Toggenburg

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Dieser Artikel befasst sich mit der Region Toggenburg. Weitere Bedeutungen siehe Toggenburg (Begriffsklärung).
Toggenburg mit Nesslau, im Hintergrund Wattwil
Toggenburg bei Starkenbach
östliches Ende des Toggenburgs vor dem Gefälle ins Rheintal

Das Toggenburg [ˈtɔkənˌbʊrɡ] ist eine Talschaft am Oberlauf des Flusses Thur und ein Wahlkreis im Kanton St. Gallen in der Schweiz. Der Name Toggenburg leitet sich vom Adelsgeschlecht der Toggenburger ab.

Geographie[Bearbeiten]

Das Toggenburg wird im Wesentlichen durch zwei Täler gebildet, das Thurtal und das Neckertal, benannt nach den Flüssen Thur und Necker. Höchster Berg ist der 2502 Meter hohe Säntis im Alpstein-Massiv. Das charakteristische Wahrzeichen des Toggenburg ist aber die Gebirgskette der Churfirsten. Beide Gebirge sind Teil der Appenzeller Alpen. Die Churfirsten (2306 m) bilden die südlichste Grenze des Toggenburgs, sie fallen gegen Süden fast senkrecht zum Walensee (419 m) ab. An der Ostflanke des Selun, eines der Churfirsten, befindet sich das Wildenmannlisloch, in dem prähistorische Funde gemacht wurden.

Das Toggenburg wird im Norden begrenzt durch den Fluss Thur bei Uzwil. Die zum heutigen Wahlkreis Wil gehörende Industriestadt Uzwil ist mit rund 12'000 Einwohnern die grösste Toggenburger Gemeinde. Nordwestlich des hügeligen Untertoggenburgs liegt das Fürstenland mit der Stadt Wil SG. Westlich grenzt die Region an den Hinterthurgau, das Zürcher Oberland und das Linthgebiet, südlich an den Walensee, östlich ans St. Galler Rheintal und nordöstlich an den Kanton Appenzell Ausserrhoden und Appenzell Innerrhoden.

Vom Toggenburg führen verschiedene Pässe in die angrenzenden Regionen. Von Wattwil nach Uznach im Linthgebiet führt der Rickenpass. Der Wildhauspass führt vom Obertoggenburg ins Rheintal. Von Nesslau ist das Appenzellerland über den Schwägalppass nach Urnäsch erreichbar. Ins Zürcher Oberland führt die Passstrasse über die Hulftegg zwischen Mosnang und Fischenthal.

Eigentlicher Hauptort des Toggenburgs ist Wattwil, die Grenze zwischen Unter- und Obertoggenburg. Das Obertoggenburg ist vor allem dank der Wintersportorte Wildhaus, Unterwasser und Alt St. Johann über die Grenzen hinaus bekannt.

Geschichte[Bearbeiten]

Das jüngere Wappen der Grafen von Toggenburg und bis 1798 das Wappen der Grafschaft Toggenburg

Das Toggenburg erhielt seinen Namen vom Adelsgeschlecht der «Toggenburger», das den grössten Teil des heutigen Toggenburgs im Mittelalter beherrschte. Daneben waren die Klöster St. Gallen und St. Johann im Thurtal sowie die Herren von Sax die wichtigsten Grundbesitzer. Eine der wichtigsten Personen in der Geschichte des Toggenburgs war Graf Friedrich VII. Er besass neben der Grafschaft Toggenburg, die ungefähr die Landschaft umfasste, die heute als Toggenburg bezeichnet wird, umfangreiche Besitzungen im Linthgebiet, Rheintal und Prättigau. Da er der letzte seines Geschlechts war, kam es nach seinem Tod 1436 zu einem längeren Konflikt zwischen der Stadt Zürich und den Ländern Glarus und Schwyz, dem Alten Zürichkrieg.

Wegen der unsicheren Lage nach dem Tod des letzten Grafen versammelten sich die Landleute des Toggenburgs 1436 zur ersten Landsgemeinde und ging ein Landrecht mit den eidgenössischen Kantonen Glarus und Schwyz ein. Als die Stammgüter der Toggenburger und damit auch das Toggenburg an die Herren von Raron gingen, mussten diese bereits ein Landrecht für das Toggenburg bestätigen. 1468 verkaufte Petermann von Raron das Toggenburg für 14'500 Gulden an die Fürstabtei St. Gallen. So kamen erstmals alle Rechte und Güter im Toggenburg unter eine Herrschaft. Der Fürstabt von St. Gallen herrschte nun als Monarch über die Grafschaft und liess sich durch einen Landvogt vertreten. Trotzdem blieb das Land Toggenburg verbündet mit Glarus und Schwyz und nahm an deren Seite am Burgunderkrieg, Schwabenkrieg und bei der Eroberung des Herzogtums Mailand teil.

Die Grafschaft Toggenburg als Teil der Fürstabtei St. Gallen auf einer Karte aus dem 18. Jahrhundert

Unter äbtischer Herrschaft war die Grafschaft Toggenburg in zwei Ämter eingeteilt, das Ober- und das Unteramt.

Als die Fürstäbte von St. Gallen versuchten, die Herrschaft in ihrem Land zu zentralisieren und die Gerichtsbarkeiten zu vereinheitlichen, kam es zu ersten Konflikten mit den Untertanen im Toggenburg. Diese verstärkten sich nach 1523, weil ein grosser Teil der Toggenburger Bevölkerung zur Reformation übertrat. 1530 erklärten sich das Toggenburg für unabhängig, musste aber im Toggenburgischen Landfrieden von 1538 wieder unter die Herrschaft der Abtei zurückkehren. Immerhin musste der Abt auf Druck der eidgenössischen Schirmorte Zürich, Glarus, Schwyz und Luzern den reformierten Glauben im Toggenburg dulden. Damit wurde das Toggenburg zu einer der wenigen Landschaften in der Alten Eidgenossenschaft, in der beide Konfessionen nebeneinander zugelassen waren. Bis heute zeugen in den meisten Gemeinden des Toggenburgs die Kirchen der zwei Konfessionen von diesem Zustand. Die Äbte von St. Gallen liessen nämlich im Zuge der Gegenreformation wo immer möglich neben dem reformiert gewordenen, älteren Gotteshaus ein neues katholisches Gotteshaus erbauen. Glaubensstreitigkeiten prägten das Toggenburg bis in die jüngste Gegenwart.

Die historischen Teile des Kantons St. Gallen. Rosarot die Grafschaft Toggenburg
Die Wahlkreise des Kantons St. Gallen

Das Verhältnis der Toggenburger zur Fürstabtei blieb gespannt. Es führte 1707 zu einer erneuten Unabhängigkeitserklärung, als die Abtei eine neue Strasse über den Ricken bauen lassen wollte. Die Toggenburger vermuteten, damit wolle der Abt sich militärische Hilfe von den katholischen Innerschweizern sichern. Die ganze Eidgenossenschaft wurde wegen des Konfliktes zwischen dem Abt und dem Toggenburg in den Toggenburgerkrieg (auch «Zweiter Villmerger-» oder «Zwölferkrieg» genannt) gestürzt. Nach dem Sieg der reformierten Orte musste zwar das Toggenburg im Badener Vertrag 1718 erneut die Hoheit des Abtes anerkennen, erhielt aber grössere Autonomie, so dass von einer konstitutionellen Monarchie des Abtes im Toggenburg gesprochen werden kann. Organ der Selbstverwaltung war der Landrat.

Nach der französischen Revolution kam es auch im Toggenburg wieder zu Unruhen. Am 1. Januar 1798 entliess der letzte fürstäbtische Landvogt Karl von Müller-Friedberg das Toggenburg eigenmächtig in die Unabhängigkeit und beendete damit endgültig die Herrschaft der Fürstabtei St. Gallen. Die Unabhängigkeit währte aber nur kurz, denn durch die Helvetische Verfassung wurde das Toggenburg gegen seinen Willen zweigeteilt. Das Untertoggenburg bis Wattwil gehörte in der Helvetischen Republik zum Kanton Säntis, das Obertoggenburg zum Kanton Linth. 1803 kamen beide Teile zum Kanton St. Gallen.

Im Kanton St. Gallen zerfiel das alte Toggenburg zuerst in die zwei Bezirke Unter- und Obertoggenburg, nach 1831 in die Bezirke Ober-, Neu-, Alt- und Untertoggenburg und wurden schliesslich 2003 zum Wahlkreis Toggenburg zusammengefasst. Teile des Bezirks Untertoggenburg fielen dabei an den Wahlkreis Wil.

Wirtschaft[Bearbeiten]

Bereits im 18. Jahrhundert wurde das Toggenburg durch den Einfluss der Textilhandelsstadt St. Gallen von der Frühindustrialisierung erfasst. Zahlreiche Verleger liessen in Heimarbeit auf den Bauernhöfen Textilien und Stickereien anfertigen. Im 19. Jahrhundert entstand die moderne Textilindustrie. Dank der vorhandenen Wasserkraft liessen sich in fast allen Dörfern zwischen Wil und Nesslau verschiedene Textilbetriebe nieder. Der grösste Betrieb war die 1835 in Wattwil gegründete Firma Heberlein & Co. (später Gurit-Herberlein AG und nach der Aufspaltung Gurit Holding AG und COLTENE Holding AG), die auch eine lokale Maschinenindustrie hervorbrachte und weltweit für die Kunstfaser Helanca bekannt war. Die Industrie sorgte auch für den Bau einer Bahnlinie zwischen Wil und Nesslau sowie zwischen St. Gallen, Wattwil und durch den Rickentunnel nach Rapperswil. Die Textilkrise nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges beendete die wirtschaftliche Blütezeit des Toggenburg.

Seit den 1990er Jahren wurde das Toggenburg von einer starken Deindustrialisierung erfasst, durch die auch die letzten Textilbetriebe verschwanden. Die in den 1960er Jahren entstandene Tourismusbranche konnte nur bedingt Ersatz bieten.

Während das Untertoggenburg (Neutoggenburg) vor allem durch die Maschinenbau- sowie Nahrungsmittelindustrie lebt, ist das südliche Toggenburg, v. a. im Obertoggenburg, eher von der Landwirtschaft, von lokaler Industrie und Gewerbe, sowie vom Tourismus geprägt. Im 19. Jahrhundert war die Textilindustrie, vor allem im Raume Wattwil der Hauptwirtschaftszweig. Nach verschiedenen Textilkrisen in der gesamten Ostschweiz spielt sie heute keine so zentrale Rolle mehr.

In Wildhaus und im Obertoggenburg begann sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Sommer- und Wintertourismus zu entwickeln, der ab den 1930er Jahren v.a. mit dem Bau von Bergbahnen (Iltiosbahn, Säntisbahn, "Funi" in Wildhaus u.a.) einen Aufschwung erlebte und noch heute eine zentrale Rolle in der Wirtschaft des obersten Toggenburgs spielt.

Verkehr[Bearbeiten]

Öffentlicher Verkehr[Bearbeiten]

Durch das Thurtal verläuft die Bahnstrecke (S9) von Wil SG nach Wattwil und Nesslau-Neu St. Johann. Ab Nesslau eine Postautostrecke in Richtung Wildhaus und Buchs SG. Vom Bodensee über St. GallenHerisau–Wattwil nach Rapperswil–Luzern fährt der Voralpen-Express der Südostbahn. Weitere Bus- und Postauto Linien führen unter anderem von Nesslau über die Schwägalp nach Urnäsch, durchs Neckertal nach Herisau und von Wattwil über den Rickenpass. Zahlreiche Bergbahnen sind vor allem touristisch von Bedeutung: so etwa von Wildhaus auf die Gamsalp, Unterwasser–Iltios–Chäserrugg, Alt St. Johann–Alp Sellamatt und Schwägalp–Säntis.

Politik[Bearbeiten]

Die Bezirkseinteilung des Kantons St. Gallen bis 2003
Die Gemeinden des Wahlkreises Toggenburg 2010

Politisch bildet der Grossteil des Toggenburgs seit der Verfassungsrevision des Kantons St. Gallen vom 1. Januar 2003 den Wahlkreis Toggenburg mit gut 45'000 Einwohnern. Er umfasst 2010 die politischen Gemeinden Wildhaus-Alt St. Johann, Stein, Nesslau-Krummenau, Ebnat-Kappel, Wattwil, Lichtensteig, Oberhelfenschwil, Hemberg, Neckertal, Krinau, Bütschwil, Lütisburg, Mosnang, Kirchberg und Ganterschwil.

Historisch und geografisch gehören auch die Gemeinden Degersheim, Flawil, Jonschwil, Oberuzwil und Uzwil zum Toggenburg. Sie sind Teil des Wahlkreis Wil.

Zwischen 1831 und 2003 war das Toggenburg in vier Bezirke aufgeteilt (von Norden nach Süden, mit alten Gemeinden):

Persönlichkeiten[Bearbeiten]

Kultur[Bearbeiten]

Das Toggenburg ist kulturell stark von seinem bäuerlichen Brauchtum geprägt. So gehören noch heute traditionelle Alpfahrten und Viehschauen zum Leben im Tal. Die sogenannte Bauernmalerei ist in dieser ruralen Kultur angesiedelt und zeigt v.a. das bäuerliche Leben.

Wie im benachbarten Appenzellerland ist im Toggenburg die original Streichmusik, bestehend aus Hackbrett, zwei Violinen, Cello und Bassgeige verbreitet. Auch die Jodeltradition (Naturjodel) wird noch heute im Tal und auf den Alpen gelebt; ähnliche Stile finden sich auch hier im ganzen Alpsteingebiet. Um diese Kultur erhalten zu können, wurde 2009 die Stiftung KlangWelt Toggenburg gegründet [1].

Das Toggenburg brachte namhafte Ländlerkapellen und- musikanten hervor. Darunter sind die Ländlerkapelle «Toggenburger Buebe» und der Akkordeonist und Musiklehrer Willi Valotti aus Nesslau.

Die Tagebuchaufzeichnungen Der Arme Mann in Tockenburg des Wattwiler Bauernsohns Ulrich Bräker gelten als das bedeutendste autobiographische Werk des 18. Jahrhunderts aus der sozialen Unterschicht. In der Ballade Ritter Toggenburg schuf der Dichter Friedrich Schiller denen von Toggenburg ein literarisches Denkmal.

Religion[Bearbeiten]

Der Reformator Huldrych Zwingli stammt aus Wildhaus, wirkte aber vor allem in Zürich. Bis zur St. Galler Kantonsgründung 1803 gehörte das Gebiet zur Fürstabtei St. Gallen. Konflikte des reformierten Toggenburgs mit jener führten zu den Toggenburgerkriegen. Das Toggenburg ist heute konfessionell zu etwa gleichen Teilen protestantisch und katholisch geprägt.

Sport[Bearbeiten]

Aus dem Toggenburg stammen Sportler wie Karl Alpiger, Simon Ammann, Willy Forrer, Maria Walliser, Walter Steiner sowie die Schwinger Jörg Abderhalden und Arnold Forrer.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Toggenburg – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Website der KlangWelt Toggenburg

47.2946666666679.1728333333333Koordinaten: 47° 17′ 40,8″ N, 9° 10′ 22,2″ O; CH1903: 731163 / 239647