Toise

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Für den ehemals gleichnamigen Ort in Südafrika siehe Toyise

Die Toise [ˈtwaːs(ə)], Symbol T, ist eine alte französische Längeneinheit. Sie war eine Normaleinheit des altfranzösischen Längenmaßes. Der Begriff wird auch für die Maßverkörperung der Einheit verwendet.

Geschichte[Bearbeiten]

Vom 12. bis ins 19. Jahrhundert gab es die Toise mit regional variierenden Längen und Bezeichnungen. Ab dem 17. Jahrhundert kam der Toise von Paris eine bedeutendere Rolle zu, getrieben von den wissenschaftlichen Großprojekten dieser Zeit.[1]

Ursprünglich war die Toise carlovingienne oder Toise des maçons 1,9603 m lang und entsprach 6 pieds.

Toise du Grand Châtelet[Bearbeiten]

Sie war als eisernes Eichmaß in die Treppe des Grand Châtelet de Paris eingelassen. Da die Stufe mit der Zeit nachgab und das Eisen beschädigte, wurde 1668 eine um 5 lignes (Pariser Linien) kürzere Version an der Wand befestigt. Sie verschwand 1755 vermutlich durch Diebstahl.[1]

Diese Toise hatte 6 alte Pariser Fuß = 864 Pariser Linien.
Debucourt-Louvre-facade-seen-from-rue-Fromenteau.jpg
Außenseite des Louvre von der Rue Fromenteau aus, spätes 18. Jh.
Louvre Cour Carrée June 2010.jpg
Innenseite, Blick nach Westen auf Pavillon Sully, der 1654 unter Ludwig XIV. fertiggestellt wurde
Louvre - Plan au rez-de-chaussée - Architecture françoise Tome4 Livre6 Pl5.jpg
Konstruktions-zeichnung des Louvre von 1754 mit Toise-Maßstab

Es gibt widersprüchliche Aussagen zur Herkunft der kürzeren Version. Eine Aussage ist aus dem dritten Jahr nach dem Diebstahl überliefert und stellt einen Bezug zum Eingang des Louvre her:

„Der Standard basierte auf der Hälfte der Breite des inneren Louvre-Tores auf der Seite der Rue [Fromenteau].“

– La Condamine am 29. Juli 1758[1][2]

Toise du Pérou[Bearbeiten]

1735 ließ die Pariser Académie des sciences zwei Maßverkörperungen der Toise anfertigen. Beide Eisenstäbe dienten zunächst der französischen Erdmessung und wurden mit dem Anspruch gefertigt, exakt gleich lang zu sein. Eines der beiden Exemplare wurde unter der Leitung von Godin, das andere unter La Condamine gefertigt, die beide Mitglieder der Académie waren.[3] In beiden Fällen wurden die Arbeiten von einem Instrumentenbauer namens Claude Langlois durchgeführt.[4][5] Widersprüchliche Angaben existieren zur Herstellungsmethode:

„Langlois constructed for the Académie the Toise du Pérou (a toise is 6 pieds de roi)
  [.. and] computed the pied de roi as the edge of the cube that contains 70 Paris livres of water.“

„Langlois stellte für die Académie die Toise du Pérou her (eine Toise entspricht 6 pieds de roi)
  [.. und] berechnete das pied de roi als Kante des Kubus der 70 Paris livres Wasser enthält.“

– Stecchini-2007[6]

„Langlois in 1735 [..] constructed two copies of the Châtelet Toise [..]“

„Langlois um 1735 [..] stellte zwei Kopien der Châtelet Toise her [..]“

– Roche-1998[7]

Die Toise du Pérou wurde ab 1736 für Gradmessungen in Äquatornähe im heutigen Ecuador verwendet, die von Bouger, La Condamine und Godin geleitet wurden. Erst 1751 gelangte sie mit Godin zurück nach Paris, wo sie bis heute aufbewahrt wird.[8]

Die Toise du Nord ging auf eine parallel angelegte Expedition in das polnah gelegene Lappland. Auch dort wurden die Krümmungsradien benachbarter Breitengrade bestimmt.

Toise de l’Académie[Bearbeiten]

Da die Toise du Nord auf der Expedition beschädigt wurde, galt die Toise du Pérou als der genauere Maßstab. Auf der Grundlage der letztgenannten führte Ludwig XV. die Toise am 16. Mai 1766 als gesetzliches Längenmaß ein. Auf Betreiben der Académie wurden 80 Kopien der Toise du Pérou angefertigt und in den Provinzen verteilt. Dadurch wurde diese Toise auch als Toise de l’Académie oder Toise de Paris bekannt. Sie löste die Toise du Grand Châtelet als Standard ab. Die Kopien wurden von Canivet gefertigt, Langlois' Neffen, der nach dem Tod seines Onkels um 1756 den Instrumentenbau übernahm.[9]

Das definitive Urmeter wurde mit einer Länge gefertigt, die exakt dem zehnmillionsten Teil des longitudinalen Erdquadranten von 1799 entsprach, wie er nach Delambre und Méchain bestimmt worden war.

Am 10. Dezember 1799 wurde das Längenverhältnis zwischen Meter und Toise neu definiert. Dafür wurde zuvor die Längsausdehnung des definitiven Urmeters bei 0° Celsius durch experimentellen Vergleich mit der Längsausdehnung der Toise du Pérou bei 16,25° Celsius bestimmt. Das für die gesetzliche Definition übernommene Ergebnis belief sich auf 443,296 der auf der Toise du Pérou abgetragenen Linien:

Die Toise de l’Académie ist demnach 864000443296 m = 2700013853 m ≈ 1,949 036 m lang.[10]

Um etwa 1888 ist dieses Verhältnis erneut ermittelt und darüber berichtet worden:

„Neuere Maßvergleichungen haben ergeben, daß bei 13° R. [=16,25° C.] die Länge des Endmaßes 1949,093 mm, des Strichmaßes 1949,001 mm des internationalen Meters beträgt“

– Lueger-1904[11]

Bessel’sche Toise[Bearbeiten]

Die Toise wurde noch im 19. Jahrhundert von Bessel benutzt, der die Messungen von insgesamt zehn verschiedenen, teilweise im Jahrhundert zuvor erfolgten Projekten der Gradmessung mathematisch ausglich, um eine bessere Näherung für den Erdquadranten zu erhalten. Erste Resultate veröffentlichte er 1837, korrigierte sie aber 1841 wegen Änderungen der Ergebnisse der französischen Gradmessung, die als Eingangsgrößen seiner Rechnung relevant waren. In der Definition EPSG:2007 wird der im Näherungsverfahren bestimmte Ellipsoid von 1841 mit einer Bemerkung zur Ungenauigkeit geführt, die auf die fehlende internationale Normierung der Toise im 18. Jahrhundert hinweist:

„Original Bessel definition is a=3272077.14 and b=3261139.33 toise. This used a weighted mean of values from several authors but did not account for differences in the length of the various toise: the "Bessel toise" is therefore of uncertain length.“

„Die ursprüngliche Bessel-Definition nutzt a=3272077.14 und b=3261139.33 Toise. Diese errechnete sich aus dem gewichteten Mittel von [Gradmessungs-]werten verschiedener [internationaler] Urheber, rechnete aber nicht die Unterschiede zwischen den verschiedenen Toise-Längen [im damaligen Umlauf] heraus: Die Länge der Bessel-Toise ist damit unbestimmbar.“

– US Army Map Service Technical Manual; 1943. Siehe http://epsg.io/7004-ellipsoid

Tatsächlich gibt Bessel in den Astronomischen Nachrichten Band 19 Nr. 438 von 1842 die Parameter a und b der Ellipse der Meridianebene in [Bessel-]Toise an, die Länge des ermittelten Erdquadranten aber in Meter. Aufgrund des zeitlichen Abstands zwischen 1799 und 1842 lässt sich mit einiger Sicherheit annehmen, dass Bessel ausschließlich mit dem definitiven Urmeter umrechnete, er also das Ergebnis des Erdquadranten als ein Vielfaches von 443,296 Linien auf der Toise du Pérou bei 16,25° Celsius angab. Da der Erdquadrant exakt ein Viertel des Gesamtumfangs der Ellipse angibt, deren Berechnung zu seiner Bestimmung erforderlich ist, und n, das flattening, einheitenlos vorliegt, sollte eine Bestimmung von a und b in Metern allein mit diesen Parametern möglich sein. Daraus lässt sich der notwendige Faktor der im Näherungsverfahren entstandenen [Bessel-]Toise für die Umrechnung in Meter ermitteln. Die [Bessel-]Toise kann dann als gewichtetes Mittel der in den zehn Gradmessungen vorkommenden, verschiedenen Toise-Längen verstanden werden.

Metrische Toise[Bearbeiten]

Mit der Einführung des metrischen Systems wurde 1812 von Napoléon als Übergang vom alten zum neuen Maßsystem die exakt 2 m lange Toise usuelle oder Toise métrique mit 6 pieds usuels eingeführt. Sie galt bis zum 1. Januar 1840, in Haiti noch länger.

Die (metrische) Toise der französischsprachigen Schweiz hatte bis 1876 sechs pieds und war exakt 1,80 m lang. Im Schweizer Kanton Neuchâtel gab es die Toise, die Klafter, für verschiedene Bereiche ab 1856. Der hier zu Grunde liegende Landfuß, Pied du pays, kann mit 0,293258 Meter oder 130 Pariser Linien angenommen werden. Seine Einteilung war duodezimal. Es stand 1 Landfuß zu 0,97753 neuen Schweizer Fuß und ist auch nicht zuverwechseln mit dem Neuchâteler Feldfuß, Pied de champ, der 0,287148 Meter groß war.

  • 1 Toise commune/gemeine Klafter = 10 Landfuß = 2,93258 Meter
  • 1 Toise de muraille/Mauerklafter = 100 Quadratlandfuß mal 2 Landfuß = 5,044 Ster
  • 1 Toise de foin/Heuklafter = 6 mal 6 mal 6 Landfuß = 5,4476 Ster
  • 1 Toise de bois/Holzklafter = 10 mal 5 mal 3 Landfuß = 3,783 Ster

Quelle für Neuchâtel[12][13]

Im 20. Jahrhundert gab es in Québec noch die Toise québecoise mit 1,949 043 6 m Länge.

Die Toise ist dem Klafter ähnlich, da es ebenfalls häufig 6 Fuß umfasst.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Carl Friedr. Wilh. Peters: Zur Geschichte und Kritik der Toisen-Maass-Stäbe. Ein Beitrag zur definitiven Einordnung der auf das altfranzösische System begründeten Messungen in das metrische System. In: Metronomische Beiträge. Nr. 5, Dümmler, Berlin 1885, ZDB-ID 504748-1.
  •  Larrie D. Ferreiro: Measure of the Earth. The Enlightenment Expedition That Reshaped Our World. Basic Books, New York 2011 (in engl. Sprache, 353 Seiten).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c toise(4). Toise-Tabelle. Hrsg.: Auf: sizes.com, abgerufen am 16. März 2014.
  2. sizes.com schreibt Rue Frontenac, belegbar anhand von alten Gemälden und Karten ist aber Rue Fromenteau. Siehe auch Rue Fromenteau bzw. Fromanteau, Fr{o,eid,oid}m{e,a}nteau, Froit-mantyau, etc.
  3.  Heinrich Wilhelm Dove: Ueber Maass und Messen. Darstellung der bei Zeit-, Raum-, und Gewichts-Bestimmungen üblichen Maasse, Messinstrumente und Messmethoden. 2. Auflage. Verlag der Sanderschen Buchhandlung, Berlin 1835, S. 19-20, 13, 30, 169 (Seiten 1920, 13, 30, 169 in der Google-Buchsuche, abgerufen am 16. März 2014).
  4. Langlois, Claude. In: Complete Dictionary of Scientific Biography. 2008, archiviert vom Original, abgerufen am 18. März 2014 (in engl. Sprache).
  5.  Heinz-Dieter Haustein: Weltchronik des Messens: Universalgeschichte von Maß und Zahl, Geld und Gewicht. de Gruyter, Berlin/New York 2001, Kap. Absolutismus und Aufklärung, S. 208 (Seite 208 in der Google-Buchsuche, abgerufen am 18. März 2014).
  6. Livio C. Stecchini: The Derivation of European Units. A History of Measures. 2007, abgerufen am 18. März 2014.
  7.  John Roche: The Mathematics of Measurement. A Critical History. 1998 (Seite 54 in der Google-Buchsuche, abgerufen am 18. März 2014).
  8. Terry Quinn: One toise at a time. A detailed book review of Measure of the Earth by Larrie D. Ferreiro. Abgerufen am 16. März 2014.
  9.  Julien-David Le Roy: The Ruins of the Most Beautiful Monuments of Greece. Getty Publications, Los Angeles 2004 (Originaltitel: Les ruines des plus beaux monuments de la Grèce, übersetzt von David Britt), S. 18 (Seite 18, untere Hälfte in der Google-Buchsuche, Frz. Original, abgerufen am 18. März 2014).
  10.  Jean Baptiste Rondelet: Von den metrischen Maassen und ihr Verhältniss zu den alten Maassen. In: Theoretisch-praktische Anleitung zur Kunst zu bauen. 1. dt. Auflage. Band 5, 10. Buch, 1. Abt., 1. Kap., Hofbuchhandlung Karl Wilhelm Leske, Leipzig/Darmstadt/Wien 1836 (Originaltitel: Traité théorique et pratique de lárt de bâtir, übersetzt von J. Hess nach 6. frz. Auflage), S. 21 (Dt. Ausg. Band 5, 1836. Seite 21. Abgerufen am 16. März 2014. Frz. Ausg. Band 5, 1834. Seite 6. in der Google-Buchsuche).
  11.  Otto Lueger: Toise. (Peru-Toise). In: Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften. 2. Auflage. Band 8, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart/Leipzig 1910 (Toise. Bei: Zeno.org.).
  12. Christian Noback, Friedrich Eduard Noback: Vollständiges Taschenbuch der Münz- Maß- und Gewichtsverhältnisse, der Staatspapiere, des wechsel- und Bankwesens und der Usancen aller Länder und Handelsplätze. Band 1, F. A. Brockhaus, Leipzig 1851, S. 729.
  13. Verein praktischer Kaufleute: Neuestes Illustriertes Handels- und Waren-Lexikon oder Enzyklopädie der gesamten Handelswissenschaften für Kaufleute und Fabrikanten. Band 2, Verlag Ernst Schäfer, Leipzig 1857, S. 241.