Tomislav Ivančić

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Tomislav Ivančić (* 30. November 1938 in Davor, Königreich Jugoslawien) ist ein kroatischer römisch-katholischer Theologe.

Leben[Bearbeiten]

Ivančić studierte Philosophie und Theologie in Zagreb und Rom. Er wurde 1966 zum Priester geweiht. Nach Erlangung des Doktorats an der Päpstlichen Universität Gregoriana, kehrte er 1971 nach Zagreb zurück, wo er nach seiner Habilitation über „Die Offenbarung als gegenseitiges Verhältnis. Ein Beitrag zur Offenbarungstheologie“ (1975) Professor für Fundamentaltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Zagreb wurde.

Von 1998 bis 2001 war Ivančić Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät. Seit 1998 ist er auch Vorstand des Instituts für Fundamentaltheologie. Seit 2004 ist er Mitglied der Internationalen Theologenkommission des Vatikans.

Ivančić ist Begründer der „Hagiotherapie“ und gründete 1990 das „Zentrum für geistliche Hilfe“ in Zagreb.

Gemeinschaft „Wort und Gebet“ und die „Hagiotherapie“[Bearbeiten]

Tomislav Ivančić gilt als Begründer der sogenannten „Hagiotherapie“ (griechisch: „Hagios“ Heilige „Therapeia“ Heilung), eines vor allem im Kontext der von ihm gegründeten Gemeinschaft MiR (moltiva irijec, in Österreich „Wort und Gebet“) angewendeten Seelsorgekonzeptes, welches in den Bereich der „therapeutischen Seelsorge“ einzuordnen ist.[1] Die Gemeinschaft MiR ist eine katholischen Vereinigung von Laien, deren Ziele die geistliche Hilfestellung für Menschen in Konflikt- und Krisensituationen sowie Evangelisation sind.[2] Theologisch steht sie im Kontext der katholisch-charismatischen Evangelisationsbewegung. [3]

Methoden[Bearbeiten]

Grundlage der Hagiotherapie sei das Bemühen, geistliche und moralische Leiden zu heilen. Sie versteht sich als philosophisch-theologisches Theorie- und Praxismodell unter Zugrundelegung einer Dreieinheit aus Körper, Psyche und Geist. Ivancic sieht in der geistlichen eine entscheidende Ebene, da sich viele ursächlichen Störungen in diesem Bereich letztlich als Symptom in Körper und Seele manifestieren würde. Er spricht daher von „symptomatischen geistlichen Krankheiten“ wie Gewissensbissen, Ängsten und traumatischen Zuständen, die sich als Verwundungen von Leib und Psyche äußern.[1]

Ivancic entwickelte Schulungsprogramme, mit denen sogenannte „geistliche“ Traumata wie Ängste, Bedrückung, Sinnlosigkeit, Aggressivität usw. geheilt werden sollen. Diese werden in sogenannten Zentren geistlicher Hilfe durchgeführt, bei denen die Kursleiter eine spezielle theologische Schulung erhalten haben. [3] Er geht davon aus, dass jede Krankheit, körperlicher oder seelischer Natur häufig eine geistliche Dimension hat und dass die Heilung des menschlichen Geistes eine Schlüsselfunktion zur Heilung des ganzen Menschen zukomme. Geistliche Gesundheit manifestiere sich seiner Meinung nach an einer von ihm negativ konnotierten Aggressivität. In der sogenannten Eirene-Therapie gehe es um das Ziel einer Versöhnung und die Befreiung von sämtlichen Aggressionen.[4]

Unter Einbeziehung des Geistlichen würden seiner Meinung nach die größten Heilungschancen erzielt, da man sich „nicht nur die Kräfte des menschlichen Geistes zunutze macht, sondern auch die Kräfte des Geistes Gottes“. Der Mensch würde mit seinem Geist die Transzendenz berühren und „überlebt sich selbst, auch wenn er das Leben verliert“. Zu erreichen sei dieser Zustand mit Hilfe der Gnade, konkret durch Gebete, Sakramentenempfang, Buße und kirchliche Verkündigung.[1]

Kritik[Bearbeiten]

Nach dem Theologen Harald Baer weise die Hagiotherapie eine große Nähe zur charismatischen Bewegung auf. Ihr Berufen auf die heilenden Kräfte des Glaubens, seien „mit dem Denken Bisers und Beinerts nicht kompatibel, da einer semantischen Ähnlichkeit gravierende theologische Differenzen gegenüberstehen.“ Anleihen mache sie zwar bei den Methoden der Logotherapie, vertrete „aber den Anspruch einer größeren Reichweite und Effizienz, insofern die Logotherapie auf den Bereich des Innerweltlichen und Endlichen beschränkt bleibt“. Ivancic unternehme den Versuch, „fast alle wichtigen Autoren der abendländischen Geistesgeschichte zu Wort kommen zu lassen“, es fänden jedoch „keine Diskussion der Thesen, kein Abwägen der Argumente, kein Herausarbeiten der Konvergenzen und Divergenzen“ statt. Bei Zitierungen von Bibelstellen, suche „man vergebens exegetische Kommentare, von aktuellen Literaturhinweisen ganz zu schweigen“.[1]

Der Theologe und Mediziner Walter Schaupp kritisierte, dass die Hagiotherapie der Versuchung erliege, „die Logik der klassischen Therapeutik in falscher Weise auf die spirituelle Ebene zu übertragen“. Zudem würden sich in ihr theologisch überholte Gedanken von Schuld und Sühne wiederfinden, etwa dass sich „moralische Schuld von Großeltern in physischen Krankheiten der Enkel manifestieren“ könne, die entsprechend „spirituell“ zu behandeln seien.[5]

Der Theologe Winfried Müller nannte auf religio.de den „Gebrauch medizinischen Vokabulars“ bei „seelsorgerliche[n] Interaktion[en]“ aufgrund „einer folgenden Begriffsverwirrung“ als problematisch. Es sei „zu warnen, dieses Vokabular für theologische Interaktion zu verwenden“. Ivancic würde „das Terrain seriöser wissenschaftlicher Arbeit“ verlassen und „einer laienhaften Patchwork-Medizin Tor und Tür“ öffnen.[3]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d „Ziel ist die geistige Gesundheit“ Harald Baer in Materialdienst 2/2010 der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen
  2. Leni Mairhofer: Die Hagiotherapie (PDF; 1,3 MB): Pastoraltheologische und pastoralpsychologische Überlegungen zur ‚Therapeutischen Seelsorge’ am Beispiel der ‚Hagiotherapie’ nach Prof. Dr. Tomislav Ivancic, Diplomarbeit zur Erlangung des Magistergrades an der Katholisch- Theologischen Fakultät der Karl- Franzens- Universität Graz
  3. a b c Winfried Müller: Hagiotherapie auf religio.de
  4. Alois Krist: Spannung statt Spaltung: Dimensionen eines förderlichen Umgangs mit Aggression in der Kirche, Lit Verlag 2010, S. 70 hier online auf Googlebooks
  5. „Die spirituelle Dimension des Krankseins – Christliche Perspektiven“ (PDF; 220 kB), Walter Schaupp, Institut für Moraltheologie der Katholisch-theologischen Fakultät Graz, S.6,8

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

  • Tomislav lvančić: Diagnose der Seele und Hagiotherapie,
  • Tomislav lvančić: Grundlagen der Hagiotherapie, Graz 1998, Gratia, ISBN 3-901569-07-3
  • Tomislav lvančić: Hagiotherapie. Eine Methode geistlicher Hilfe,
  • Tomislav lvančić: Therapie des Geistes

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]