Totaler Krieg

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Als totaler Krieg wird eine Art der Kriegsführung bezeichnet, bei der die gesellschaftlichen Ressourcen umfassend für den Krieg in Anspruch genommen werden, insbesondere für eine industrialisierte Kriegsführung. Weit verbreitet wurde der Ausdruck im Zweiten Weltkrieg, als er von Joseph Goebbels am 18. Februar 1943 während der Sportpalastrede im Berliner Sportpalast gebraucht wurde. Goebbels nahm hierbei möglicherweise Bezug auf Franklin D. Roosevelt, der den totalen Krieg bereits am 12. Februar, also sechs Tage zuvor, proklamiert und bei der Casablanca-Konferenz im Januar die bedingungslose Kapitulation des Deutschen Reichs gefordert hatte.

Begriffsentwicklung[Bearbeiten]

Die erste Nennung des Begriffes „totaler Krieg“ ist in den 1770er Jahren (wohl 1778) belegt bei Georg Christoph Lichtenberg.[1] Bei seiner Materialsammlung zu einem beabsichtigten Orbis Pictus (einer Beschreibung von Alltagsgebräuchen und -gegenständen) war ihm aufgefallen, dass die Bedienten das Wort „total“ häufig in falschem Zusammenhang gebrauchten. Als Beispiel nennt er u. a. „totaler Krieg“. Der Ausdruck stammt also möglicherweise aus der Alltagssprache des einfachen Volkes im 18. Jahrhundert.

Der preußische Militärtheoretiker Carl von Clausewitz prägte den Begriff des „absoluten Krieges“. Clausewitz bezieht sich auf den Krieg zwischen Streitkräften[2] und betont, dass der Krieg von sich aus keine Mäßigung kenne. Die Dynamik kriegerischer Gewalt werde nur von politischen und gesellschaftlichen Momenten eingeschränkt.

1924 verwies Paul Levi auf jüngste Entwicklungen in Frankreich:[3] "Die Franzosen haben ihre Konzeption des kommenden Krieges zu erkennen gegeben: nicht mehr der Weltkrieg, der geographisch die Welt erfaßt, sondern der Krieg, der alle Zweige menschlichen und staatlichen Seins an sich reißt: die militärischen Organisationen, die Industrie, die Finanzen, die chemische, bakteriologische, die medizinische Wissenschaft, die Kirche, die innere Politik, die landwirtschaftliche Produktion – alles erfaßt vom einen Kriegsgott. Die Franzosen haben für diese neue Form des Krieges auch das neue Wort schon gefunden: »la guerre totale«, der Totalkrieg, zu dem an Grausigkeit der Krieg von 1914 sich verhalten wird wie der von 1870 zu diesem."

Der Begriff des totalen Krieges wurde 1935 auch von Erich Ludendorff verwendet. Er bezeichnet bei ihm den Vorrang des Krieges vor der Politik.[4] Ludendorff zieht in seinem Buch Der totale Krieg den Schluss, dass die „seelische Geschlossenheit“ des Volkes einen kriegsentscheidenden Faktor darstellt. Aus diesem Grund müsse alles geschehen, damit diese Geschlossenheit erreicht und erhalten werden kann. Dazu gehöre, das Volk über den Sinn und Zweck des Krieges aufzuklären. Gegenüber Kriegsgegnern, die die Einheit und Geschlossenheit in Frage stellen können, könnten Maßnahmen wie Schutzhaft notwendig sein. Als Kriegsgegner wurden von Ludendorff das Judentum, die katholische Kirche und die Sozialisten benannt.[5]

Kennzeichen[Bearbeiten]

Der totale Krieg enthält folgende ihn kennzeichnende Elemente:[6]

  • totale Mobilisierung: Freisetzung zusätzlicher Kräfte für die Front (Frauen übernehmen z. B. Arbeiten der Männer), Verstärkung der Rüstungsanstrengungen
  • totale Kontrolle: Gleichschaltung des Volkswillens, Propaganda
  • totale Methoden: Verknüpfung von verschiedenen Waffentechniken und -systemen, Missachtung internationaler Konventionen
  • totale Kriegsziele: totale militärische Unterwerfung der Gegner, totale politische Entmachtung der Gegner. Insofern ähnelt der totale Krieg dem Vernichtungskrieg. Beide Begriffe werden in der Geschichtswissenschaft oft synonym gebraucht.[7]

Nationalsozialismus[Bearbeiten]

In der von den Nationalsozialisten verwendeten Bedeutung ist der „totale Krieg“ eine Kriegsführung, in deren Verlauf alle verfügbaren Ressourcen genutzt werden. Im totalen Krieg wird die Unterscheidung zwischen Heimat und Front aufgehoben (Heimatfront). Die gesamten Produktionsmittel und die gesamte Arbeitskraft der Zivilbevölkerung werden ein Bestandteil des Kriegsapparates. Diese Anstrengungen sollen dem eigentlichen Ziel, nämlich der Vernichtung des Gegners, dienen.[8]

So wurde eine Dienstverpflichtung für „Aufgaben der Reichsverteidigung“ eingeführt, die Männer vom 16. bis zum 65. Lebensjahr und Frauen vom 17. bis zum 45. Lebensjahr einschloss und die Arbeitszeit auf bis zu 14 Stunden verlängerte.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Georg Christoph Lichtenberg: Schriften und Briefe. Band II. Carl Hanser Verlag, 1971, S. 569.
  2. Albert A. Stahel: Klassiker der Strategie. vdf, 2004, ISBN 3-7281-2920-8, S. 205.
  3. Paul Levi: Über realistischen Pazifismus, in: Sozialistische Politik und Wirtschaft, Jg. 2, Nr. 67, 13. November 1924.
  4. Erich Ludendorff: Der totale Krieg. München 1935.
  5. Wilhelm Deist: Militär, Staat und Gesellschaft. Studien zur preußisch-deutschen Militärgeschichte. Oldenbourg, ISBN 3-486-55920-6, S. 393.
  6. Peter Imbusch: Moderne und Gewalt: Zivilisationstheoretische Perspektiven auf das 20. Jahrhundert. VS Verlag, 2005, ISBN 3-8100-3753-2, S. 526ff.
  7. Evangelos Chrysos, Vernichtungskrieg im 6. Jahrhundert, in: Hans-Henning Kortüm, Krieg im Mittelalter, Akademie-Verlag, Berlin 2001, S. 45. Anm. 2
  8. Bernd Kleinhans: Totaler Krieg auf shoa.de.