Tomáš Sedláček (Ökonom)

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Tomáš Sedláček

Tomáš Sedláček (* 23. Januar 1977 in Roudnice nad Labem) ist ein tschechischer Ökonom und Hochschullehrer. Bekannt wurde er insbesondere durch sein Buch Die Ökonomie von Gut und Böse.

Leben[Bearbeiten]

Tomáš Sedláček verbrachte einen Teil seiner Kindheit in Dänemark und Finnland, wo sein Vater als Direktor der Vertretung der staatlichen Fluggesellschaft der ČSSR (damals Československé aerolinie, heute Czech Airlines) arbeitete.[1]

Im November 2001 wurde Sedláček − zwei Wochen nach seiner Promotion an der Karls-Universität Prag − der ökonomische Berater des tschechischen Präsidenten Václav Havel. Die Beratungstätigkeit endete im Februar 2003. Ab Januar 2004 war er als Berater des damaligen Finanzministers der Tschechischen Republik, Bohuslav Sobotka, mit der Aufgabe betraut, das Haushaltsdefizit zu reduzieren und das Steuersystem zu reformieren. Er verließ diese Anstellung 2006 „aufgrund der übermäßigen Politisierung der Arbeit im Ministerium“.[1] Kurz darauf erhielt Sedláček ein Stipendium (Yale World Fellows Program) an der Yale University in den Vereinigten Staaten.

Seit seiner Rückkehr aus den USA ist Sedláček Chefvolkswirt bei der Tschechoslowakischen Handelsbank AG (ČSOB),[2] der größten tschechischen Bank. 2009 wurde er Mitglied des Nationalen Wirtschaftsrats, der den tschechischen Regierungschef berät.[3] Zudem lehrt er an der Karls-Universität Prag Wirtschaftsgeschichte und -philosophie und arbeitet als Kolumnist.

Die Ökonomie von Gut und Böse[Bearbeiten]

Mit seinem 2009 zunächst auf Tschechisch veröffentlichten Buch Die Ökonomie von Gut und Böse wurde Sedláček rasch bekannt. Das Buch geht auf seine Dissertation am Institut für Wirtschaftswissenschaften der Karls-Universität Prag zurück, die dort aber abgelehnt wurde. Es war 2009 das erste nicht-fiktionale Buch, das in Tschechien in die Bestsellerlisten kam.[4] Noch im selben Jahr erhielt er für das Buch den Wald Press Award.[5] Auf Englisch wurde es 2011 von der Oxford University Press in den USA mit einem Vorwort von Václav Havel herausgegeben.

Die Financial Times[6] sowie die New York Times[7] widmeten dem Buch von Sedláček ausführliche Rezensionen. Das Buch wurde sogar zur Vorlage für ein Theaterstück, das am Tschechischen Nationaltheater in Prag über 80-mal aufgeführt wurde.

Das Buch ist eine Reise durch die Kultur- und Wirtschaftsgeschichte, vom Gilgamesch-Epos über das Alte Testament zu Thomas von Aquin und Adam Smith, über die Filme Fight Club und Matrix bis hin zur Wall Street und zur Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2007. Sedláček stellt die mathematisch-analytische, scheinbar wertfreie Betrachtungsweise der modernen Volkswirtschaftslehre infrage und mahnt an, dass jede einzelne, noch so trivial erscheinende Kaufentscheidung letztlich eine moralische Entscheidung sei.

Angesichts des Haushaltsdefizits in vielen Staaten fragt er provokant, wie man bei 3 % Neuverschuldung von 1 % Wirtschaftswachstum sprechen könne. Um die Verschuldung, die zukünftige Handlungsoptionen beschneide, einzudämmen, fordert Sedláček – Bezug nehmend auf Genesis 41 –, in guten Jahren anzusparen für die mageren: die Neuverschuldung dürfe 3 % der Wirtschaftsleistung minus das Wirtschaftswachstum nicht übersteigen („Josef-Regel“).[8] Der Gier nach Wachstum (privat wie in der Volkswirtschaft) stellt er entgegen: «Unser Weltbild krankt daran, dass wir das Paradies immer nur in der Zukunft sehen».[8]

Kritik[Bearbeiten]

Für das Buch erhielt Tomáš Sedláček 2012 den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis.[9][10]

Peter Vogt lobt in der Süddeutschen Zeitung Tomáš Sedláčeks Buch Die Ökonomie von Gut und Böse für die umfassende Analyse, spart aber auch nicht mit Kritik.[11] So hält er die Ausführungen von Sedláček in Bezug auf den Buchtitel für zu dünn geraten. Außerdem überziehe der Autor allzu oft seine Ansätze zur historischen Erklärung ökonomischer Abläufe und komme zu einigen fragwürdigen Hypothesen. So entdecke er im Gilgamesch-Epos die ökonomische Theorie der unsichtbaren Hand, die in der heute bekannten Form deutlich später von Adam Smith formuliert wurde. Und Josephs Ratschläge an den Pharao deute er als Vorläufer einer keynesianischen antizyklischen Fiskalpolitik. Weiterhin habe Xenophon angeblich bereits Lehrbücher zur Mikro- und Makroökonomie geschrieben.

Die Kritik läuft darauf hinaus, Sedláček für die dauerhafte Anwendung des "Mythos der Vorwegnahme" zu rügen, weil so eben genau nicht historische Erklärungen gegeben werden könnten. Dieser Fehler sei ihm wohl auch unterlaufen, weil er mit dem Konzept der Archetypen nach C. G. Jung eine eher problematische Sichtweise auf die Geschichte der Ökonomie und der Ökonomie-Wissenschaften gewählt habe. Historisch ebenfalls nicht überzeugend sei der Bezug auf Werner Sombart und seine umstrittene Schrift Die Juden und das Wirtschaftsleben, ohne dass Sedláček auf die dort vorhandenen antisemitischen Stereotype eingegangen wäre.

Schriften[Bearbeiten]

  • Tomáš Sedláček: Die Ökonomie von Gut und Böse. Hanser, München 2012, ISBN 978-3-446-42823-2 (Übersetzung aus dem Amerikanischen von Ingrid Proß-Gill)
    • tschechisch: Ekonomie dobra a zla. Po stopách lidského tázání od Gilgameše po finanční krizi. 65.pole, Praha 2009. ISBN 978-80-903944-3-8
    • englisch: Economics of Good and Evil. The Quest for Economic Meaning from Gilgamesh to Wall Street. Vorwort von Václav Havel, Oxford University Press, Oxford / New York 2011, ISBN 978-0-19-976720-5.
  • Tomáš Sedláček, David Orrell: Bescheidenheit - Für eine neue Ökonomie. Hanser, München 2013, ISBN 978-3-446-43486-8 (Übersetzung aus dem Tschechischem von Markus Sedlazcek)
    • tschechisch: Soumrak homo economicus. Rozhovor's Romanem Chlupatým. 65.pole, Praha 2012.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Tomáš Sedláček – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Václav Lavička: Od Kanceláře prezidenta k úspěchu na Yale. Hospodářské noviny, 12. Dezember 2006. (In Tschechisch)
  2. PhDr. Tomáš Sedláček. Regierung der Tschechischen Republik. (In Tschechisch)
  3. Tomas Sedlacek. amazon.com
  4. Economics of Good and Evil. 65. POLE (Der tschechische Verlag mit den Rechten an Die Ökonomie von Gut und Böse)
  5. Autogramiáda knihy člena NERV Tomáše Sedláčka. Regierung der Tschechischen Republik, 23. Juni 2011 (In Tschechisch)
  6. Samuel Brittan: Economics of Good and Evil. The Financial Times, 24. Juni 2011
  7. Nancy F. Koehn: The Moral Behind All the Numbers. The New York Times, 3. Juli 2011.
  8. a b Schulden machen uns zu Sklaven. Der Ökonom Tomas Sedlacek über guten und bösen Kapitalismus, die Gier nach Wachstum und die Frage, warum die Euro-Krise einem Alkoholexzess gleicht. Süddeutsche Zeitung, 4. Februar 2012
  9. Homepage WDR 3 (Westdeutscher Rundfunk) Kulturnachrichten vom 14. Oktober 2012
  10. Die Ökonomie von Gut und Böse – Artikel beim Handelsblatt online, 11. Oktober 2012
  11. Süddeutsche Zeitung vom 28. Februar 2012. Auffindbar unter http://www.buecher.de/shop/fachbuecher/die-oekonomie-von-gut-und-boese/sedlacek-tomas/products_products/content/prod_id/34522083/