im Advent wird in der evangelischen Kirche der Einzug Jesu in Jerusalem (Mt 21,1–9 LUT) als Evangelium gelesen:

„Dies geschah aber, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch das Wort des Propheten: ‚Saget der Tochter Sion: siehe, dein König kommt zu dir sanftmüthig und reitend auf einem Esel und einem Füllen, dem Sprößling des Saumthieres‘. […] Die Massen aber, die ihm vorausgiengen, und die nachfolgten, riefen: ‚Hosianna dem Sohn Davids, gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn‘,[6] Hosianna in der Höhe.“

Matthäus 21,4–5.9[7]

Die auf Jesus bezogenen messianischen Hoheitstitel wie Friedefürst und der Ewigkeitsbezug stammen aus dem zu Weihnachten gelesenen Jesajavers 9,5f. LUT: „Uns ist ein Kind geboren. Ein Sohn ist uns gegeben. […] Und er heißt: […] ewig Vater, Friedefürst.“

Das zugrunde liegende Thema, dass sich Zion auf die Ankunft des Herrn freut, wird schon als endzeitliche Hochzeitsvorbereitung in dem evangelischen Kirchenlied Wachet auf, ruft uns die Stimme verarbeitet. Dort heißt es in der zweiten Strophe:[8]

„Zion hört die Wächter singen,
Das Herz tut ihr vor Freuden springen,
Sie wachet und steht eilend auf.“

Auch in der Alt-Arie Bereite Dich Zion aus Bachs Weihnachtsoratorium wird dieses Thema behandelt:

„Bereite dich, Zion, mit zärtlichen Trieben,
Den Schönsten, den Liebsten bald bei dir zu sehn!
Deine Wangen – Müssen heut viel schöner prangen,
Eile, den Bräutigam sehnlichst zu lieben!“

Im Dritten Reich wurde das Lied wie etliche andere Lieder aufgrund des nationalsozialistischen antichristlichen und antisemitischen Drucks auf die Religionsausübung aus Weihnachtsliedersammlungen entfernt.[9]

Die Melodie[Bearbeiten]

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 \addlyrics { \set stanza = #"1. "  Toch -- ter Zi -- on, freu -- e dich, jauch -- ze laut, Je -- ru -- sa -- lem!
Sieh, __  dein Kö -- nig kommt zu dir, ja, __ er kommt, der Frie -- de -- fürst! Ho -- si -- an -- na, Da -- vids Sohn, sei __ ge -- seg -- net dei -- nem Volk! }

Quelle: Notierung aus dem Rheinisch-Westfälischen Provinzial–Gesangbuch, 1893

Das Osterlied[Bearbeiten]

In englischsprachigen Ländern sowie in Norwegen und in den Niederlanden dient die Melodie unter dem Namen Judas Maccabaeus auch dem Osterlied Thine is/be the glory, risen, conqu’ring Son, Deg være ære beziehungsweise U zij de Glorie. Der zunächst französisch geschriebene Text von Edmond Louis Budry wurde 1885 in Chants Évangeliques in Lausanne veröffentlicht,[10] 1923 von Richard B. Hoyle ins Englische [11] und 1947 von Arne Fjelberg ins Norwegische übertragen. Auch in der Romandie gilt dieses Lied als Osterlied mit dem französischen Text:

Der französische Text[Bearbeiten]

Die Auferstehung. Bild von J.H. Tischbein d.Ä.

„À toi la gloire, O Ressuscité!
À toi la victoire pour l’éternité!
Brillant de lumière, l’ange est descendu,
Il roule la pierre du tombeau vaincu.
À toi la gloire, O Ressuscité!
À toi la victoire pour l’éternité!

Vois-le paraître: C’est lui, c’est Jésus,
Ton Sauveur, ton Maître, Oh! ne doute plus!
Sois dans l’allégresse, peuple du Seigneur,
Et redis sans cesse: Le Christ est vainqueur!
À toi la gloire, O Ressuscité!
À toi la victoire pour l’éternité!

Craindrais-je encore? Il vit à jamais,
Celui que j’adore, le Prince de paix;
Il est ma victoire, mon puissant soutien,
Ma vie et ma gloire : non, je ne crains rien!
À toi la gloire, O Ressuscité!
À toi la victoire pour l’éternité!“

Weitere Verwendungen und Variationen[Bearbeiten]

Die Gruppe Boney M. hat 1982 die Single Zion's Daughter herausgebracht, eine englische Version des Adventsliedes.

Die Melodie des Liedes wird auch für das Chanukkahlied Hava narima verwendet. [12] Ludwig van Beethoven hat 12 Variationen für Klavier und Cello (WoO 45) über das Thema komponiert. Der von Louis Oertel komponierte Graf-Waldersee-Marsch besitzt das Thema als Trio. Die deutsche Polit-Rockband Ton Steine Scherben verwendete das Thema des Stückes als Schlusssequenz ihres Songs Der Traum ist aus. Das Adventslied wird zu Karneval und auf Schützenfesten als Stimmungsmacher verwendet.

Literatur[Bearbeiten]

  • Evangelisches Gesangbuch. Ausgabe für die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau; Frankfurt am Main 1994
  • Programmheft der Berliner Singakademie zum Konzert am 29. Oktober 2006 (Judas Maccabaeus von G.F.Händel)
  • Gesangbuch für den Bereich der bisherigen Evangelischen Landeskirche in Nassau; Wiesbaden vor 1939
  • Hermann Petrich: Unser geistliches Volkslied; Gütersloh 1920
  • Ulrich Parent, Joachim Stalmann: Artikel Tochter Zion; in: Gerhard Hahn, Jürgen Henkys, Hans-Christian Drömann: Liederkunde zum Evangelischen Gesangbuch, Heft 5; Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2002; ISBN 978-3-525-50326-3; S. 17–21
  • Matthias Neufeld: Das Bild der Kirche im Singen der Gemeinde. Überlegungen zur Bedeutung des gesungenen Wortes für das Selbstverständnis der Kirche anhand ausgewählter Lieder des „Evangelischen Gesangbuchs“; Freiburger Dissertationsreihe, 7; Freiburg 2006, Online (PDF; 2,8 MB); S. 177f.222–225.293.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. durch die horizontalen Sekundenläufe in Achteln wechseln sich dabei oft große und kleine Terz vertikal ab
  2. Anne Gidion: Tochter Zion, freue dich - EG 13. In: Jochen Arnold, Klaus-Martin Bresgott (Hg.): Kirche klingt. 77 Lieder für das Kirchenjahr. (= Gemeinsam Gottesdienst gestalten, Bd. 19) Lutherisches Verlagshaus, Hannover 2011. ISBN 978-3-7859-1065-8. S. 291-293.
  3. Louise war die Tochter von Johann Friedrich Reichardt.
  4. Ulrich Parent, Joachim Stalmann: Artikel Tochter Zion; in: Gerhard Hahn, Jürgen Henkys, Hans-Christian Drömann: Liederkunde zum Evangelischen Gesangbuch, Heft 5; Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2002; S. 17. Quelle ist der Bericht von Johann Valentin Strebel: Ein musikalisches Pfarrhaus; Basel 1886; S. 21–23.
  5. Ursprünglich hatte der Text vier Strophen. Die dritte Strophe fehlt allerdings in Gesangbüchern. Ulrich Parent: Artikel Tochter Zion: Text; in: Gerhard Hahn, Jürgen Henkys, Hans-Christian Drömann (Hrsg.): Liederkunde zum Evangelischen Gesangbuch, Heft 5; Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2002; S. 18.
  6. Zitat aus Psalm 118 (siehe auch Benedictus qui venit …)
  7. Emil Kautzsch, Carl Weizäcker: Textbibel – Das Neue Testament; auf www.textbibel.de
  8. vergleiche auch die dazugehörende Bachkantate Wachet auf, ruft uns die Stimme, BWV 140
  9. Richard Faber: Säkularisierung und Resakralisierung – zur Geschichte des Kirchenlieds und seiner Rezeption; Königshausen & Neumann, 2001; S. 151.
  10. À toi la gloire auf www.hymntime.com
  11. Thine is the glory auf www.hymntime.com
  12. Yosef Goldenberg: Classical Music and the Hebrew Song Repertoire, Fußnote Nr. 5 auf Seite 2 und 3; auf www1.biu.ac.il (PDF; 327 kB)