Toll Collect

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Dieser Artikel beschäftigt sich mit dem Unternehmen Toll Collect GmbH. Zur Einführung des gleichnamigen Mautsystems auf deutschen Autobahnen siehe: Lkw-Maut in Deutschland.
Toll Collect
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Rechtsform GmbH
Gründung März 2002
Sitz Berlin
Leitung Hanns-Karsten Kirchmann, Vorsitzender der Geschäftsführung
Mitarbeiter 520[1]
Umsatz 530 Mio. EUR (2011/12)[2]
Branche Mautsysteme
Website toll-collect.de
Autonomes Mautstellenterminal von Toll Collect

Die Toll Collect GmbH (engl. collect toll „Maut einsammeln“) mit Sitz in Berlin ist ein Unternehmen, das vom deutschen Verkehrsministerium beauftragt wurde, das System zur Einnahme der Lkw-Maut auf deutschen Autobahnen aufzubauen, zu betreiben und die fälligen Gebühren abzurechnen. Das Unternehmen beschäftigte 2013 insgesamt rund 520 Mitarbeiter in Berlin und den Standorten Langenhagen, Nürnberg, Pforzheim, Potsdam und Wuppertal.[1]

Hintergrund[Bearbeiten]

Ausschreibung[Bearbeiten]

Toll Collect wurde im März 2002 als Joint Venture der Deutschen Telekom (45%iger[3] Gesellschafteranteil), Daimler (45%[3]; über Daimler Financial Services) und der französischen Vinci-Gruppe (10% (über die Tochter Cofiroute)[3]) gegründet. Die beteiligten Firmen nahmen als Bietergemeinschaft ETC (Electronic Toll Collect) an der Ausschreibung für das Mautsystem teil; Cofiroute war einbezogen worden, weil von den Bewerbern Erfahrung mit vergleichbaren Projekten verlangt worden war.

Im Juli 2002 erhielt das Konsortium den Zuschlag, am 20. September 2002 (zwei Tage vor der Bundestagswahl) unterzeichnete Verkehrsminister Kurt Bodewig (SPD) den Vertrag mit Toll Collect. Für den Betrieb des Mautsystems sollte Toll Collect zwölf Jahre lang jährlich circa 650 Millionen Euro aus den Mauteinnahmen erhalten.

Inbetriebnahme des Systems[Bearbeiten]

Technische Probleme beim Testbetrieb des Mautsystems führten zu Verzögerungen bei der Einführung des Systems. Der ursprünglich zum 31. August 2003 geplante Starttermin konnte von Toll Collect nicht eingehalten werden. Nachdem ihnen beschönigende bzw. hinhaltende Aussagen vorgeworfen worden waren, wurde der Geschäftsführer, Michael Rummel, sowie der Aufsichtsratvorsitzender, Klaus Mangold, im Oktober 2003 abgesetzt. Neuer Geschäftsführer wurde der Viag Interkom-Manager Hans-Burghardt Ziermann, neuer Aufsichtsratsvorsitzender ab Dezember Peter Mihatsch. Sie wurden im März 2004 bereits wieder abgelöst. Nach der erfolgreichen Durchführung des Probebetriebs erteilte das Bundesamt für Güterverkehr (BAG) am 15. Dezember 2004 die „Besondere Vorläufige Betriebserlaubnis“ (BVBe). Der offizielle Start der Bemautung fand – in vorerst technisch reduzierter Form – am 1. Januar 2005 statt. Seit 1. Januar 2006 läuft das System mit der vollen Funktionalität.

Technischer Hintergrund des satellitengestützten Mautsystems[Bearbeiten]

Grundsätzlich muss jeder Lkw auf bundesdeutschen Autobahnen eine von mehreren Parametern abhängige Maut zahlen. Zahlbar ist die Maut auf verschiedenen Wegen. Zum einen kann über das Internet eine bestimmte Strecke vor Fahrtantritt gebucht werden, zum anderen kann die Maut auch an sogenannten „Mautstellen-Terminals“ bezahlt werden. Dritter und eigentlich bevorzugter Weg ist die vollautomatische Abrechnung durch den Einsatz des GPS-Systems, die den Einbau von sogenannten On-Board-Units (OBU) erforderlich macht. Mit dem Start des Lkw schaltet sich die OBU ein und lokalisiert die Position des Fahrzeugs mittels Satellitennavigation. Anhand der Position und in der OBU gespeicherter Streckendaten kann das Gerät nun eigenständig bestimmen, ob auf der Fahrstrecke Mautpflicht besteht. Die dabei gesammelten Daten werden nicht – wie man aus der Verfahrensbezeichnung („satellitengestützt" im Gegensatz zu „mikrowellengestützt”) schließen könnte – an oder über einen Satelliten, sondern per Mobilfunk in ein Rechenzentrum übermittelt und dort für die Rechnungsstellung verarbeitet.

Um zu verhindern, dass Mautzahlungen unterschlagen werden (z. B. durch einfaches Ausschalten der OBUs), werden zum einen Lkws an den ca. 300 Mautbrücken fotografiert, zum anderen durch ca. 450 mobile Kontrollstellen überprüft. Die gewonnenen Daten werden mit den Daten im Zentralcomputer abgeglichen und ggf. entsprechende Maßnahmen eingeleitet. Die Beanstandungsquote beläuft sich insgesamt auf dauerhaft unter 1 %.[4]

Hoffnungen, das System auch in anderen Ländern einzusetzen wurden ebenso wenig umgesetzt wie Überlegungen, Zusatzleistungen (wie beispielsweise Flottenmanagement-Anwendungen) auf Basis des Mautsystems anzubieten.[5]

Wettbewerbsrechtliche Bedenken[Bearbeiten]

Die EU-Wettbewerbshüter hatten 2002 Bedenken gegen Teile des Toll-Collect-Businessplans. Das Mautsystem und die damit verbundenen sogenannten Mehrwertdienste wie Lkw-Ortung und Textübermittlung hätten Daimler zu einer marktbeherrschenden Stellung bei Telematiksystemen für Transport und Logistik verhelfen können. Der Konzern hätte nach Ansicht der EU-Behörden über die Beteiligung an Toll Collect den Zugang anderer Telematik-Dienstleister zu den On-Board-Unit (OBU) genannten Bordgeräten kontrollieren können. Um die EU-Genehmigung zu erhalten, waren Daimler und die Deutsche Telekom gezwungen, mehrere Auflagen zu akzeptieren. So darf die für Mehrwertdienste wie Verkehrsflussanalysen und Wegweisungshilfen gegründete Gesellschaft Telematics Gateway nicht von der Daimler und/oder der Deutschen Telekom kontrolliert werden. Die Bordgeräte müssen zudem auch mit Systemen anderer Hersteller kombinierbar sein.

Entwicklungspotenziale von Toll Collect[Bearbeiten]

Folgende Teile dieses Abschnitts scheinen seit etwa 2003 nicht mehr aktuell zu sein: die ersten beiden Absätze (bei Zukunftsspekulationen nicht weiter verwunderlich) Bitte hilf mit, die fehlenden Informationen zu recherchieren und einzufügen.

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In vielen europäischen Staaten standen Entscheidungen hinsichtlich Einführung, Ausbau oder Weiterentwicklung von Mauttechnologie an. Als Hauptkonkurrenz des satellitengestützten Systems von Toll Collect galt zum einen die Mikrowellentechnik, wie sie bereits in einigen europäischen Staaten (z. B. Österreich, Spanien) eingesetzt wird, zum anderen das Mautsystem in der Schweiz, bei dem alle relevanten Daten auf einer Chipkarte gespeichert werden, die regelmäßig zur Rechnungsstellung an die zuständige Firma gesandt werden muss (siehe auch Schwerverkehrsabgabe (Schweiz)). Ein ausschließlich satellitengestütztes System, das auf dem GPS bzw. Galileo-System basiert, wird nicht angeboten. Toll Collect nahm an der Ausschreibung für die Lkw-Maut in Österreich teil, blieb jedoch erfolglos, da sich die österreichische Regierung für den Einsatz der Mikrowellentechnologie entschied.

So lange die EU-Kommission langfristig ein europaweites, auf einheitlicher Satellitentechnik basierendes Mautsystem anstrebt, haben Unternehmen wie Toll Collect oder die schweizerische Fela Chancen, bei Ausschreibungen gegenüber technisch anderweitig aufgestellten Konkurrenten zum Zuge zu kommen.

Nach der Entscheidung des Verkehrsministeriums, auch bestimmte Bundesstraßenabschnitte in die Mauterhebung einzubeziehen, war das System außerstande wenigstens die Hälfte dieser Strecken einzugliedern.[6]

Betriebsverlängerung[Bearbeiten]

Die Mautverträge in Deutschland laufen derzeit bis August 2015.[7] Der Bund kann den Vertrag bis zu dreimal für je ein Jahr verlängern. Daneben wird eine Übernahme der Gesellschaft durch den Bund sowie eine Neuausschreibung des Mautsystems erwogen.[8] Laut einem Medienbericht erwägt der Bund, mangels fehlender Alternativen, das Unternehmen vorübergehend zu übernehmen.[9] Ob diese Option realistisch ist, erscheint fraglich, da keine Garantie besteht, dabei alle nötigen Lizenzen zu erfassen.[10] [11]

Nach Angaben aus Verhandlungskreisen habe Daimler kein Interesse mehr an Toll Collect, während die Telekom beteiligt bleiben wolle. Laut einem Pressebericht erwägen Allianz und Siemens einen Einstieg in Toll Collect. Der Versicherer sei an Anlagemöglichkeiten interessiert, der Technologiekonzern an der Technologie.[12] Auch der österreichische Mautbetreiber Kapsch und der italienische Autostrada-Konzern seien an einer Übernahme interessiert.[3]

Kritik[Bearbeiten]

Im Juli 2005 ließ das Bundesverkehrsministerium Klage gegen das Maut-Konsortium einreichen. Toll Collect wird vorgeworfen, den Bund bewusst im Unklaren über die Probleme bei der Entwicklung und die damit verbundenen Verzögerungen sowie Einnahmeausfälle gelassen zu haben. Aufgrund diverser technischer Schwierigkeiten konnte das System Anfang 2005 erst mit 16 Monaten Verspätung in Betrieb genommen werden. „Die Betreiber haben den Bund getäuscht, indem sie Zusagen zu den Terminen der Inbetriebnahme teils in der Kenntnis der Verzögerungen und teils ohne hinreichende Grundlage ins Blaue hinein, also arglistig, abgegeben haben“, heißt es. 1,6 Milliarden Euro Vertragsstrafen sowie 3,5 Milliarden Euro Einnahmeausfälle wurden geltend gemacht. Der Streitwert eines seit 2004 laufenden Schiedsverfahrens ist inzwischen mit Zinsen auf rund sieben Milliarden Euro angewachsen. Das Betreiberkonsortium macht im Gegenzug rund eine Milliarde Euro geltend, die bislang vom Bund einbehalten wurden.[7] Eine Einigung war im Dezember 2012 nicht in Sicht.[9] Im Dezember 2012 übernahm mit Wolfgang Nitsche ein neuer Richter das Verfahren.[3]

Ab 30. September 2013, in der Woche nach der Bundestagswahl, soll in München das Schiedsgericht erneut zusammenkommen. Nach sechs Verhandlungstagen soll eine Entscheidung und damit ein Schlussstrich unter den achtjährigen Streit gezogen werden.[3][veraltet]

Die langjährige weitgehende Geheimhaltung der Vertragsinhalte gegenüber den Parlamentariern und Kontrollgremien wurde vielfach kritisiert. Ebenso die vom Verkehrsministerium versäumte zeitgerechte Ausschreibung, um ggf. nach Vertragsende das System an einen anderen Betreiber übergeben zu können.[13]

Weitere Kritik richtet sich gegen die Systemkomplexität und das grundlegende Konzept, das durch die Beschränkung auf Autobahnen und einzelne Bundesstraßenabschnitte die Umweltbelastungen in Nebenstraßen drängt und dadurch erhöht.[14]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Internetportal von Toll Collect auf toll-collect.de; eingesehen am 29. November 2013
  2. Jahresabschluss/Jahresfinanzbericht zum Geschäftsjahr vom 1. September 2011 bis zum 31. August 2012; eingesehen bei www.unternehmensregister.de am 29. November 2013
  3. a b c d e f  Daniel Delhaes: Maut von Siemens und Allianz. In: Handelsblatt. Nr. 133, 15. Juli 2013, ISSN 0017-7296, S. 10.
  4. Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz auf fragdenstaat.de
  5.  Daniel Delhaes: Völlig verfahrenes Verfahren. In: Handelsblatt. Nr. 48, 8./9./10 März 2013, ISSN 0017-7296, S. 6.
  6. Sendung WDR 5 vom 24. Juni 2013 Staatsgeheimnis Lkw-Maut
  7. a b Kerstin Schwenn: Toll Collect: Bund erwägt Trennung. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15. Februar 2012, abgerufen am 15. Februar 2012.
  8.  Daniel Delhaes: Noch sprudelt Ramsauers Geldquelle. In: Handelsblatt. Nr. 48, 8./9./10 März 2013, ISSN 0017-7296, S. 7.
  9. a b Daniel Delhaes, Peter Thelen: Bund übernimmt Toll Collect. In: Handelsblatt. Nr. 239, 10. Dezember 2012, ISSN 0017-7296, S. 8.
  10. WDR-Sendung Staatsgeheimnis Lkw-Maut vom 24. Juni 2013
  11. http://www.heise.de/newsticker/meldung/Kommentar-zur-Maut-Das-Geld-liegt-auf-der-Strasse-2261034.html
  12.  Daniel Delhaes: Allianz und Siemens im Mauthäuschen. In: Handelsblatt. Nr. 133, 15. Juli 2013, ISSN 0017-7296, S. 1.
  13. Der Vorsitzendes des Verkehrsausschusses in der Sendung des WDR 5
  14. ebenda